Römer 11, 25-32: Eine kühne Schlussfolgerung

Paulus wagt am Ende seiner Auseinandersetzung mit dem Unglauben eines Teils von Isarel eine kühne Schlussfolgerung. Er ist sich dessen bewusst, denn er nennt seine Überlegung ein Geheimnis – also etwas, das nicht unmittelbar ersichtlich und zugänglich ist. Er sagt, dass ein Teil Israels verstockt ist, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt sind (V.25). Und nicht nur das: Am Ende wird ganz Israel gerettet werden (V.26). Ganz schön gewagt! Der Unglaube ist hier nicht nur ein menschliches Verschließen gegenüber Gott, sondern von Gott so gewollt, damit auch andere noch die Chance haben zum Glauben zu kommen.

Erstaunlich ist auch die Universalität, mit der Paulus hier von Rettung spricht: Die Fülle der Heiden finden zum Heil und ganz Israel wird gerettet. Das darf man natürlich nicht all zu einfach als eine platte Allversöhnungslehre verstehen. Ob die Fülle der Heiden jeden einzelnen umfasst bliebt offen und mit ganz Israel ist nicht Israel als Summe aller Individuen gemeint, sondern als ganzes Volk. Trotzdem betont Paulus hier ausdrücklich die Universalität von Gottes Heilswillen und dass Gott manchmal seltsame Wege geht, um sein Ziel zu erreichen.

Wenn ich unsere heutige Welt anschaue, mit all dem Krieg, Terror, Gewalt und Unglauben, dann stellt sich mir auch die Frage, warum das Gott so zulässt? Wir können Gott – zum Glück – nicht in die Karten schauen. Aber Paulus macht an dieser Stelle deutlich, dass Gott selbst den Unglauben benutzen kann, um etwas Gutes zu bewirken. Für mich ist das keine platte Erklärung des Leides oder des Unglaubens, aber es ist die Hoffnung und die Gewissheit, dass Gott letztendlich doch die Fäden in der Hand hält.

| Bibeltext |

Tomáš Halík: Geduld mit Gott

Halik: Geduld mit GottDer tschechische Psychotherapeut und Priester Tomáš Halík beschäftigt sich in diesem Buch mit atheistischer Kritik, Zweifel und Ablehnung des christlichen Glaubens. Er bedient sich als Analogie zu solchen Menschen der Geschichte von Zachäus. Zachäus war auch ein skeptischer Zeitgenosse, der kein Anhänger Jesu war, sondern sich Jesus aus sicherem Abstand und hinter den Feigenblätter seiner Zweifel anschauen wollte.

Seine Grundaussage ist folgende: „Glaube und Atheismus sind zwei Sichtweisen eben dieser Tatsache, der Verborgenheit Gottes, der Transzendenz, der Undurchdinglichkeit seines Geheimnisses.“ (S.72) Gott ist ein Geheimnis, er ist selbst in Jesus Christus noch quasi inkognito unterwegs, weil man auch die Selbstoffenbarung in Christus unterschiedlich deuten kann. Gott zeigt sich in unserer Welt nicht eindeutig und unzweifelhaft – sonst wäre ja auch kein Glaube nötig. Sowohl der leidenschaftliche Atheist als auch der leidenschaftlich Glaubende nehmen diese Abwesenheit Gottes wahr, ziehen allerdings unterschiedliche Schlüsse: der leidenschaftliche Atheismus ist letztendlich Glaube, dem die Geduld mit Gott fehlt, Glaube, der zu schnell aufgibt. Tomáš Halík: Geduld mit Gott weiterlesen

1. Thessalonicher 2, 13-20 Wort Gottes

Die Thessalonicher sind durch Gottes Wort zum Glauben gekommen. Aber was genau Gottes Wort ist, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Paulus hat den Thessalonichern gepredigt, er nennt es „das Wort der göttlichen Predigt“(V.13). Es ist klar: Da hat nicht Gott direkt und auf irdisch hörbare Weise vom Himmel her gepredigt, sondern Paulus hat mit seinen Worten zu den Zuhörern gesprochen. Aber er hat nicht seine Privatmeinung erzählt, sondern das Evangelium – deswegen nennt er seine Worte „göttliche“ Predigt. Es sind nicht seine eigenen Ideen und Meinungen, sondern Gottes Botschaft.

Das alleine macht aber aus einer Predigt noch kein Wort Gottes. Entscheidend ist, dass die Thessalonicher diese Worte „nicht als Menschenwort aufgenommen“ haben, „sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort“ (V.13). Also ist die Predigt einerseits in Wahrheit Gottes Wort, aber die Zuhörer können es auch als normales Menschenwort verstehen und aufnehmen. Das ist erstaunlich differenziert. Auf der einen Seite ist die Predigt des Evangeliums ganz klar Gottes Wort, auf der anderen Seite ist das nicht von sich aus offensichtlich. Man kann sich diesem Wort Gottes auch verschließen und es als Menschenwort hören. Der Buchstabe allein ist doppeldeutig, erst durch das richtige hören wird daraus Gottes wirkmächtiges Wort.

