Römer 16, 17-27: Gehorsam des Glaubens

Bei dem Text bin ich vor allem an dem Ausdruck „Gehorsam des Glaubens“ (V.26) hängen geblieben. Das ist in unsren Ohren eine eher ungewöhnliche Verbindung. Gehorsam klingt für uns eher einschränkend und entmündigend. Gehorsam weckt nicht unbedingt nur positive Assoziationen. Gehorsam klingt eher nach einer menschlichen Willensanstrengung oder nach etwas erzwungenem. Glaube dagegen verbinden wir eher mit etwas Befreiendem. Glaube verbinden wir mit Gefühlen oder mit einem innerlichen Überzeugtsein. Glaube kann man nicht von außen oder auch bei sich selbst erzwingen – Gehorsam schon.

Und doch wird hier beides verbunden: Glaube und Gehorsam. Damit wird nicht gesagt, dass beides das Gleiche ist. Es ergänzt sich eher gegenseitig. Der Schwerpunkt in diesem Ausdruck liegt für mich im Begriff Glauben. Aber die Ergänzung Gehorsam verdeutlicht, dass zum innerlichen Überzeugtsein des Glaubens auch der konkrete Gehorsam gegenüber Gott kommen muss. Glaube umfasst den ganzen Menschen und ist mehr als ein schönes Gefühl der Geborgenheit.

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Richter 11 Ein bescheuertes Gelübde

Was für ein bescheuertes Gelübde! Und das von jemand, von dem ausdrücklich gesagt wird, dass der Geist Gottes auf ihn kam (V.29). Jeftah gelobt Gott das erste was ihm aus seinem Haus entgegen kommt zu opfern, wenn Gott ihm den Sieg gegen die Ammoniter schenkt. Jeftah siegt und zur Begrüßung kommt ihm seine Tochter, sein einziges Kind entgegen… Warum nicht einfach einen Stier opfern? Rechnet Jeftah gar nicht mit der Möglichkeit, dass ihm ein Mensch entgegenkommen könnte? Warum ist er an dieses Gelübde gebunden, obwohl es doch offensichtlich gegen Gottes Gebot verstößt (vgl. z.B. Deut. 12,31; Jer. 19,5)?

Ganze Hingabe und scheinbar eifriger Gehorsam gegenüber Gott schützt nicht vor Fehlern. So manches mal kann der Eifer für Gott auch übers Ziel hinaus schießen. Das heißt nicht, dass weniger Hingabe an Gott besser ist. Das heißt aber, dass selbst wenn ich mich vom Geist Gottes erfüllt fühle, ich mit meiner eigenen Fehlerhaftigkeit rechnen muss. Selbst wenn Gott mich gebraucht um feindliche Mächte zu schlagen, bleibe ich ein unvollkommener Mensch, der vielleicht gerade im frommen Eifer falsche Entscheidungen trifft.

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Josua 24 Willst du?

Das letzte Kapitel des Josuabuches. Es geht zum Abschluss noch einmal um die alles entscheidende Frage: Wollt ihr Gott vertrauen und ihm gehorsam sein oder wollt ihr euer Vertrauen auf andere Götter setzen? Nicht das Land ist letztendlich entscheidend, sondern das Vertrauen auf Gott. Josua sagt pointiert: „Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ (V.15)

Erstaunlich ist, dass Josua überhaupt diese Frage stellen muss. Und aus dem Text wird ersichtlich, dass er sie ernsthaft stellt. Er rechnet damit, dass auch jetzt noch fremde Götter verehrt werden (V.23)! Da ist Israel seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten mit Gott unterwegs und trotzdem muss diese Frage immer wieder neu gestellt werden: Will du Gott folgen oder nicht? Da haben sie wunderbare Dinge mit Gott erlebt und trotzdem ist die reale Gefahr da, dass sie ihr Herz an andere Götter hängen.

Das ist wohl auch bei uns so: Selbst wenn wir seit Jahrzehnten ein Leben mit Gott führen, müssen wir uns immer wieder neu fragen: Will ich diesem Gott wirklich vertrauen? Glaube darf nicht zur oberflächlichen Gewohnheit werden, sondern muss immer wieder neu bewusst gewollt werden.

