Bonhoeffer: Nachfolge (4) – Der einfältige Gehorsam

Jesus fordert von seinen Nachfolgern einen einfältigen, wörtlichen Gehorsam. Wenn er von dem reichen Jüngling fordert, er solle all sein Besitz verkaufen, dann meint er das wirklich so. Wir heute verstehen die biblischen Gebote dagegen oft auf paradoxe Weise. Wir sagen, dass es Jesus nicht auf gesetzlichen Gehorsam ankommt, sondern auf den Glauben. Wenn Jesus nun auffordert, alles zu verkaufen, dann geht es ihm letztendlich nicht um Reichtum oder Armut, sondern um die Abhängigkeit von ihm im Glauben. Wenn ich diesen Glauben habe, dann kann ich auch als Reicher ein Nachfolger sein.

Bonhoeffer warnt vor solch einem paradoxen Verständnis: „Es ist überall dasselbe, nämlich die bewußte Aufhebung des einfältigen, wörtlichen Gehorsams.“ (S.71) Der reiche Jüngling habe nicht den Ausweg eines paradoxen Gehorsams gesucht, sondern er hat sehr gut verstanden, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: die wörtliche Befolgung oder der Ungehorsam.

Wenn Bonhoeffer hier stehen bleiben würde, dann wäre er einfach ein naiver Bibel-Fundamentalist, der dann auch konsequenterweise fordern müsste, dass jeder Christ alles verkauft und es den Armen gibt (und noch manch andere biblische Gebote müsste er unter allen Umständen wortwörtlich ausführen, wie wäre es z.B. mit dem abhacken der Hand, die einen zur Sünde verführt?)… Aber als scharf denkender Mensch sieht er durchaus, dass „das paradoxe Verständnis der Gebote […] sein christliches Recht“ (S.73) hat. Denn „es hängt letzten Endes gar nichts an dieser oder jener Tat des Menschen, sondern es hängt alles an dem Glauben an Jesus als den Sohn Gottes und Mittler. Es hängt letzten Endes allerdings nichts an Armut oder Reichtum, Ehe oder Ehelosigkeit, Beruf oder Nicht-Beruf, sondern es hängt alles am Glauben.“ (S.72)

Aber Bonhoeffer wehrt sich mit Vehemenz dagegen, dass das paraodoxe Verständnis der Gebote zur bequemen Ausflucht wird, mit dem ich jederlei Anspruch Jesu leichtfertig abwehren kann. Deshalb hält er es für notwendig, „daß das paradoxe Verständnis des Gebotes Jesu das einfältige Verständnis einschließt“ (S.75). Nur wer „an irgendeinem Punkt seines Lebens mit dem einfältigen Verständnis schon ernstgemacht hat, der so in der Gemeinschaft Jesu, in der Nachfolge, in der Erwartung des Endes steht“ (S.73), der kann sich über die Möglichkeit einer paradoxen Auslegung Gedanken machen.

Das ist leider etwas schwammig formuliert („an irgendeinem Punkt seines Lebens“), aber ich versteht es in die Richtung, dass man nicht von vornherein und grundsätzlich alle Gebote Jesu durch ein paradoxes Verständnis (es kommt eigentlich auf die Absicht des Gebotes an, auf den Glauben und nicht auf die wörtliche Erfüllung) abmildern kann. Es geht zunächst immer um einen einfältigen Gehorsam und erst in einem zweiten Schritt kann ich mir über ein paradoxes Verständnis Gedanken machen.

Bonhoeffer stellt dann noch klar, dass für ihn einfältiger Gehorsam nicht bedeutet, „uns mit den von Jesus Gerufenen unmittelbar zu identifizieren“ (S.74). Der einfältige Gehorsam entbindet uns nicht von einer Auslegung und Interpretation des Textes (in der Theologie wird dieser Vorgang „Hermeneutik“ genannt): „Einfältiger Gehorsam wäre also hermeneutisch mißverstanden, wenn wir in direkter Gleichzeitigkeit mit dem Gerufenen handeln und nachfolgen wollten.“ (S.75) Nicht jeder ist einfach gleichzusetzen mit dem reichen Jüngling und muss als Nachfolger alles verkaufen. Aber auf der anderen Seite sollte auch nicht jeder für sich gleich von vornherein ausschließen, dass Jesus auch an ihn ähnlich harte Forderungen stellt, wie an den reichen Jüngling.

