Philiper 2, 5-11 Vom König zum Bettler

Gestern habe ich gefragt: Wo bleibt die Demut? Heute kommt die Antwort: „Seid untereinander so gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“ (V.5) Die wahre Demut zeigt sich in Christus. Dieser Vers ist allerdings gar nichts so leicht zu übersetzen. Ganz wörtlich müsste es heißen: „Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus“. Luther hat das „entspricht“ eingefügt, um dem Mißverständnis vorzubeugen, dass Jesus nur ein menschliches Vorbild ist, dem wir nacheifern sollten. Wenn er nur das wäre, dann müssten wir daran verzweifeln, weil keiner von uns solch eine perfekte Demut wie Jesus erreichen kann. Jesus ist mehr: Er schenkt und bewirkt diese Gesinnung in uns.

Jesu Demut, an der wir uns orientieren sollen und die uns Gott durch den Heiligen Geist schenken will, wird in einem Christushymnus entfaltet. Mich hat heute vor allem ein Satz angesprochen: Er „entäußerte sich selbst“ (V.7). Hier steht im Griechischen das Wort „kenoo“. Das bezeichnet ein entäußern, ein leer werden. Sich nicht an das klammern, was man hat und kann, sondern alles hergeben. Durch den Zusatz „sich selbst“ wird deutlich, dass Jesus praktisch sich selbst aufgibt. Er wird vom König zum Bettler. Der Herr des Lebens liefert sich der Vergänglichkeit und dem Tod aus. Er wird zum Schuhabtreter, damit andere ihren Dreck an ihm abstreifen können. So weit geht Jesus in seiner Demut.

Was hätte das für Auswirkungen, wenn es uns auch nur ansatzweise gelingen würde, uns an dieser Gesinnung zu orientieren!
Bibeltext

1. Petr. 1, 13-15 – Die Lenden der Gesinnung gürten

Wohl dem, der neben einer gut verständlichen modernen Übersetzung auch noch ab und zu in eine eher wörtliche Übersetzung schaut. Der Anfang von V.13 lautet in der Guten Nachricht: „Darum seid wach und haltet euch bereit!“ Das ist nicht schlecht übersetzt und trifft im Wesentlichen den Sinn des Textes. Aber es ist so glatt, dass man leicht darüber hinweg liest. Bei Luther bin ich über dieselbe Stelle gestolpert, hängengeblieben und ins Überlegen gekommen: „Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts.“ Was für ein ungewöhnliches Bild! Petrus scheint es richtig darauf angelegt zu haben, dass man an dieser Stelle innehält und sich erst mal über die Formulierung wundert. Was soll das bedeuten, die Lenden des Gemüts zu gürten?

Für die damaligen Leser war diese Metapher besser zugänglich: Um zügig gehen zu können oder ungehindert arbeiten zu können, band man sich damals das knöchellange Gewand mit einem Gürtel an den Lenden hoch. So störte es beim gehen nicht so sehr. Das überträgt Petrus jetzt auf unser Gemüt. Hier müsste man vielleicht besser übersetzten: „Denkart“ oder „Gesinnung“. Das griechische Wort hat etwas mit unserem Denken und Verstand zu tun, mit der grundsätzlichen Ausrichtung unseres Denkens. Wir sollen also von unserer Gesinnung her wachsam sein und nicht träge werden. Wir sollen unser Denken ausrichten an der Gnade, die uns gebracht wird (hier übersetzt Luther zu schwach mit „angeboten“) in der Offenbarung Jesu Christi (auf diesem Hoffen auf die Gnade Christi liegt übrigens der Ton dieses Satzes: alle anderen Verben in 1,13 sind als Partizipien formuliert und damit dem Verb „hoffen“ untergeordnet). Mit wachem Verstand ganz auf die Gnade Christi hoffen!

Die Lenden der Gesinnung gürten – was nehm ich daraus für mich mit? Ich weiß, dass ich mich als Kind Gottes ganz in die Gnade und Liebe Gottes fallen lassen darf. Nicht ich muss mir was verdienen, sondern es wird mir alles von Gott geschenkt. Petrus macht aber in diesem Abschnitt deutlich, dass dies nicht heißt, dass wir müde und träge werden sollen. Auch wenn uns alles geschenkt ist, sollen wir mit unser Leben – angefangen bei unserem Denken und unserer Gesinnung – dieser geschenkten Gnade antworten. Es geht nicht um den seligen Schlaf eines laschen Wohlfühlchristentums, sondern es geht um gehorsame Kinder, die in ihrem ganzen Leben die Heiligkeit Gottes widerspiegeln wollen und die sich daher die Mühe machen die Lenden ihrer Gesinnung zu gürten.
Bibeltext