Römer 13, 8-14: So einfach und doch so schwierig

Christliche Ethik ist so einfach. Es geht eigentlich nur um eine einzige Sache: Liebe! Wer seinen Nächsten liebt, wie sich selbst, erfüllt Gottes Gebote. Dafür braucht es keine große Gelehrsamkeit. Dafür braucht man keine theologischen Abhandlungen. Den Nächsten zu lieben, ist das Zentrum von Gottes Willen für uns. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Aber gerade dieses einfache Gebot ist in der Praxis so schwierig. Zunächst ist bei Paulus klar, dass es nicht um eine beliebige Wohlfühl- und Zuckergussliebe geht, sondern um eine Liebe, die sich in konkreten Taten äußert. Er entfaltet dieses einfache Gebot ja in seinen Briefen in vielen konkreten Ermahnungen. Und auch der Bezug zu den Geboten des Alten Testaments bleibt bestehen, weil die Liebe die Erfüllung dieser Gebote sein soll. Es geht um mehr als ein schönes Gefühl.

Das ist gerade die große Schwierigkeit: diese Liebe auch konkret zu leben. Ich sehe so oft, wie ich selbst und andere Christen an diesem einfachen Gebot scheitern. Da kann ich jahrzehntelang Christ sein und dennoch versage ich gerade an diesem grundlegenden Gebot immer wieder. Das bleibt tatsächlich eine Sache, in der wir ein Leben lang anderen etwas schuldig bleiben (V.8). Außerdem gehört zu diesem Gebot ja auch dazu, dass ich mich selbst lieben und akzeptieren kann. Ich fürchte viel Lieblosigkeit – auch unter Christen – hat gerade hier ihren Ursprung: Dass wir uns selbst nicht wirklich akzeptieren und lieben können. Wenn wir mit uns selbst im Krieg liegen, dann macht das unser Herz bitter, auch gegenüber unserem Nächsten und gegenüber Gott. Wer mit sich selbst im Reinen ist – auch mit seinen Schwächen und Fehlern – der kann auch mit den Schwächen und Fehlern anderer gelassener umgehen.

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Römer 7, 7-13: heilig, gerecht und gut

Bei aller Radikalität in seinem Denken ist Paulus kein einfacher Schwarz-Weiß Denker. In diesem Abschnitt versucht er den komplexen Zusammenhang zwischen Gesetz und Sünde zu verdeutlichen. Für die Realität der Sünde gibt es eben keine einfachen Erklärungen und auch keine platten Lösungen. Es gibt keine simple gesetzliche Lösung, nach der wir einfach nur die Gebote einhalten und dann vor Gott gerecht sind. Das hat Paulus bereits ausführlich dargelegt, dass kein Mensch durch Werke vor Gott gerecht werden kann. Aber es ist auch keine Lösung, wenn wir Gesetz und Sünde einfach gleichsetzen. Dann könnte man ja das Gesetz abschaffen und wäre damit auch die Sünde los. Das wäre dann sozusagen die absolute Freiheit, ganz ohne Gebote Gottes.

Paulus hält aber ganz klar daran fest, dass das Gesetz mit seinen Geboten „heilig, gerecht und gut“ (V.12) ist. Es ist Gottes gute Gabe an uns, es ist sinnvoll und richtig. Das Problem ist aber, dass diese gute Regeln unser Fehlverhalten erst aufdecken und sogar noch provozieren. Die Sünde benutzt Gottes gutes Gebot zu ihren Zwecken. Sie weckt Begierde. Sie reizt uns zum Ungehorsam. Paulus beschreibt das in diesem Abschnitt anhand eines exemplarischen menschlichen Ichs. Damit schließt er sich selbst ein, spielt aber zugleich auch auf die Geschichte des Sündenfalls an. Das ist ein Grunderfahrung von allen Menschen.