Ich verstehe Bonhoeffers Anliegen: Er will kein liberales wegtheologisieren des harten Anspruches des Nachfolge. Das finde ich gut und wichtig, auch und gerade heute! Zugleich will er jedoch auch nicht einfach ein platter Bibelfundamentalist sein, der auf jegliche Auslegung verzichtet und bei dem Nachfolge dann ziemlich willkürlich wird (je nachdem welche Bibelstelle er jetzt gerade wörtlich befolgt). Auch das ist gut und wichtig, auch heute! Aber für mich bleibt schwammig, wann denn jetzt konkret einfältiger Gehorsam gefragt ist, wie weit man Bibeltexte für solchen Gehorsam interpretieren darf und was der Maßstab ist, für die Möglichkeit eines paradoxen Verständnisses von Geboten. Aber von der konkreten Anwendung dieser grundsätzlichen Abgrenzungen wird sicher noch etwas im restlichen Buch deutlich werden…

Bonhoeffer: Nachfolge (3) – Der Ruf in die Nachfolge

Unglaublich, wie Bonhoeffer einige bekannte Bibelstellen zitiert, sie dann mit wenigen, aber präzisen Sätzen analysiert und sie dadurch in ein völlig neues Licht führt. Man kann sicher über die eine oder andere Auslegung streiten, aber Bonhoeffer schafft es, altbekannte Bibeltexte wieder neu lebendig werden zu lassen. Er schafft es, die Texte so anzugehen, dass nicht wir die Texte lesen und deuten, sondern die Texte uns mit ihrer ganzen Wucht treffen und hinterfragen.

Den ersten Bibeltext, den Bonhoeffer in diesem Kapitel behandelt ist die Berufung des Levi (Mk.2,14): Jesus „sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.“ Jeder Bibelleser stolpert über die Kürze und Unmittelbarkeit, mit der hier der Ruf in die Nachfolge geschildert wird. Gewöhnlich versucht man in der Auslegung oder als Prediger hier zu erklären oder die radikale Reaktion des Levi einsichtig zu machen. Bonhoeffer tut das Gegenteil. Er sagt: Die Kürze ist gerade der Punkt dabei, es liegt „ja gerade alles an dem gänzlich unvermittelten Gegenüber von Ruf und Tat“ (S.45).

Hier wird das Wesen der Nachfolge auf Schärfste deutlich. Nachfolge ist nicht durch ihren Inhalt geprägt, nicht durch bestimmte Glaubenssätze, sondern sie „ist etwas schlechthin Inhaltsloses“ (S.46). Nachfolge ist „Bindung an Jesus Christus allein“ (S.47). Daneben gibt es keinen anderen Inhalt, Jesus selbst ist der Inhalt. Jesus ruft und der Jünger folgt. Sonst nichts!

Als nächstes beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Frage nach dem freien Willen. Kann der Mensch sich von sich aus für den Glauben bzw. für die Nachfolge entscheiden? Oder ist das nicht immer schon ein Wirken der Gnade Gottes, wenn ein Mensch glauben kann? Bonhoeffer spricht von einem notwendigen ersten Schritt des Menschen, der ihn in eine Situation führt, in der er glauben kann. Das ist eine sehr feine Unterscheidung, die Bonhoeffer hier macht.

Hier gibt es ja zwei Extreme. Erstens: die Betonung der Gnade; alles ist Gnade und der Mensch kann absolut nichts zu seinem Heil beitragen, ja er darf es nicht einmal, weil Gott alles schenkt. Auch den Glauben schenkt er, den kann sich kein Mensch selbst erarbeiten und verdienen. Zweitens: Die Betonung des freien Willens: Der Mensch kann sich selbst für oder gegen Gott entscheiden. Der Mensch ist für seine Entscheidung verantwortlich, denn sonst könnte Gott ja nicht die bestrafen, die sich gegen ihn entschieden haben.

