Johannes 18, 12-27 Zu Jesus stehen

Mir sind an dem Text einige Dinge aufgefallen. Zum ersten dieser „andere Jünger“, der nicht mit Namen genannt wird. Wer verbirgt sich dahinter. Wir wissen es nicht und können nur spekulieren. Weil sich im restlichen Evangelium der Schreiber auch nie selbst beim Namen nennt, vermuten manche, dass es sich um den Autor des Evangeliums handeln könnte. Aber das bleibt reine Vermutung. Interessant ist auf jeden Fall, dass ein Jünger Jesu guten Kontakt mit dem Hohenpriester hatte, so dass er ohne Probleme in den Hof des Hohenpriesters mitgehen konnte (V.15). Jesus scheint wirklich Anhänger aus allen Gesellschaftsschichten und allen religiösen Lagern gehabt zu haben. Da waren einfache Leute wie Fischer dabei, da gab es Zöllner (die mit den römischen Machthabern zusammenarbeiteten), da gab es gesellschaftlich geächtete Gruppen wie Dirnen oder Aussätzige, und da gab es eben auch Pharisäer (Nikodemus) oder Leute, die gute Kontakte zur jüdischen Aristokratie hatten.

Das zweite was mir auffiel, ist der Umgang Jesu mit dem Hohepriester. Jesus ist hier nicht schweigsam und duldend, sondern er verteidigt sich mit starken Worten. Er weiß, dass dies nichts an seiner Situation ändert, aber es wird deutlich, dass er sich nicht alles gefallen lässt. Liebe deine Feinde bedeutet nicht, dass wir alles (auch ungerechte Anschuldigungen) einfach nur still und duldsam runterschlucken sollen.

Zum dritten fällt in diesem Abschnitt natürlich das Verhalten des Petrus auf. Wir sind schnell dabei mit dem Finger auf ihn zu zeigen und zu fragen, wie dieses Großmaul nur so versagen konnte. War er nicht kurz vorher noch bereit, mit Jesus sogar in den Tod zu gehen? Und jetzt so kleinlaut und ängstlich?! Aber ich weiß nicht, wie ich in dieser Situation gehandelt hätte. Wenn ich so überlege, wie ich mein Leben mit Jesus lebe, gibt es da nicht auch genügend Situationen, in denen ich so handle, als ob es Jesus Christus nicht geben würde? Ist mein so oft fehlendes Vertrauen in Jesus nicht genauso eine Leugnung?

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Leo Tolstoi: Auferstehung

Tolstoi: AuferstehungSchon vor einiger Zeit habe ich dieses Buch von Tolstoi gelesen. Nachdem ich von „Krieg und Frieden“ begeistert war, hatte ich mich auf diesen Roman gefreut. Tolstoi hat drei große Romane geschrieben. Auferstehung ist nach „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ der zeitlich letzte davon. Es ist das Alterswerk des großen russischen Schriftstellers. In dem Roman spürt man deutlich seine Hinwendung zu einem moralisch verstandenen Christentum, das sich vor allem an der Feindesliebe der Bergpredigt orientiert.

Bei der „Auferstehung“ geht es Tolstoi nicht um die leibliche Auferstehung Jesu Christi oder um die biblische Auferstehungshoffnung am Ende der Zeiten. Es geht um eine moralische Auferstehung, es geht um die Läuterung zu einem besseren Menschen. Der biblische Jesus ist für Tolstoi ein Lehrer der Nächstenliebe. Er hat für ihn keine göttliche Erlösungsmacht, sondern ist eher ein Vorbild. Leo Tolstoi: Auferstehung weiterlesen

Lukas 6, 27-36 Harter Tobak

Also Wohlfühlevangelium ist das definitiv nicht! Das ist harter Tobak , den Jesus hier von seinen Jüngern verlangt. Wer versucht als Christ zu leben, wird sicherlich immer wieder feststellen, dass es schon schwer genug ist, die manchmal nervigen Glaubensgeschwister zu lieben (so wie diese wiederum oft genug Schwierigkeiten haben uns zu lieben…) – aber den Feind zu lieben!?!