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Bonhoeffer: Nachfolge (16) – Die Einfalt des sorglosen Lebens

Für Bonhoeffer hat das Wort „Einfalt“ noch einen sehr positiven Klang (vgl. auch das Kapitel: „Der einfältige Gehorsam“). Für uns heute ist ein einfältiger Mensch entweder etwas naiv und gutmütig oder sogar „geistig beschränkt“ und „nicht sehr schlau“ (de.wiktionary.org). Das Einfältige des christlichen Lebens liegt für Bonhoeffer in einer geradlinigen und bewusst schlichten Ausrichtung auf Jesus Christus: „Das Leben des Nachfolgenden bewährt sich darin, dass nichts zwischen Christus und ihn tritt.“ (S.167) Wer einfältig auf Jesus vertraut, ist nicht geistig beschränkt, sondern hat das Wesentliche, den Kern seines Lebens begriffen und lässt sich durch nichts davon abbringen.

Die Einfalt des sorglosen Lebens besteht darin, sein Herz nicht von den Gütern der Welt von Christus ablenken zu lassen (S. 167). Dabei ist für die Nachfolger zu beachten: „Nicht den Gebrauch der Güter versagt ihnen Jesus. […] Dazu sind Güter gegeben, dass sie gebraucht werden; aber nicht dazu, dass sie gesammelt werden.“ (S.168).

Wo verläuft aber die Grenze zwischen einem legitimen Gebrauch von Gütern und einem Gebrauch der sich zwischen Jesus und Nachfolger stellt? Bonhoeffer sagt: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Schatz, dann ist die Antwort schon gegeben. […] Alles, was dich hindert, Gott über alle Dinge zu lieben, alles was zwischen dich und deinen Gehorsam gegen Jesus tritt, ist der Schatz, an dem dein Herz hängt.“ (S. 169) Gegenüber Gott gibt es nicht ein bisschen Glaube und daneben noch ein bisschen Welt. Es gibt nur das Entweder-Oder. Es gibt nur die Einfalt des Herzens: entweder ganz auf Gott ausgerichtet sein, oder gar nicht. „Entweder du liebst Gott oder du liebst die Güter der Welt.“ (S.170) Das Herz kann nicht zwei Herren dienen!

Diese einfältige Ausrichtung auf Gott ist richtig verstanden eine Befreiung. Sie befreit uns von falscher Sorge. Dazu ein genialer Satz von Bonhoeffer: „Sorget nicht! Die Güter spiegeln dem menschlichen Herzen vor, ihm Sicherheit und Sorglosigkeit zu geben; aber in Wahrheit verursachen sie gerade erst die Sorge. […] Wir wollen durch Sorge sorglos werden; aber in Wahrheit erweist sich das Gegenteil.“ (S. 171) Echte Sorglosigkeit verschaffen nicht die Güter dieser Welt, sondern der Glaube an Jesus Christus.

Wieder einmal bringt Bonhoeffer die Provokation der Bergpredigt auf den Punkt. Gegen Ende des Kapitels charakterisiert er die Einfalt des sorglosen Lebens folgendermaßen: Sie „ist entweder eine unerträgliche Last, ein unmögliche Vernichtung der menschlichen Existenz […] – oder aber es ist das Evangelium selbst, das ganz froh und ganz frei macht.“ (S. 174)

Diese Gegenüberstellung kann ich sehr gut nachvollziehen. Sowohl bei der Bergpredigt, als auch bei den Worten Bonhoeffers regt sich bei mir innerlicher Widerspruch: So kann man doch nicht leben, das ist doch utopisch, kein Mensch schafft es, sich ganz allein auf Christus auszurichten und sich um nichts anderes mehr Sorgen zu machen. Wenn ich diese Einfalt des sorglosen Lebens als Forderung empfinde, dann muss ich wahrlich daran verzweifeln, dann muss ich mir unendlich viele Sorgen darüber machen, wie ich diese Einfalt je erreichen soll. Wenn ich es aber als Evangelium, als Zuspruch höre, dann ist es wahrlich befreiend, dann ist es erlösend und freudig. „Nicht von dem, was der Mensch soll und nicht kann, spricht Jesus, sondern von dem, was Gott uns geschenkt hat und noch verheißt.“ (S. 174)