Bonhoeffer sagt, dass der Mensch einen ersten Schritt des Gehorsams tun muss. Dafür kann er sich entscheiden, dazu hat er die Freiheit. Aber dieser erste Schritt allein hat noch nichts mit Glauben zu tun, er ist einfach Gehorsam gegen den Ruf Jesu. Als äußerliches Tun ist er ein „totes Werk des Gesetzes“ (S.54). Aber dieser Schritt ist notwendig, um uns „in die Situation des Glaubenkönnens hinein“ (S.55) zu führen. Zugespitzt heißt das: „erst muß der Schritt des Gehorsams getan sein, ehe geglaubt werden kann.“ (S.55)

Bonhoeffer betont in seinen Ausführungen vor allem diesen ersten Gehorsamsschritt des Menschen (gegen einen all zu flachen und bequemen Gebrauch von Luthers „allein aus Gnaden“). Aber insgesamt hält er an der Richtigkeit von beiden Extrempositionen fest. Er macht dies an zwei Sätzen deutlich, die für ihn „in gleicher Weise wahr sind: Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“ (S.52) „Nur der Glaubende ist gehorsam“: das ist sola gratia pur – Gott schenkt allein aus Gnade den Glauben und erst dann kann der Mensch auch gehorsam sein. „Nur der Gehorsame glaubt“: das ist für sich genommen eigentlich Werkgerechtigkeit – erst durch die Gehorsamsleistung des Menschen ist Glaube ermöglicht.

Für Bonhoeffer ist Glaube und Gehorsam eine „unauflösliche Einheit“ (S.53). Nur wenn an der Wahrheit von beiden Sätzen festgehalten wird, ist Nachfolge richtig zu verstehen. Nachfolge ist allein durch von Gott gnädig geschenkten Glauben möglich und doch gilt zugleich, dass der Mensch mit seinen menschlichen Möglichkeiten gegenüber dem Ruf Jesu gehorsam sein muss, um zur Nachfolge zu gelangen.

Bonhoeffer zeigt dann noch an der Geschichte vom reichen Jüngling auf, dass dieser Gehorsam des Menschen durch ein einfältiges Tun gekennzeichnet ist und nicht durch ein zwiefältiges Denken (S.62). Die einzig mögliche Reaktion auf den Ruf Jesu (und damit implizit auch gegenüber den Geboten Gottes) ist der Gehorsam, das Tun und nicht die Diskussion und die Hinterfragung, wie das denn genau gemeint ist.

Auch in diesem Kapitel wird deutlich, dass sich Bonhoeffer gegen eine weichgespülte lutherische Theologie wehrt. Luther hat in Auseinandersetzung mit der Werkgerechtigkeit der damaligen katholischen Kirche die Gnade Gottes betont: Allein die Gnade! Bonhoeffer sagt, dass Luther dabei aber immer auch die andere Seite noch im Hinterkopf hatte: Gottes Forderung an den Menschen, auf welche wir nur mit Gehorsam antworten können – natürlich führt dieser Gehorsam nicht zum Heil, aber er ist genau so notwendig, wie die Gnade.

Da steckt viel drin, in diesem Kapitel. Stoff zum Nachdenken, Sätze, die provozieren. Mir gefällt es, wie Bonhoeffer gegen eine harmlos und bequem gewordene lutherische Theologie kämpft, ohne dabei gesetzlich zu werden. Das ist ja bis heute ein Zwiespalt: auf der einen Seite die Weite der evangelischen Landeskirche, die die Gnade so sehr betont, dass der Mensch gar nichts mehr machen muss (und dann darüber staunt, dass die Menschen das ernst nehmen und auch nichts mehr tun, nicht einmal mehr zum Gottesdienst kommen…). Und auf der anderen Seite ein verbissener Aktionismus bei Evangelikalen und Pfingstlern, die meinen den echten Glauben durch genügend Einsatz erzwingen zu können (und die dann alle verteufeln, bei denen ihre Bemühungen keine Frucht bringen…).

Jeremia 43 Ich höre nur auf das was mir passt!

Nicht zu fassen: Da warten sie zehn lange Tage auf die Antwort Gottes und als sie dann kommt, wollen sie nicht darauf hören. Selbst der kleine israelitische Rest hat noch immer kein Vertrauen in Jeremia – obwohl doch seine Worte bis dahin genau so eingetroffen sind, wie er gesagt hat. Anstatt auf Jeremia zu hören und nicht nach Ägypten zu fliehen sagen sie: „Du lügst!“ (V.2) Es wird deutlich, dass sie nur gehorsam sein wollen, wenn ihnen die Antwort Gottes in den Kram passt.

