Psalm 84 – Tausend zu eins

„Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.“ (V.11) Naja, ich weiß nicht. Ich könnt mir schon 1000 Tage vorstellen, an denen ich viele schöne Dinge machen könnte, anstatt einen Tag in den Vorhöfen des Jerusalemer Tempels herum zu hängen… Ist diese Aussage wirklich ernst gemeint und kann der Beter das von Herzen sagen? Ich hab bei den Psalmen immer wieder das Gefühl, dass da manchmal doch etwas übertrieben wird. Dass da im Überschwang des Lobpreises, so manches mal die Bodenhaftung verloren geht.

Wie ist das, wenn man etwas selbstkritischer, vorsichtiger und bodenständiger ist – kann man dann überhaupt so richtig Beten? Muss man vielleicht im Gebet alles etwas übertreiben, weil wir solch einen großartigen Gott haben, der alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt? Liegt es an der hebräischen Mentalität, in der die Gefühle stärker noch oben und nach unten ausschlagen als bei mir unterkühltem Westeuropäer? Oder hab ich einfach zu wenig Leidenschaft im Glauben und zu wenig echte Sehnsucht nach Gott?
Bibeltext

Psalm 62 – Damals wie heute

Tausende von Jahren ist dieser Psalm schon alt. Erstaunlich, wie wenig sich die Schwächen und Eigenheiten von uns Menschen seitdem geändert haben. Z.B. V.5: „Mit dem Mund segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.“ Diese Heuchelei und Falschheit gab es damals genau so wie heute.

Es werden in der Bibel so manches mal Vorstellungen deutlich, die sich heute völlig gewandelt haben. Wir haben heute z.B. ein völlig anderes Weltbild, wir wissen dass die Erde eine Kugel ist und wir in einem riesigen Weltraum umherschwirren. Aber die grundsätzlichen menschlichen Gefühle und Erfahrungen sind heute dieselben wie damals.

Das Schöne ist: So wie Menschen damals bei Gott Trost und Hoffnung finden durften, geht das heute noch genau so. Auch unsere Seele darf bei Gott still werden und bei ihm Hilfe finden.
Bibeltext

Psalm 28 – Zu Gott schreien

SchreiImmer wieder kommt es in den Psalmen vor, dass die Beter zu Gott schreien (V.2). Ich frag mich, wie das wohl zu verstehen ist: Metaphorisch oder Wörtlich? Schreien die Psalmbeter innerlich zu Gott, oder wurde es da beim Beten tatsächlich etwas lauter? Ich kann mir vorstellen, dass es im damaligen Kulturkreis durchaus möglich war, dass man im wörtlichen Sinn zu Gott geschrieen hat. Psalm 28 zeichnet das Bild eines Beters, der im Vorhof des Tempel betet, seine Hände aufhebt in Richtung Tempel (welcher damals als Ort der Gegenwart Gottes gesehen wurde) und der in seiner Verzweiflung zu Gott schreit. So wie damals die Totenklage laut und deutlich hinaus geschrieen wurde (vgl. dazu: Dem Tod ins Angesicht schreien), so schreit der Beter seine Not vor Gott heraus .

Ich muss zugeben, das ist mir fremd. Dazu bin ich zu zurückhaltend, zu introvertiert, zu westeuropäisch, zu kontrolliert. Das wär mir peinlich. Selbst wenn ich das wollte, würde aus mir nie im Leben ein orientalischer Christ um die Zeitenwende, der seine Gefühle und seine Klage einfach laut in die Welt hinaus posaunt. Aber vielleicht kann ich lernen ehrlicher zu sein, ehrlicher mit meinen Gefühlen umzugehen – sei es mit meinem Schmerz und meiner Klage, sei es mit meiner Freude. Warum müssen wir so tun, als ob bei uns Christen immer alles glatt läuft und wir in einer ständigen Zufriedenheit und Freude leben? Warum müssen wir ständig so tun, als ob wir alles im Griff haben und einen echten Christen nichts aus der Bahn werfen kann?Bibeltext

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Psalm 17 – Satt sehen an Dir