Exodus 36, 8-38 Gründlicher Gehorsam

Und noch einmal geht’s um die Stiftshütte… Das muss für manche ganz schön wichtig gewesen sein, sonst würde es nicht so oft und ausführlich in der Überlieferung auftauchen. Dieses mal wird berichtet, wie das Zelt genau nach den Vorgaben (Ex. 26) errichtet wurde.

Was mir aufgefallen ist: Es wird ausführlich wiederholt und aufgezählt, was vorher schon ausführlich aus Auftrag formuliert wurde. Einfacher wäre es gewesen zu schreiben: „Die Kunsthandwerker erstellten die Stiftshütte genau nach den Vorgaben (siehe oben).“ Hätte eine Menge Zeit und kostbares Schreibpapier gespart. Und es wäre inhaltlich dasselbe gewesen. Aber es war offensichtlich wichtig, diese genaue Ausführung auch noch einmal zu formulieren. Damit wird der Gehorsam betont: Wir halten uns genau an Gottes Wort. Es wird betont, dass dieser Gehorsam nicht schnell und oberflächlich ist, sondern gewissenhaft und gründlich.

Vielleicht würde es auch uns gut tun, nicht einfach zu sagen: „Ja, Herr, ich tue alles genau so wie du gesagt hast“, sondern Gottes Worte zu wiederholen und sie einzeln in unserem Leben durch zu buchstabieren. Vielleicht sind wir manchmal zu schnell und oberflächlich in unserem Gehorsam. Statt dessen sollten wir uns die Zeit nehmen, uns alles noch einmal Wort für Wort vor Augen zu führen und erst dann, Schritt für Schritt, an die Umsetzung zu gehen.

Exodus 20 Vor allen Geboten

Die zehn Gebote! Dazu könnte man viel schreiben. Wie immer will ich keine Auslegung schreiben, sondern einige Gedanken. Was mir heute beim Lesen aufgefallen ist, war der Beginn: Vor allen Geboten und Verboten steht eine Tat Gottes: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (V.2) Vor allem Gehorsam steht die Errettung und Befreiung. Vor allem menschlichen Handeln steht das Handeln Gottes.

Das nimmt den biblischen Geboten nicht den Ernst, aber es wird schon hier deutlich, dass es nicht darum geht, sich mit Gehorsamkeit gegenüber Gott die Errettung zu verdienen. Gott rettet zuerst sein Volk und gibt ihm dann die Gebote. Die Gebote sind nicht da, um uns neu zu versklaven, sondern sie dienen dazu die Freiheit zu bewahren. Gott ist der Gott, der aus der Knechtschaft befreit – das steht vor allen Anforderungen an den Menschen. Vor diesem Hintergrund sind die Gebote zu lesen.

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Bonhoeffer: Nachfolge (11) – Die Wahrhaftigkeit – Die Vergeltung

In dem Kapitel zur Wahrhaftigkeit geht um das Schwören eines Eides. Ein Eid ist „die öffentliche Anrufung Gottes als Zeugen für eine Aussage.“ (S.130) Die Grundabsicht der Anweisung Jesu für seine Nachfolger ist klar: „Jedes seiner Worte soll nichts als Wahrheit sein, so dass keines der Bestätigung durch den Schwur bedürfe.“ (S.131) Es geht um ein Leben in der Wahrhaftigkeit – ganz unabhängig von Schwurformeln.

