2. Thessalonicher 2, 1-12 Alle Klarheiten beseitigt

Schon im ersten Thessalonicherbrief hat Paulus Endzeitspekulationen angesprochen, die wohl in der Gemeinde umgegangen sind. Er hat klar gesagt, dass niemand sagen kann, wann der Tag des Herrn kommt – er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht (1.Thess.5,2). Das ist nicht voraussehbar und nicht berechenbar. Damit hatte sich aber offensichtlich das Thema in Thessalonich nicht erledigt. Auch im zweiten Brief muss Paulus den Empfängern deutlich machen, dass der Tag des Herrn noch nicht da ist (V.2). Es gab wohl Leute, die das Gegenteil behauptet haben! Paulus argumentiert, dass sich vorher noch einmal deutlich die Mächte des Bösen zeigen und der „Widersacher“ (V.4) Gottes auftreten wird. Erst dann wird Christus kommen und die Macht des Bösen endgültig besiegen (V.8).

Ob Paulus damit die Endzeitspekulationen der Thessalonicher beendet hat? Ich zweifle daran. Da brauchen wir nur die Kirchengeschichte anschauen: bis heute gab und gibt es Christen und christliche Gruppierungen, die sich mit ähnlichen Endzeitspekulationen und den damit verbundenen Ängsten beschäftigen und davon fasziniert sind. Außerdem geht es zumindest mir so, dass die Erklärungsversuche des Paulus gerade neuen Spielraum für Spekulationen eröffnen: Wer könnte dieser Widersacher sein? Könnte es ein irdischer Mensch sein oder wird es eine übersinnliche Erscheinung sein? Was könnten die „lügenhaften Zeichen und Wunder“ (V.9) sein, von denen Paulus spricht? Von wem und wie wird der Widersacher aufgehalten (V.7)? Der ganze Abschnitt ist so geheimnisvoll und apokalyptisch formuliert, dass er bei mir mehr Fragen aufwirft, als dass er zur Klärung beiträgt.

Ich denke das ist ein grundsätzliches Problem bei solchen Aussagen über die Zukunft und Vollendung unserer Welt. Da müssen ganz einfach Fragen offen bleiben, weil wir das jetzt noch gar nicht alles verstehen und wissen können, was auf uns zukommt. Nicht einmal der Sohn Gottes kennt den Tag der Wiederkunft (Mt.24,36) – wie sollten wir dann darüber mehr wissen? Mit kommt es so vor, dass es hier um Fragen geht, die auch ein Paulus nicht klären kann. Mit jeder Frage, die er zu beantworten versucht, entstehen aber zehn neue Fragen. Die Grundrichtung ist klar: Jesus Christus wird wiederkommen und das bzw. den Bösen besiegen. Bei allen weiteren Detailfragen ist es gut, wenn wir das offen lassen.

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Kolosser 2, 1-7 Das bleibende Geheimnis Gottes

Christus ist das „Geheimnis Gottes“ und in ihm liegen verborgen „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (V.2f). In welchem Sinn ist Christus ein Geheimnis? Das Christentum ist seinem Verständnis nach sicher keine Geheimlehre, die nur an wenige auserwählte Menschen weitergegeben werden darf. So könnte man den Begriff Geheimnis ja verstehen: Etwas, das Verborgen ist und das mit der Weitergabe dann offenbar ist. Wenn ein Geheimnis einmal ausgeplaudert ist, dann ist es kein Geheimnis mehr. Wenn z.B. der unwahrscheinliche Fall eintritt ;), dass ein Politiker ein Schwarzgeldkonto im Ausland hat und es bekannt wird, dann ist das nicht mehr geheim, sondern offenbar.

Christus ist aber mehr als ein simples Geheimnis, das man ausplaudern kann. Jesus Christus ist für alle sichtbar auf die Erde gekommen. Er hat in aller Öffentlichkeit gelehrt und die Christen bezeugen ihn in der Bibel als den Sohn Gottes. Das ist keine Geheimlehre, sondern im Gegenteil: wir Christen wünschen uns ja, dass dieses Geheimnis alle Welt erkennen kann.

