2. Korinther 3, 7-16 – Aufgedeckt

Obwohl der 2. Korintherbrief eine Versöhnung zwischen der Gemeinde in Korinth und dem Apostel Paulus voraussetzt (vgl. 2. Kor. 7,6-15), so beschäftigt sich Paulus doch auch immer wieder mit Vorwürfen und Kritik, die ihn getroffen haben. Ein Streitpunkt war wohl das Apostelamt des Paulus und sein oft nicht imposantes Auftreten. Die Verkündigung anderer Prediger, die in Korinth wirkten war wohl auf den ersten Blick beeindruckender und klang nach mehr Herrlichkeit.

Paulus setzt sich in dem Abschnitt mit den Stichworten (Apostel-)Amt und Herrlichkeit auseinander. Dabei geht es ihm weniger um konkrete Selbstrechtfertigung, sondern um grundsätzliche Überlegungen zum Thema. Er stellt das Amt des Mose seinem eigenen Amt gegenüber. Schon Mose brachte durch das Gesetz Herrlichkeit. Doch das Gesetz führt letztendlich in den Tod, weil es Forderungen stellt, die wir nicht erfüllen können. Paulus betont, dass seine Verkündigung zur Gerechtigkeit führt und dadurch eine noch viel überschwänglichere Herrlichkeit bringt. Nur wenn man das Alte Testament durch Christus hindurch liest, versteht man es in seinem eigentlichen Sinn. Wenn nicht, dann lesen wir das Alte Testament wie mit einer Decke vor dem Herzen (2.Kor.3,15).

Wir blicken heute ja gerne mit verklärten Augen zurück zur Einheit und Geschlossenheit der ersten Gemeinden. Wir beklagen die Zersplitterung der Christenheit in unendlich viele Konfessionen, Kirchen, Gruppierungen und theologische Richtungen. Aber schon damals waren die Christen nicht immer ein Herz und eine Seele. Schon damals gab es unterschiedliche theologische Ausrichtungen. Schon damals gab es unterschiedliche Ansichten zwischen manchen Aposteln und umherziehenden christlichen Wanderpredigern. Schon damals sehnten sich manche in den Gemeinden nach einer eingängigeren Botschaft, die nach mehr Herrlichkeit klingt als die Botschaft des Paulus. Wir müssen’s wohl akzeptieren, dass es diese völlige Einheit erst im Himmel geben wird…

Wichtig ist aber, wie Paulus mit solch unterschiedlichen Meinungen umgeht: Er verweist auf’s Zentrum, auf Christus. ER bringt Herrlichkeit. ER schenkt das rechte Verständnis der Bibel. ER nimmt die Decke von unserem Herzen.

2. Korinther 2, 5-13 – Den Hebel umlegen

Anscheinend wurde Paulus bei einem seiner Besuche schwer gekränkt (er schreibt in dem Abschnitt von „jemand“, der ihn betrübt hat und damit auch die anderen aus der Gemeinde). Der Rest der Gemeinde hat sich dann auf die Seite des Apostels gestellt. Jetzt fordert Paulus die Gemeinde dazu auf, dieser Person zu vergeben und sie zu trösten. (V.7) Man soll ihr Liebe erweisen. (V.8)

Gar nicht so einfach, in so einer Situation den Hebel umzulegen. Da macht jemand einen offensichtlichen Fehler und wird von den anderen gemieden. Und dann sollen wir praktisch auf Befehl vergeben, trösten und lieben. Bescheuert, dass gerade in solchen Fällen unser Gedächtnis einwandfrei funktioniert, während wir andere Sachen viel zu schnell vergessen…