Da ist die goldene Regel von V.31 ja noch relativ harmlos: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ So ausgedrückt kann man das ja noch leicht bejahen und richtig finden. Aber wie sieht’s aus, wenn die anderen uns verletzen, weh tun und ausbeuten? „Wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.“ (V.30) Geht das überhaupt – so zu leben?

Ich kann das nicht… ausser es wird mir geschenkt, ausser ich werde immer mehr durchdrungen von der Barmherzigkeit und Liebe, die ich selbst von Gott erfahren darf (vgl. V.36: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“).

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Richter 5 Feinde, Liebe und die Sonne

Fremdartig wirkt auf mich dieses Siegeslied der Debora. Gott wird gelobt für den militärischen Sieg und für den Tod der Feinde. Und ganz selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die politischen Feinde Israels auch die Feinde Gottes sind. Für uns modernen Menschen gibt es diese selbstverständliche Einheit von Politik und Religion nicht mehr. Wir haben zurecht ein ungutes Gefühl, wenn Gottes Macht mit Waffengewalt in Verbindung gebracht wird.

Am Ende des Liedes heißt es: „So sollen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!“ (V.31) Mir ist dazu ein Abschnitt aus der Bergpredigt eingefallen: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt. 5,44f). Auffällig ist, dass sowohl in Richter 5,31 als auch in Mt. 5,44f dieselben Stichworte auftauchen: Feinde, Liebe und Sonne. Aber in völlig anderem Sinn und anderer Zuordnung. Ob das eine bewusste Anspielung von Jesus war?

Das Kennzeichen der Sonne Gottes, des Lichtes Gottes ist für Jesus nicht, dass man seine Feinde hasst und Gott liebt, sondern dass man über die Liebe zu Gott hinaus auch die Feinde liebt!

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Bonhoeffer: Nachfolge (12) – Der Feind

Bonhoeffer beginnt Auslegung des Abschnittes über die Feindesliebe wieder mal mit einem Abschnitt, in welchem auf deutliche Weise eigentlich schon alles gesagt ist: „Hier fällt zum ersten Mal in der Bergpredigt das Wort, in dem alles Gesagte zusammengefasst ist: Liebe, und sogleich in der eindeutigen Bestimmung der Feindesliebe. Liebe zum Bruder wäre ein mißverständliches Gebot, Liebe zum Feind macht unmissverständlich deutlich, was Jesus will.“ (S.140)

Das Ziel der Bergpredigt ist Liebe. Nicht Polemik gegen Pharisäer oder alttestamentliche Gebote, sondern Liebe. Das Gebot der Bruderliebe ist nicht falsch, aber insofern missverständlich, als es leichter ist wie die Feindesliebe und Raum für die Abgrenzung vom Feind lässt. Den Feind zu lieben ist das Schwierigste, es schließt die Liebe zu allen anderen mit ein.

Auch bei der Feindesliebe versucht Bonhoeffer nicht zu erklären und abzuschwächen, sondern er spitzt zu und hebt die Schärfe dieses Gebots hervor. Es betrifft alle Feinde, seien es religiöse Feinde, seien es politische Feinde, seien es persönliche Feinde. Der Feind ist derjenige, „der Feind bleibt, ungerührt von meiner Liebe; der mir nichts vergibt, wenn ich ihm alles vergebe; der mich haßt, wenn ich ihn liebe; der mich um so mehr schmäht, je ernster ich ihm diene.“ (S.142) Bonhoeffer betont, dass es nicht nur um ein Erleiden des Bösen ist, das uns der Feind zufügt, sondern mehr: „Ungeheuchelt und rein sollen wir unserem Feinde dienen und helfen in allen Dingen. Kein Opfer, das der Liebende dem Geliebten darbringen würde, kann uns zu groß und zu kostbar sein für unseren Feind.“ (S.142)

