Psalm 34 Als ich den Herrn suchte

Wer die letzten Wochen und Monate mein Blog verfolgt hat weiß, dass für mich in dieser Zeit der Anfang von Psalm 34 eine besondere Bedeutung gewonnen hat. Diese Verse wollte ich hören, nachdem ich aus der Narkose von meiner Gehirntumor-OP aufgewacht bin.

Diese Verse treffen meine Situation. Inzwischen hab ich auch festgestellt, dass dieser Psalm und auch das Geschehen dahinter eine Art Antwort ist auf ein anderes Psalmwort, dass mir vor meiner Erkrankung wichtig wurde und das ich auch in einem Lied vertont habe: Psalm 63 – Der Gott den ich suche. Gott antwortet, auch wenn das manchmal ganz anders aussieht, als wir uns das vorstellen…

Hier in der Reha hab ich mit den Anfangsversen von Ps. 34 ein Lied geschrieben. Wer es gerne hören möchte:

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Ref.: Ich will den HERRN loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. 

Meine Seele rühme sich des HERRN,
dass es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den HERRN
und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht.
Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der HERR
und half ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des HERRN lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus. 
Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist.
Wohl dem, der auf ihn trauet!

Reha – Der Beginn

Seit Freitag bin ich in der Schlossklinik in Bad Buchau zur Reha. Ein ziemlich blöder Anreisetermin, da am Wochenende keine Anwendungen passieren. Am Freitag war aber  immerhin schon das Aufnahmegespräch mit meinem zuständigen Arzt. Auf den ersten Blick wirkte er etwas seltsam. Er ist eigentlich Psychologe und ist hier seit einem Jahr in der Neurologie tätig. Dieser Psychologen-Hintergrund macht sich auch deutlich bemerkbar. Z.B. wenn er betont, dass das Allerwichtigste ja das miteinander reden sei, solange das funktioniert ist alles andere zweitrangig. Oder wenn er unvermittelt zwischen anderen medizienischen Fragen plötzlich fragt, ob es mich okay sei, so auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen. Ich denke: „?!?) Ich sage: „Ja, natürlich ist das okay!“

Die Klinik ist eine ehemaliges Kloster oder Schloss und das prägt natürlich die Atmosphäre. Obwohl es keine Riesenklinik ist (soviel ich weiß ca. 150 Patienten) sind die Wege ziemlich weit. Zum Essen ist es für mich, der noch immer schlecht zu Fuß bin, immer eine halbe Weltreise. Das Zimmer ist ganz in Ordung. Es ist ein Einzelzimmer, mit genügend Platz und dem Charme und der Neutralität eines Altbauzimmers in einem Studenwohnheim. Leider kein Balkon und auch die Aussicht ist nicht so berauschend: in einen Innenhof. Ab er zwischen zwei Gebäuden kann ich zumindest noch einen kleinen Streifen Wiese und Wald sehen.

Nachdem ich am Freitag angekommen was, hab ich mich gestern gleich wieder aus dem Staub gemacht (nein, nicht weil es so unerträglich war 😉 ). Ich war zu hause, denn an dem Samstag war bei uns in der Kirche eine Hochzeit, die ursprünglich ich selbst halten sollte. Das hat jemand anders übernommen (und er hat seine Sache sehr, sehr gut gemacht 🙂 ), aber ich freute mich richtig, dass ich zumindest als Gast beim Gottesdienst und Kaffeetrinken mit dabei sein konnte :). Am Wochenende ist es wohl unproblematisch „Tagesurlaub“ zu bekommen… und den hab ich dann auch richtig genossen…

Mein Fuß schmerzt noch, aber nicht mehr so stark. Dafür ist er inzwischen ziemlich angeschwollen. Ich hoffe, dass die Anwendungen hier helfen und dass es weiter aufwärts geht… Mit Internet-Zugang ist es leider nicht so unproblematisch, wie ich mir das erhofft hatte. Offenes WLAN gibt es nicht und für den Zugang an den den Hauscomputern muss man pro Stunde zahlen (rechts unten in der Ecke schrumpft gerade unaufhörlich mein noch gut gefülltes Guthaben zusammen). Leider kann ich die Text auch nicht vorher auf meinem Netbook schreiben und dann hochladen, weil es dazu keine Möglichkeit gibt, ich muss alles hier in den Hauscomputer eintippen). Deshalb auch leider keine Bilder.

Haare waschen!!!