Dieser Psalm ist das Gebet eines unschuldig Verfolgten. Natürlich ist er von seiner eigenen Unschuld überzeugt und er bittet Gott, dass dieser gegen seine Feinde etwas tut. Sehr menschlich und sehr verständlich. Er bleibt dabei bei seiner Wortwahl nicht zimperlich und er wünscht seinen Feinden alle möglichen und unmöglichen Dinge. Ich finde es eigentlich okay, dass auch solche unausgewogenen Gebete in der Bibel stehen dürfen. Ich darf im Gebet meine Gefühle sprechen lassen. Und wenn es Hass ist, dann darf ich auch damit vor Gott kommen. Vielleicht kann ja gerade das Gebet helfen, mit diesem Hass umzugehen.

Was mich an diesem Psalm aber besonders angesprochen hat, war der letzte Satz: „Wenn ich wach werde, will ich mich satt sehen an dir!“ (Gute Nachricht) Ja! Satt sehen an Gott! Ich weiß nicht, wie der Beter sich das vorstellt: Vom sehen wird man ja eigentlich nicht satt (erinnert mich an die Bierwerbung mit Rudi Assauer und seiner ehemaligen Frau: „Nur gucken, nicht anfassen!“ 😉 ) Aber bei Gott reicht wohl schon das anschauen! Er ist so herrlich, so überfließend von Kraft und Leben, dass man allein vom angucken satt wird! Cool!

Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll

Ich fühle mich wie ein Stein im Geröll. Wenn irgend jemand oder irdend etwas mich anstößt, werde ich mit den anderen fallen und herunterrollen; wenn mir aber niemand einen Stoß versetzt, werde ich einfach hierbleiben, ohne mich zu rühren, einen Tag um den anderen…“ (S. 110) So sieht die einfache katalanische Bäuerin Conxa ihr Leben. Wie ein Stein, der keine großen Entscheidungen treffen kann. Wenn ihn jemand stößt, dann fällt er und wenn nicht, dann bleibt er halt liegen. Mit derselben äußeren Gleichmütigkeit erträgt Conxa die kleinen und großen Schicksalsschläge ihres Lebens. Sie zerbricht innerlich daran, und doch geht das Leben einfach weiter.

Mit wenigen und einfachen Worten erzählt Barbal die Geschichte eines ganzen Lebens. Der Hintergrund ist Katalonien in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Es wird die Welt und das Lebensgefühl der Bauern damals beschrieben. Vor allem Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die Haupfigur findet trotzdem ihr kleines privates Glück, das jedoch durch die Brutalität des Franco-Regimes zunichte gemacht wird.

Was mich bei dem Buch berührt hat, ist die einfühlsame Art, wie die Autorin eine längst vergangene Welt zum Leben erweckt. Gerade in der Schlichtheit ihrer Worte und ohne große Psychologisierung wird die Hauptperson und ihre Sicht der Welt sehr gut deutlich. Gerade weil es nicht direkt und mit gefühlsdurchtränkten Worten beschrieben wird, leuchtet auch die Größe ihrer Liebe zu ihrem Mann wunderbar auf. Ich kenne ähnliches noch von meinen Großeltern, die auch Bauern waren: Über Gefühle wurde da nie gesprochen. Dafür hat man gar nicht den Wortschatz. Und doch konnte man meinen Großeltern ihre große Liebe zueinander abspüren und ansehen.

Aber das Buch hat ganz unterschiedliche Ebenen: Es geht nicht nur um ein persönliches Schicksal, sondern man gewinnt auch einen kleinen Einblick, was da in Spanien im vergangenen Jahrhundert politisch passiert ist und welch dramatische Auswirkungen das gerade auf die einfachen Leute hatte.

Eigentlich ein trauriges Buch. Und doch sehr kraftvoll. Hilfreich, um sich im eigenen Leben das Wesentliche vor Augen zu stellen.

Matthäus 11, 1-6 – Zweifel

Eigentlich unglaublich, oder?! Der Johannes, der Jesus getauft hat, der von Jesus gesprochen hat als dem, der nicht nur mit Wasser tauft, sondern mit Feuer und dem Heiligen Geist, der Johannes, der eigentlich gleich gemerkt hat, dass er nicht wert ist, Jesus die Schuhe zu binden – der ist sich plötzlich unsicher: Er lässt durch seine Anhänger fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt. 11,3) Selbst Johannes, der überzeugt war, dass Jesus der Christus ist, kommt plötzlich in’s Zweifeln.

