John Williams: Stoner

Williams: StonerIst dieser Roman jetzt deprimierend oder faszinierend? Einerseits ist diese Lebensgeschichte eines Literaturprofessors eine Geschichte voller Enttäuschungen und unerfüllter Träume. Nichts läuft in diesem Leben so richtig gut. Man leidet als Leser mit dieser tragischen Hauptperson. Andererseits hat dieser nüchterne Bericht auch eine eigenartige Faszination. Die Hauptperson lässt sich nicht kleinkriegen und man ist als Leser beeindruckt von seiner Stärke. Auch wenn in dem Roman nichts außergewöhnliches geschieht, versteht es der Autor so zu schreiben, dass man als Leser dran bleiben möchte.

Der Roman ist schon älter, er wurde 1965 von dem amerikanischen Literaturprofessor John Williams veröffentlicht. Allein schon der Beruf verät, dass in dem Buch wohl auch manch autobiographische Erlebnisse verarbeitet wurden. Es liegt eine gewisse passende Tragik darin, dass der Roman zunächst nicht groß beachtet wurde und erst Jahre nach dem Tod von Williams (1994) wieder entdeckt wurde und inzwischen zu einem Welterfolg wurde. Es gibt inzwischen zahllose begeisterte Rezensionen zu diesem Buch. Nur hat der Autor nichts mehr von dieser späten Anerkennung… John Williams: Stoner weiterlesen

Leo Tolstoi: Anna Karenina

Tolstoi: Anna KareninaEiner der bekanntesten Romane der Weltliteratur mit einem der bekanntesten Anfangssätze: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Obwohl ich das Buch schon vor längerer Zeit einmal gelesen habe, war mir der Sinn dieses Beginns noch nie so richtig deutlich. Nach dem Wiederlesen des Romans wird er mir zum ersten mal etwas klarer. Damit eine Ehe und Familie glücklich sein kann, müssen viele Faktoren zusammen kommen. Weil so vieles passen muss, ähneln sich die glücklichen Ehen. Für eine unglückliche Ehe und Familie genügt es aber, dass nur ein Faktor nicht erfüllt ist. Es kann viele verschiedene Ursachen haben, die zu einer unglücklichen Ehe führen. Insofern ist jede unglücklich Familie auf ihre eigene Weise unglücklich. Leo Tolstoi: Anna Karenina weiterlesen

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden

Tolstoi: Krieg und FriedenWas für ein monumentales Werk! Das Buch ist wie ein riesiger Berg: Auf dem Weg zum Gipfel kann man sich leicht verlaufen, man kann die Lust verlieren, man kann müde werden, man fragt sich, ob es sich überhaupt lohnt, diesen Berg zu erklimmen,… und ich muss zugeben auch ich hab mich durch das Buch durchkämpfen müssen. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe. Es ist gut, am Ende auf dem Gipfel zu stehen und die Aussicht zu genießen. Lew Tolstoi: Krieg und Frieden weiterlesen

Hermann Hesse: Roßhalde

Wie der Roman „Gertrud“ wieder ein Buch, das vor allem für Hesse selbst wichtig ist. Er spielt hier in Gedanken seine eigene gescheiterte Ehe durch und kommt zu der Konsequenz, dass er sich um der Kunst willen von seiner Familie befreien muss – was er dann einige Jahre später auch tut.

In dem Roman geht es um den Maler Veraguth, der auf dem schönen Anwesen Roßhalde mit seiner Frau und ihrem jüngsten Sohn Pierre lebt. Aber eigentlich leben sie gar nicht mehr zusammen: der Maler arbeitet und schläft in seinem Atelier, welches sich ein Stück entfernt vom Haupthaus befindet. Das einzige was die Eheleute noch zusammen hält, ist der von beiden sehr geliebte Sohn Pierre. Veraguth liebt ihn über alles und kann sich nicht dazu durchringen, seine Frau zu verlassen, weil er damit auch seinen Sohn verlieren würde. Hermann Hesse: Roßhalde weiterlesen

Tim Parks: Stille

Schade, der Roman hat mich nicht überzeugt. Obwohl ich die Grundidee der Geschichte interessant finde und der Autor zweifellos gut und spannend schreiben kann. Es geht um einen übergewichtigen Topjournalisten, der sich in die Einsamkeit einer kleinen Berghütte in Südtirol zurück zieht. Der äußere Anlass ist ein Enthüllungsbuch seines Sohnes über ihn. Dabei kommt der Vater nicht gut weg und das kränkt ihn zutiefst.

In der Stille und Einsamkeit der Bergwelt und in Auseinandersetzung mit den wenigen Nachbarn, die er wegen des Dialektes kaum versteht, kommt seine tragische Familiengeschichte an die Oberfläche, mit welcher er sich im Getriebe seiner erfolgreichen Karriere kaum beschäftigt hatte.