Heute morgen konnte ich – das erste mal seit über zwei Wochen – die Haare waschen! Die Fäden wurden am Montag gezogen und zwei Tage danach darf auch wieder Wasser an die Wunde. Ach – das tat gut!!! 🙂 Damit mein umgekehrter Irokesen-Schnitt nicht so auffällt hab ich gleich den ganzen Schädel auf ähnliche Haarlänge gebracht, wie die nachgewachsenen Haare an der Wunde. Jetzt seh ich schon fast wieder normal aus 😉 :

Die Wunde auf dem Kopf verheilt gut. Das ganze fühlt sich noch etwas taub an, aber das stört nicht. Mehr Sorgen und Probleme macht mir mein linkes Bein. Ich kann es zwar schon leicht besser bewegen, aber es ist total verkrampft und schmerzt. Vor allem in der Wade habe ich Schmerzen und es fühlt sich manchmal so an, als ob sämtliche Muskeln unterhalb des Knies um einige Millimeter zusammen geschrumpft sind. Mit Schmerztabletten geht es dann aber wieder einigermaßen, das ganze entspannt sich etwas und tut auch nicht ständig weh.

Am Freitag darf ich für vier Wochen zur Reha. Ich geh nach Bad Buchau am Federsee und freu mich schon drauf. Hab gehört, dass es ’ne sehr schöne Gegend da ist. Und ich hoffe natürlich, dass die dort auch die richtige Therapie finden für meinen verkrampften Fuß…

Wieder zu Hause

So, nun bin ich also wieder zu Hause! Strahlender Sonnenschein, Wärme, Licht, und meine liebe Familie um mich herum. Man sollte meinen, dass mir das Herz vor Freude zerspringen möchte. Ist auch so: Ich freue mich von Herzen, dass ich solch ein zu Hause habe, dass ich eine Familie habe, die ich liebe und die mich liebt und dass ich endlich aus dem Krankenhaus raus bin. Aber nach den vielen Emotionen der vergangenen Wochen spüre ich eine gewisse innere Müdigkeit. Bin jetzt erst mal froh das Schlimmste überstanden zu haben…

In den nächsten Tagen kann der Hausarzt die Fäden ziehen. Ich hab einen ziemlich langen Schnitt längs über den Schädel. Mal sehen, ob da wieder Haare drüber wachsen oder ob sich meine einsetzende Glatze durchsetzt… 😉 Vermutlich nächste Woche oder spätestens übernächste Woche geht es dann noch in Reha. Das ist v.a. für mein linkes Bein wichtig, dass sich immer noch taub anfühlt. Mit einer speziellen Schiene kann ich damit im Moment ganz gut gehen. Aber ich hoffe, dass das mit Training und Zeit wieder deutlich besser wird.

Turban ab

So, heute Abend hab ich meinen Druckverband abbekommen. Normalerweise geschieht das schon ca. drei Tage nach der OP, aber da sich bei mir Blut und Wasser unter der Wunde angesammelt hat, hat es etwas länger gedauert.

Fühlt sich irgendwie noch seltsam an. So nackt und ungeschützt. So ohne Druckverband spürt man viel mehr die Spannungen in der Schädeldecke… Aber ist natürlich auch ’ne große Erleichterung und Befreiung. Wenn’s gut weiterläuft, darf ich vielleicht am Di. oder Mi. aus dem Krankenhaus raus. 🙂

War heut ein schöner Tag: Schön sonnig und warm. Viel Besuch. Viel Abwechslung. Nur den Krankenhausgottesdienst heute morgen hab ich verpasst, zu der Zeit war gerade die Visite unterwegs und ich wollt vom Arzt gern hören, wie lange ich noch hier habe… Hat mich richtig geärgert, schade… (Ihr hört den pastoralen Unterton zwischen den Zeilen heraus 😉 : Mensch Leute seid froh, wenn ihr den Sonntag relativ unproblematisch und ganz normal mit einem Gottdienst feiern könnt! 🙂 ).

Die Operation

Am Montagmorgen wurde ich operiert. Ich war als erster dran und bin im Nachhinein ganz froh, dass ich nicht am Freitag Nachmittag als Letzter dran war… So hatte ich einen gut ausgeruhten Chirurgen (dazu noch einen Prof. statt eines Doktors 😉 ). Die OP hat wohl vier Stunden gedauert und war „knifflig“. Der Tumor ist weit in das Gehirn reingewachsen und der Chirurg hatte Beführchtungen, dass meine Beine danach nicht mehr funktionieren. Und tatsächlich: Nach dem ersten aufwachen konnte ich beide Beine nicht anheben.

