Richter 11 Ein bescheuertes Gelübde

Was für ein bescheuertes Gelübde! Und das von jemand, von dem ausdrücklich gesagt wird, dass der Geist Gottes auf ihn kam (V.29). Jeftah gelobt Gott das erste was ihm aus seinem Haus entgegen kommt zu opfern, wenn Gott ihm den Sieg gegen die Ammoniter schenkt. Jeftah siegt und zur Begrüßung kommt ihm seine Tochter, sein einziges Kind entgegen… Warum nicht einfach einen Stier opfern? Rechnet Jeftah gar nicht mit der Möglichkeit, dass ihm ein Mensch entgegenkommen könnte? Warum ist er an dieses Gelübde gebunden, obwohl es doch offensichtlich gegen Gottes Gebot verstößt (vgl. z.B. Deut. 12,31; Jer. 19,5)?

Ganze Hingabe und scheinbar eifriger Gehorsam gegenüber Gott schützt nicht vor Fehlern. So manches mal kann der Eifer für Gott auch übers Ziel hinaus schießen. Das heißt nicht, dass weniger Hingabe an Gott besser ist. Das heißt aber, dass selbst wenn ich mich vom Geist Gottes erfüllt fühle, ich mit meiner eigenen Fehlerhaftigkeit rechnen muss. Selbst wenn Gott mich gebraucht um feindliche Mächte zu schlagen, bleibe ich ein unvollkommener Mensch, der vielleicht gerade im frommen Eifer falsche Entscheidungen trifft.

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Richter 7 Blinder Fanatismus oder sehendes Vertrauen?

Rein menschlich gesehen müsste man Gideon eigentlich als unverantwortlichen religiösen Fanatiker sehen. Er will mit seinem Heer gegen einen starken Gegner kämpfen. Aber anstatt alles menschenmögliche zu tun, um gegen die Midianiter eine Chance zu haben, reduziert er seine Soldaten von ursprünglich 32.000 auf nur 300! Wie soll das gut gehen?! Rein menschlich gesehen schickt er sie damit in den sicheren Tod.

Aber das Unmögliche geschieht: die 300 Soldaten vertreiben das ganz midianitische Heer! Und sie müssen dabei nicht einmal kämpfen, sondern nur lautstark in ihre Schofarhörner blasen, einige Krüge zerschmettern und ihre Fackeln halten. Gott selbst schafft bei den Feinden solch eine Verwirrung, dass sie Hals über Kopf flüchten (V.22). Es wird ganz deutlich: nicht Gideon und seine Soldaten haben hier gesiegt, sondern Gott!

Sollen wir also die Hände in den Schoß legen und allein Gott kämpfen lassen? Nein, Gideon hat ja durchaus etwas gewagt. Er musste seine Angst überwinden und sich der Gefahr stellen. Gott hat ihn gebraucht, ihn aber auch deutlich spüren lassen, dass es nicht auf menschliche Kraft ankommt.

Sollen wir also ohne jede menschliche Vernunft in jeden Abgrund springenund darauf vertrauen, dass Gott uns schon auffängt? Nein, Gideon hatte einen gesunden Respekt vor diesem Vorhaben und er hat es nur auf Gottes Zusage hin gewagt. Und diese Zusage wurde für ihn auch noch bestätigt, indem er hörte wie die Wachen der Midianiter von ihrer Furcht gegenüber den Israeliten sprachen (V.13f). Es gab also durchaus auch taktische Überlegungen, dass solch ein Überraschungsangriff einer kleinen Einheit nicht aussichtslos war.

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Mario Vargas Llosa: Der Krieg am Ende der Welt

Puuuh! Was für ein Roman! Schon allein vom Umfang her ist er ziemlich lang (über 700 Seiten im Taschenbuch). Aber auch vom Inhalt her nicht gerade leicht verdaulich und der Schreibstil ist nicht unbedingt zum Überfliegen geeignet. An so manchen Stellen musste ich mich durchkämpfen und manches ist etwas langatmig geraten – aber trotz allen Einschränkungen ist es ein genialer Roman. Ich bin froh, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe!