Es ist zum verzweifeln. Der Frust bei Jeremia muss grenzenlos sein: „Warum denn überhaupt predigen, wenn sowieso niemand darauf hört?! Ein ganzes Leben lang gebe ich das Wort Gottes weiter – und selbst jetzt, nachdem alle gesehen haben, dass ich Recht hatte, selbst jetzt wollen sie nicht hören!“ Aber es nützt nichts. Die restlichen Israeliten wollen nach Ägypten fliehen. Übrigens fiel nur wenige Jahre später (568 v. Chr.) der babylonische König Nebukadnezar in Ägypten ein… Bibeltext

Jeremia 40 Seiner Stimme nicht gehorcht

Das ist schon tragisch! Der babylonische Offizier versteht sofort was hier passiert ist: „Der HERR, dein Gott, hat dies Unglück über diese Stätte vorhergesagt und hat’s auch kommen lassen und getan, wie er geredet hat; denn ihr habt gesündigt wider den HERRN und seiner Stimme nicht gehorcht; darum ist euch solches widerfahren.“ (V.2) Das ist genau das, was Jeremia die ganze Zeit gepredigt hat und was seine Landsleute nicht wahrhaben wollten.

Sie haben es ganz einfach nicht glauben können, dass Gott so etwas zulässt, dass er den Feind triumphieren lässt und seinem Volk solch eine Niederlage zumutet. Inzwischen dürfte es auch ihnen dämmern, dass Jeremia und dieser babylonische Soldat Recht hatten. Besser spät als nie!
Bibeltext

Jeremia 38 Hörprobleme

Auch in diesem Kapitel wird noch mal die Zerrissenheit von König Zedekia deutlich. Einerseits lässt er zu, dass seine Oberen (seine Ratgeber und Minister) Jeremia in die Zisterne werfen (wo ihn der sichere Tod erwartet). Andererseits lässt er Jeremia dann heimlich aus der Zisterne retten. Er sucht auch noch einmal das Gespräch mit Jeremia und will hören, was Gott zu sagen hat. Aber er hört wieder nur die gleiche Botschaft, die ihm Jeremia schon zwei mal vorher gesagt hat: Wenn sich der König ergibt und in die Hände der Babylonier begibt, dann kommt er mit dem Leben davon und Jerusalem wird verschont.

Interessant wie Zedekia immer wieder zu Jeremia kommt und Gottes Wort hören möchte. Wahrscheinlich hofft er jedes mal, dass Jeremia etwas anderes und für ihn angenehmeres zu sagen hat. Diese Tendenz scheint in uns Menschen drin zu stecken. So wie ein Kind oft bei seinen Eltern nur das hört, was es hören will, so kommen wir oft zu Gott und sind nur offen und hörbereit für die Worte, die für uns angenehm sind. Wenn wir das nicht hören, schließen wir unsere Ohren und Herzen und fragen einfach von Neuem, was der Herr uns zu sagen hat.

„Herr, hilf mir Deine Stimme zu hören und ihr gehorsam zu sein.“
Bibeltext

Jeremia 35 Willst du?

Ein Wort ist mir in diesem Kapitel besonders aufgefallen: das Wort „wollen“. Es geht in dem Kapitel um den Gehorsam gegenüber Gott. Dieser Gehorsam wird an mehreren Stellen mit dem Willen verknüpft. Z.B. V.13: „Wollt ihr euch denn nicht bessern und meinen Worten gehorchen?“ Immer wieder hat Gott versucht, zu seinem Volk zu sprechen, aber sie wollten ihm ihre Ohren nicht zuwenden (V.15).

Beim Gehorsam ist das der erste und wichtigste Schritt: das Wollen. Es kommt nicht zuerst auf das Können an. Niemand (außer Jesus selbst) kann Gottes Geboten völlig gehorsam sein. Die entscheidende Frage ist aber: Will ich es versuchen? Mir ist klar, es wird schief gehen, aber ich will von ganzem Herzen gehorsam sein, auf das Wort Gottes hören.