Ist solche ein Liebe überhaupt möglich für uns Menschen? Bonhoeffer sagt ja. Sie ist auf diese Weise möglich, „daß sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat. Die Feindesliebe führt den Jünger auf den Weg des Kreuzes und in die Gemeinschaft des Gekreuzigten. […] sie ist ja nicht seine eigene Liebe. Sie ist ganz allein die Liebe Jesu Christi.“ (S.144) Eine leidenschaftliche und stark betonte Theologie des Kreuzes verbunden mit radikaler Nachfolge: Wer Jesus wirklich nachfolgen will, in aller Konsequenz, der wird eins mit dem Gekreuzigten. Ohne das Kreuz „funktioniert“ die Bergpredigt nicht. Nicht weil Jesus uns am Kreuz vom Anspruch der radikalen Gebote der Bergpredigt erlöst, sondern weil er uns als Nachfolger Anteil an seinem Gehorsam gibt, dem Gehorsam bis zum Kreuz.

Bonhoeffer ergänzt die Überschrift zu diesem Kapitel mit dem Zusatz: das „Außerordentliche“. Gerade am Gebot der Feindesliebe wird deutlich, was das Christliche ist: „das Christliche ist das ‚Sonderliche‘, […], das Außerordentliche, das Nichtreguläre, Nichtselbstverständliche.“ (S.147) Es ist das, was über das normale ethische Maß hinaus geht. „Es ist der Weg der Selbstverleugnung, völliger Liebe, völliger Reinheit, völliger Wahrhaftigkeit, völliger Gewaltlosigkeit; es ist hier die ungeteilte Liebe zum Feind. […] Es ist in all dem der Weg, der seine Erfüllung fand am Kreuze Christi. […] Es ist die Liebe Jesu Christi selbst, die leidend und gehorsam ans Kreuz geht, es ist das Kreuz.“ (S.148)

Bonhoeffers Sicht des Kreuzes fordert uns heute heraus. Wir sehen im Kreuz vor allem Jesu Erlösungstat für uns. Er ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben. Durch sein Kreuz haben wir Vergebung. Das stimmt auch. Aber wenn wir dabei stehen bleiben, dann geraten wir leicht in eine sehr bequeme Kreuzestheologie: Wir sagen, dass wir ja eh nicht so perfekt sein können wie Jesus und dass wir das ja gar nicht brauchen. Jesus ist ja gerade für unsere Sünden, für unsere Unperfektheit gestorben. Und damit können wir die herausfordernden Gebote der Bergpredigt leicht beiseite schieben. Wir können uns beruhigt sagen: „Das kann und muss ich gar nicht erfüllen. Das hat ja Jesus für mich erfüllt. In ihm hab ich Vergebung und darf rein vor Gott stehen.“

Bonhoeffer sagt: Natürlich haben wir in Jesus Vergebung. Das entbindet uns aber in keiner Weise von dem Ernst der Gebote Jesu. Jesus gibt uns diese Gebote nicht, um uns unsere Unfähigkeit vor Augen zu führen, sondern weil er wirklich will, dass wir ihm ähnlicher werden, dass wir als Nachfolger auch den Weg des Kreuzes gehen, dass wir in seiner Kraft diesen radikalen Weg der Demut gehen.

Das Ganze erinnert mich an ein umstrittenes Stichwort von John Wesley: „christliche Perfektion“ (christian perfection; vgl. wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_perfection). Als ich das zum ersten mal gehört habe, da hab ich gedacht: „So ein Blödsinn! Kein Mensch kann perfekt sein! Gott allein ist perfekt! Wir sind doch alle Sünder!“ Es geht Wesley aber nicht um eine sündlose Perfektion, es geht ihm auch nicht um ein Erarbeiten des Heils durch Perfektion. Es geht ihm um den Prozess der Heiligung auf dem Hintergrund der Gnade Gottes. Es geht um die Zielrichtung und Blickrichtung. Ich kann bequem auf der Vergebung sitzen bleiben und dabei genau so bleiben wie ich bin. Oder ich kann mich auf den Weg der echten Nachfolge begeben und versuchen, Jesus immer ähnlicher zu werden, so zu leben und zu leiden wie er es tat.