Das wurde aber im Lauft des Abends besser und heute laufe ich schon wieder mit Gehwägelchen durchs Krankenhaus. Das rechte Bein ist soweit wieder okay. Auf der rechten Gehirnseite ist der Tumor tiefer reingewachsen, so dass das linke Bein nun mehr Schwierigkeiten macht. Ich muss wieder neu lernen zu laufen. Das ist gar nicht so einfach, wenn das Gehirn und die Muskeln nicht so wollen, wie man selbst will. Konkret ist das linke Knie noch etwas schwach und wackelig und ich habe Probleme die linke Fußspitze abzuheben und rund abrollen zu lassen. Aber mit den Beinen meint der Prof.: Das wird wieder! In zwei bis drei Wochen sieht das schon ganz anders aus.

Der Tumor konnte zum größten Teil entfernt werden. Der Haupttumor hat den Sinus an der Schädeldecke abgedrückt, das ist der Hauptblutabfluss im Gehirn. Wenn der plötzlich abgedrückt wird, ist innerhalb von wenigen Minuten Ende. Durch den langsam wachsenden Tumor haben sich neue Blutabflüsse am Tumor vorbei gebildet und sind weiter hinten wieder in den Sinus reingewachsen. Gerade an dieser Schnittestelle sitzt noch ein kleiner Resttumor. Diesen auch noch rauszumachen wäre für das Gehirn zu viel Risiko gewesen.

Jetzt muss man die endgültige Tumoruntersuchung noch abwarten, ob es ein wirklich langsam wachsender Tumor ist oder ob es ein bischen schneller wachsender (aber doch auch gutartiger) Tumor ist. Nach drei Monaten wird die erste Nachuntersuchung sein. Und je nachdem, was bei diesen beiden Untersuchungen heraus kommt, legt man den Abstand für weitere Vorsorgeuntersuchungen fest. Bei diesem kleinen Resttumor kann man dann auch ohne Operation durch Bestrahlen behandeln. Zunächst mal ist keine direkte Nachbehandlung notwendig.

Was mir im Moment noch zu schaffen macht, ist ein Bluterguss an der Kopfnarbe. Da sammelt sich zwischen Haaransatz und Schädeldecke Blut und Wasser. Wenn ich meinen Kopf hin- und herbewege höre ich die Flüssigkeit blubbern… Heute morgen haben sie mich deswegen schon punktiert, d. h. mit einer Nadel etwas Flüssigkeit abgesaugt. Aber auch das ist zum jetztigen Zeitpunkt nicht weiter beunruhigend. Es verlängert wohl etwas meine Zeit hier im Krankenhaus.

Heute war meine Frau für viele Stunden zu Besuch. Wir sind unter anderem nach draußen gegangen und haben uns gemeinsam auf eine Bank gesestzt und uns im Arm gehalten. Da hab ich mich halb im Himmel gefühlt – Glückseligkeit. Nur so dasitzen, nicht viel reden, den Menschen den man liebt spüren, … Ich habe eine ganz tiefe Verbundenheit, Gemeinschaft und Liebe gespürt. Eine Tiefe, die wir nicht so leicht erlebt hätten, wenn wir nicht gemeinsam durch die Tiefe gegangen wären und von Gott getragen worden wären. Danke, Gott!

Zweiter Anlauf

Noch sieht’s ganz gut aus: Auf dem Operationsplan für morgen stehe ich an erster Stelle. Aber wie ich am Freitag ja erleben musste, kann sich das kurzfristig auch noch ändern. Wenn alles so bleibt, werde ich morgen früh um 8 Uhr auf dem Weg in den OP-Saal sein… und treffe dann hoffentlich auf einen vom Wochenende gut ausgeruhten, erholten und konzentrierten Chirurgen.

Danke, danke, danke für alle Gebete. Es ist irgendwie schön, wenn man nicht nur über das Gebet predigt, sondern am eigenen Leib (und Seele) erlebt, wie Gott durch Gebete wirkt und trägt…

Los geht’s… doch nicht

Tja, da hab ich den ganzen Vormittag auf die OP gewartet und dann kam irgendwann die Nachricht, dass die Operation doch noch mal verschoben wird. Es sind noch Notfälle dazwischen gekommen und die Ärzte haben sich entschieden, meine OP erst am Montag zu machen…

Nicht gerade Nerven schonend, aber lieber am Montag mit ausgeruhten Ärzten als am Freitag Abend mit müden Ärzten… Im vorigen Beitrag hab ich geschrieben, dass der Herr regiert. Wenn das so ist, dann hat auch diese Verschiebung ihren Sinn.