Das kann man schon an Kindern beobachten: Wenn man ihnen Grenzen setzt, dann werden sie garantiert ausprobieren wollen, was passiert, wenn sie die Grenzen übertreten. An diesem Beispiel kann man vielleicht diese komplizierte Wechselwirkung zwischen Gesetz und Sünde verdeutlichen. Dass Eltern ihren Kindern Grenzen setzen ist gut und richtig. Wenn diese Grenzen sinnvoll sind, dann dienen sie dem Leben. Aber zugleich provozieren gerade die Grenzen auch den Ungehorsam. Es gibt da keine einfache Lösung. Wenn Eltern keine Grenzen setzen würden, dann würden die Kinder zwar nicht ungehorsam sein können, aber sie könnten sich selbst und anderen schaden. Aber es ist auch nicht sinnvoll, die Kinder nur mit Gewalt zu einem Regelgehorsam zu zwingen, denn dann ist die Beziehung zwischen Eltern und Kind auch gestört. Bei Kinder ist es am besten, wenn sie irgendwann selbst einsehen, dass die Regeln für sie selbst gut sind. Es ist am besten, wenn sie aus eigenem inneren Antrieb heraus die Regeln befolgen.

Im übertragenen Sinn ist das durch Jesus Christus geschehen. Er beseitigt die Beziehungsstörung zwischen Gott und Mensch. Er vermittelt uns Gottes Geist, durch den wir befähigt werden, aus innerem Antrieb nach dem Willen Gottes zu leben. Wir sind nicht heilig, gerecht und gut weil wir äußerliche Regeln befolgen (die trotzdem nach wie vor gut und richtig sind), sondern weil wir im Einklang und Frieden mit Gott leben.

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Römer 7, 1-6: Dem Gesetz gestorben

Paulus liebt zugespitzte Formulierungen und Gegenüberstellungen. Er ist nicht nur in seinem Leben radikal in seiner Hingabe an Jesus, sondern auch in seinem Denken. Wenn man will, kann man seine Worte leicht verdrehen, indem man sie aus dem Kontext reist oder sie einfach etwas umdeutet. Dem Gesetz gestorben könnte ja auch bedeuten, dass wir als Christen völlig frei sind von allen Forderungen Gottes. Wenn wir frei von Gottes Geboten sind, dann haben sie keine Geltung mehr für uns und wir müssen uns nicht an ihnen ausrichten.

Dem Gesetz gestorben bedeutet für Paulus aber nicht nicht, dass wir nicht nach dem Willen Gottes fragen. Im Gegenteil, wer frei vom Gesetz des Buchstaben ist, der kann in ganz neuer Weise im Geist nach dem Willen Gottes fragen. Das Ziel ist nicht die Gesetzlosigkeit und die Beliebigkeit, sondern das Ziel ist nach wie vor, dass „wir Gott Frucht bringen“ (V.4). Aber eben nicht mehr in einem Buchstabengehorsam, sondern im „Wesen des Geistes“ (V.6).

Das lässt sich theologisch leicht so schreiben. Meine grosse Schwierigkeit ist, wie das dann in der Praxis aussieht. Da ist es eben nicht immer so einfach und offensichtlich. Da ist es oft bequemer sich an einige klare christliche Regeln zu halten, als immer wieder neu zu fragen, was denn der Wille Gottes ist. Vor allem dann, wenn es in konkreten Fragen unterschiedliche Meinungen gibt, was denn der Wille Gottes ist.

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Römer 3, 9-20: Wozu das Gesetz?

Mit Römer 3,20 ist ein erster Gedankengang des Paulus abgeschlossen: Weder Heiden noch Juden können durch Werke des Gesetzes vor Gott gerecht werden. Die Juden haben zwar durch die besondere Gesetzesoffenbarung einen Vorteil, aber Gottes Forderungen zu kennen, bedeutet noch nicht, auch danach zu leben. Das Gesetz, die Gebote der Bibel, sie zeigen Gottes Willen. Wenn wir nicht fähig sind, diesen Willen zu erfüllen, dann zeigt uns das Gesetz vor allem unser Ungenügen, unsere Sünde vor Gott. Weiter geht es dann ab V.21 mit der positiven Entfaltung: mit der Rechtfertigung durch Glauben.

