Kolosser 3, 5-11 Theorie und Praxis

Jetzt wird’s interessant, denn jetzt kommt die Verknüpfung der theologischen Höhenflüge mit der alltäglichen Praxis eines Lebens als Christ. Hier ist auch der Kolosserbrief ehrlich und realistisch genug, um zu erkennen, dass auch wir Christen im alltäglichen Leben mit so manchem zu kämpfen haben. Wir haben eine fantastische Botschaft: Christus hat alles für uns getan, er hat uns erlöst, befreit und erneuert. Aber in der Praxis haben wir nach wie vor mit all diesen unguten Dingen zu kämpfen, die hier aufgezählt werden: „Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde, Habsucht“ (V.5), „Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte“, Lüge (V.8). Wenn es nicht so wäre, dann bräuchte uns der Kolsosserbrief nicht dazu auffordern, das alles abzutöten und abzulegen.

Ich lese gerade den Roman „Auferstehung“ von Leo Tolstoi. Dort kritisiert er die Kirche seiner Zeit, dass sie nur die Erlösung Christi hochhält und diese durch religiöse Traditionen feiert – aber im praktischen moralischen Leben total versagt. Tolstois Vorwurf ist, dass die Lehre von der Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz zu faulen Ausrede wird, um in seinen Lastern und Sünden zu verharren: Christus hat ja alles getan, es ist alles in Ordnung, ich muss nichts mehr tun und kann bleiben, wie ich bin. Tolstoi selbst versucht ein moralisches Christentum zu leben. Für ihn hat Jesus vor allem die Botschaft der Liebe gebracht und es geht allein darum, die Nächstenliebe konsequent und radikal im Alltag zu leben.

Tolstoi hat mit seinen Vorwürfen durchaus recht. Das macht ja auch der Kolosserbrief deutlich: Wenn wir allein betonen, dass Christus alles getan hat und wir bleiben dann wie wir sind, dann wird etwas schief. Christi Erlösungstat muss auch Auswirkungen auf unseren Alltag und unsere Moral haben. Aber das moralische Christentum des Tolstois überzeugt mich letztendlich auch nicht. Moral allein ist zu wenig. Wenn man sich das Leben Tolstois anschaut, dann stellt man fest, dass er selbst an diesem ungeheuren moralischen Anspruch scheitert.

Wir bleiben in dieser Spannung: einerseits leben wir allein aus der Vergebung – auch als Christen versagen wir immer wieder und brauchen Gottes vergebende Erneuerung. Anderseits bleibt Gottes Anspruch an uns, dass wir dieses neue Leben in Christus ernst nehmen und versuchen auch im Alltag danach zu leben. Beide Extreme im Versuch diese Spannung aufzulösen sind gefährlich: sich allein auf der Erlösung ausruhen und in der Sünde verharren ist genauso gefährlich, wie aus Christus einen reinen Moralapostel zu machen, der eine neue und radikalere Gesetzlichkeit fordert.

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Lukas 6, 6-11 Jesus lehrt die Schriftgelehrten

Jesus lehrt in der Synagoge. Auch einige Schriftgelehrte und Pharisäer sind anwesend. Aber sie sind gar nicht an Jesu Lehre interessiert, sondern warten nur darauf, dass sie was finden, um ihn zu verklagen. Was er sagt, interessiert sie gar nicht. Sie haben sich ihre Meinung schon gebildet. Sie versuchen auch nicht, mit ihm zu diskutieren oder seine Lehre zu widerlegen, sondern warten nur auf eine vermeintliche Gesetzesübertretung. Ihr Bild von Gott und vom Glauben steht festgezimmert und Jesus entspricht diesem Bild nicht.

Ich glaube das ist bis heute eine Gefahr: dass gerade die Frommen, die sich in der Schrift so gut auszukennen meinen, gar nicht mehr richtig zuhören, was Jesus zu sagen hat, sondern sie sich auf Äußerlichkeiten konzentrieren. Die selbstgebauten Glaubenssysteme und theologische Richtigkeiten werden dann wichtiger als der eigentliche Kern der Gebote Gottes.

| Bibeltext |

Exodus 20, 1-17 – Gebote der Freiheit

Die 10 Gebote können kein moralisches Verhalten herstellen. Das behaupte Klaus Douglass. Er sagt, dass zur echten Moral gehört, dass ich etwas Gutes um seiner selbst willen tue und nicht weil es mir befohlen wird. „Gebote regeln immer nur äußere Verhaltensweisen. Das menschliche Herz lässt sich aber nicht von außen steuern.“ (S.116) Das heißt dann auch, dass das Halten der 10 Gebote uns noch lange nicht zu einem moralischen Menschen, geschweige denn zu einem Christen machen.

