Epheser 5, 15-20 Wein oder nicht Wein?

Am Sonntag hab ich über einen Text aus Prediger 9 gepredigt. Darin hieß es unter anderem: „So geh hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ Heute heißt es im Epheserbrief: „Sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ (V.18) Das muss kein Gegensatz sein und das kann man auch wunderbar harmonisieren: Der Prediger ruft nicht dazu auf sich zu betrinken, sondern den Wein mit gutem Mut zu genießen und der Epheserbrief warnt vor zu viel des Guten (die Neue Genfer Übersetzung schreibt hier: „Und trinkt euch keinen Rausch an“). Also: Wein ja – aber nicht zuviel!

Trotzdem wird an diesen beiden Stellen ein unterschiedlicher Blickwinkel deutlich. Für beide ist klar, dass unsere irdische Welt und Zeit vergeht. Der Prediger sagt, dass alles nichtig und vergänglich ist (Pred. 1,2; was Luther mit „eitel“ übersetzt kann man auch mit „Nichtigkeit, Vergänglichkeit oder Windhauch“ übersetzten). Paulus schreibt im Epheser: „Kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit.“ (V.16) Aber was ist die Konsequenz dieser Vergänglichkeit? Der Prediger meint: Genieße dein Leben und freu dich an den guten Seiten dieser vergänglichen Welt. Paulus meint: Nutzte die Zeit aus und lass dich nicht von den bösen Seiten dieser vergänglichen Welt vereinnahmen.

Natürlich brauchen wir beide Blickwinkel. Aber ganz ehrlich: Der Akzent des Predigers ist mir sehr viel sympathischer…

| Bibeltext |

Kohelet 11, 9 – 12, 8 Gezähmter Hedonismus

Da staunt man nicht schlecht, dass man in der Bibel solch hedonistische Formulierungen findet (Hedonismus bezeichnet eine Lebenseinstellung bei der die eigene Lust, das Vergnügen als höchster Wert angesehen wird; kurz gesagt: gut ist, was Spaß macht): „So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt.“ (V.9) Genieße dein Leben solange es geht, lass es dir gut gehen und tu das, worauf du Bock hast.

Ganz schön unerwartet, oder?! Natürlich wird das Ganze auch gleich wieder eingeschränkt: „Aber wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.“ (V.9) Wenn du nach dem Lustprinzip lebst, dann vergiss dabei nicht, dass du all dein Handeln auch vor Gott verantworten musst! Trotzdem: damit wird die Aufforderung nach einem lustvollen Leben nicht aufgehoben, sondern nur gebändigt und ins richtige Verhältnis gesetzt.

Mir gefällt diese Zusammenstellung eigentlich ganz gut: Auf der einen Seite die ganz einfache und auch egoistische Freude am Leben, an dem was uns Gott in der Schöpfung zur Verfügung stellt, an dem was uns Spaß macht. Und auf der anderen Seite immer wieder auch die kritische Rückfrage, ob mein Handeln auch auf Dauer für mich und andere verantwortungsvoll ist. Beide Seiten sind wichtig. Die Welt fällt meist auf der hedonistischen Seite vom Pferd, wir Christen manchmal eher auf der „lustlosen“ und „lebensängstlichen“ Seite.