Da bin ich ja in guter Gesellschaft… Ich weiß, ich weiß: Als guter Christ hat man ja solche Zweifel nicht. Wir betonen zwar immer wieder, dass zum Glauben auch die Zweifel gehören – aber wenn tatsächlich mal jemand seine Zweifel offen anspricht und sich nicht sofort vom Gegenteil überzeugen lässt, sieht’s dann meist anders aus. Dann sind wir ziemlich hilflos und verwirrt. Was sollen wir tun? Wie können wir diese Zweifel möglichst schnell wieder „abstellen“? So ein paar kritische Anfragen, Zweifel an manchen Wundergeschichten oder z.B. der Jungfrauengeburt – da kann man ja drüber diskutieren (obwohl, bei manchen Christen geht nicht mal das… 😉 ). Aber grundsätzliche Zweifel daran, dass Jesus der Sohn Gottes ist – das geht doch nicht!

Aber ich kann den Johannes gut verstehen: „Bist du es wirklich Jesus? Ich hab mir das anders vorgestellt mit dem Christus!“ Vor allem wenn man bedenkt, dass Johannes im Gefängnis saß. Wenn’s einem persönlich dreckig geht und man hat das Gefühl, dass Gott das gar nicht interessiert, dann kommt man schon ins fragen. „Jesus, ich hab gedacht du kommst, um Menschen zu befreien und um Leben zu schenken? Bei mir sieht’s gerade nach dem Gegenteil aus!“

Ein Stück weit beruhigt mich diese Stelle aber auch. Zum einen deswegen weil ich sehe, dass auch bei einem Johannes dem Täufer nicht immer alles so klar und eindeutig ist. Bei mir ist im Glauben auch nicht immer alles klar und eindeutig (im Gegensatz zu manch anderen Christen, die scheinbar auf jede Frage eine Antwort haben…). Und zum anderen macht mich das auch etwas nüchterner. Es ist ganz normal dass Zweifel kommen. Unsere Gefühle können uns da schnell den Boden unter den Füßen wegziehen. So kann ich mir dann ganz nüchtern sagen: auch wenn diese Gefühle kommen und ich nichts von Gott sehe – er ist größer als meine Gefühle, als mein Denken, als meine Zweifel und als mein Unglaube.

Fight Club

Durch das Buch „Die Zukunft gestalten“ von Frost und Hirsch bin ich auf den Film „Fight Club“ aufmerksam geworden. Der Film wird als Beispiel für ein postmodernes Lebensgefühl angeführt. Hab den Film jetzt gesehen und muss sagen: Wow! Ein richtig guter Film, der zum Nachdenken anregt. Gute, inovative Story, die perfekt umgesetzt wird. Leider mit einigen zu brutalen Szenen, aber das gehört wohl bei dem Film dazu, weil er sich eben gerade mit dieser Gewalt beschäftigt. Das war für mich kein Feel-good Film von dem man nachher begeistert ist. Der Film rüttelt kräftig an unserem Selbstbild, an unserem Weltbild und an unserer modernen Gesellschaft. Nach dem Ende des Filmes war ich erst mal wie benommen und wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Es tauchen Fragen auf wie: Wer bin ich eigentlich? Welchen Sinn macht mein alltägliches Leben in unserer Wohlstandsgesellschaft?