Um dann deutlich zu machen, wozu die 10 Gebote da sind, orientiert sich Douglass an Martin Luther. Er hat die Aufgabe der Gebote wie folgt beschrieben: Sie dienen als Riegel, Spiegel und Richtschnur.

Als Riegel schützen die 10 Gebote unsere äußere Freiheit. Sehr schön von Douglass beschrieben: „Für die Frage meiner Moralität ist es nicht entscheidend, ob ich faktisch oder nur in meinem Herzen ein Mörder, Ehebrecher oder Dieb bin. Aber für mienen Mitmenschen macht es sehr wohl einen Unterschied!“ (S.117) So gesehen sind die 10 Gebote da, um die Würde und Freiheit aller Menschen zu schützen. Sie sind so etwas wie „eine Art Naturgesetz oder sittliche Grammatik“ (S.118), das uns beim Zusammenleben hilft.

Die zweite Funktion der Gebote ist, dass sie uns den Spiegel vorhalten: Sie zeigen uns unsere innere Unfreiheit. So schreibt es auch Paulus in Röm. 3,20: „Durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde.“ So führen mich die Gebote immer auch zur Umkehr. Weil ich erkenne, dass ich Gottes Anforderungen nicht gerecht werde. Vor allem dann, wenn man die Gebote nicht nur als Verbote sieht, die das schlimmste verhindern sollen, sondern wenn man die Sinnabsicht dahinter sieht. Jesus betont das ja auch in der Bergpredigt. Der Mord fängt ja schon beim bösen Gedanken über meinen Mitmenschen an. Schon in meinen Gedanken fängt das Halten der 10 Gebote an.

Schließlich geben uns die Gebote eine Richtschnur wie wir zu liebenden und liebenswerten Menschen werden können. Es geht nicht um das gesetzliche Einhalten von Regeln, sondern die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe. Gut gefallen hat mir hier der Vergleich von Douglass, bei dem er die 10 Gebote mit einem Kompass vergleicht. Der Kompass gibt die Richtung vor. Aber es ist nicht immer ratsam, nur stur genau der Richtung der Kompassnadel zu folgen. Einem Schiff im Ozean gibt der Kompass die Richtung vor, aber wenn z.B. ein Eisberg im Weg liegt, dann ist es wohl besser, den direktesten Weg zu verlassen. So wollen auch die Gebote keinen sturen Gesetzesgehorsam, sondern ein Gehorsam der sich von den Geboten die Richtung zeigen lässt und im Extrem- und Ausnahmefall liebevolle Umwege geht.

Matthäus 12, 1-8 – Barmherzigkeit vs. Gesetz

ÄhrenJesus diskutiert an dieser Stelle mit einigen Pharisäern, ob das Ährenausraufen seiner Jünger am Sabbat gegen das Gesetz verstößt oder nicht. Für die Pharisäer war das Arbeit und nach den zehn Geboten ist Arbeit am Sabbat verboten. In Jesu Antwort vermischen sich verschiedene Argumente.

Ein Argumentationsstrang ist, dass es schon im Alten Testament Beispiele gibt, dass in Notsituationen das Gesetz übertreten werden darf. Er führt David an, der hungrig war und aufgrund mangelnder Alternativen die Schaubrote im Tempel gegessen hat. Jesus sagt damit, dass der Hunger seiner Jünger mehr zählt als das übertriebene Einhalten des Gesetzes.

Ein weiteres Argument ist, dass die Priester schon immer aufgrund ihrer besonderen Aufgabe und Stellung für den Dienst im Tempel auch am Sabbat Arbeit verrichten mussten. Jesus betont, dass er mit seiner Aufgabe und Stellung noch größer und wichtiger als der Tempel ist. In diese Richtung geht auch der Ausspruch in V.8: Der Menschensohn (damit meint er sich selbst) ist ein Herr über den Sabbat.

Schließlich noch ein drittes Argument: Für Gott ist Barmherzigkeit wichtiger als Opfer. Natürlich war auch für die Pharisäer Barmherzigkeit wichtig. Sie sahen Gesetz, Opfer und Liebeserweise als die drei grundlegenden Pfeiler des Glaubens und der ganzen Welt an (Quelle: Neues Testament Deutsch). Doch während die Pharisäer offensichtlich mehr das Gesetz betonten macht Jesus hier deutlich: Die Barmherzigkeit überbietet die zwei anderen Pfeiler und hebt sie im Konflikt sogar auf.