Übrigens ist es in diesem Kapitel mal wieder herrlich zu beobachten, wie Jeremia Gottes Wort richtig anschaulich macht. Von ihm sind viele Zeichenhandlungen überliefert. Auch hier predigt er nicht nur oder schreibt seine Erfahrungen in einem Blog auf ;), nein er macht Gehorsam am Beispiel der Rehabiter deutlich und anschaulich. Er stellt sie seinen Landsleuten vor Augen, sie können an ihnen Gehorsam sehen und erleben.
Bibeltext

Jeremia 34 Nichts dazu gelernt

Ja gibt’s denn so was?! Da kann man doch nur mit dem Kopf schütteln! Endlich ringen sich die Israeliten mal dazu durch, Gott zu gehorchen und lassen ihre Sklaven frei – und dann vermasseln sie kurz darauf wieder alles. Der Hintergrund: Seit der Befreiung aus Ägypten gab es eigentlich eine Abmachung (einen Bund) zwischen Gott und seinem Volk, dass die Israeliten in jedem siebten Jahr ihre Sklaven aus dem eigenen Volk freilassen sollten. Leider haben sich die Israeliten nicht lange daran gehalten.

Angesichts der konkreten Bedrohung durch die Babylonier kam wohl einigen die Idee, dass es vielleicht ganz gut wäre, diese alten Abmachungen wieder einzuhalten – sozusagen um Gott milde zu stimmen. Feierlich wurde dieser Bund im Tempel neu geschlossen und die Sklaven freigelassen. Und – oh Wunder! – der „Trick“ schien tatsächlich „funktioniert“ zu haben: Das Heer des Feindes war abgezogen. Aber anstatt Gott zu danken und ihm auch auf anderen Gebieten wieder neu gehorsam zu sein, ist das erste was die Israeliten tun, dass sie ihre freigelassenen Sklaven wieder einsammeln und sie erneut versklaven! Nichts dazu gelernt! (Der Abzug der Babylonier war dann übrigens nur ein zeitweiliger. Sie kamen mit einem neuen Heer zurück und machten Jerusalem platt.)

Ich fürchte, dass auch wir Heutigen nicht so viel dazu gelernt haben. Auch wir versuchen oft – bewusst oder unbewusst – Gott aus zu tricksen und ihn zu manipulieren. Auch wir meinen viel zu oft uns durch gute Taten Gottes Belohnung erarbeiten zu können („Wenn ich genug Bibel lese und bete, wenn ich genug Geld spende, wenn ich nett genug zu meinem Nächsten bin, wenn mein Leben missionarische Ausstrahlung hat… dann wird Gott mich doch dafür segnen, oder nicht?!“). Das ist natürlich nicht immer so offensichtlich, wie in diesem Fall bei den Israeliten. Aber ähnliches Verhalten und Denken (nur subtiler und unterm frommen Deckmäntelchen) entdecke ich viel zu oft bei mir selbst und anderen. Die Kunst ist, Gott zu gehorchen, auch dann wenn es mir scheinbar nichts einbringt!
Bibeltext

Jeremia 13, 1-11 Seltsame Aufträge

Gott hat manchmal schon seltsame Ideen. Jeremia bekommt von Gott den Auftrag einen leinenen Gürtel zu kaufen. Warum wird nicht gesagt – und Jeremia fragt auch nicht nach, er tut es einfach. Dann bekommt er irgendwann den zweiten Auftrag: Er soll diesen Gürtel an einem Fluss (im Text wird der Euphrat genannt, aber das ist sicher eine Anspielung auf die spätere Gefangenschaft in Babylon) in einer Felsspalte verstecken. Und dann passiert lange Zeit gar nichts. Erst sehr viel später sagt Gott ihm, dass er den Gürtel holen soll. Der ist natürlich halb verrottet und zu nichts mehr zu gebrauchen. Dann erst kommt die Pointe: So wie diesem Gürtel wird es auch dem Volk gehen, wenn sie nicht auf Gottes Worte hören.