1. Korinther 1,12 – 2,4 – Schöne, schreckliche Gemeinde

Da menschelt es ganz schön zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth. Anscheinend hat der Apostel den Korinthern gesagt, dass er auf dem Weg von Mazedonien nach Judäa bei ihnen vorbei schaut (1.Kor.1,16). Aber er kam nicht, er hatte seine Reisepläne geändert… Verständlich, dass die Korinther irritiert waren. Zu seiner Rechtfertigung fährt Paulus dann große Geschütze auf: Sein Wort an die Korinther ist nicht Ja und Nein zugleich, so wie auch Jesus Christus nicht Ja und Nein zugleich ist – er ist das große Ja auf alle Verheißungen Gottes (1.Kor. 1,18-20). Damit will er wohl sagen, dass die Entscheidung nicht zu kommen, nicht aus Böswilligkeit geschah, sondern dem größeren Ganzen seiner Botschaft und seines Auftrags diente. Ganz konkret gibt Paulus dann als Grund an, dass er die Korinther schonen wollte (1.Kor.1,23) und sie mit seinem Besuch nicht wieder in „Traurigkeit“ führen wollte (1.Kor.2,1-4).

Das alles weißt auf ziemliche Probleme, Missverständnisse, gegenseitige Vorwürfe, beleidigte Reaktionen, Auseinandersetzungen hin, die bei Paulus zu „Trübsal“, „großer Angst“ und „Tränen“ geführt haben (1.Kor.2,4). Also schon damals lief in der Gemeinde nicht immer alles rund. Schon damals haben sich die „Brüder und Schwestern“ in der Gemeinde gegenseitig schwere Verletzungen zugefügt und schon damals ging es in der Gemeinde manchmal knüppelhart zur Sache. Schade eigentlich… Aber beruhigend zugleich… Wir sind heute gar nicht soooo viel anders als die ersten Christen. Damals wie heute kann Gemeinde wunderschön und herrlich sein, man kann aber damals wie heute auch sehr unter ihr leiden. Und damals wie heute müssen wir lernen, wie wir damit umgehen. So wie Paulus: er will keine neuen Vorwürfe anhäufen, er versucht zu erklären und er ist bereit, sich in dem Konflikt selbst zurück zu nehmen, um nicht neue Verletzungen und Traurigkeit zu provozieren.

Jacobsen und Coleman: Der Schrei der Wildgänse

Eines der Bücher, die ich im Urlaub gelesen habe war „Der Schrei der Wildgänse“ von Jacobsen und Coleman. Es hat mich ziemlich beschäftigt (und beschäftigt mich immer noch). Es hat mich verärgert, provoziert, zum Nachdenken gebracht und es hatte vor allem eine Auswirkung: Es hat mich müde und resigniert gemacht.

In dem Buch legen die Autoren in Form der Geschichte eines christlichen Pastors ihre Kritik an institutionellen Kirchen dar. So wie die Hauptperson Jake sollen auch die Leser „aufbrechen zu einem freien Leben in Christus jenseits von Religion und Tradition“ (so der Untertitel des Buches). Ein großen Teil des Buches nehmen die Dialoge zwischen Jake und einer geheimnisvollen Person mit dem Namen John ein. John taucht immer wieder spontan und unerwartet in Jakes Leben auf und redet mit ihm über den Glauben und seine Beziehung zu Jesus. Er hat solch eine besonderes Ausstrahlung und scheint ein solch persönliches Verhältnis zu Jesus zu haben, dass Jake am Anfang überlegt, ob dieser John nicht tatsächlich der Jünger Johannes (in der englischen Bibel als John übersetzt) ist, von dem an einer Stelle in der Bibel angedeutet wird, dass er nicht stirbt bevor Jesus wieder kommt.

John macht Jake immer wieder deutlich, dass es nicht auf die äußere Form des Glaubens und damit auch nicht auf eine bestimmte Gemeindetradition ankommt, sondern auf eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus. Er sagt, dass die Gefahr jeder institutioneller Kirche ist, dass man nur die äußere Form der Glaubens lebt und meint, das sei schon alles. Aber es kommt nicht auf die festgelegten und regelmäßigen Treffen von Christen an, sondern es kommt auf das Hören auf Jesus an und auf echte und tiefgreifende Beziehungen zu anderen Christen. Außerdem beklagt er, dass es in normalen Gemeinden oft mehr um Macht und Machterhalt geht, als wirklich um den Glauben.