Nachdem Bonhoeffer bis jetzt vor allem in geradezu provozierender Weise den einfältigen Gehorsam betont hat, taucht hier zum ersten mal so etwas wie eine Differenzierung je nach Einzelfall auf: „Wo gerade um der Wahrhaftigkeit willen der Eid zu leisten ist, ist nicht generell zu entscheiden, sondern wird vom Einzelnen entschieden werden müssen.“ (S.132) Es geht hier um die Frage, wie sich der Christ konkret verhalten soll, wenn er von anderen zu einem Eid aufgefordert wird. Hier will Bonhoeffer keine rein wörtliche Befolgung des Gebotes, sondern ein an der Wahrhaftigkeit orientiertes Entscheiden für den Einzelfall.

Wobei er sich dann gleich mit dem Treueid auseinandersetzt, den zur Zeit des dritten Reiches Geistliche und Beamten gegenüber Hitler leisten mussten. Hier bezieht er klar Stellung: „Es gibt für den Christen keine absolut irdische Bindung.“ (S.132) Solch einen Treueid kann ein Christ nur unter dem Vorbehalt des Willen Gottes leisten, wird dieser Vorbehalt nicht anerkannt, „so kann der Eid nicht geleistet werden.“ (S.133)

Mir ist etwas schleierhaft warum Bonhoeffer ausgerechnet an dieser Stelle recht vorsichtig formuliert und davon spricht, dass man beim Eid keine generelle Entscheidung treffen kann. Bis dahin hat er ja keineswegs mit vorsichtiger und überdifferenzierter Auslegung geglänzt. Die Differenzierung in der reformatorischen Theologie zu diesem Thema kann nicht der Grund sein, denn an anderen Stelle bezieht Bonhoeffer auch ganz klar Stellung gegen manche Aussagen aus reformatorischer Tradition. Denkt er an den konkreten Fall, wenn man vor Gericht einen Eid schwören muss? Ist es in dem Fall erlaubt, weil man damit der Wahrhaftigkeit dient?

Im nächsten Kapitel von der Vergeltung wird es dann schon wieder fast unerträglich radikal. Das Böse kann nur überwunden werden, indem man ihm keinen, aber auch nicht den geringsten Widerstand entgegensetzt. Bonhoeffer versteigt sich zu Aussagen wie: „Vergewaltigung wird darin gerichtet, dass ihr keine Gewalt entgegentritt.“ (S.136) Das heißt für ihn nicht, dass das Böse nicht als Böse benannt werden darf – das schon – aber überwunden wird es nur im erleiden und erdulden.

Die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht, wischt Bonhoeffer beiseite: Jesus kannte solch eine Unterscheidung nicht (S.137)

Nun gibt Bonhoeffer selbst zu, dass diese Sätze nicht als „ein allgemeines ethisches Programm“ (S.138) verstanden werden könnten. Aber wie dann? Immer wieder stoße ich bei Bonhoeffers Nachfolge an diesen Punkt: Seine Aussagen sind keine dogmatischen Aussagen, ich kann daraus kein theologisch schlüssiges Lehrgebäude machen, ich kann daraus keine praktisch lebbare Ethik entwickeln. Auch für die Seelsorge sind sie in ihrer Radikalität nur bedingt zu gebrauchen. Für Dogmatik, Ethik und Seelsorge sind seine Sätze ganz einfach zu steil.

Ich denke es geht Bonhoeffer darum, ganz grundlegende existentielle Aussagen zu machen. Er will den Anspruch Jesu, den Anspruch an die Nachfolger, auf die existentielle Spitze treiben. Mit dieser Zuspitzung kann ich keine Dogmatik betreiben, damit kann ich nur in herunter gebrochener Form Seelsorge betreiben. Er sagt es selbst: „Hier redet ja nicht ein Programmatiker, sondern hier redet“ (S.139) Jesus Christus, der am Kreuz durch die Niederlage hindurch, durch das Erleiden hindurch das Böse überwunden hat. „Im Kreuz allein ist es wahr und wirklich, dass die Vergeltung und Überwindung des Bösen die leidende Liebe ist.“ (S.139)