Los geht’s

So nun bin ich im Krankenhaus, morgen (16.4.) wird die große OP sein. Auf dem Operationsplan stehe ich mit 12:30 Uhr drin, das hat aber wohl nur begrenzte Aussagekraft. Es kann sich auch noch nach vorne verschieben oder sehr viel wahrscheinlicher wird es später werden. Die OP selbst wird wohl einige Stunden dauern… Hört sich alles ziemlich „handwerklich“ an: Bohren, sägen, den ausgesägten Deckel abnehmen, Hirnhaut zertrennen, Tumor raus und das Ganze wieder zumachen. Aber die machen das ja täglich hier, muss also irgendwie funktionieren.

Trotz allem spüre ich immer noch eine erstaunliche Gelassenheit. Ich weiß mich getragen. Danke für alle Gebete, das hilft! Bzw. ER hilft!!!

Schön, dass hier auf Station ein Laptop mit Internetzugang für die Patienten rumsteht. Ich hoffe, ich kann mich dann nach der OP bald wieder hier melden.

Gott segne Euch! Halleluja, der Herr regiert!

Die Welt überwunden

Noch ein paar Tage bis zur Operation meines Gehirntumors (am 16. April). Ich lebe in einer seltsamen Mischung von Angst und Zuversicht. Ich halte es für falsch, wenn wir sagen, dass wir als Christen keine Angst zu haben brauchen. Wenn manche sogar sagen, wir dürfen keine Angst haben, dann halt ich das für gefährlich. Natürlich haben wir auch als Christen Angst. Das ist etwas ganz Natürliches und Normales. Das hat uns Gott als Schutzfunktion mit in die Wiege gelegt. Wenn wir in Gefahr sind, dann ist Angst die ganz normale Reaktion. Wenn wir am Abgrund stehen, dann ist es ganz gut, wenn wir Angst davor haben, hinunter zu fallen.

Jesus sagt das auch ganz nüchtern: „In der Welt habt ihr Angst.“ (Joh. 16,33) Da gibt es nichts zu beschönigen, das ist einfach so. Auch vor meiner OP hab ich Angst. Je näher der Termin rückt, desto mehr tauchen Ängste und ein mulmiges Gefühl aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche auf. Ich halte nichts davon, diese Ängste einfach zu verdrängen. Womöglich noch im christlichen Gewand: „Du bist doch Gottes Kind, dir kann gar nichts passieren!“ Doch! Auch als Gottes Kind kann ich sterben – alle Kinder Gottes sterben früher oder später… Nur eine rosarote Brille aufzusetzen und zu sagen: „Als Christ ist immer alles ganz toll und prima“, das ist letztendlich kein echter Trost und kein echter Halt.

Es geht nicht um ein Verdrängen oder ein Übertünchen der Angst, es geht nicht darum, die Angst weg zu lächeln, sondern es geht darum, an dem fest zu halten, der stärker ist als alle Angst. Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh. 16,33) Als Mensch lebe ich in der Welt und folglich auch immer wieder in der Angst. Nicht ich selbst habe die Welt überwunden, sondern Jesus. Meine eigene Angst kann ich nur in der Verbindung mit Jesus überwinden. Als Christ werde ich nicht frei von Angst, aber ich bin gehalten und getröstet in dem, der die Welt überwunden hat. Wo es mir gelingt auf diesen Jesus zu schauen, da werde ich durch die Angst hindurch gehalten. Aber es gelingt eben nicht immer und ständig, sondern oft nur ansatzweise.

Am letzten Sonntag haben wir mit unserer Band im Gottesdienst die Musik gemacht. Als letztes Lied haben wir gespielt: „Halleluja, der Herr regiert.“ Trotz aller Angst halte ich daran fest: Der Herr regiert. Egal wie die OP ausgeht. Ich sage das nicht blauäugig oder leichtfertig. Während des Liedes blieb mir an einer Stelle selbst der Atem weg und die Worte blieben im Hals stecken. Aber auch meine Angst und mein Erschrecken ändert nichts daran. Es bleibt dabei: Halleluja, der Herr regiert! Er hat die Welt überwunden.