An mehreren Stellen wird betont dass in normalen, institutionellen Gemeinden es prinzipiell nicht unmöglich ist wirklich Jesus nachzufolgen, dass diese Art der Gemeinschaft aber immer in der Gefahr steht, den eigentlichen Glauben zu formalisieren (Nach der Art: Geh jeden Sonntag in die Kirche, werde Mitarbeiter, gib der Kirche genügend Geld, … und dann ist alles okay). Wenn man wirklich ein Nachfolger Christi sein will, dann geht das nur wenn man sich vollständig, allein von Christus abhängig macht (und z.B. auch in Geldfragen nicht nach Sicherheit fragt, sondern danach, was Jesus will).

Grundsätzlich teile ich viele Kritikpunkte, die in dem Buch angeführt werden. Es ist tatsächlich so, dass in vielen Gemeinden der Glaube sich um Äußerlichkeiten dreht und wenige (ich einbegriffen) eine wirklich tiefgreifende Beziehung zu Jesus haben. Wir stecken wahnsinnig viel Energie in die Gemeinde hinein, allein um den ganzen Laden einigermaßen am Laufen zu halten. Wir brauchen so viel Kraft, Geld und Arbeit, um das Gemeindeleben aufrecht zu erhalten – und was erreichen wir mit all den Bemühungen? In den meisten Gemeinden gibt es immer wieder Streitigkeiten über Nichtigkeiten, es dreht sich vieles darum das Äußere in Form zu halten (sei es das Gebäude oder seien es die unzähligen Gemeindeveranstaltungen mit denen wir uns ein lebendiges Gemeindeleben vortäuschen) – aber wie wenig erreichen wir nüchtern betrachtet mit all diesen Anstrengungen? Werden die Menschen wirklich Christus ähnlicher? Wie viele Menschen erreichen wir wirklich mit dem Evangelium? Sind wir wirklich für die Armen und Ausgestoßenen da? Haben wir in den Gemeinden wirklich aufrichtige, tiefe, ermutigende Beziehungen untereinander?

Jacobsen und Coleman betonen, dass Kirche nicht ein Gebäude ist, dass es auch nicht eine Veranstaltung ist, sondern dass Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen ist. Kirche sind wir Christen in Beziehung zueinander. Dazu braucht es kein bestimmtes Gebäude, dazu braucht es keinen Hauptamtlichen, dazu braucht es keine bestimmte Gottesdienstform, dazu braucht es überhaupt keine regelmäßig festgelegten Treffen – dazu braucht es einfach nur Gemeinschaft und gemeinsames Hören auf Gott.

Als jemand, der mit „institutioneller Religion“ sein Brot verdient, machen mir solche Gedanken natürlich Angst. Wenn ich das Buch ernst nehmen würde, müsste ich meinen Job aufgeben und auf andere Weise versuchen meinen Glauben zu leben. Aber abgesehen von den existentiellen Ängsten, die da aufkommen, habe ich auch meine Anfragen daran, ob solch eine Leben, wie es in dem Buch propagiert wird, überhaupt möglich ist.  Kann ich diese abslute Freiheit in Christus in dieser gefallenen Welt wirklich leben? Brauche ich nicht bestimmte Formen und Traditionen, um als fehlbarer Mensch einen Rahmen für mein Glaubensleben zu haben?