Es geht um eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Brasilien die Republik ausgerufen. In einer abgelegenen Provinz regt sich Widerstand. Allerdings nicht aus politischen Motiven, sondern auf religiösem Hintergrund. Die zentrale Figur des Buches ist der sogenannte „Ratgeber“. Er hieß Antônio Conselheiro, wird aber wegen seines Wirkens von den Menschen nur der Ratgeber genannt. Er war Wanderprediger, der durch die Lande zog, den Armen und Ausgestoßenen predigte, den Menschen Ratschläge erteilte und dem sich im Lauf der Zeit immer mehr Menschen anschlossen.

Er ließ sich mit seinen Anhängern schließlich in Canudos nieder, wo sie eine auf christlicher Brüderlichkeit basierende Stadt aufbauten. Es gab keinen Privatbesitz, jeder wurde von der gemeinsamen Habe ernährt und versorgt. Jeder durfte kommen, auch ehemalige Banditen, Räuber und Verbrecher – solange sie zu Jesus Christus gefunden hatten. Der Ratgeber hatte eigentlich keine politischen Absichten, stellte sich aber aus verschiedenen praktischen Gründen gegen die Republik. So wurde z.B. durch die Republik die Zivilehe eingeführt. Das ganze kommt zu einem großen Kampf zwischen den Aufständischen und der Staatsmacht, die nach drei fehlgeschlagenen Militärexpeditionen schließlich die gesamte Streitmacht gegen die religiösen Fanatiker aufbringt.

Ich finde es sehr gelungen, wie Llosa diese zunehmende Zuspitzung der Gewalt darstellt. Er beschreibt das Ganze recht neutral und differenziert, ohne durch seine Darstellung die eine oder andere Seite deutlich zu bewerten. Dieser beobachtende Standpunkt wird auch formal unterstrichen, indem er oftmals dasselbe Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt. Das macht das Buch oft auch schwierig zu lesen, weil viele Personen vorkommen und die Perspektive dann auch immer wieder wechselt. Natürlich kommt nicht nur das große Ganze in den Blick, sondern es werden in verschiedenen Erzählsträngen auch Einzelschicksale verfolgt.

Faszinierend war für mich, wie in dem Buch deutlich wird, wie problematisch es werden kann, wenn religiöse und politische Sichtweisen unreflektiert vermischt werden. Der Ratgeber und seine Gefolgsleute hatten einen tiefen und ehrlichen Glauben. Mit bewundernswerter Hingabe wollten sie ihren Glauben an Jesus Christus leben. Aber gerade diese radikal religiöse Sichtweise der Welt, vermischt mit einer apokalyptischen Erwartung des großen Kampfes gegen das Böse am Ende der Welt, führt dann auch in den tragischen Untergang… Auf der anderen Seite haben die politischen und militärischen Kräfte überhaupt keine Antenne für die religiöse Motivation der Aufständischen. Für sie bleiben sie einfach unmenschliche Barbaren, die sich einem bestimmten politischen System widersetzen.

Was ich allerdings etwas schade fand ist, dass die Figur des Ratgebers letztendlich doch ungreifbar und mythisch bleibt. Was hat tausende von Menschen an diesem einen Mann so fasziniert, dass sie bereit waren alles für ihn aufzugeben? Diese Frage ist wahrscheinlich gar nicht zu beantworten, aber dadurch bleibt der Ratgeber insgesamt doch relativ blass in dem Buch.

Historische Romane sind eigentlich nicht so mein Ding, aber diesen habe ich mit Genuss verschlungen! Er ist gut geschrieben und nach allem was ich dazu gelesen habe, wohl auch nahe an der historischen Wirklichkeit. Das Buch eröffnet einen lebendigen und umfangreichen Einblick in die dramatischen Ereignisse, die beschrieben werden. Sehr lesenswert!