Auf eine Inhaltsangabe verzichte ich an der Stelle – das können andere besser (z.B. bei Wikipedia). Aber ein paar Gedanken dazu: Aus Sicht des Glaubens fand ich den Film interessant, weil wirklich etwas von der postmodernen Unzufriedenheit mit unserer modernen, blutarmen und seltsam künstlichen Glitzerwelt des Scheins deutlich wird. Der Film zeigt etwas von der Sehnsucht nach ursprünglichen und kraftvollen Erfahrungen, welche wir heute kaum noch machen können (Ich glaube diese Sehnsucht drückt sich auch bei den vielen Verrückten aus, die lebensgefährliche Bergbesteigungen und sonstige Abenteuer auf sich nehmen, um wirklich mal wieder echte Grenzerfahrungen machen zu können…). Eine normale Gemeinde in der heutigen Zeit ist von dieser Sehnsucht leider oft meilenweit entfernt. Da läuft alles (zumindest an der Oberfläche) so schön gesittet, geordnet und zivilisiert ab. Starke Gefühle gibt’s nur bei den Charismatikern und auch dort muss man sie erst mit viel Aufwand künstlich erzeugen.

Etwas anderes, was mich nach dem Film beschäftigt, ist die Frage, wie wir als Christen mit Aggressionen umgehen. Der Film thematisiert ja v.a. die männliche Aggression und das Gefühl der Befreiung, wenn diese endlich mal ausgelebt werden darf. Ich denke es ist kein Wunder, dass viele Jugendliche von Ballerspielen, aggressiven Filmen und aggressiver Musik in den Bann gezogen werden. Ansonsten darf heutzutage ja Aggression gar nicht mehr vorkommen… Was tun wir Christen mit der Wut im Bauch? Immer wieder nur runterschlucken und ans Kreuz bringen? Immer nur so tun als ob man als guter Christ solche Gefühle nur vom Hörensagen kennt? Ich hab keine Antworten, nur Fragen. Vor allem wenn ich an Kinder und Jugendliche denke: Wie können wir mit der Aggression konstruktiv umgehen? Vor allem den Jungs genügt es doch nicht nur Bibel zu lesen und um eine brennende Kerze herum zu sitzen – die wollen kämpfen und siegen, auch in spiritueller Hinsicht.

1. Korinther 10, 1-13 – Sakramentalismus

Paulus spielt in diesem Abschnitt auf Taufe und Abendmahl an. Allein die Teilhabe daran bringt uns noch nicht in den Himmel. Er vergleicht es mit den Erfahrungen, die das Volk Israel in der Zeit der Wüstenwanderung gemacht hatte. Auch sie wurden „auf Mose getauft“ (beim Gang durch das Meer auf der Flucht vor den Ägyptern) und sie haben vom geistlichen Felsen getrunken (welcher von Paulus als Christus gedeutet wird). Aber das alles hat sie nicht davor bewahrt, später wieder von Gott abzufallen und in der Wüste erschlagen zu werden. Nur wenige haben dann tatsächlich das gelobte Land erreicht. Auf diesem Hintergrund mahnt Paulus die Korinther: „Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.“ (1.Kor.10,12)

Man könnte von dieser Stelle aus jetzt herrlich gegen den Sakramentalismus der Großkirchen wettern (d.h. zum Beispiel gegen die Vorstellung, dass man durch die Kindertaufe schon einen Platz im Himmel sicher hat). Andere zu kritisieren ist immer leicht und lenkt sehr schön von den eigenen Unzulänglichkeiten ab… Im Sakramentalismus wird stark betont, dass Gott durch äußerliche Zeichen am Menschen handelt, ganz unabhängig von der Einstellung des Menschen. Das ist sicher nicht die ganze Wahrheit, aber mit dieser Ansicht wird eine Seite unseres Glaubens überdeutlich betont: Keiner kann sich Gottes Gnade verdienen, sie wird uns – gänzlich ohne eigene Leistung – geschenkt. Wenn wir uns Gottes Zuwendung erst durch unser Verhalten verdienen müssten, dann wären wir alle verloren.

Mir ist klar, dass dieser Heilsautomatismus des Sakramentalismus eine Verzerrung der Bibel ist (genau diesen Automatismus kritisiert Paulus ja hier). Wenn wir aber den Sakramentalismus kritisieren, dann müssen wir aufpassen, dass wir nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen: Dass nämlich Taufe und Abendmahl an sich überhaupt keine Bedeutung haben und dass nur bei denjenigen, die richtig glauben und bekennen Gott in den Sakramenten handelt. Dass nämlich im Abendmahl nur dann Gott gegenwärtig ist, wenn wir geistlich auf der Höhe sind, wenn wir uns durch Lobpreis und Anbetung richtig für Gott geöffnet haben und wenn wir Gottes Gegenwart auch spüren. Damit machen wir Gottes Handeln von unserer Glaubensstärke und unseren Gefühlen abhängig.

