Genesis 12, 1-4 – Glaube heißt Unterwegssein

Glauben heißt: „Unterwegs-Sein“. Diesen Schluss zieht Klaus Douglass aus der Abrahams-Geschichte (S.84). Glaube ist nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern der Füße. Glauben ist nicht ein Zufrieden-Sein mit dem Ist-Zustand, sondern das Gehen auf ein Ziel hin. Glaube lebt, wächst, bewegt und verändert sich. Und natürlich darf dann in diesem Zusammenhang auch ein kleiner Seitenhieb auf die Institution Kirche nicht fehlen: Dass aus einer Bewegung eine Instituion geworden ist, hat der Christenheit nicht gut getan (S.84).

Ich stimme dem allem völlig zu und ich finde es toll, wie er das beschreibt und wie er Mut dazu macht, die Komfortzone zu verlassen und mehr zu wagen (bzw. mehr zu vertrauen: Vertrautes hinter sich zu lassen und statt dessen sich auf Gottes Wort verlassen). Aber ist das alles? Können wir im Glauben nicht auch mal irgendwo ankommen, anstatt immer nur unterwegs zu sein? Ist Glaube nicht auch Heimat finden, anstatt immer nur „heimatlos“ auf dem Weg zu sein? Ich möcht auch gern mal ankommen und Ruhe finden, anstatt immer nur von einer besseren Zukunft zu träumen und dieser besseren Zukunft hinterher zu rennen.

Genesis 4 – Wenn Gottes Segen ausbleibt

In Genesis 4 geht es um die Geschichte von Kain und Abel. Beide Brüder bringen Gott ihre Opfer, doch nur das Opfer von Abel wird von Gott gnädig angeschaut. Daraufhin wird Kain zornig und bringt seinen Bruder um. Gott stellt Kain zur Rede und er muss als Folge seines Handelns den Fluch der Heimatlosigkeit tragen. Zugleich segnet Gott ihn aber auch, indem er ihn unter seinen Schutz stellt.

Die interessanteste Frage bei diesem Bibeltext ist für mich: Warum freut sich Gott über die Geschenke von Abel und sieht Kain und sein Opfer nicht mal an (so übersetzen Douglass und Vogt sehr treffend)? Es gibt unterschiedliche Versuche, diese Unterschiedlichkeit zu begründen. In der jüdischen Auslegungstradition wird gesagt, dass Kain einfach nur wahllos ein paar Feldfrüchte opfert – Abel dagegen ganz gezielt das Beste für Gott aussucht. Begründet wird das mit der kurzen Ergänzung beim Opfer Abels, dass er von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett das Opfer bringt (beides hat im hebräischen Denken einen hohen Stellenwert: die Erstgeburt und auch das Fett galten als etwas Besonderes).

Douglass und Vogt begründen dagegen die unterschiedliche Reaktion Gottes, indem sie aus den Namen der beiden Brüder ihren Charakter herauslesen (nach hebräischem Denken sagt der Name einer Person sehr viel über das Wesen einer Person aus). Kain bedeutet „Ich habe einen Mann geboren“, Abel dagegen „Nichtigkeit, Hinfälligkeit“. Aus diesen Namen entfalten die beiden Autoren nun sehr plastisch die Lebenseinstellung der beiden Brüder: Kain ist der Stolze und Starke, Abel der Benachteiligte und Schwache. Wie so oft in der Bibel ergreift nun Gott Partei für den Kleinen und Schwachen.

Nach meinem Empfinden hat die jüdische Auslegunsvariante mehr Anhalte im Text. Douglass und Vogt lesen da schon sehr viel rein in die Namen der Brüder. Ich selbst sehe jedoch die Pointe des Textes gerade darin, dass das Verhalten Gottes unverständlich und nicht nachvollziehbar ist. Es wird im Text nicht ausdrücklich begründet, sondern einfach nur festgestellt. Als ich den Text gelesen habe, hab ich mir gedacht: Ja, ist doch logisch, dass Kain sauer ist.

Die entscheidende Frage ist nicht: Warum sieht Gott das Opfer des Kains nicht an? Sondern sie ist: Wie reagiere ich, wenn Gott mein Opfer, meine Bemühungen nicht so segnet, wie ich mir das vorstelle? Es geht in dem Text nicht darum, wie ich mir durch Opfer den Segen Gottes erarbeiten kann, sondern darum, wie ich damit umgehe, wenn Gott mein Bemühen nicht segnet. Kain hat falsch reagiert. Sein Zorn ist verständlich, aber er hätte seinem Zorn nicht Raum geben sollen.

Noch ein anderer Gedanke: Sehr gut fand ich bei Douglass und Vogt den Begriff „Spirale der Schuld“. Im Blick auf die Urgeschichte in der Bibel wollen sie nicht von dem etwas problematischen Begriff der „Erbsünde“ reden, sondern von der „Spirale der Schuld“. Das drückt sehr schön das Problem und Wesen der Sünde aus: Wenn sich Menschen von Gott lossagen, dann werden sie immer stärker in eine Spirale  der Schuld hineingezogen. Die Verstrickung in der Sünde wird immer größer. Jeder Mensch wird nicht einfach mit dem Makel einer weiter vererbten und ihm anhaftenden Erbsünde geboren, sondern er wird in diese Spirale der Schuld hinein geboren. Ob wir wollen oder nicht: Jeder steckt von Anfang an in dieser Spirale drin und kommt alleine nicht heraus.

Genesis 3 – Wie kann man nur in diesen Apfel beißen?