Damit begibt sich Jesus auf schwierigen Boden. Denn sture Gesetzeserfüllung ist leichter als immer wieder neu zu überlegen, ab wann die Barmherzigkeit die guten und richtigen Grundregeln Gottes im Gesetz aufhebt. Wir kennen das ja bis heute: Der (leider oft unbarmherzige Streit) darüber, welche Gebote man im Namen der Liebe in Konfliktsituationen aussetzen darf. Da gibt es bis heute die beiden Extreme einer sturen Gesetzlichkeit und einer alles relativierenden Gleichgültigkeit.

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Matthäus 5, 17-20 – Nicht mal ein Tüpfelchen

Nicht ein einziger Buchstabe und nicht einmal das kleinste Tüpfelchen im Gesetz werden vergehen. Wir sollen nicht einmal das kleinste Gebot aufheben. Das klingt sehr nach Buchstabengehorsam. Das klingt nach blinder, wortwörtlicher Erfüllung aller alttestamentlichen Gesetze. Aber das Leben Jesu spricht andere Worte. Und auch in der Bergpredigt macht er deutlich, dass es ihm nicht um einen Buchstabengehorsam im Sinn der Pharisäer geht, sondern um den Sinn, der hinter den Geboten steht. Es geht um die Absicht der Gebote und nicht um ihre oberflächliche, nur buchstäbliche Erfüllung.

Auch heute noch tun sich viele Christen schwer mit der Spannung zwischen einem ängstlichen Festhalten am Buchstabengehorsam und einem alles relativierenden „nur die Liebe zählt“. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Jesus selbst konnte dem Wort Gottes höchste Achtung entgegenbringen. So wie an dieser Matthäusstelle: Nicht das kleinste Tüpfelchen ist hinfällig. Er konnte aber auch elegant im Namen der Liebe alttestamentliche Gebote aushebeln, so z.B. bei der Ehebrecherin in Joh.8,1-11, die nach 5. Mose 22,22-24 eigentlich hätte gesteinigt werden müssen.

Ich finde das auch keine einfach Gratwanderung. Aber es tut mir im Herzen weh, wenn ich manche Christen sehe, die sich verbissen am Buchstaben festklammern und die dabei der Liebe die Luft abschnüren. Genauso schwierig finde ich es aber wenn im Namen der Liebe alles möglich wird und manche Christen gar keine Maßstäbe mehr als verbindlich ansehen. Auch wenn die beiden Extreme einfacher zu handhaben sind: Sie führen in die Irre.

1. Korinther 8, 4-13 – Die Tyrannei der Schwachen

Das was Paulus in den vorigen Versen grundsätzlich ausgesagt hat (nämlich dass die Liebe wichtiger ist als alle Erkenntnis), das exerziert er jetzt an der konkreten Anfrage der Korinther durch: Dürfen Christen Fleisch essen, welches bei heidnischen Kulten anderen Göttern geopfert wurde? Anscheinend gab es damals Fleisch auf dem Markt zu kaufen, das erst durch irgendwelche religiösen Handlungen den Göttern geweiht wurde und das erst dann verkauft wurde. Von der Erkenntnis her ist die Sache für Paulus klar: Es gibt nur einen Gott. Und selbst wenn sich die Menschen eigene Götter machen, so wissen wir Christen doch dass diese Götter keine wirklich Macht haben. Götzenopferfleisch kann uns darum nicht schaden.

Aber: Es gibt für den Christen nicht nur den Blickwinkel der Erkenntnis, sondern auch den Blickwinkel der Liebe. Wenn ich nach meiner Erkenntnis mit gutem Gewissen etwas tun kann, aber ein Bruder oder eine Schwestern hat diese Freiheit noch nicht – dann sollte ich auch auf meine Freiheit verzichten. Allerdings gilt das nicht prinzipiell, sondern dann wenn meine Freiheit für den anderen zum Anstoß wird. D.h. wenn er dadurch zu etwas verleitet wird, was er eigentlich mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann.