Aber was ist, wenn ich diese grundlegenden existentiellen Aussagen auf konkrete ethische Entscheidungen im Alltag herunter brechen muss? Dann ist nicht mehr alles so einfach und eindeutig, wie es sich bei Bonhoeffer anhört. Wie ist es z.B. mit dem Polizisten, der Verantwortung für andere übernommen hat und nun wählen muss: Tue ich dem Gewalttäter Gewalt an, um die Schwachen zu schützen oder leide ich mit dem Schwachen, um das Böse durch leidende Liebe zu überwinden? Wie ist das z.B. mit der Mutter, die mitansehen muss, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird? Sagt sie ihrem Sohn, dass er sich wehren soll, schickt sie ihm auf eine andere Schule oder sagt sie ihm, dass er das Böse nur durch Leiden wirklich besiegen kann? Hier finde ich die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht durchaus hilfreich.

Bonhoeffer: Nachfolge (10) – Der Bruder – Das Weib

Jesus zitiert in der Bergpredigt nun alttestamentliche Gebote und setzt jeweils hinzu: „Ich aber sage euch…“ Normalerweise wird das als Antithese bezeichnet. Bei Bonhoeffer taucht dieser Begriff nicht auf, er scheint ihm nicht passend zu sein. Nach dem vorherigen Abschnitt ist er überzeugt, dass Jesus sich nicht gegen das Gesetz wendet, sondern es bestärken will. Die sogenannten Antithesen sind für Bonhoeffer keine revolutionäre Neudeutung der alttestamentlichen Gebote oder eine weitere Meinung im Streit der rabbinischen Schriftauslegung, sondern „vielmehr bringt Jesus in Fortsetzung des Gesagten seine Einheit mit dem Gesetz des mosaischen Bundes zum Ausdruck.“ (S.122) Jesus wendet sich nicht gegen das Gesetz, sondern gegen ein falsches Verständnis des Gesetzes.

In konsequenter Radikalität legt Bonhoeffer das Wort vom Zorn gegenüber dem Bruder aus: „Jeder Zorn richtet sich gegen das Leben des Anderen, er gönnt ihm das Leben nicht… Der Jünger darf den Zorn überhaupt nicht kennen.“ (S.123) Bonhoeffer unterscheidet hier nicht zwischen Zorn im Affekt oder Zorn als andauernde Haltung, aber aus seinen Worten wird doch deutlich, in welcher Richtung er den Zorn versteht. Er schreibt davon, dass die Trennung vom Bruder auch von Gott trennt, dass die Verachtung des Bruders auch den Gottesdienst unwahr macht. Und zwar „solange dem Bruder der Dienst und die Liebe versagt wird, solange er der Verachtung preisgegeben bleibt…“ (S.124) Hier wird deutlich, dass es nicht um einen ersten Gefühlsausbruch geht, sondern um das Festhalten am Zorn.

Tieferer Grund für die Unmöglichkeit des Zorns gegenüber dem Bruder ist für Bonhoeffer die Menschwerdung Jesu. Jesus wurde Mensch, er wurde „unser aller Bruder“ (S.125). „Um der Menschwerdung des Sohnes Gottes willen ist Gottesdienst vom Bruderdienst nicht mehr zu lösen.“ (S.125) Ja sogar: „In Jesus wurde Dienst am geringen Bruder und Gottesdienst eins.“ (S.125) Wer sich durch den Zorn vom Bruder trennt, der trennt sich damit selbst auch von Gott.

In der Bergpredigt sagt Jesus dann als weiteres, dass der Ehebruch schon beim begehrlichen Blick beginnt. Bonhoeffer zentriert auch diese Aussage ganz auf die Beziehung des Nachfolgers zu Jesus. „Die Unreinheit der Begierde ist Unglaube.“ (S.127) Die Begierde ist nicht unrein, weil sie irgendwelche moralischen Standards verletzt, sondern weil sie Ausdruck von Unglaube ist. Der Jünger, der meint sich im begehrlichen Blick selbst Lust zu verschaffen vertraut nicht auf Jesus, sondern auf sich selbst. „Er traut nicht aufs Unsichtbare, sondern ergreift die sichtbare Frucht der Lust.“ (S.127)