Die Geschichte des Sündenfalls. Douglass betont in seinem Buch sehr schön, dass es nicht so wichtig ist, was früher mal geschah und ob Adam und Eva wirkliche Personen waren. Der Sündenfall beschreibt nicht ein tragisches Geschehen am Anfang der Welt, sondern er beschreibt uns alle. Wir alle sind Adam und Eva.

Überzeugt hat mich auch der Gedanke, dass die Sünde nicht einfach die Folge der Bosheit und totalen Schlechtigkeit des Menschen ist, sondern dass sie auf tragische Weise durch das Zusammenspiel verschiedener Motive entsteht. Da kommen Zweifel, Begehrlichkeit und der Drang nach Selbstbestimmung zusammen. Wir meinens gar nicht böse, wir wollen uns gar nicht von Gott entfernen… und eh wir es überhaupt richtig bemerken, haben wir schon in den Apfel gebissen.

Genesis 2 – Der Mensch: Das Risiko Gottes

Bin richtig angetan von den Erklärungen und Bemerkungen von Douglass und Vogt zu dem Text. Sie starten nicht den verzweifelt-fundamentalistischen Versuch, die Bibeltexte mit aller Gewalt zu harmonisieren. Sie lassen die zwei Schöpfungsberichte in Genesis 1 und 2 in ihrer Unterschiedlichkeit stehen und versuchen, die tiefere Wahrheit der Texte zu erschließen. Sie sagen: Es geht „um Weisheit und nicht um Wissen“ (S.32). Schon damals war dem Menschen, der die zwei unterschiedlichen Berichte über die Schöpfung zusammengestellt hat, ihre teilweise widersprüchliche Aussagen über den genauen Ablauf der Schöpfung bewusst. Gerade diese Zusammenstellung zeigt, dass es nicht um den vordergründigen Ablauf geht, sondern um die tiefere Weisheit dieser Texte.

Etwas, das in Genesis 2 besonders deutlich wird, ist die Gabe der Freiheit. Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Dafür steht in dieser zweiten Schöpfungserzählung der Baum der Erkenntnis. Gott hat ihn in die Mitte des Gartens gepflanzt und dem Menschen die Freiheit gelassen: Entweder er gehorcht Gottes Gebot und isst nicht davon, oder er gehorcht nicht, isst und muss dann auch die Konsequenzen tragen. Gott ist damit bei der Erschaffung des Menschen ein großes Risiko eingegangen. Helmut Thielicke nennt darum den Menschen „das Risiko Gottes“.

Genesis 1 – Schöpfung

Ein sehr bekannter Bibeltext, bei dem man schnell in der Gefahr ist, gedankenlos darüber hinweg zu lesen. Gut gefallen hat mir auch hier wieder die Neuübersetzung von Fabian Vogt. Dadurch wird der vertraute Text wieder etwas lebendiger. Beim Bibeltext selbst bin ich v.a. an der Stelle hängen geblieben, dass der Mensch über die Tiere herrschen soll. In der neuen Übersetzung wurde mir sehr viel deutlicher als bisher, dass damit eben nicht nur die Haus- und Nutztiere gemeint sind, sondern alle Tiere: Die Fische, die Würmer, die Wildtiere.

Hier wird deutlich, dass herrschen in diesem Zusammenhang nicht mit „beherrschen“ verwechselt werden darf. Denn wie soll ich die unzähligen Würmer, die im Erboden herumkriechen und die Milliarden von Fischen, die sich im Meer herumtummeln, beherrschen? Es geht wohl eher darum, dass wir Menschen verantwortlich sind für die ganze Schöpfung, auch für die Lebewesen, die wir nicht so einfach „beherrschen“ können.

In ihren Erklärungen gehen die Autoren sehr gut auf den scheinbaren Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube ein. Sie betonen die unterschiedliche Aufgabenverteilung von Naturwissenschaft und Glaube. Die Naturwissenschaft klärt die Frage nach dem wie der Schöpfung und der Glaube fragt nach dem „Woher, Warum und Wozu“. Beides hat seine Berechtigung. Und natürlich haben die biblischen Autoren auf dem Hintergrund ihres damaligen Weltbildes (so wie die Naturwissenschaft damals die Welt gesehen haben) die Erschaffung der Welt durch Gott beschrieben. Wie sonst? Sie haben die Glaubensaussage, dass ein persönlicher Gott die Welt erschaffen hat, mit ihrem damaligen Wissen verbunden. Das Wissen über die Entstehung der Welt verändert sich und es wird sich auch in Zukunft verändern. In hundert Jahren wird man wieder ganz anders darüber denken als heute. Aber die Glaubensaussage dass Gott der Schöpfer ist – die bleibt.

Sehr interessant und spannend fand ich die Betonung der Autoren, dass die Schöpfung von Anfang an auch eine bedrohte Schöpfung ist. Die Erde war zu Beginn „wüst und leer“ (im hebr.: Tohuwabohu) und Gott muss erst mal Ordnung rein bringen. Douglass und Vogt betonen nun, dass diese Gefährdung der Schöpfung nicht nach den sieben Schöfpungstagen einfach beseitigt ist, oder dass sie erst duch den Sündenfall in die Welt kam, sondern dass diese Gefährdung durch das Chaos ganz einfach zur Schöpfung dazu gehört. Leben ist und bleibt ein höchst verletztliche Angelegenheit. Das deckt sich mit meiner Wahrnehmung der Wirklichkeit: Auch wenn Gott alles sehr gut erschaffen hat, so ist die Gefahr dass vieles im Chaos versinkt doch allgegenwärtig.