Paulus spekuliert an dieser Stelle nicht darüber, warum Gott dann überhaupt das Gesetz gegeben hat. Er hätte es doch gleich wissen müssen, dass die Menschen es nicht erfüllen können. Und wenn wir Gottes Forderungen eh nie gut genug erfüllen können, dann brauchen wir uns doch erst gar nicht darum bemühen. Man muss an dieser Stelle unterscheiden: Um vor Gott gerecht zu sein, kann uns das Gesetz nichts nützen. Wir werden immer wieder daran scheitern.

Aber trotzdem können Gottes Gebote doch einen positiven Effekt für unseren Umgang miteinander und mit Gott haben. Jemand der z.B. versucht, nicht zu lügen und mit anderen ehrlich umzugehen, hat sicher einen positiveren Effekt auf seine Umwelt, als jemand, der sich darum von vornherein nicht bemüht. Auch wenn wir immer wieder daran scheitern, so hat schon der Versuch, mit anderen liebevoll umzugehen andere Auswirkungen, als wenn wir gar nicht nach Gottes Willen fragen. Wir dürfen uns nur nichts darauf einbilden und meinen, dass uns das dann vor Gott gerecht machen kann. Das ist der Punkt des Paulus: In der Frage unserer Rechtfertigung vor Gott können wir uns durch Gesetzeswerke nichts verdienen – „durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“

Lukas 6, 6-11 Jesus lehrt die Schriftgelehrten

Jesus lehrt in der Synagoge. Auch einige Schriftgelehrte und Pharisäer sind anwesend. Aber sie sind gar nicht an Jesu Lehre interessiert, sondern warten nur darauf, dass sie was finden, um ihn zu verklagen. Was er sagt, interessiert sie gar nicht. Sie haben sich ihre Meinung schon gebildet. Sie versuchen auch nicht, mit ihm zu diskutieren oder seine Lehre zu widerlegen, sondern warten nur auf eine vermeintliche Gesetzesübertretung. Ihr Bild von Gott und vom Glauben steht festgezimmert und Jesus entspricht diesem Bild nicht.

Ich glaube das ist bis heute eine Gefahr: dass gerade die Frommen, die sich in der Schrift so gut auszukennen meinen, gar nicht mehr richtig zuhören, was Jesus zu sagen hat, sondern sie sich auf Äußerlichkeiten konzentrieren. Die selbstgebauten Glaubenssysteme und theologische Richtigkeiten werden dann wichtiger als der eigentliche Kern der Gebote Gottes.

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Lukas 6, 1-5 Die Jesus-Brille

Jesu geht mit seinen Jüngern am Sabbat durch ein Kornfeld. Die Jünger schnappen sich einige Ähren, zerreiben sie und essen die Körner. Das ist nach 5. Mo 23,26 ausdrücklich erlaubt. Aber einige Pharisäer sehen darin Erntearbeit und werfen Jesus vor, dass seine Jünger dadurch das Gebot der Sabbatheiligung brechen. Ganz egal welche Motivation hinter diesem Vorwurf steckt – die Frage bleibt ja auch für uns heute: Was heißt es, Gottes Wort und seine Gebote ernst zu nehmen? Was heißt es hier im konkreten Fall den Sabbat zu heiligen?

Manche meinen: Je ernster ich Gott nehme, desto radikaler und enger muss ich seinen Geboten folgen. Schon mit dem leisesten Hauch von Arbeit übertrete ich Gottes Gebot. In der Parallelstelle bei Markus wird uns dagegen eine allgemeine Regel gegeben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk.2,27) D.h. dass Gott uns Gebote zu unserem Besten gibt und nicht, um uns damit zu knechten. Es kommt auf den Geist der Gebote an und nicht auf den Buchstaben.

