Jeremia 51, 1-33 Was kann der Hammer dafür?!

Mhm… also diese Argumentation ist schon etwas seltsam: Gott sagt, dass er Babylonien als Hammer, als Kriegswaffe gebraucht hat, mit dem er Völker und Königreiche zerschmettert hat (V.20). Und dann soll Babylonien eben dafür bestraft werden, dass es Verderben über andere Völker gebracht hat (V.24-25). Seltsam, oder?! Was kann der Hammer dafür, dass mit ihm etwas kaputt geschlagen wird?!

Ich lass das jetzt mal als Frage stehen. Man könnte sich natürlich aus der theologischen Trickkiste oder mit dem gesunden Menschenverstand schnell eine einigermaßen akzeptable Lösung zurechtbasteln. Aber es ist auch mal ganz gut, wenn man eine Frage stehen lässt und sich nicht immer alles gleich in Wohlgefallen auflöst. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, vor Gott stehen zu bleiben und zuzugeben: „Ich verstehe dich nicht.“ Anstatt sich einzubilden, die innersten Geheimnisse Gottes zu durchschauen und auf alles eine Antwort zu haben.
Bibeltext

Jeremia 12, 1-6 Getragen in den Fragen

Das finde ich tröstlich am Jeremiabuch: Jeremia ist nicht der abgehobene Glaubensheld, der all das Schwere geduldig und gelassen erträgt, sondern er ist ein ganz normaler angefochtener Mensch, der zweifelt, fragt und kämpft. In diesen Versen wird das deutlich. Jeremia ist es selbst klar, dass es keinen Sinn macht, mit Gott rechten zu wollen; er weiß, dass Gott Recht behält (V.1). Und trotzdem kann er nicht anders, als seine Fragen zu stellen. Er versteht Gott und sein Handeln einfach nicht: „Warum geht’s doch den Gottlosen so gut, und die Abtrünnigen haben alles in Fülle?“ (V.1)

Das ist ja aber auch schwer zu verstehen. Jeremia setzt sein Leben auf’s Spiel, um Gott zu dienen und es geht ihm dreckig dabei. Die Gottlosen dagegen, die er seit Jahrzehnten zur Umkehr ruft, haben scheinbar keine Sorgen und es geht ihnen gut. Was soll das? Wo bleibt da die Gerechtigkeit Gottes? Die Antwort Gottes darauf ist auch nicht unbedingt tröstlich: „Wenn es dich müde macht, mit Fußgängern zu gehen, wie wird es dir gehen, wenn du mit Rossen laufen sollst?“ (V.5) Soll wohl heißen: Wenn dich die Situation jetzt schon fertig macht, wie soll das dann erst später werden – denn es kommt noch viel extremer!“ Armer Jeremia! Und doch hat Gott ihm immer wieder Kraft geschenkt, um das alles zu ertragen.

Diese Frage, warum es den Gottlosen so gut geht (und die implizite Frage, warum es manchen Gläubigen nicht so gut geht) ist ja bis heute aktuell. In meiner Situation könnte man auch fragen: Warum bekomme ich als Pastor, der Gott dienen möchte, einen Hirntumor und viele andere Leute, die nicht an Gott glauben, leben glücklich, zufrieden und gesund? Ich für mich selbst kann nur sagen, dass mich diese Warum-Frage im Moment gar nicht groß interessiert. Ich zerbrech‘ mir darüber nicht den Kopf. Es ist einfach so und ich werde auf die Frage nach dem Warum keine Antwort bekommen (auch Jeremia hat darauf keine wirkliche Antwort bekommen). Was ich aber erlebe und was wichtig ist: Gott ist da und er hält mich. Ich wüsste nicht, wie ich ohne Gott und ohne die vielen lieben Menschen, die für mich beten, mit dieser Situation klar kommen sollte.
Bibeltext

Psalm 94 – Fragen und Anfragen

Erstaunlich, wie oft in den Psalmen immer wieder neben das Lob und die Vertrauensäußerungen die Fragen und Anfragen an Gott treten. Auch in diesem Psalm fragt der Beter Gott, warum er es zulässt, dass in seinem Volk das Recht von irgendwelchen habgierigen und hochnäsigen Machtmenschen mit Füßen getreten wird. Interessanterweise macht der Beter das Unrecht vor allem an der ungerechten Behandlung von Witwen, Fremdlingen und Waisen fest: Nicht erst Jesus hat sich um die Schwächsten der Schwachen gekümmert, sondern schon der an manchen Stellen sehr despotisch und willkürlich erscheinende Gott des Alten Testaments hatte ein Herz für die Schwachen und Ausgestoßenen.

Ich möchte gern bei dieser „offenen“ Sicht Gottes bleiben. Er hat sich in Jesus geoffenbart, er hat in Jesus sein tiefstes Wesen gezeigt. Und doch haben wir Gott nicht in der Tasche. Auch mit Jesus bleibt meine Gotteserkenntnis Stückwerk. Auch mit Jesus treten bei mir neben das Lob und das Vertrauen auch die Fragen und Anfragen. Es gibt so manches, was ich nicht verstehe… Aber trotz mancher Fragen geht’s mir so wie dem Psalmbeter: Dass ich auch in den Fragen und Tiefpunkten erlebe, dass Gott da ist, dass er hält und tröstet (V.18-19).
Bibeltext