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Jeremia 3, 19 – 4, 4 Religion tötet

In diesem Textabschnitt wird deutlich, dass es bei dem Götzendienst damals nicht nur um ein paar falsche und harmlose Vorstellungen um Gott ging oder um irgendwelche theologischen Spitzfindigkeiten. Es ging um die Frage, ob die Leute Religion wollen oder den lebendigen Gott. Jeremia schreibt: „Der schändliche Baal hat gefressen, was unsere Väter erworben hatten, von unsrer Jugend an, ihre Schafe und Rinder, Söhne und Töchter.“  (V.24) Das ist eine Anspielung auf Menschenopfer, die wohl in der damaligen Welt relativ üblich waren. Man opferte den Göttern nicht nur Tieropfer, sondern auch Menschen, bevorzugt Kinder.

Religion und blinder Fanatismus liegen manchmal eng beieinander. Jeremia fordert die Leute auf, sich von diesen falschen Göttern abzuwenden und zu dem einen Gott zurückzukehren. Er macht deutlich, dass alle selbstgemachte Religion in den Abgrund führt und wir die Umkehr zum wahren und lebendigen Gott brauchen.

Natürlich würde bei uns heute niemand auf die Idee kommen, seine Kinder auf dem Altar für Gott dahin zu metzeln. Aber so mancher von uns opfert vielleicht seine Kinder und eine gut funktionierende Familie für andere Göttern unserer Zeit, z.B. für den Gott einer glänzenden Karriere oder den Gott des Wohlstands und Konsums. Oder manch verwahrloste Kinder sind Opfer einer schon religiösen Selbstzentriertheit und Bequemlichkeit…
Bibeltext

Matthäus 26, 57-68 – Fanatismus oder Relativismus?

Was veranlasst die religiösen Leiter der Juden dazu, diesen Jesus töten zu wollen? Warum diese extreme Reaktion auf Jesus? Ging es ihnen nur um den eigenen Machterhalt, weil sie merkten, dass Jesus ihnen die Meinungsführerschaft in Sachen Glauben strittig machte? Ging es um politische Argumente („Wenn dieser Jesus so weiter macht, kommt es zu einem Volksaufstand und dann machen uns die Römer alle platt!“ – vgl. dazu Joh. 11,50). Waren sie einfach beleidigt, weil Jesus sie oft so hart angegriffen hatte? Oder waren sie tatsächlich überzeugt, im Namen Gottes zu handeln (Wenn jemand von sich beansprucht, Gottes Sohn zu sein, dann ist das ja tatsächlich eine ganz schöne Provokation!).

Ich vermute mal, dass die Motivation da durchaus gemischt war. Auch im Hohen Rat gab es einige, die Jesus gegenüber positiv eingestellt waren (z.B. Josef v. Arimathäa; vgl. Lk. 23,50f), die sich aber offensichtlich nicht durchsetzen konnten.Und bestimmt waren so manche auch wirklich davon überzeugt, dass sie den Glauben vor diesem „falschen Messias“ schützen mussten.

Wir erleben bis heute wie Religion, vor allem wenn sie dann auch noch mit Politik vermischt wird, Menschen fanatisch und rücksichtslos machen kann. Interessanterweise vor allem diejenigen, die sehr davon überzeugt sind, dass Gott auf ihrer Seite ist, dass sie im Namen Gottes handeln.

Auch auf die Gefahr hin, dass mein Glaube so manches mal im Vergleich zu anderen Christen etwas saft- und kraftlos wirkt: Ich möchte trotzdem vorsichtiger, bescheidener und demütiger sein mit meiner Vorstellung von Gott und meiner Art den Glauben zu leben. Ich möchte nicht den Anspruch haben, immer genau zu wissen, was Gott will und was nicht. Lieber ein bisschen zu viel Relativismus, als zuviel Fanatismus.