Römer 16, 1-16: Netzwerkchristen

Erstaunlich lang ist die Grußliste des Römerbriefes. Vor allem wenn man bedenkt, dass Paulus die Gemeinde in Rom noch nie besucht hat. Aber er kennt von seinen Reisen sehr viele Christen, die inzwischen in Rom sind. Das zeigt zum einen, dass Paulus kein Einzelkämpfer war. Er hat mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammengearbeitet. An der Herzlichkeit seiner Grüße kann man ablesen, dass er mit diesen Christen eine gute Beziehung hat. Obwohl Paulus eine starke Führungspersönlichkeit hatte, war er doch bereit im Team zu arbeiten.

Zum anderen sehen wir hier, dass schon die ersten Gemeinden über ein Netzwerk von Beziehungen miteinander verbunden waren. Da hat sich nicht nur jede Gemeinde um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, sondern man wusste sich in Christus verbunden. Diese Verbindungen und Beziehungen auch über die eigene Gemeinde hinweg sind nicht nur ein netter Zusatz, sondern sie gehören zum Wesen von Gemeinde hinzu. Denn in Christus gehören wir alle zusammen und das muss auch über die Gemeindegrenzen hinweg sichtbar werden.

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Römer 15, 22-33: Gemeinschaft genießen

Mich hat bei diesem Abschnitt besonders angesprochen, dass Paulus sich auf die Gemeinschaft mit den Christen in Rom freut, weil er damit rechnet, dass er dadurch „erquickt“ wird (V.24). Die Elberfelder Bibel, die ja recht wörtlich übersetzt, spricht an dieser Stelle davon, dass Paulus die Christen in Rom „genießen“ will. Die Gute Nachricht übersetzt, dass Paulus sich an der Gemeinschaft „stärken“ will. Ja, so sollte christliche Gemeinschaft sein: dass wir es genießen können, dass wir dadurch erquickt und gestärkt werden.

Solche Erfahrungen hat sicher schon jeder Christ gemacht. Aber es gibt eben auch anderer Erfahrungen in der christlichen Gemeinschaft. Das ist nichts Neues, das war bei Paulus schon so. Vorsichtig deutet er in V.31 an, dass er hofft, dass sein Dienst den Heiligen (als den Christen) in Jerusalem willkommen sei. Da merken wir, dass es da wohl Spannungen gibt und die Beziehung nicht unbelastet ist. Wir brauchen uns da nichts vormachen, es wird immer beides geben: christliche Gemeinschaft, die uns stärkt und die wir gerne genießen, aber auch christliche Gemeinschaft, die belastet ist und nicht immer einfach ist.

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Römer 15, 1-6: Die Schwachen tragen

Paulus positioniert sich inhaltlich ganz klar auf der Seite des Starken im Glauben. Deswegen ermahnt er gerade die Starken, dass sie die Schwachen im Glauben tragen sollen und nicht selbstgefällig werden sollen (V.1). Paulus versucht zu vermitteln. Nicht indem er seine inhaltliche Meinung ändert oder abschwächt, sondern indem er gerade diejenigen, die mit ihm übereinstimmen, zu einem respektvollen und liebevollen Umgang mit den anderen ermahnt. Wenn er inhaltlich mit den Schwachen einer Meinung wäre, würde er wahrscheinlich gerade die Schwachen ermahnen. Sein Ziel ist nicht, dass alle seine Meinung übernehmen, denn dann müsste er versuchen die andere Seite argumentativ von seiner Position zu überzeugen. Sein Ziel ist, dass wir trotz unterschiedlicher Meinung so miteinander umgehen, dass wir „einmütig mit einem Mund Gott“ (V.6) loben können.

Das zeugt von einer großen geistlichen Reife. Das zeugt von echter Demut. Dazu sind nicht viele in der Lage. Das wird wohl damals nicht anders gewesen sein als heute. Es schmerzt mich immer wieder, wenn ich sehe, dass es auch in heutigen Gemeinden „Rechthaber“ gibt, die ihre Meinung auf Kosten anderer durchsetzen wollen. Dabei geht es oft nicht einmal um unterschiedliche theologische Meinungen, sondern einfach um menschliche Unstimmigkeiten. Aber selbst da fehlt uns oft die Größe, so zu leben, dass wir die Schwachen tragen. All zu oft wollen wir lieber Recht haben und auf andere herab schauen.

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Römer 14, 1-12: Meinungsverschiedenheiten sind normal

Aus den Ausführungen des Paulus wird nicht eindeutig klar, warum manche in der Gemeinde in Rom kein Fleisch essen (V.2) oder bestimmte Tage für höher achten als andere (V.5). Auf jeden Fall gibt es Meinungsunterschiede, wie Glaube konkret gelebt werden soll. Und beide Seiten sehen sich im Recht und argumentieren von ihrer Glaubensüberzeugung her. Spannend ist, dass Paulus diesen Streit nicht durch eine klare theologische Stellungnahme klärt. Wenn es um Grundlagen des Glaubens geht, um den Kern des Evangeliums, dann war Paulus da ja bekanntlich nicht zimperlich, da kann man scharfe und deftige Worte von ihm hören. An dieser Stelle im Römerbrief kann man nun klar erkennen: Wenn es nicht um grundlegende Fragen des Glaubens geht, dann kann Paulus unterschiedliche Meinungen stehen lassen und akzeptieren.