Jesus fährt fort, dass man lieber sein Auge ausreisen soll, als dass der ganze Leib in die Hölle geworfen wird. Bonhoeffer stellt an dieser Stelle die Frage, „ob Jesus sein Gebot wörtlich gemeint habe oder in übertragenem Sinn?“ (S.127) Aber auch hier weicht Bonhoeffer mit seiner Auslegung nicht ins Unverbindliche aus. Er sagt ganz einfach: „Diese Frage selbst ist falsch und böse. Sie kann keine Antwort finden.“ (S.127) Wenn man diese Stelle wörtlich verstünde, dann würde die Absurdität dieses Gebots deutlich werden. Wenn man sie aber übertragen verstünde, so nähme man dem Gebot den Ernst.

Ich muss gestehen, an dieser Stelle werde ich etwas ratlos. Ich verstehe die Absicht Bonhoeffers: Er will verhindern, dass wir den Worten Jesu ausweichen („Wir können nach keiner Seite ausweichen“, S.128), er möchte, dass wir auf einfältige Weise gehorsam sind. Aber was mache ich denn, wenn ich ein Gebot nicht im wörtlichen und auch nicht im übertragen Sinn verstehen kann? Dann kann ich es gar nicht mehr verstehen! Dann bleibt es ein abstraktes Gebot, dass ich nicht mit Leben füllen kann. Schießt hier Bonhoeffer übers Ziel hinaus, oder möchte er den Leser provozieren, jenseits alles Verstehens auf Jesus allein zu schauen?

Exodus 4, 10-17 Ein störrischer, alter Schafhirte

Hach, ich mag ihn – diesen störrischen, alten Schafhirten. Da begegnet ihm Gott persönlich und will ihn mit einem besonderen Auftrag losschicken und Mose findet einen Einwand nach dem anderen. Nach vielen beredeten Ausflüchten stellt er gegen Ende der Diskussion mit Gott fest, dass er eigentlich gar nicht so gut reden kann und dass es besser wäre, jemand anders zu schicken. Gott geht nicht darauf ein und als letztes Argument sagt Mose einfach: „Nee, macht ich ganz einfach nicht. Send wen du willst – aber nicht mich!“ (V13) Gott setzt sich am Ende durch, wobei er dem Mose seinen Bruder Aaron an die Seite stellt, damit dieser das Reden übernimmt.

Ich find’s genial, dass Gott so unterschiedliche Menschen gebrauchen kann. Da gibt es nicht nur die frommen und eifrigen Jesajas, die auf die Frage „Wen soll ich senden“ sofort losschreien: „Sende mich!“ (Jes.6,8), sondern eben auch die störrischen und ängstlichen Leute wie Mose. Und beide sind dann im Auftrag des Herrn unterwegs.

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Epheser 6, 1-9 Imitieren oder übertragen

Auch in diesem Abschnitt besteht biblischer Gehorsam nicht darin, dass wir versuchen das Leben der Urchristen zu imitieren. Denn dann müssten wir uns wieder den damaligen kulturellen Gegebenheiten anpassen und uns wieder Sklaven anschaffen. Es geht um die Aussageabsicht, mit der Paulus in damalige kulturelle Gegebenheiten hinein spricht.

Und da fällt auf, dass er nicht nur das damals Selbstverständliche fordert (nämlich dass Kinder ihren Eltern gehorchen und dass Sklaven ihren Herren gehorchen), sondern dass er auch die Väter und die Herren dazu auffordert, ihre Kinder und Sklaven nicht ungerecht zu behandeln, sondern in der Verantwortung vor dem Herrn.

Auch wenn es nicht direkt ausgesprochen wird, so sprechen diese Aufforderungen doch tendenziell für eine Veränderung dieser hierarchischen Strukturen hin zu einem partnerschaftlichen Miteinander. Alle miteinander, Eltern und Kinder, Herren und Sklaven, stehen in der Verantwortung vor Gott.

Biblischer Gehorsam heißt nun zu überlegen, was diese Aufforderungen in unserer heutigen Kultur bedeuten könnten: Im Miteinander von Eltern und Kindern, oder z.B. auch im Miteinander von Chef und Angestellter.

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