Jeremia 48 Gottes Sonne über den Bösen

Auffällig ist, dass die Weissagungen gegen Moab sehr viel mehr Platz einnehmen (47 Verse), als die Weissagungen gegen die Philister (7 Verse). Vielleicht liegt das daran, dass das jüdische Volk Moab näher stand als den Philistern. Nach 1. Mo.19,37 war Moab der älteste Sohn Lots, das jüdische und moabitische Volk waren also miteinander verwandt, hatten gemeinsame Vorfahren. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Siedlungsgebiet der Moabiter dem Selbstverständnis der Israeliten nach, eigentlich den Stämmen Ruben und Gad zustand.

Im Lauf der Geschichte gab es durchaus positive persönliche Beziehungen zwischen Israeliten und Moabitern (z.B. Rut, Rut 1,1-2 ; 4,13-17 oder David, der seine Eltern in die Obhut eines Moabiterkönigs gibt, 1. Sam. 22,3-4). Aber es gab auch immer wieder kriegerische Konflikte (zur Zeit des Jeremia z.B. versuchte eine Koalition aus Moabitern, Chaldäern, Aramäern und Ammoniter das Land Juda zu erobern, 2. Kön. 24,1-6). Entsprechend dieser wechselvollen Geschichte mischen sich in diesem Kapitel Schadenfreude (V.26-27) und Mitgefühl (V.17.31-32).

Spannend und überraschend finde ich, dass – ähnlich wie für das jüdische Volk – das Strafgericht Gottes zeitlich begrenzt wird: „Aber in der letzten Zeit will ich das Geschick Moabs wenden, spricht der Herr.“ (V.47) Gottes Gnade und Langmut gilt nicht nur dem eigenen Volk, sondern auch darüber hinaus. Zwischen all den Gerichtsankündigungen leuchtet schon im Alten Testament immer wieder Gottes Liebe auch für die Feinde auf. Jesus malt uns diese Liebe zu den Feinden eindrücklich vor Augen: „Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Er fügt hinzu, dass diejenigen zu lieben, die uns lieben, keine Kunst ist – das kann jeder. Aber die Feinde zu lieben, das ist göttlich, das entspricht Gottes Wesen. „Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute“  (Mt. 5,44-48).
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Jeremia 47 Mitleiden statt Schadenfreude

In diesem Kapitel finden sich Weissagungen gegen die Philister. Die Philister waren ein Städtebund von fünf größeren Städten, die westlich von Jerusalem und Hebron lagen. Zwischen den Philistern und den Israeliten gab es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen. Neben den Kanaanitern waren sie so etwas wie die Erzfeinde von Israel. Bekannt ist vor allem die Geschichte des Kampfes zwischen David und dem Philister Goliath. Jeremia kündet den Philistern Unheil vom Norden her an.

Interessant bei diesem Abschnitt finde ich vor allem, dass Jeremia sich nicht schadenfroh über das Leid der Philister äußert, sondern dass er mitleidet: „O du Schwert des Herrn, wann willst du doch aufhören?“ (V.6; man kann diesen Satz allerdings auch als ein Zitat der Betroffenen verstehen, anstatt als ein Wort des Jeremia; aber es bleibt trotzdem dabei, dass hier eher ein Mitgefühl des Jeremia mitklingt, als Hass und Schadenfreude). Wenn man selbst eine auf die Nase bekommt, dann ist meist die natürliche Reaktion, dass man sich freut, wenn jemand anders (den man nicht gerade gut leiden kann) auch eins auf die Nase bekommt. Hier zeigt Jeremia mal wieder innere Größe: Mitleiden statt Schadenfreude!
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Psalm 140 – Wer anderen eine Grube gräbt

Noch ein Psalm, in dem es um Feinde und um Rache geht… Hab inzwischen zu diesem Thema schon sehr viel geschrieben… Deswegen heute mal eine Verbindung mit dem aktuellen Tagesgeschehen: Die Schweizer verbieten per Volksabstimmung den Muslimen Minarette zu bauen. Da kann man viel drüber reden und diskutieren… und es wird auch deutlich, welche Ängste in den Köpfen von uns Westeuropäern herum schwirren. Man kann wohl sagen, dass so mancher die Muslime ganz allgemein als „Feinde“ unserer westlichen Welt sehen (übrigens: In diesem „ganz allgemein“ liegt für mich der Kern des Problems…).