Lukas lässt diese allgemeine Regel weg und erklärt alles von Jesus her: „Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.“ (V.5) So weist er noch radikaler als Markus (der diese Erklärung neben der allgemeinen Regel auch noch aufführt) darauf hin, dass wir Gottes Gebote nur von Jesus Christus her verstehen und leben können. Gottes Wort ist keine abstrakte Wahrheit, sondern will immer von Christus her gedeutet werden. Beim Bibellesen sollten wir also immer die Jesus-Brille aufhaben…

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Galater 5, 13-15 Wahre Gesetzesfrömmigkeit

Freiheit vom Gesetz bedeutet für Paulus keine Gesetzlosigkeit. Im Gegenteil: nur in dieser Freiheit kann das wahre Anliegen des Gesetzes wirklich umgesetzt werden. Das Gesetz ist für Paulus kein Weg zu Gott, ich kann mich durch Gesetzesbefolgung nicht vor Gott rechtfertigen – und ich brauche es auch gar nicht. In diesem Sinn bin ich als Christ frei vom Gesetz. Ich brauche es nicht, um vor Gott stehen zu dürfen. Aber in einem tieferen Sinn hat das Gesetz, die Gebote der Bibel eine bleibende Bedeutung für uns. Paulus geht es nicht um äußerlichen Gesetzesgehorsam, sondern um den Kern des Gesetzes – und das ist für ihn die Liebe: „Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!'“ (V.14)

Gottes Gebote dienen nicht dazu, mich selbst gerecht zu machen, sondern sie dienen dazu, meinem Nächsten Gutes zu tun. Das ist eine völlig andere Blickrichtung auf das Gesetz. Es dient nicht meiner Gerechtigkeit, sondern es dient der Liebe zu meinem Nächsten und mir selbst. Bis heute gibt es engherzige Gläubige, die Angst davor haben, dass die Gebote Gottes im Namen der Liebe aufgeweicht werden. Diese Angst kann ich nachvollziehen, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht so enden wie die Irrlehrer in Galatien, welche am wahren Kern und Sinn der Gebote vorbei gelebt und gelehrt haben. Die wahre Gesetzesfrömmigkeit ist nicht äußerlicher Buchstabengehorsam sondern die Liebe!

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Galater 3, 15-25 Das Gesetz

Paulus begnügt sich nicht mit einer autoritären Zurechtweisung, sondern er will überzeugen und argumentiert daher theologisch ziemlich anspruchsvoll und differenziert. Zunächst führt er in diesem Abschnitt die Zeitebene an: die Verheißung an Abraham (dass wir durch Glaube gerecht werden) ist älter als das Gesetz (das erst Mose während der Wüstenwanderung empfangen hat) und wird durch das Gesetz auch nicht ausgesetzt. Sie ist daher wichtiger und zentraler als das Gesetz.

Dann stellt sich allerdings die logische Frage: „Was für einen Sinn hat dann das Gesetz? Es ist hinzugefügt worden, damit die Macht der Sünde in den Gesetzesübertretungen sichtbar wird.“ (V.19, Gute Nachricht Bibel) Das Gesetz kann uns also unsere Sünde aufzeigen, sie aber nicht beseitigen. Daneben ist das Gesetz für Paulus ein „Aufseher“ (Gute Nachricht Bibel; Luther übersetzt mit „Zuchtmeister“). In der damaligen Zeit gab es Sklaven, die auf die Kinder aufgepasst haben – damit vergleicht Paulus das Gesetz: „es war für uns wie der Sklave, der die Kinder mit dem Stock zur Ordnung anhält.“ (V.24, Gute Nachricht Bibel)

In der Theologie werden diese zwei Funktionen des Gesetzes als „usus elenchticus“ (das Gesetz zeigt uns unsere Sünde auf) und als „usus politicus“ (das Gesetz sorgt für eine äußere Ordnung des Zusammenlebens) bezeichnet. Das ist das, was all die Gebote und Forderungen Gottes leisten können (und das ist nicht wenig!): sie können das äußere Zusammenleben der Menschen ordnen und uns aufzeigen, dass wir im Innersten die Forderungen Gottes nach wahrer Menschen- und Gottesliebe doch nie ganz erfüllen können – wir scheitern immer wieder daran und werden uns dadurch unserer Sünde bewusst. Wirklich beseitigen kann unserer Sünde nur einer: Jesus Christus.

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Exodus 22 Was soll die Erbsenzählerei?!