Der Roman ist gut zu lesen und dafür, dass relativ wenig passiert, recht spannend geschrieben. Besonders gefallen haben mir die schnellen Wechsel zwischen den Beschreibungen der alltäglichen Begebenheiten in der einsamen Berghütte und der inneren Reflektion der Hauptperson. Da wird auch stilistisch etwas deutlich von der inneren Unruhe, die den Journalisten auch in der Stille noch umtreibt.

Allerdings hatte ich das ganze Buch hindurch nicht das Gefühl, dass die Hauptfigur eine reale Person sein könnte. Es scheint alles etwas konstruiert und übertrieben. Die Personen und die Geschichte wirkt auf mich nicht so richtig glaubwürdig. Vor allem das Ende, der große Showdown zwischen Vater und Sohn hat mich nicht überzeugt. Aber das ist ja das schöne an Literatur: anderen Lesern geht’s da vielleicht ganz anders…

Noch ein schönes Zitat, das mir wirklich gefallen hat: „Warum bin ich so erschöpft? Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend ist, allein zu sein? So laut.“ (S. 225) Klasse! Ja, diese Erfahrung wird wohl so mancher machen: dass in der äußeren Stille erst der innere Lärm so richtig an die Oberfläche kommt.

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J.M. Coetzee: Zeitlupe

Seltsames Buch! Und abermals sage ich: seltsames Buch. Bis Seite 91 ein sehr gutes Buch über einen sechzigjährigen Mann, der durch einen Unfall eines seiner Beine verliert. Nach diesem Unfall verläuft sein Leben und auch er selbst nur noch in Zeitlupe. Wunderbare, einfühlsame, präzise Sprache. Interessante Hauptfigur, ein Mensch, der in einer tiefen Krise sein Leben neu überdenken und finden muss.

Aber dann taucht auf Seite 92 plötzlich eine mysteriöse Frau auf, die bisher gar nichts mit der Geschichte zu tun hatte und bringt die Hauptfigur völlig durcheinander, ja, sie scheint auf geheimnisvolle Weise die Geschichte mitzuschreiben. Bis zum Ende wird nicht genau geklärt, wer diese Frau eigentlich ist.

Wenn ich den Autor richtig verstanden und gedeutet habe, dann ist diese Frau so etwas wie das alter ego des Romanschreibers selbst. Sie ist auf Gedeih und Verderb mit der Hauptfigur verbunden und will ihn nicht einfach fallen lassen, weil er nicht so interessant und handlungsfreudig ist, wie sie sich das gerne wünscht. Die Frau versucht an verschiedenen Stellen den Romanhelden zu beeinflussen, merkt dann aber, dass er seinen eigenen Willen hat und sie ihn zu nichts zwingen kann. Sie kann ihn nur immer wieder auf manchmal ziemlich penetrante und nervige Weise zum Handeln antreiben oder sich von ihm seine Vorgeschichte (sein Leben vor dem Unfall) erzählen lassen.

Eine raffinierte Konstruktion. Spannend zu beobachten, wie hier der Autor mit seiner von ihm geschaffenen Romanfigur ringt. Aber man fühlt sich als Leser auch irgendwie unwohl und hinters Licht geführt, weil nie so richtig deutlich wird, wer diese Frau ist. Mir selbst hätte als Leser durchaus die ursprüngliche Geschichte – nämlich wie ein älterer, einsamer Mann mit solch einem Schicksalsschlag umgeht – gereicht. Diese zweite Ebene, die Coetzee in den Roman einbaut hat mich eher verwirrt und gestört. Naja, trotzdem ein gutes Buch und spannend zu lesen. In der Auseinandersetzung mit der geheimnisvollen Frau werden auch manche Gedanken und Charakterzüge der Hauptfigur aufgedeckt, die sonst nicht so leicht zu beschreiben gewesen wären.

Das Buch regt immer wieder zum Nachdenken an: Was bleibt von meinem Leben? Wie wichtig ist Familie? Was ist belastend, was ist schön an Familie? Was ist Liebe – Zuneigung, Erotik, für andere da sein, für andere sorgen, etwas, das man lernen muss oder etwas, das einen trifft wie eine Blitz,…?

Zitate:

„‚Etwas hat Sie gepackt, nicht wahr?‘, sagte sie. ‚Eine Eigenschaft an ihr zieht Sie an. Wie ich sehe, ist diese Eigenschaft ihre Lebensprallheit, die Prallheit reifer Früchte. Lassen Sie mich andeuten, warum Marijana diesen Eindruck macht – auf Sie und auch auf