Ich weiß ja nicht, wie deutlich Jeremia die Worte Gottes gehört hat. War es mehr eine innere Stimme, ein „Eindruck“, oder waren es richtige Worte, die er gehört hat? Ist auch egal, er muss sich auf jeden Fall sicher gewesen sein, dass es von Gott kommt. Wenn ich mir das für mich selbst vorstelle: Gott spricht (auf welche Weise auch immer) zu mir: Kauf dir einen Gürtel. Und dann sagt er, dass ich diesen Gürtel irgendwo verstecken soll. Ich glaube ich würde zehnmal eher damit rechnen, dass ich durchgeknallt bin und dass ich Halluzinationen habe, als dass da wirklich Gott zu mir gesprochen hat. Wenn Gott spricht, dann geht’s doch normalerweise nicht um solch komischen und alltäglichen Sachen, wie der Kauf von Kleidungsstücken! Erst im Nachhinein und weil Jeremia gehorsam war, hat sich heraus gestellt, wofür das gut war. Vertrauen lohnt sich – auch wenn uns Gottes Wege manchmal sehr seltsam vorkommen.
Bibeltext

Jeremia 7, 1-15 Wortklaubereien

In V. 3 ist eine der wenigen Stellen, an der unterschiedliche Bibelübersetzungen aufgrund unterschiedlicher Handschriften auch unterschiedlich übersetzen. Wir haben ja heute nicht mehr die Originalhandschriften von Jeremia vorliegen (bzw. von seinem Schreiber Baruch), sondern wir haben Abschriften von Abschriften von Abschriften… und wir haben Abschriften von früheren Übersetzungen der Texte. Da schleichen sich natürlich immer wieder auch Fehler beim Abschreiben ein. Erstaunlich ist bei diesem ganzen Abgeschreibsel, dass es nur so wenige Stellen in der Bibel gibt, an denen man sich tatsächlich nicht ganz sicher ist, wie das Original lautete.

Hier in V.3 folgt Luther und auch die Einheitsübersetzung einer alten griechischen sowie der lateinischen Übersetzung des Textes. Dort steht, dass Gott an diesem Ort (dem Tempel in Jerusalem) wohnen wird, wenn die Israeliten ihr Leben und Tun verändern. Die meisten anderen Übersetzungen folgen den hebräischen Handschriften, die hier schreiben, dass Israel an diesem Ort (Jerusalem) wohnen bleiben darf, wenn sie sich verändern. Macht jetzt aber keinen großen Unterschied, denn das wichtigste ist ja die Aufforderung, dass die Zuhörer ihr Leben und Handeln verändern sollen.

Das zeigt mir mal wieder, dass es Gott nicht um den äußeren Buchstaben geht, denn sonst hätte er irgendwie für einen einheitlichen Text gesorgt. Es geht um die Bedeutung der Texte und darum diesen Sinn der Bibel im Leben auch umzusetzen (und nicht um irgendwelche Wortklaubereien). So wie es zur Zeit Jeremias auch nicht um den äußerlich sichtbaren Tempel ging (und einer falschen Selbstverständlichkeit von Gottes Gegenwart im Tempel), sondern um ein Leben, das der Gegenwart Gottes auch entspricht. Wenn das praktische Leben nicht stimmt, dann nützt der schönste Tempel nichts…
Bibeltext

1. Petrus 2, 18-20 – Leiden als Gnade

Seltsame Gedanken: Die Sklaven werden aufgefordert, sich in aller Furcht ihren Herren unterzuordnen. Ist es in der Bibel nicht gerade die große Befreiungstat Gottes, dass er sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat? Gott will doch den Menschen innerlich und äußerlich frei machen, oer nicht? Warum wird hier mit dieser Aufforderung die Sklaverei akzeptiert und durch geduldiges Ertragen auch noch gestärkt?

Und ähnlich fremdartig für unsere modernen Ohren: Es ist eine Gnade, wenn jemand „um guter Taten willen leidet“. Wir sehen’s doch als Gnade an, wenn’s uns gut geht, wir gesund sind und wir nicht leiden müssen. Leiden als Gnade anzusehen – da muss ganz schön viel passieren bei einem normalen Menschen… Natürlich muss man dazu sagen, dass es nicht allgemein um alles Leid geht, sondern das Leide um des Gewissens willen und um guter Taten willen (wobei ich mich frage, was das mit den Sklaven zu tun haben soll? Ist es eine gute Tat, wenn man seinem unfreundlichen und wunderlichen Sklavenhalter gehorsam ist?!?) . Im folgenden Abschnitt wird ein bisschen deutlicher, warum Leiden Gnade sein kann, aber es ist auch mal gut, wenn uns ein Gedanke der Bibel erst mal quer im Hals stecken bleibt und wir ’ne Weile brauchen, um das herunter zu schlucken. Vielleicht nehmen’s wir dann ernster, wie wenn wir nur schnell drüber hinweg lesen…Bibeltext