Aber das ist gerade das Besondere am Geheimnis Christi: Auch wenn man offen über ihn redet, bleibt er geheimnisvoll, nicht so leicht greifbar, von seinem Wesen und Wirken her nicht so leicht zu fassen. Wir haben ihn nicht in der Hand. Auch wenn die Bibel und wir Christen von ihm in der Öffentlichkeit reden, bleiben in ihm viele Schätze verborgen, die nicht so leicht zugänglich sind. Nachfolge bleibt ein Abenteuer, in welchem es immer wieder Neues zu entdecken und erfahren gibt. Die Tiefe und der Reichtum Jesu Christi bleibt größer, als wir das jemals erfassen können.

| Bibeltext |

Epheser 3, 1-7 Das Geheimnis Christi

Paulus schreibt hier von dem Geheimnis Christi, das ihm offenbar wurde: „nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.“ (V.6) Mein erster Gedanke war: Naja, so neu und geheimnisvoll ist das ja nicht, dass auch die Heiden zu Gott finden werden. Schon im Alten Testament wird das zumindest immer wieder angedeutet (z.B. Jes. 2,3-4 oder Jer. 3,17). Die Juden wussten schon immer, dass Gott nicht nur ihr Gott ist, sondern der Gott der ganzen Welt.

Ich glaube, das geheimnisvolle und wunderbare ist nicht, dass auch Menschen aus anderen Völkern zu Gott finden, sondern dass dies durch Jesus Christus geschieht. Und das ist ja (bis heute) wahrlich nicht leicht zu erkennen, dass der Weg zu Gott über diesen Zimmermann aus Nazareth führt, der einen elendigen Tod am Kreuz starb. Dieses Geheimnis Christi entdecken bis heute nur wenige Menschen.

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Jeremia 51, 1-33 Was kann der Hammer dafür?!

Mhm… also diese Argumentation ist schon etwas seltsam: Gott sagt, dass er Babylonien als Hammer, als Kriegswaffe gebraucht hat, mit dem er Völker und Königreiche zerschmettert hat (V.20). Und dann soll Babylonien eben dafür bestraft werden, dass es Verderben über andere Völker gebracht hat (V.24-25). Seltsam, oder?! Was kann der Hammer dafür, dass mit ihm etwas kaputt geschlagen wird?!

Ich lass das jetzt mal als Frage stehen. Man könnte sich natürlich aus der theologischen Trickkiste oder mit dem gesunden Menschenverstand schnell eine einigermaßen akzeptable Lösung zurechtbasteln. Aber es ist auch mal ganz gut, wenn man eine Frage stehen lässt und sich nicht immer alles gleich in Wohlgefallen auflöst. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, vor Gott stehen zu bleiben und zuzugeben: „Ich verstehe dich nicht.“ Anstatt sich einzubilden, die innersten Geheimnisse Gottes zu durchschauen und auf alles eine Antwort zu haben.
Bibeltext

Carloz Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

Das Buch hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck: Zum einen ist es sehr spannend und fesselnd geschrieben. Schon nach wenigen Seiten kann man sich als Leser dem Sog und der Dramaturgie dieses Buches kaum entziehen. Ich habe den über 700 Seiten Wälzer innerhalb von wenigen Tagen verschlungen. Zum anderen aber war ich nach der letzten Seite frustriert und enttäuscht – von den vielen Rätseln und Mysterien, mit denen der Autor eine ungeheure Spannung aufbaut, bleiben für meinen Geschmack zu viele ungelöst – ich als Leser steh am Ende da und frage mich: was ist da jetzt eigentlich passiert? Als ganzes bleibt das Buch ein Mysterium (was wahrscheinlich vom Autor durchaus gewollt ist – mir ist es aber zu mysteriös). Außerdem gibt es für meinen Geschmack im letzten Drittel zu viele Leichen, zu viel Blut und zu viel platte Aktion.

Um was geht es? Die Hauptperson, David Martin, ist Schriftsteller im Barcelona des frühen 20. Jh. Er ist einigermaßen erfolgreich mit einer Reihe von Grusel- und Schauerromanen, bei denen er aber kaum etwas verdient und ständig bis zum Rand der Erschöpfung arbeiten muss. Zum anderen fühlt er sich todkrank und ein Arzt bestätigt ihm, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat. In dieser Situation geht er auf ein seltsames Angebot eines geheimnisvollen Verlegers Andreas Corelli ein: der gibt ihm 100.000 Franc als Vorschuss für ein Buch, durch das eine neue Religion gegründet werden soll. Die Hauptfigur soll also eine Art Bibel, einen Mythos, eine Geschichte entwerfen, an die Menschen glauben können.