Wie gehen wir mit Feinden um? Psalm 140 ist (im Vergleich mit manch anderen Psalmen) noch recht zurückhaltend. Hier wird gesagt: „Das Unglück, über das meine Feinde beraten, komme über sie selbst.“ (V.10) So nach dem Motto: Wer anderen eine Grube gräbt, soll selbst hinein fallen. Im Umgang mit dem Islam könnten wir nun sagen: „Okay, wenn in vielen islamischen Ländern keine Kirchen gebaut werden dürfen und Christen unterdrückt und verfolgt werden, dann ist es doch mehr als gerechtfertigt, dass wir auch die Ausübung des Islams in unseren Ländern einschränken. Wenn wir bei denen keine Kirchtürme bauen dürfen, dann sollen die bei uns auch keine Minarette bauen!“

Aber da gibt es halt noch diesen seltsamen Jesus, der so völlig anders handelt, denkt und lehrt, als uns der gesunde Menschenverstand einflüstert. Er sagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.  Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt.5,43-45) Eieiei, wieder mal sehr unbequem was dieser Typ aus Nazareth so von sich gibt…
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Psalm 58 – Wie gehen wir mit Racheaussagen um?

Kein einfacher Psalm! Das fängt schon mit der Übersetzung an. Das zweite Wort in V.2 bedeutet nach dem hebräischen Text eigentlich „verstummen“. Wenn man das sprachlich ein bisschen hin biegt, müsste man eigentlich übersetzen: „Sprecht ihr wirklich Verstummen des Rechts?“ Hört sich irgendwie komisch an, kann man aber durchaus so verstehen (Schlachter übersetzt z.B.: „Seid ihr den wirklich stumm, wo ihr Recht sprechen … sollt?“).

Die meisten anderen Ausleger und Übersetzungen entscheiden sich für eine andere Möglichkeit: Ursprünglich wurde der hebräische Bibeltext ohne Vokale geschrieben, die wurden erst viele Jahrhunderte später zur besseren Lesbarkeit von jüdischen Gelehrten hinzugefügt. Mit einer anderen Vokalisierung steht hier nicht „Verstummen“, sondern Götter. Ähnlich wie in Ps. 82,1 könnte man dabei an himmlische Mächte denken, die Gott untergeordnet sind und die Recht auf Erden sprechen sollen (die Elberfelder lässt ganz wörtlich „Götter“ stehen). Man kann aber auch an irdische Machthaber denken, die als Götter angesprochen werden. Die meisten deutschen Übersetzungen übersetzen deswegen mit „Mächtige“ (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Neues Leben). Bei dieser Übersetzung bleibt es dann theoretisch offen, ob man an irdische Mächtige denkt oder an himmlische Mächtige (wobei man beim ganz normalen Lesen des Textes wohl nicht so schnell auf die Idee kommt hier an irgendwelche Himmelsmächt zu denken).

Klar ist auf jeden Fall, dass es spätestens ab V.4 um irdische Menschen geht: Hier wird davon gesprochen, dass die Gottlosen vom „Mutterschoß“ an abtrünnig sind. Seltsame Vorstellung, dass die Gottlosen schon als neugeborenes Baby böse sein sollen und Feinde Gottes!? Ist das eine rhetorische Übertreibung der Bosheit der Feinde Gottes, oder ist das wirklich wörtlich so gemeint?

Auch der restliche Psalm bleibt mir ziemlich fremd, v.a. V.11: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gotteslosen Blut.“ Freudig durch das Blut der Gottlosen stapfen?!? Heftig!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Psalmen und ihren blutrünstigen Wünschen nach dem Ende der Gottlosen umzugehen. wir können dem Ganzen einfach Jesus Christus entgegensetzen und sagen: „Liebet eure Feinde!“ Selbst für diejenigen, die Gottes Sohn ans Kreuz bringen, bittet Jesus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wir können argumentieren: Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments können wir solche Psalmen nicht mehr beten. Jesus Christus hat uns hier einen anderen Umgang mit Feinden aufgezeigt. Rein praktisch geschieht das auch so in den meisten Kirchen: Solche Psalmen tauchen nicht in den Gesangbüchern auf und werden auch freien Gemeinden nicht im Gottesdienst gelesen oder gebetet.

