Römer 16, 17-27: Gehorsam des Glaubens

Bei dem Text bin ich vor allem an dem Ausdruck „Gehorsam des Glaubens“ (V.26) hängen geblieben. Das ist in unsren Ohren eine eher ungewöhnliche Verbindung. Gehorsam klingt für uns eher einschränkend und entmündigend. Gehorsam weckt nicht unbedingt nur positive Assoziationen. Gehorsam klingt eher nach einer menschlichen Willensanstrengung oder nach etwas erzwungenem. Glaube dagegen verbinden wir eher mit etwas Befreiendem. Glaube verbinden wir mit Gefühlen oder mit einem innerlichen Überzeugtsein. Glaube kann man nicht von außen oder auch bei sich selbst erzwingen – Gehorsam schon.

Und doch wird hier beides verbunden: Glaube und Gehorsam. Damit wird nicht gesagt, dass beides das Gleiche ist. Es ergänzt sich eher gegenseitig. Der Schwerpunkt in diesem Ausdruck liegt für mich im Begriff Glauben. Aber die Ergänzung Gehorsam verdeutlicht, dass zum innerlichen Überzeugtsein des Glaubens auch der konkrete Gehorsam gegenüber Gott kommen muss. Glaube umfasst den ganzen Menschen und ist mehr als ein schönes Gefühl der Geborgenheit.

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Johannes 20, 19-23 Erstaunlich nüchtern

Beim Lesen habe ich mich darüber gewundert, wie nüchtern und distanziert Johannes von diesen Ereignissen berichtet. Da ist das größte Wunder geschehen: Jesus ist von den Toten auferstanden und begegnet seinen Jüngern. Die einzige Reaktion, die beschrieben wird: „Da wurden seine Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.“ (V.20) Was muss da nicht alles in den Köpfen und Herzen der Jünger vorgegangen sein? Das ist doch ein Ereignis, das einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlässt! Was könnte man da nicht alles schreiben über die Gefühle und Gedanken der Jünger! Stattdessen nur diese kurze und nüchterne Darstellung, die nur eine Andeutung von der Freude wiedergibt, welche die Jünger gefühlt haben müssen.

Andererseits finde ich diese Nüchternheit auch wohltuend. In unserer heutigen religiösen Welt wird viel mit Gefühl, Stimmung und Begeisterung gearbeitet. Das Spektakuläre und Außergewöhnliche wird gepuscht. Je mehr Emotionen geweckt werden, desto besser. Die Bibel ist da viel zurückhaltender. Es geht nicht in erster Linie um unsere menschlichen Gefühle, sondern um Jesus Christus, das Wunder seiner Auferstehung und die Gabe des Heiligen Geistes. Das müssen wir nicht künstlich hochpuschen, sondern das hat in aller Nüchternheit eine tiefe innere Kraft, die mehr Veränderung schafft, als eine kurzfristige Begeisterung.

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Leo Tolstoi: Anna Karenina

Tolstoi: Anna KareninaEiner der bekanntesten Romane der Weltliteratur mit einem der bekanntesten Anfangssätze: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Obwohl ich das Buch schon vor längerer Zeit einmal gelesen habe, war mir der Sinn dieses Beginns noch nie so richtig deutlich. Nach dem Wiederlesen des Romans wird er mir zum ersten mal etwas klarer. Damit eine Ehe und Familie glücklich sein kann, müssen viele Faktoren zusammen kommen. Weil so vieles passen muss, ähneln sich die glücklichen Ehen. Für eine unglückliche Ehe und Familie genügt es aber, dass nur ein Faktor nicht erfüllt ist. Es kann viele verschiedene Ursachen haben, die zu einer unglücklichen Ehe führen. Insofern ist jede unglücklich Familie auf ihre eigene Weise unglücklich. Leo Tolstoi: Anna Karenina weiterlesen

Apostelgeschichte 22, 1-21 Persönliche Erfahrung und biblische Grundlage

Paulus hebt in seiner Verteidungsrede besonders seinen jüdischen Eifer und seine persönliche Erfahrung hervor. Er kennt durch seine Ausbildung das alttestamentliche Gesetz sehr genau. Er sieht sich als Eiferer für Gott. Er spricht vor seinen jüdischen Zuhörern vom „Gott unserer Väter“ (V.14). Auffällig ist, dass in seiner ganzen Rede der Name Jesus nur einmal fällt (V.8). Diese Rede macht deutlich: Paulus sieht sich nach wie vor als Jude. Aber er sieht eben in Jesus von Nazareth „den Gerechten“ (V.14), also den Messias.

Paulus versucht hier nicht durch theologische Argumente zu überzeugen, sondern durch seine eigene Lebensgeschichte. Das ist das, was bis heute andere am meisten von Jesus Christus überzeugt: Was haben wir mit ihm erlebt? Wie hat er unser Leben verändert? Allerdings war für Paulus auch seine theologische Ausbildung wichtig, um diese Erfahrungen einordnen und richtig deuten zu können. Wenn die biblische Grundlage fehlt, dann bleiben nur noch religiöse Gefühle. Und die können ziemlich beliebig sein.