Erst im Laufe der Geschichte dämmert ihm langsam, dass es sich hier um einen faustischen Pakt handelt, bei dem er letztendlich sein Leben verlieren wird. Der angebliche Verleger hat als Erkennungszeichen einen Engel, welcher mit dem Engel des Lichts identifiziert wird. Und der Engel des Lichts ist nichts anderes als Luzifer. David Martin stößt auf immer mehr Verwicklungen und Geheimnisse und versucht, einen Ausweg aus seiner Situation zu finden. Alle Menschen die ihm bei der Aufklärung behilflich sein könnten, werden unter seltsamen Umständen umgebracht. Parallel zu dieser Handlung ist eine Liebesgeschichte eingeflochten. Die ist natürlich unglücklich und endet letztendlich tragisch mit dem Tod der Frau.

Was mir – neben der fesselnden Schreibweise von Zafón (er hat früher Drehbücher geschrieben) – gefallen hat, waren die oft sarkastisch und ironisch-witzigen Dialoge. Das entlockt dem Leser immer wieder ein breites Grinsen oder ein Lachen. Wobei diese Dialoge dadurch teilweise sehr gekünstelt und unecht wirken. Gefallen hat mir auch die Wert- und Hochschätzung von guten Büchern, die immer wieder deutlich wird und der Einblick in die Schriftstellerseele (bei der anscheinend Disziplin viel wichtiger ist, als Inspiration).

Das Buch ist insgesamt ein sehr düsteres Buch. Nicht nur melancholisch, sondern mehr als melancholisch: düster eben. Einzig die Charaktere von Isabella, der schlagfertigen und eigenwilligen jungen Assistentin von David Martin und der Buchhändler Sempre bringen immer wieder etwas Licht und Zuversicht in die Geschichte. Wie gesagt: für mich bleiben am Ende zu viele Fragen offen. Vor allem bleibt mir schleierhaft, was jetzt an den ganzen Unglücksfällen auf das Konto dieses „Engel des Lichts“ geht und was auf das von menschlichen Intrigen und Machenschaften. Auch verstehe ist nicht, warum David Martin am Ende noch am Leben ist, welche Art von Leben das ist und warum der „Engel des Lichts“ ihn nicht einfach liquidiert.

Fazit: Gute und fesselnde Unterhaltung, bei der am Ende ziemlich viele Fragen offen bleiben.

Psalm 97 – Gottes Herrlichkeit

Eine Aussage bewegt mich bei diesem Psalm besonders: „Wolken und Dunkel sind um ihn her.“ (V.2) Es geht um Gott, der als herrlicher und mächtiger König der Welt beschrieben wird. Er herrscht in Gerechtigkeit und das ist kein Grund zur Angst, sondern zur Freude. Warum wird Gott nun nach diesem Psalm von Wolken und Dunkel umgeben? Vielleicht weil wir seine Herrlichkeit in ihrer vollen Größe gar nicht ertragen könnten. Gott muss sein absolut reines Strahlen einhüllen und verbergen, weil er uns sonst mit seiner Herrlichkeit alle plattwalzen würde. Er ist so genial großartig und leuchtend, dass wir – zumindest in unserem irdischen Leib – alle zu Asche werden würden, wenn wir ihn sehen könnten. Wenn uns schon ein lächerlicher und kleiner Blitz umhauen kann, wie viel mehr dann das kraftvolle Strahlen seiner Herrlichkeit?

Deswegen bleibt für uns in unserer irdischen Welt Gott immer auch etwas rätselhaftes und geheimnisvolles. Manchmal sehen wir nur das Dunkel und die Wolken, die ihn umgeben. Manchmal können wir gar nicht glauben, dass hinter diesen Wolken sein Licht scheint. Aber oft genug dringt ein kleiner Lichtschein durch das Dunkel in unserer Welt und wir bekommen eine kleine Ahnung von seiner Herrlichkeit.

Natürlich fällt mir zu dieser Stelle Joh. 1,14 ein: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Also können wir doch Gottes Herrlichkeit sehen?!? In Christus begegnet uns doch Gott in seiner Herrlichkeit! Ja und Nein: Ja, in Christus ist Gottes Herrlichkeit auf dieser Welt erschienen. Nein: Denn auch hier ist die Herrlichkeit eingehüllt und verborgen – und zwar nicht in Wolken oder Dunkelheit, sondern wie Johannes so schön sagt: im Fleisch.

