Römer 11, 17-24: Stolz und Vorurteil

Auch das ist eine Konsequenz aus der Rechtfertigung allein aus Gnade: Als Gläubige, die wir auf Gottes Gnade vertrauen, haben wir nichts, mit dem wir uns gegenüber anderen rühmen könnten. Wir können uns nichts darauf einbilden, dass wir Zweige am Baum des Glaubens sein dürfen. Denn wir sind es nicht aus eigenen Verdiensten, sondern aus reiner Gnade. Das gilt besonders im Blick auf Israel. Sobald wir als Christen überheblich auf Israel niederschauen sprechen wir selbst uns das Urteil. Auf etwas, das uns aus reiner Gnade geschenkt ist, können wir nicht stolz sein (V.20).

Zugleich rückt Paulus das Verhältnis von Juden und Christen ein für allemal unmissverständlich zurecht: Als Christen, die wir nicht aus dem Volk Israel stammen, sind wir nur aufgepfropfte Zweige. Der Stamm bleibt Israel. Wir als Zweige profitieren von ihm, wir sind auf ihn angewiesen – nicht anders herum.

So schnell stehen wir in der Gefahr, gegenüber anderen stolz zu werden. Das war zu den Zeiten des Paulus nicht anders als heute. So schnell kommen wir uns besser vor als andere. Als die anderen, die gar nicht glauben, oder die das Falsche glauben, oder die nicht ernsthaft genug glauben. Anstatt stolz zu sein, sollten wir dankbar und demütig sein. Gott schenkt uns seine Gnade. Paulus hat die Hoffnung, dass Gottes Gnade auch die ausgebrochenen Zweige des Baumes Israel noch erreichen kann. Auch wir sollten diese Hoffnung nicht aufgeben.

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Johannes 12, 37-50 Glaube und Unglaube

Das ist der letzte Abschnitt vor den sogenannten Abschiedsreden. Der Abschnitt ist somit ein Fazit von Jesu öffentlicher Wirksamkeit, denn in den Abschiedsreden wendet sich Jesus dann an den engeren Jüngerkreis. Dieses Fazit fällt ernüchternd aus: „Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn.“ (V.37) Jesus hat seinen Anspruch nicht nur in Worten geäußert, sondern auch durch sichtbare Zeichen untermauert – und trotzdem glauben die Menschen nicht an ihn. Da ist es wieder: das Problem des Unglaubens, das Johannes in seinem Evangelium so oft anspricht. Wie kann es sein, dass Jesus Menschen begegnet, sie seine Zeichen sehen und sie dennoch nicht glauben?

Der Text versucht mit einem Hinweis auf zwei Jesajatexte ein Erklärung zu geben: Gott hat ihre Herzen verstockt. Aber ist das eine ausreichende Erklärung? Wenn nur das der Grund wäre, dann könnten die Menschen auch nicht für ihren Unglauben verantwortlich gemacht werden, denn dann trägt ja Gott die alleinige Schuld. Der Text gibt aber noch einen anderen Gedanken weiter: So manche – selbst von den Oberen – glaubten an Jesus, aber aus Menschenfurcht bekannten sie sich nicht zu ihrem Glauben. Nach dieser Erklärung ist nicht Gott schuld, sondern die Menschen selbst.

Wie so oft in der Bibel greifen wohl beide Erkärungsversuche ineinander über: Beides ist irgendwie richtig, aber eine Erklärung ohne die andere ist falsch. Glaube ist sowohl ein Geschenk Gottes als auch eine Entscheidung des Menschen. Dementsprechend ist es wohl auch beim Unglauben. Mir fällt dazu der berühmte Satz ein: „Bete, als ob alles arbeiten nichts nütze und arbeite als ob alles beten nichts nütze.“ Beim Glauben ist es vielleicht ähnlich. Es ist beides wichtig: Das menschliche Wollen und das göttliche Wirken. Wir können daraus allerdings keine einfache mathematische Gleichung machen: 50 % menschlicher Glaube plus 50 % göttliches Wirken. Nein, irgendwie ist beides zu 100 % nötig.

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Sacharja 8 Gottes Zuwendung

Hier wird noch einmal die Grundbotschaft Sacharjas deutlich: Nach der Zeit des Exils, wendet sich Gott seinem Volk neu zu. Diese Zuwendung ist nicht an bestimmte Bedingungen geknüpft, welche Gott vorher an sein Volk stellt. Aber natürlich erwartet Gott, dass sich sein Volk wieder neu auf Gottes Willen einstellt und in versucht zu befolgen (V.16f). Interessant ist, dass Sacharja hier nicht von der Liebe zu Gott spricht, sondern von einem korrekten Verhalten gegenüber unseren Nächsten. Für ihn zeigt sich wohl die Liebe zu Gott ganz praktisch in einem wahrhaftigen und gerechten Verhalten gegenüber dem Mitmenschen.

Gottes Zuwendung kann ich mir nicht verdienen oder erarbeiten – sie ist Geschenk. Aber wenn ich mich wirklich auf Gott einlasse, dann wird das Folgen haben. In meiner Beziehung zu Gott und ganz praktisch auch in meiner Beziehung zum Mitmenschen.

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Hebräer 3, 7-18 Treu bleiben

Der Hebräerbrief vergleicht die Situation von müde gewordenen Christen mit der Situation Israels während der Wüstenwanderung. In beiden Situation ist es wichtig, „die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende“ (V.14) festzuhalten. Es ist also wichtig, im Glauben treu zu bleiben. Um am Ziel anzukommen, muss man den ganzen Weg gehen, es bringt wenig am Anfang dabei gewesen zu sein, wenn man unterwegs stehen bleibt. Deswegen ist dem Hebräerbrief dieses alttestamentliche Zitat wichtig: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ (V.7f) Heute wird es jeden Tag neu. Und jeden Tag ist es von neuem wichtig Gottes Stimme zu hören und offen dafür zu sein.

Ich frage mich bei diesem Vergleich allerdings, ob es durch die Gabe des Heiligen Geistes für uns Christen nicht einen wesentlichen Unterschied zu Glaubenden aus früheren Zeiten geben müsste. Durch den Geist wohnt doch Gott in uns, wir sind Gottes Haus (vgl. V.6). Sagt nicht Jesus selbst von seinen Jüngern: „Niemand kann sie aus meiner Hand reißen.“ (Joh. 10,28) Hängt denn die Treue im Glauben von unserer menschlichen Willenskraft ab, oder ist sie nicht viel mehr eine Wirkung des Heiligen Geistes? Wie sollten wir denn, wenn wir wirklich die persönliche Stimme Gottes an uns hören, unser Herz gegenüber Gott verstocken können?

Wahrscheinlich ist es beides: Dass wir treu bleiben können, ist ein Geschenk Gottes und zugleich müssen wir immer selbst auch zur Treu aufgerufen werden. Der Hebräerbrief betont hier mehr unsere persönliche Verantwortung. Aber wenn unsere Treue nur an unserer Kraft alleine hinge, dann wären wir verloren…

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