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Titus 2, 11-15 Langweilige Besonnenheit

Die Beschreibung eines christlichen Lebens klingt hier nicht gerade revolutionär: wir sollen „besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben“ (V.12). Insgesamt vier mal kommt in Titus 2 dieses Wort „besonnen“ vor. Als ob es das allerwichtigste wäre, dass wir Christen nicht über die Stränge schlagen…

Gähn! Klingt langweilig! Aber vielleicht sollten wir uns das ja ab und zu mal sagen lassen: Beim Christsein geht es nicht um permanente Hochgefühle, es geht nicht um ein ständiges Leben am Limit. Christsein kann – wie jedes andere Leben – auch einfach mal langweilig sein. Wir müssen nicht immer das Außergewöhnliche suchen. Oft genug ist es einfach dran, mit einem gesunden Gottvertrauen und viel Besonnenheit durch die Welt zu gehen. Auf die Dauer sind wahrscheinlich sogar solche „langweiligen“ Werte wie Treue, Verlässlichkeit und Besonnenheit für ein nachhaltiges Leben als Christ wichtiger als gelegentliche Hochgefühle und außergewöhnlichen Erfahrungen.

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2. Timotheus 4, 5-8 Nüchterne Leidensbereitschaft und visionärer Begeisterung

Interessant wie Paulus hier den Timotheus ermutigt: „Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, richte dein Amt redlich aus.“ (V.5) Er stellt ihm keine großartigen Visionen für seine Gemeindearbeit vor Augen und er feuert nicht eine leidenschaftliche Begeisterung für den Glauben an, sondern er rät zu Nüchternheit, Leidensbereitschaft und Redlichkeit.

Natürlich weiß auch Paulus, dass Visionen und Begeisterung wichtig sind. Aber er weiß auch, dass solcher Optimismus und positive Gefühle auch ein Korrektiv nötig haben: Realismus und die Bereitschaft, an den Dingen die nicht so laufen wie erträumt, zu leiden. Beide Seiten gehören zum Glauben und zur Gemeinde dazu. Da muss jeder, auch in sich selbst, einen Ausgleich suchen zwischen dem begeisterten Pfingstler, der nur noch über dem Boden schwebt und die Realität der Welt gar nicht mehr an sich heran lässt und dem nüchternen Landeskirchler, dem vor lauter Realismus sein Glaube austrocknet.

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Epheser 4, 25-32 Vom Umgang mit Zorn

Jetzt kommen konkrete ethische Anweisungen, wie das Leben als von Gott erneuerter Mensch aussehen sollte. Interessant fand ich den Umgang mit dem Zorn. Grundsätzlich soll aller Zorn fern von uns sein (V.31). Aber der Epheserbrief weiß doch auch feine Unterscheidungen zu machen: Es gibt Affekte, die wir nicht so einfach kontrollieren können. Dazu zählt der Zorn. Darum schreibt er: „Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonnen nicht über eurem Zorn untergehen.“ (V.26)

Wir sind als Christen und auch als erneuerte Menschen keine Roboter, die ständig ihre Gefühle im Griff haben. Auch wir können vom Zorn überwältigt werden. Die Frage ist dann, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen! Das heißt doch, dass wir den Zorn an sich nicht verhindern können, dass wir aber verhindern können, dass er sich fest setzt. Wie man das konkret macht, ist allerdings noch mal eine andere Frage. Unterdrücken, ignorieren, rauslassen, mit einem Seelsorger darüber reden, beten,…???

Genial an diesem Abschnitt finde ich, dass hier nicht nur dazu aufgefordert wird, das Negative zu lassen, sondern auch dazu, das Positive zu tun. Das geht über das „du sollst nicht“ der zehn Gebote hinaus. Es geht nicht nur darum das Böse nicht zu tun, sondern gleichzeitig auch darum, das Gute einzuüben.

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Julien Green: Leviathan

Warum heißt dieser Roman Leviatan? Gute Frage! Der Leviathan kommt ursprünglich aus der Bibel und ist dort ein Ungeheuer des Meeres. Für den Hebräer war schon das Meer an sich eine bedrohliche und unheimliche Macht, sehr viel mehr dann dieses schattenhafte Ungeheuer aus der Tiefe. In der jüdisch-christlichen Tradition wird der Leviathan manchmal mit dem Teufel selbst in Verbindung gebracht, kann aber auch einfach für Chaos und Unordnung stehen.