Sein Anliegen an dieser Stelle ist nicht, dass alle in allen Glaubensdingen eine Meinung haben müssen. Wichtig ist ihm hier, dass Christen sich bei unterschiedlicher Meinung nicht gegenseitig verachten oder richten. In manchen Dingen muss ich es aushalten, dass andere eine andere Meinung haben und sie dennoch als Brüder und Schwestern achten und lieben.

Dabei geht es Paulus hier nicht um Beliebigkeit, so nach dem Motto: Jeder kann glauben was er will. Nein, jeder muss sich ernsthaft vor Gott fragen, ob er seine Meinung vor dem Herrn, der für uns gestorben und wieder lebendig geworden ist (V.9) verantworten kann. Jeder muss sich vor Gott prüfen, ob seine Meinung dem Geist Jesu Christi entspricht. Aber Paulus geht davon aus, dass auch bei ernsthafter theologischer Prüfung und ernsthafter Gewissensprüfung vor Gott wir Christen nicht in allen Dingen zu einer Meinung kommen. Das Richten darüber, wer nun im Recht ist, dürfen wir getrost Gott überlassen.

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Römer 12, 9-21: Überforderung

Ich möchte den Christen und die Gemeinde sehen, die es wirklich schafft, all diese Ermahnungen auch wirklich zu befolgen. Geht Paulus wirklich davon aus, dass wir all das erfüllen können? Das fängt ja schon mit der ersten Ermahnung an: „Die Liebe sei ohne Falsch.“ (V.9) Ich denke schon, dass es Christen gibt, denen man eine besondere Liebe abspürt. Das war für mich ein Grund, um mich überhaupt ernsthaft mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen: Ich habe Christen kennengelernt, die anders waren, als die meisten anderen Menschen. Sie hatten eine besondere Ausstrahlung, eine besondere Liebe.

Aber eine „Liebe ohne Falsch“? Das erscheint mir übermenschlich. Das hatten diese Christen sicher auch nicht. Wenn wir Christen auch nur annähernd all diese Ermahnungen und Forderungen umsetzen würden, dann würden uns die Massen am Sonntag die Türen einrennen, dann wären wir solch eine attraktive Gemeinschaft, dass wir uns vor dem Ansturm kaum retten könnten. Aber so ist es offensichtlich nicht.

Ich muss ehrlich sagen, mich überfordern solche Ermahnungen eher, als dass sie mich motivieren. Ja, das sind tolle Zielvorstellungen, aber wenn ich mir meine Realität und die Realität unserer Gemeinden anschaue, dann bleibt das alles Utopia. Dann verzweifle ich entweder an solchen Forderungen oder ich versuche mir zumindest einen dünnen christlichen Anstrich zu verpassen, so dass es im ersten Augenblick schön aussieht. Und genau das geschieht ja in den meisten Gemeinden. Die einen sind desillusioniert und enttäuscht. Sie geben sich mit einem netten Vereinsleben zufrieden und denken, dass sie auch nicht anders und besser sind als andere Menschen. Und  andere Gemeinden verpassen sich einen mehr oder minder dicken christlichen Anstrich, um nach außen schön fromm auszusehen. Aber unter der Oberfläche sieht es häufig ganz anders aus.

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Römer 1, 8-15: Gegenseitiger Trost und Ermutigung

In diesem Abschnitt klingt der Zweck des Römerbriefes an: Paulus will nach Rom kommen, „damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter anderen Heiden.“ (V.13) Er sieht sich als Apostel und Missionar, der den römischen Christen etwas zu geben hat und der von Rom aus auch als Missionar unter den Heiden das Evangelium verkündigen will.

Um so schöner finde ich es, dass er die römischen Christen nicht nur als Objekte seiner Aposteltätigkeit sieht oder als Mittel zum Zweck, nein es geht ihm auch um echte Gemeinschaft und gegenseitige Stärkung: „damit ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.“ (V.12) Das Wort, das Luther hier mit getröstet übersetzt kann man auch mit „ermutigen“ übersetzen. Darum geht es Paulus: gegenseitiger Trost und Ermutigung.

Das ist bis heute nicht selbstverständlich, dass wir es in Gemeinden schaffen, dass wir uns gegenseitig trösten und ermutigen. Ganz egal welche Stellung wir in einer Gemeinde haben: darum geht es! Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, auch wenn wir nicht alle in der Gemeinde gleich sympathisch finden. Selbst ein Paulus, der ja in seinen Briefen manchmal auch wortgewaltig seine Position verteidigen kann, hat das begriffen.