Ähnlich ist es ja mit der Bibel, die ja nichts anderes ist als ein Reden Gottes in Menschenworten. Sie ist einerseits ganz klar Gottes Wort – Gott will hier zu uns Menschen reden. Aber das ist nicht offensichtlich. Man kann sich diesem Wort Gottes verschließen und es auch als ganz normales Menschenwort lesen. Liegt es dann an der Offenheit und der Bereitschaft des Zuhörers, ob aus Menschenwort Gottes Wort wird? Oder ist das reine Gnade und reines Geschenk? Warum hört der eine in der Predigt oder in der Bibel Gottes Stimme und der andere nicht? Das Reden Gottes bleibt ein Geheimnis, das wir nicht so einfach definieren und in der Hand haben können.

| Bibeltext |

Apostelgeschichte 2, 29-36 Aus Jesus wird der Christus

Die Pfingstpredigt des Petrus dreht sich um die Frage: Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Er ist mehr als der große David. Und das will was heißen: für die damaligen Zuhörer war David der eine von Gott geschenkte Herrscher schlechthin. Aber David ist gestorben und begraben. Ganz im Gegensatz zu Jesus. Dieser ist auferstanden, von Gott erhöht worden und hat den Heiligen Geist ausgegossen.

Schon bei Petrus klingt an, wie schwierig es für uns Menschen ist zu begreifen, dass Jesus mehr als ein menschlicher Herrscher oder Religionsstifter ist. Petrus sagt über ihn, „dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“ (V.36) Wieder sehr einfache und kurze Worte und doch sehr differenziert. Gott hat den Menschen Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Er ist es nicht von sich aus, sondern wurde von Gott dazu gemacht. Zu beachten ist auch, dass das griechische Wort für Herr in der damals gängigen griechischen Übersetzung des Alten Testaments für Gott selbst gebraucht wurde. Gott hat aus dem Menschen Jesus den Messias gemacht, der sogar mit dem Gottesnamen angesprochen werden darf.

Der Name Jesus Christus ist ursprünglich ein Bekenntnis: Jesus ist der Christus (= der Messias). In diesem Namen steckt das Geheimnis dieser Person. Er ist der Mensch Jesus von Nazareth und zugleich ist er der göttliche Messias. Beides in einer Person. Später hat man versucht, dieses Geheimnis in der sogenannten Zweimaturenlehre ist dogmatische Formeln zu pressen. Aber das bleibt Stückwerk. Diese offene und kurze Formulierung von Petrus ist da viel besser: Gott hat diesen Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Ein Wunder und Geheimnis, das wir nie ganz begreifen werden.

| Bibeltext |

Kolosser 2, 1-7 Das bleibende Geheimnis Gottes

Christus ist das „Geheimnis Gottes“ und in ihm liegen verborgen „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (V.2f). In welchem Sinn ist Christus ein Geheimnis? Das Christentum ist seinem Verständnis nach sicher keine Geheimlehre, die nur an wenige auserwählte Menschen weitergegeben werden darf. So könnte man den Begriff Geheimnis ja verstehen: Etwas, das Verborgen ist und das mit der Weitergabe dann offenbar ist. Wenn ein Geheimnis einmal ausgeplaudert ist, dann ist es kein Geheimnis mehr. Wenn z.B. der unwahrscheinliche Fall eintritt ;), dass ein Politiker ein Schwarzgeldkonto im Ausland hat und es bekannt wird, dann ist das nicht mehr geheim, sondern offenbar.

Christus ist aber mehr als ein simples Geheimnis, das man ausplaudern kann. Jesus Christus ist für alle sichtbar auf die Erde gekommen. Er hat in aller Öffentlichkeit gelehrt und die Christen bezeugen ihn in der Bibel als den Sohn Gottes. Das ist keine Geheimlehre, sondern im Gegenteil: wir Christen wünschen uns ja, dass dieses Geheimnis alle Welt erkennen kann.

Aber das ist gerade das Besondere am Geheimnis Christi: Auch wenn man offen über ihn redet, bleibt er geheimnisvoll, nicht so leicht greifbar, von seinem Wesen und Wirken her nicht so leicht zu fassen. Wir haben ihn nicht in der Hand. Auch wenn die Bibel und wir Christen von ihm in der Öffentlichkeit reden, bleiben in ihm viele Schätze verborgen, die nicht so leicht zugänglich sind. Nachfolge bleibt ein Abenteuer, in welchem es immer wieder Neues zu entdecken und erfahren gibt. Die Tiefe und der Reichtum Jesu Christi bleibt größer, als wir das jemals erfassen können.

| Bibeltext |

1. Timotheus 3, 14-16 Das Geheimnis des Glaubens

Ein Geheimnis ist normalerweise etwas, das man verborgen halten möchte, etwas, das man nicht ausplaudern sollte. Mit dem Geheimnis des Glaubens ist es anders. Seit Jahrhunderten verkündigen wir es in der ganzen Welt: Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, gestorben, auferstanden und zurück gekehrt in die himmlische Herrlichkeit. Das blöde ist nur, dass so wenige wirklich etwas von diesem Geheimnis erfahren wollen. Sie denken, sie kennen es schon und sie denken, es hätte keine Bedeutung für sie.

Aber ich brauche nicht auf andere zu zeigen: Habe ich selbst das Geheimnis des Glaubens richtig verstanden, in seiner Tragweite und Bedeutung richtig erfasst? Nein, auch ich bin noch auf dem Weg, auch ich habe nur eine kleine Ahnung von diesem wunderbaren Geheimnis des Glaubens, auch für mich ist es noch rätselhaft und unbegreiflich. Was bedeutet dieses Geheimnis in seiner Fülle für mich und meinen Glauben? Es bleibt ein lebenslanges Entdecken und Staunen.

Ach und übrigens: die Christen, die meinen sie hätten schon alles verstandenund jedes göttliche Geheimnis gelüftet, die gehen mir gehörig auf die Nerven…

| Bibeltext |