Gottes Herrlichkeit umgibt sich mit einer unscheinbaren und vergänglichen Hülle, um uns nahe zu kommen. Er kommt uns in Christus auf eine Weise nahe, in der wir es ertragen können. Aber eben auch in einer Weise, in der seine Herrlichkeit nicht für jeden gleich offensichtlich und erkennbar ist. Durch Christus hindurch dringt ein kleiner Lichtschein in das Dunkel unserer Welt und wir bekommen eine kleine Ahnung von seiner Herrlichkeit.
Bibeltext

Psalm 76 – Furchtbarer Gott

Drei mal wird Gott in diesem Psalm als „furchtbar“ bezeichnet (V.8.12.13). Natürlich ist uns sofort klar, dass es hier nicht um eine erschreckende und angsteinflössende Furcht geht, sondern um die Ehrfurcht. Und natürlich ist es falsch und schrecklich, wenn Menschen im Namen Gottes Angst gemacht wird, um sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Glaube soll nicht Angst machen, sondern von Angst und Furcht befreien. Mit diesen Gedanken können wir uns dann wieder entspannt zurück lehnen und uns in Gottes barmherziger Liebe sonnen… 😉

Aber sind wir nicht manchmal zu schnell dabei, die „Furcht“ aus unserem Glauben zu streichen? Auch in der Ehrfurcht steckt noch die Furcht drin. Wo bleibt das erschrockene Staunen über Gott, der so mächtig und unbegreiflich ist, dass es fast schon unheimlich ist? Wo bleibt das Kribbeln in der Begegnung mit dem Geheimnisvollen und Göttlichen? Wo bleibt das aufgeregte Zittern, wenn wir vor dem König der Welt stehen? Mir fällt dazu ein christliches Kinderlied ein: „Aber der Herr ist immer noch größer, größer als ich denken kann.“ – Ich hab Gott nie „im Griff“. Ich kann ihn nicht klein falten mit meiner menschlichen Theologen-Logik. Er bleibt immer ein Stück weit größer. Und er bleibt immer auch ein Stück weit „furchtbar“.
Bibeltext

Le Clezio: Wüste – Das Reden des Geheimnisvollen

Lese gerade das Buch „Wüste“ von J.M.G. Le Clezio (dem Literatur-Nobelpreisträger von 2008). Wenn ich damit fertig bin dazu mehr. Doch jetzt schon mal eine Stelle, die mir sehr gefallen hat. Die Hauptperson, das Mädchen Lalla, lebt in einer Armensiedlung am Rand der Wüste. Oft geht sie allein in die Wüste und hat dort manchmal eine mystische Begegnung mit einer menschenähnlichen Gestalt. Sie nennt ihn „Es Ser“, den Geheimnisvollen. Das hat, soweit ich das beurteilen kann, nichts mit unserem christlichen Gott zu tun, aber die Beschreibung dieses geheimnisvollen Wesens ist wundervoll und erinnert mich in manchem an den Gott der Bibel, der auch geheimnisvoll ist und der auch auf recht seltsame Weise zu uns Menschen spricht. Manchmal in Träumen, manchmal als innere Stimme, manchmal in einer Sprache, die wir nicht verstehen und doch verstehen, manchmal in einem brennenden Dornbusch und manchmal im Windhauch, der nach dem Sturm leise und sanft säuselt.

Er spricht nicht. Das heißt, er spricht nicht dieselbe Sprache wie die Menschen. Aber Lalla hört seine Stimme in sich, und er sagt in seiner Sprache sehr schöne Dinge, die sie tief in ihrem Innern verwirren und sie erschauern lassen. Vielleicht spricht er mit dem leichten Geräusch des Windes, der aus den Tiefen des Alls kommt, oder mit der Stille nach dem Windhauch. Vielleicht spricht er mit den Worten des Lichts, mit den Worten, die in Funkengarben auf den Steinklingen explodieren, den Worten des Sandes, den Worten der Steine, die in harte Körner zerfallen, spricht auch mit den Worten der Skorpione und der Schlangen, die ihre feinen Spuren im Staub hinterlassen. Er versteht es, mit all diesen Worten zu sprechen, und sein Blick hüpft von einem Stein zum anderen, flink wie ein Tier, springt mit einem Satz bis zum Horizont, steigt geradewegs in den Himmel und schwebt höher als die Vögel.“ (S.92)