Schon seltsam: eigentlich sollte man ja meinen, dass das Gebot „Du sollst nicht stehlen!“ alles geklärt ist. Jetzt in diesem Kapitel folgen einige Bestimmungen, wie man mit Diebstahl umgehen soll. In welchem Fall muss der Dieb wie viel ersetzen, was geschieht wenn er es nicht ersetzen kann, was geschieht, wenn er beim Diebstahl erwischt wird und verletzt wird (und dabei wird noch unterschieden ob es dabei Tag oder Nacht ist!)…

Was soll die ganze Erbsenzählerei?! Die Sache ist doch klar! Du sollst nicht stehlen! Fertig! Aus! Da gibt es eigentlich nichts zu erklären und da muss man sich eigentlich keine Gedanken über alle möglichen Eventualitäten und Umstände machen. Die Bibel tut es aber!

Ich glaube es ist beides auch nötig: Das klare, einfache und unmissverständliche Gebot: „Du sollst nicht stehlen!“ (In der Theologie: apodiktisches Recht) Aber auch der realistische Blick auf unser Miteinander: Es wird eben doch gestohlen! Wie gehen wir dann konkret mit unserem Versagen um? (in der Theologie: kasuistisches Recht) Bei manchen Christen begegnet einem nur diese absolute und simple Forderung: Du sollst! Jegliche Ausdifferenzierung wird schon als Ungehorsam verschrieen! Bei anderen findet man das andere Extrem: da wird vor lauter Ausdifferenzierung der Wille Gottes gar nicht mehr deutlich. Wie so oft: Beides ist wichtig und wir dürfen das eine nicht gegen das andere ausspielen.

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Exodus 21 Auge um Auge

Manches in diesem Kapitel erscheint mir fremd. Das sind Rechtssätze aus einer anderen Zeit und anderen Kultur. Niemand den ich kenne würde z.B. ernsthaft auf die Idee kommen, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen (vgl. V.7 – wobei das auch heute in anderen Kulturen noch normal ist). Die konkreten Gebote der Bibel kritisieren nicht die damalige Kultur des Sklavenhandels, aber sie ordnen die damalige Kultur mit bestimmten Grundsätzen.

Einer dieser Grundsätze ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn,…“ (V.24). Dieser Grundsatz gilt von der Bedeutung her bis heute in unserem Rechtssystem. Es ist der Grundsatz der angemessenen Strafe: Die Schwere der Strafe muss dem Gewicht des Vergehens angemessen sein, sie darf nicht zu leicht und nicht zu schwer sein. Jemand der einen Kaugummi geklaut hat muss anders bestraft werden, als jemand der einen Mord begangen hat. Ob dieses Auge um Auge damals wörtlich ausgeführt wurde ist umstritten. Verse wie V.18f und V.26f deuten eher auf eine übertragene Bedeutung hin. Dieses Gebot verhindert eine hemmungslose Rachsucht, sie beschränkt die Bestrafung auf ein angemessenes Maß. So fremd und veraltet sind also die Grundsätze hinter diesen Geboten gar nicht.

Nun hat ja Jesus bekanntlich dieses Gebot in Frage gestellt (Mt.5,38-42). Wen uns jemand Böses tut, so sollen wir uns nicht wehren, sondern im Gegenteil: wenn uns jemand auf die linke Backe schlägt, sollen wir ihm auch noch die rechte hinhalten! Was gilt nun als Christ? Auge um Auge? Oder soll ich die andere Backe hinhalten?

Ich denke es ist wichtig, den Hintergrund der Aussagen mit ein zu beziehen. In Exodus geht es um allgemeine Rechtssätze für das Zusammenleben. Hier muss es gewisse Grundsätze geben, wie eine Gemeinschaft mit Menschen umgeht, die andere schädigen. Jesus spricht den Menschen persönlich an: Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand Böses tut? Poche ich auf mein Recht oder verzichte ich bewusst darauf, um dem anderen etwas von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes deutlich zu machen? In dieser Spannung leben wir: Wo ist es nötig, dem Bösen Einhalt zu gebieten und wo ist es nötig, das Böse durch Gutes zu überwinden?

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