In dem Roman von Julien Green geht es um wilde, chaotische und letztendlich unbeherrschbare Triebe und Gefühle, die Menschen unter der Oberfläche bestimmen und antreiben. Alle Hauptpersonen, die in dem Buch vorkommen werden nicht von Vernunft oder einer höheren ethischen Gesinnung gelenkt, sondern sind bestimmt von Gefühlen, die wie ein Seeungeheuer unter der Wasseroberfläche lauern und die bei einem Sturm auf dramatische Weise zum Vorschein kommen.

Zur Handlung: Es geht um einen Hauslehrer, der von seinem Leben und seiner Ehe enttäuscht ist. Er verliebt sich in ein wunderschönes achtzehn-jähriges Mädchen. Als er jedoch erfährt, dass sie schon mir mehreren Männern ein Verhältnis gehabt hat, brennen bei ihm die Sicherungen durch. In seinen Strudel aus triebgesteuerter Gewalt und blinder Liebe zieht er noch andere Personen mit in den Abgrund.

Vom Stil her merkt man dem Buch natürlich seine Entstehungszeit an – es wurde 1929 erstveröffentlicht. Den heutigen Lesegewohnheiten entspricht diese Sprache und auch die Dramaturgie nicht mehr. Aber ich mag diese Sprache, den linearen Verlauf der Geschichte und den genauen Realismus, den man bei Green findet. Er beobachtet und beschreibt die Gefühle seiner Figuren sehr genau und steuert die Geschichte zielbewusst auf das Ende hin.
Als Leser muss man sich nach der Lektüre fragen: Stimmt dieses Menschenbild? Sind wir wirklich so? Steckt unter der dünnen Oberfläche der Zivilisation in jedem von uns ein Monster? Was ist der Leviathan in mir? Wie sehr bestimmen mich Triebe und Gefühle unter der Oberfläche?

Zitate:

„Sie sank … in die tödliche Langeweile zurück, die die Verdammnis der Reichen ist.“ (S. 218)

„… nichts quält, nichts versklavt so sehr wie die Hoffnung auf irdisches Glück.“ (S. 231)

Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag

Ein schönes kleines Büchlein! Manche mögen es vielleicht als ein bisschen rührseelig und spannungsarm empfinden. Aber mich hat das nicht gestört, ich hab es gern gelesen.

Es geht um vier Geschwister, die sich anlässlich einer Hochzeit in der Verwandtschaft wieder einmal treffen und noch einmal in die Welt ihrer gemeinsamen Kindheit eintauchen. Es ist so etwas wie der Abschied von dieser Vergangenheit. Ein melancholischer Glanz liegt über der Begegnung. Aber zugleich auch ein tiefe Zuneigung und Verständnis füreinander.

Dass das Ganze nicht völlig ins Kitschige abrutscht liegt an der Erzählkunst Gavaldas. Sie erschafft Charaktere mit Ecken und Kanten. Sie würzt die großen Gefühle mit Witz und Ironie. Ich mag ihre Art zu erzählen und ihre Unbekümmertheit, mit der sie sich auch an emotionsgeladene Geschichten heranwagt. Ich glaube nicht, dass wir in unserer Welt zu viel Gefühl haben – ja, wir haben zu viele oberflächliche und platte Gefühle, aber wer redet schon über das, was sein Herz wirklich bewegt, was ihm die Tränen in die Augen treibt, was ihn tief im Innern schmerzt oder zum jubeln bringt?

Philipper 4, 4-7 Freude auf Knopfdruck?

Irgendwie scheint die Bibel ein anderes Verständnis von Gefühlen zu haben als wir heute. In dem Text werden wir dazu aufgefordert, uns zu freuen und uns keine Sorgen zu machen. In vergleichbarer Weise fordert uns Jesus zur Liebe auf (Mt. 22,37-39). Wir heutigen denken spontan: Eigentlich geht das doch gar nicht. Das sind doch Gefühle, die kommen und gehen, die kann ich doch nicht herbei befehlen. Freude kann ich doch nicht machen, Liebe kann ich doch nicht auf Knopfdruck erzeugen und wenn ich mir Sorgen mache, dann kann ich das doch nicht einfach abstellen.

Wahrscheinlich geht auch Paulus nicht davon aus, dass wir diese Gefühle einfach per Knopfdruck herbeiführen können. Aber es macht für ihn offensichtlich Sinn, uns dazu aufzufordern, oder vielleicht muss man sagen: uns dazu zu ermutigen. Er geht offensichtlich davon aus, dass wir durchaus etwas dazu beitragen können, um uns zu freuen und uns weniger Sorgen zu machen. Es geht nicht um Gefühle, die uns einfach überwältigen und die wir nicht beeinflussen können, sondern es geht um Einstellungen, die wir fördern können oder behindern können.

Zum Thema nicht Sorgen gibt Paulus ja konkrete Anweisungen: „Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“ (V.6) Das Gebet, die Ausrichtung auf Gott, das Abgeben und das Sprechen über meine Sorgen vor Gott kann mir also dabei helfen, dieser Einstellung der Sorglosigkeit und Freude näher zu kommen.
Bibeltext