Das ist jetzt interessant für die Definition von Sünde: An für sich ist das Essen von Götzenopferfleisch keine Sünde. Aber wenn jemand meint es sei eine Sünde und es dann trotzdem tut (weil er sich dem Druck der Masse beugt), dann ist es Sünde. Die Frage von Sünde ist demnach nicht so sehr eine Frage von Geboten und Gesetzen, sondern eine Frage meiner Beziehung zu Gott. Wenn ich dabei mit Gott im Reinen bin, kann ich im Grund tun und lassen was ich will. Cool, oder? Dabei ist natürlich klar: Wenn ich wirklich mit Gott im Reinen sein will, dann will ich auch gar nichts tun, was seinem Willen nicht entspricht und ich halte mich von selbst an seine Gebote und Weisungen. Der Punkt im Zusammenhang ist für Paulus: Wenn es unterschiedliche Auslegungen und Interpretationen von Gottes Willen gibt, dann zählt mein Gewissen. Und dann soll man die vorsichtigen Christen nicht dazu zwingen, etwas gegen ihren Willen zu tun. Dann lieber freiwillig auf die eigene Freiheit verzichten.

Allerdings kann das Ganze auch zu einer Tyrannei der Schwachen führen. Wenn die vorsichtigen und ängstlichen Christen vor jeglicher Freiheit im Glauben Angst haben und sich an Gesetzlichkeit und Konvention klammern, dann kann das auch gefährlich werden. Dann kann man auch um des lieben Friedens willen jegliche Erkenntnis der Freiheit eines Christenmenschen leugnen und alle anderen in das Korsett der Gesetzlichkeit zwingen. Wenn z.B. einige Traditionelle in der Gemeinde Anstoß an neuen Liedern nehmen, dann können sie unter Umständen mit ihrer „Schwachheit“ eine ganze Gemeinde tyrannisieren. „Man muss ja Rücksicht nehmen und darf ihnen keinen Anstoß geben – auch wenn wir eigentlich alle wissen, dass wir nur mit alten Liedern keine neuen Leute begeistern werden.“ Das ist ganz bestimmt nicht im Sinne des Paulus, oder?!

1. Korinther 7, 10-16 – Wieviel Gesetzlichkeit verlangt Jesus?

Ehescheidung ist heute auch unter Christen fast schon normal. Auch in den frömmsten Gemeinden kommt es vor. Keiner freut sich darüber und doch wird es voller Verständnis geduldet. Wie gehen wir jetzt aber mit solchen eindeutigen Geboten um, wie sie hier Paulus in Berufung auf Jesus selbst weiter gibt: Verheiratete Christen sollen sich nicht scheiden lassen? Jesus begründet dieses Verbot mit dem Ausspruch: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden (Matthäus 19,6).

Ich muss zugeben, dass ich an der Stelle immer wieder von neuem ratlos bin. Ich kenne natürlich viele Argumente und theologische Kniffe, mit denen man dieses Gebot entschärfen kann. Aber werden wir damit dem Anspruch Jesu gerecht? Das Gebot Jesu ist eigentlich klar und eindeutig. Da gibt es nicht viel zu interpretieren: Ehescheidung ist ganz einfach nicht okay. Andererseits haben diejenigen Christen meine volle Unterstützung, die nach vielen Verletzungen und Kämpfen eingestehen müssen, dass eine Scheidung das kleinere Übel für alle Beteiligten darstellt. Warum zwei Menschen aneinanderketten, wenn sie täglich von neuem tödliche Stiche ins Herz des anderen verstetzen und es aussichtslos erscheint, dass sie jemals wieder ein „normales“ Zusammenleben erreichen werden?

Wieviel Gesetzlichkeit verlangt Jesus von uns? Das Gebot ist klar. Aber müssen wir jedes Gebot auf Biegen und Brechen erfüllen? Andererseits lässt sich im Namen der Liebe (bzw. der Bequemlichkeit die oft dahinter steckt), so ziemlich jede Herausforderung und Anforderung der Bibel irgendwie kleinreden. Interessant bei der Stelle im Korintherbrief ist ja, das Paulus das Gebot Jesu weitergibt, aber dann auch gleich eine Einschränkung von seiner Seite hinzufügt: Wenn man mit einem Ungläubigen verheiratet ist und der will sich scheiden lassen, dann ist das in Ordnung. Da durchbricht er ja selbst die kompromisslose Gesetzlichkeit dieses Gebotes. Dürfen auch wir einfach weitere Einschränkungen hinzufügen, die uns heute angemessen erscheinen, oder durfte das nur der Apostel und Bibelschreiber Paulus?