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Hebräer 13, 15-25 Betet füreinander

Neben aller Ermahnung und allen theologischen Ausführungen zum Hohepriestertum Jesu ist das wohl das Wichtigste: das Gebet. Der Schreiber bittet die Gemeinde: „Betet für uns“ (V.18) und er betet selbst für die Empfänger, dass Gott selbst sie befähigt „in allem Guten, zu tun seinen Willen“ (V.21). Alle gut gemeinte Ermahnung und all unsere menschlichen Bemühungen nützen doch nichts, wenn nicht Gott selbst in uns wirkt.

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Apostelgeschichte 11, 19-30 Strategische Kirchenpolitik

In diesem Abschnitt wird es nun sehr deutlich, dass die junge Christenheit mehr ist als eine innerjüdische Gruppierung. Einige Jünger und Jüngerinnen wurden wegen der Verfolgung in Jerusalem nach Antiochien zerstreut. Das war damals die drittgrößte Stadt des römischen Reiches – also ein wichtiger Ausgangspunkt für die weitere Verbreitung des Glaubens. In Antiochien wurden nicht nur die Juden angesprochen, sondern auch die Griechen (damit sind hier alle gemeint, die nicht dem jüdischen Glauben angehören). Wichtig ist auch, dass in Antiochien zum ersten mal die Bezeichnung „Christen“ auftaucht. Und zwar nicht von den Anhängern Jesu selbst, sondern von außerhalb. Auch für andere war es deutlich, dass es sich hier um eine neue Gruppierung von Juden und Griechen außerhalb des Judentums handelte.

Interessant finde ich auch, dass Kirchenpolitik schon damals eine Rolle spielte. Die neue Gemeinde in Antiochien wird nicht einfach sich selbst überlassen, sondern die Verantwortlichen in Jerusalem senden den Barnabas aus, um sich die Sache mal anzuschauen. Die Apostel in Jerusalem fühlten sich nicht nur für die Gemeinde zuhause verantwortlich, sondern auch für andere Gemeinden. Es bleibt nicht bei einem kurzen Antrittsbesuch des Barnabas, sondern zusammen mit Paulus bleibt er ein ganzes Jahr lang dort, um die junge Christenheit zu lehren und unterrichten. Da stecken durchaus strategische und kirchenpolitische Gedanken dahinter: Wie leiten wir die junge Bewegung in geordnete Bahnen?

Wir wünschen uns ja manchmal, dass Gemeinde auch ohne solch strategischen und kirchenpolitische Überlegungen funktionieren würde. Es wäre doch schön, wenn Gott selbst durch den Heiligen Geist Gemeinde und Kirche leiten würde. Das tut er auch. Aber wir sehen schon bei den ersten Christen, dass er dazu menschliche Strukturen und Hierarchien benutzt. Diese sind nicht an sich schlecht oder falsch, sondern es kommt darauf an, wie sie genutzt werden.

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Apostelgeschichte 9, 1-9 Der Leib Christi

War mir heute bei diesem Text besonders aufgefallen ist, ist die Antwort Jesu auf die Frage des Saulus: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ (V.5) Genau genommen hat Saulus ja die Anhänger des „neuen Weges“, die Jünger und Jüngerinnen Jesu verfolgt. Aber Jesus ist derartig eng mit seinen Nachfolgern verbunden, dass es keinen Unterschied macht, ob sie oder er verfolgt werden. Vielleicht liegt hier die Ursprungserfahrung für die späteren Ausführungen des Paulus, dass wir als Gemeinde Christi auch der Leib Christi sind (z.B. 1.Kor.12,12f.27).

Christus und wir sind eins. In uns und durch uns lebt Christus auf dieser Welt. In uns und durch uns handelt und leidet er in dieser Welt. Was für eine Ehre!

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Apostelgeschichte 8, 26-40 So sollte es sein

Was für ein Traum! So sollte es sein! So etwas wünsche ich mir auch für heute: dass Menschen von sich aus nach Gott fragen und ihn suchen. Dass sie Interesse an der Bibel haben und nur darauf warten, dass ihnen jemand auf ihre Fragen antwortet. Dass Menschen freudig auf ein Leben mit Jesus eingehen. Die Realität heute sieht leider anders aus: Viele Gemeinden versuchen alles mögliche, um auch nur eine Funken Interesse für den Glauben zu wecken. Wir bieten alles mögliche an (und oft genug biedern wir uns auch an), von gästeorientierten Gottesdiensten, über kulturelle Events bis hin zu sozialen Projekten,… und kaum einer will was davon wissen.

Machen wir etwas falsch? Hören wir zu wenig auf die Stimme des Geistes? Gibt es heute einfach nicht mehr so viel Hunger nach Gott? War die Neugierde des Kämmerers damals schon eine Ausnahme? Müssen wir uns mehr anstrengen?

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