Jesaja 21 – Unbequeme Schmerzen

Wie schon in Kapitel 13 kommt Jesaja auf den großen Erzfeind von Israel und Juda zu sprechen: Babylon. Die Bilder dieser Vision sind zum Teil schwer zu deuten, aber die wesentliche Aussage ist klar: Babylon wird untergehen (und so ist es dann ja auch später geschehen).

Interessant in diesem Kapitel ist für mich aber, was der Prophet über sich selbst sagt. Normalerweise treten die alttestamentlichen Propheten ganz hinter ihre Botschaft zurück. Was sie selbst denken und empfinden ist nicht so wichtig. Sie selbst spielen oft nur eine Rolle, wenn sie mit ihrem Leben die Botschaft verdeutlichen sollen (wie z.B. Hose eine Hure heiratet, um Gottes Liebe zum abtrünigen Volk deutlich zu machen). Aber hier zeigt Jesaja Gefühle. Er hat eine Vision vom richtenden Gott und er schreibt: „Darum sind meine Lenden voll Schmerzen, und Angst hat mich ergriffen wie ein Gebärende. Ich krümme mich, wenn ich’s höre, und erschrecke, wenn ich’s sehe. Mein Herz zittert, Grauen hat mich erschreckt; auch am Abend, der mir so lieb ist, habe ich keine Ruhe.“ (Jes. 21,3f)

Er sieht den richtenden Gott, er sieht den Untergang Babels, aber er ist nicht voller Genugtuung und Schadenfreude, sondern er ist angesichts dieses Gottes erschüttert und bis ins Innerste aufgewühlt. Er leidet an seiner Botschaft und kann doch nicht anders, als diese Botschaft weiter zu geben. Ich merke, dass ich kein Jesaja bin – viel zu feige und zu bequem. Lieber das erzählen, was die Leute hören wollen. Allerdings erlebe ich Gott auch nicht als diesen zornigen Richter, sondern mehr als liebenden Vater. Vielleicht könnt ich ihn anders gar nicht ertragen…

Dem Tod ins Angesicht schreien

Sie jammern, schreien, weinen und klagen um ihre Toten.

Gestern hab ich eine Doku gesehen über einen Stamm von südamerikanischen Ureinwohnern. Es ging vor allem um eine bestimmte Art des Ringkampfs, den sie untereinander und gegen andere Stämme austragen. Aber es ging auch darum, wie sie von ihren Toten Abschied nehmen. Einmal im Jahr gibt es ein großes Totenfest.

Jeder Tote des vergangenen Jahres wird durch einen großen Holzstamm repräsentiert. Dieser Holzstamm wird von den Dorfbewohnern liebevoll angemalt. Jeder Tote erhält einen individuell gestalteten Stamm, es werden Symbole drauf gemalt, die etwas von der Persönlichkeit des Verstorbenen deutlich machen.

Beim Fest selbst gibt es dann eine große Totenklage. Und da ist die Stimmung nicht still und feierlich, sondern laut und durcheinander. Es wird geschrien, geweint und gejammert. Man sieht den Gesichtern den Schmerz an, die Traurigkeit und die Verzweiflung. Der Schmerz kommt heraus, er kommt an die Oberfläche, er wird laut und erlebbar.

Auch in biblischen Zeiten wurde ja auf ähnliche Weise getrauert. Es gab viele Rituale, es gab die unterschiedlichsten Möglichkeiten den Tod auch lautstark zu beklagen.

In unserer Kultur geht es da seltsam ruhig und gefühlskalt zu. Das Wichtigste auf einer Beerdigung scheint zu sein, dass man die Fassung nicht verliert. Ein paar verstohlene Tränen sind erlaubt, aber ansonsten muss es ruhig, würdevoll und feierlich zugehen. Warum? Wann haben wir verlernt den Schmerz heraus zu schreien? Warum dürfen wir keine Gefühle zeigen?