Wir können solche Aussagen auch als rhetorische Übertreibungen sehen, die halt damals in diesem Kulturkreis so üblich waren, die aber eigentlich nicht so hart gemeint waren und in unsere heutige Zeit nicht mehr hinein passen. So können wir die Aussagen einerseits stehen lassen, vermeiden aber andererseits ihren Gebrauch in unserer heutigen Zeit.

Man könnte solche Psalmen auch als ein psychologisch gutes und notwendiges Mittel sehen, um mit Aggressionen und der eigenen Ohnmacht umzugehen. Anstatt sich selbst zu rächen und den Feinden Gewalt anzutun, wird Gott gebeten Gerechtigkeit herzustellen und die Rache auszuüben (vgl. dazu Ps.11).

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir versuchen, tiefer gehende Intentionen und Absichten in solchen Psalmen zu entdecken. Prof. Dr. Schwendemann sagt zu diesem Psalm z.B.: „Eigentlich ist das Ziel der metaphorischen Redeweise in Psalm 58 die Umkehr des Frevlers, indem seine mögliche Vernichtung vor Augen gemalt wird.“ Und: „Der Psalm 58 lässt sich durchaus als Schrei eines Menschen nach Gerechtigkeit sehen, der gerecht leben will und deshalb in einer ungerechten Welt an Leib und Seele verletzt wird. Es geht also gerade nicht um verzweifelte Omnipotenzgefühle eines Zukurzgekommenen, sondern vor allem um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit.“

Ich finde keine dieser Möglichkeiten so richtig befriedigend. Da sind sicher manch gute Gedanken dabei, aber bei mir bleibt bei solchen „Racheaussagen“ in den Psalmen ein ungutes Gefühl. Vor allem deswegen, weil in diesem Psalm nicht unterschieden wird, zwischen dem Bösen an sich und der Person, die böses tut. Über die die Vernichtung des Bösen kann ich mich freuen und darüber jubeln. Aber über die Vernichtung von bösen Personen kann ich mich nicht uneingeschränkt freuen.
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Psalm 11 – Wut-Gebet

Wieder mal ein Wut-Gebet gegen Gottlose. Das Gute ist ja zumindest, dass der Beter sich mit seiner Wut nicht selbst gegen seine Feinde richtet, sondern mit dieser Wut zu Gott kommt. Der Beter ist sich sicher, dass Gott die Gottlosen gerecht bestrafen wird. Da tauchen dann so nette Sachen auf wie „Feuer und Schwefel“, der vom Himmel regnet…

Wir betonen dann natürlich immer gleich aus neutestamentlicher Perspektive, dass Jesus das anders gesehen habe und dass wir heute nicht mehr so beten sollten. Jesus hat uns geboten unsere Feinde zu lieben – und da macht sich Feuer und Schwefel nicht ganz so gut. 😉

Aber wie ist das denn? Ist das Neue Testament wirklich so ganz anders? Was sagt z.B. Jesus selbst zu denjenigen, die sich den Armen und Elenden gegenüber nicht barmherzig gezeigt haben? „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!“ (Mt. 25,41) Da ist Jesus zu den Gottlosen auch nicht gerade netter als der Beter in Psalm 11. Im Gegenteil: Im Neuen Testament wird von einer ewigen Verdammnis gesprochen. Die Psalmbeter hatten vor allem die dieseitige Welt im Blick.

Sind solche Wut-Gebete also doch okay? Ich weiß nicht – ich möchte eigentlich nicht so beten. Aber vielleicht wäre manchmal ein bisschen mehr Wut gegen Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit gar nicht schlecht. Wichtig ist auf jeden Fall, dass wir nicht meinen, dass wir die gerechte Bestrafung selbst übernehmen können. Auch der Psalmbeter überlässt Gott die Strafe. Er vertraut darauf, dass Gott irgendwann Gerechtigkeit herstellen wird. Und wer weiß, vielleicht hat er auch noch andere Möglichkeiten, mit denen wir gar nicht rechnen…