Es ist ja eine uralte Diskussion, die das Christentum von Anfang an begleitet hat: die Spannung zwischen Geist und Amt, die Spannung zwischen charismatischer Freiheit und einem durch Ämter organisiertem Gemeindeleben. Schon im Neuen Testament kann man ja beobachten, dass bestimmte Ämter und Aufgaben eingeführt werden, um das Zusammenleben in der Gemeinde zu organisieren. Schon im Neuen Testament fängt also diese „Institutionalisierung“ der Kirche an. Schon Paulus hat ja bei den Korinthern so seine Probleme mit einer absolut freien Gottesdienstform, bei der alles drunter und drüber geht. Er versucht bestimmte Richtlinien aufzustellen, um die gemeinsamen Treffen zu ordnen.

Müde und resigniert macht mich das Buch, weil tatsächlich in vielen Gemeinden so vieles so schief läuft. Es wird mehr Energie in das christliche Drumherum gesteckt, als in das eigentliche Leben und Hören auf Jesus. Ich bin ja selbst viel zu oft von Gemeinde frustriert. Aber wirkliche Alternativen und Antworten finde ich in dem Buch nicht. Der Gegenentwurf bleibt mir zu utopisch und zu wenig greifbar. Kritisieren ist immer leicht (mach ich selbst ja gerade auch 😉 ), aber es wirklich besser zu machen – das dürfte auch für Jacobsen und Coleman schwierig sein.

1. Korinther 10, 14-22 – Schade eigentlich

Was war da nur los in Korinth? Da gab es die einen, die solche Angst vor den heidnischen Göttern hatten, dass sie es nicht wagten Fleisch von Götzenopferfeiern zu essen (vgl. Kap.8 ) und dann gab es anscheinend welche, die keine Probleme damit hatten, an solchen Götzenopferfeiern sogar teilzunehmen. Oder warum sonst schreibt Paulus hier eine Warnung, dass man nicht am Tisch der bösen Geister teilhaben soll? Da muss es ganz schön abgegangen sein in der Gemeinde in Korinth: Verschiedene Lager, die sich auf unterschiedliche christliche Leiter beriefen, Streit um moralische Richtlinien, Meinungsverschiedenheiten im Umgang mit heidnischen Göttern… Klingt alles nicht sehr harmonisch.

Wir entwerfen ja gerne ein heiles und idyllisches Bild der Urkirche. Wir meinen, dass ganz am Anfang noch alles okay war und noch nicht durch kirchliche Dogmen und Traditionen verdorben. Aber wenn man die Korintherbriefe anschaut, dann kommt man zu einem anderen Bild: Es gab von Anfang an heftige Streitigkeiten (zumindest in der Gemeinde in Korinth). Schon von Anfang an waren die Christen nicht immer „ein Herz und eine Seele“ (Apg.4,32). Schade eigentlich… Aber auch irgendwie tröstlich: Die hatten damals genauso Probleme und Kämpfe wie wir heute in den Gemeinden.

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Foto: pixelio.de|hofschlaeger

Vom Geiz verführt

Die Gier nach möglichst viel zu einem möglichst kleinen Preis schaltet manchmal unser Hirn aus. Hab bei ebay ein sensationelles Angebot für ein Eau de toilet von Harley Davidson gefunden. Natürlich gleich zwei Stück davon bestellt. Heut morgen kam es an:

In meiner Gier hab ich versäumt auf die Größe der Packung zu schauen – nur zwei winzige Probierfläschchen. Gestern hab ich von Gofi Müller folgendes gelesen: „Die Spielregeln der Wirtschaft halten mehr und mehr auch in unseren Gemeinden Einzug.“ (Faix/Weißenborn: ZeitGeist: Kultur und Evangelium in der Postmoderne, S. 126). Er schreibt auch, dass wir in den Gemeinden zunehmend nur noch auf die Quantität, anstatt auf die Qualität achten. Ich glaube das stimmt. Da geht es uns oft wir mir mit meinem „Schnäppchen“: Wir wollen mit möglichst wenig Einsatz ein möglichst tolles Ergebnis sehen. Und da man Qualität nicht messen kann, schauen wir auf die Quantität. Wir gehen auf Schnäppchenjagd und halten am Ende nur zwei kleine Probierfläschchen in Händen…