1. Johannes 4, 1-6 Unterscheidung der Geister

Johannes gibt zwei Kriterien an, um zu unterscheiden, ob jemand aus dem Geist Gottes spricht oder ob er ein falsche Prophet ist. Das eine ist ein inhaltliches Kriterium, das andere ein formales. Das inhaltliche Kriterium: „Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott.“ (V.2) Das formale Kriterium: „Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht.“ (V.6)

Nun ja, das ist ja auf den ersten Blick nicht gerade hilfreich. Das inhaltliche Kriterium spricht in die damalige Zeit mit einer speziellen theologischen Auseinandersetzung hinein. Wir leben heute in einer anderen Zeit mit anderen Auseinandersetzungen und Fragestellungen. Das formale Kriterium ist die Frage nach der Autorität, aber das kann jeder für sich in Anspruch nehmen – und das tut ja bei Auseinandersetzungen auch jeder: „Wer mit mir ist, der hat Recht und wer nicht mit mir ist, der hat unrecht.“

Aber auch wenn beide Kriterien nicht eins zu eins auf heute übertragbar sind, so zeigen sie uns doch wichtige Grundstrukturen zur Bewertung auf: Auf der inhaltlichen Seite geht es um das Zentrum – um Jesus Christus selbst. Es geht nicht um irgendwelche theologischen Spitzfindigkeiten oder moralische Fragen, sondern um Jesus selbst. Ich denke, das gilt von der Grundstruktur bis heute: So manches kann in Frage gestellt werden, aber wo Jesus selbst in Frage gestellt wird, da wird es gefährlich.

Auf der formalen Seite geht es auch bis heute nicht nur um inhaltlich Fragen, sondern darum, wer denn eine Aussage macht. Lebt die Person ein überzeugendes Leben als Christ oder nicht? Das „wir“ in diesem Abschnitt nimmt das „wir“ von 1.Joh.1,1-4 auf. Dort beschreibt sich Johannes als Zeugen, der von Anfang an Jesus gehört, gesehen und betastet hat. Das ist bis heute ein wichtiges Kriterium: Unterstreicht das Leben und die bisherige Geschichte einer Person mit Jesus ihr Zeugnis oder nicht?

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Hesekiel 13 Mehr Schein als Sein

Bewegt hat mich in diesem Text das Bild von der Wand, die schön aussieht, weil sie übertüncht ist, die aber beim Sturm in sich zusammen fällt. Genau dies wirft Hesekiel den falschen Propheten der damaligen Zeit vor: Sie bauen keine stabile Mauer, um das Volk zu schützen (V. 5), sondern sie übertünchen nur eine baufällige Wand, welche sich das Volk selbst aufbaut (V. 10). D.h. sie reden dem Volk nach dem Mund und lassen das Ganze einfach schön aussehen – aber es steckt keine Substanz dahinter.

„Allmächtiger Gott und Vater, du siehst wo es in meinem Leben genau so aussieht: nach außen hin fromm, schön und stabil – aber im Kern brüchig und wackelig. Bewahre mich vor dieser Heuchelei: mehr scheinen zu wollen, als ich bin. Lass das was ich rede und lebe stabil sein – auch wenn es nicht so imposant aussieht, wie bei manch anderen. Lass mich wirklich deine Stimme hören und hilf mir, mich danach auszurichten. Gib mir den Mut und die Kraft, das zu tun, was dir wichtig ist – auch wenn es nach außen nach nicht viel aussieht.“

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Jeremia 28 Wer hat Recht?

Erstaunlich nüchtern geht hier Jeremia mit einem anderen Propheten um, der genau das Gegenteil von dem verkündet, was Jeremia sagt. Jeremia verfällt nicht in Verteidigungshaltung und zählt biblisch-theologische Argumente auf, warum er und nur er Recht hat. Nein, seine erste Reaktion ist, dass er dem anderen Propheten zustimmt: „Ja, das wäre wunderbar, wenn Deine Botschaft so eintreffen würde und ich wünsche mir dass Du Recht hast mit Deiner Heilsbotschaft. Aber wer von uns beiden wirklich im Namen Gottes prophezeit, wird man erst erkennen, wenn sich die Prophezeiungen erfüllen.“ (V.6.9)

Erst nachdem Gott erneut zu Jeremia spricht, findet Jeremia deutlichere Worte: „Der Herr hat dich nicht gesandt; aber du machst, dass dies Volk sich auf Lügen verlässt.“ (V.15) Und er kündigt den baldigen Tod des Propheten an. Diese Prophezeiung wird durch Gott auch relativ zügig bestätigt: Der falsche Prophet stirbt kurz darauf.

Mir gefällt die nüchtern Art wie hier mit Prophetie umgegangen wird: Wer Recht hat, kann man letztendlich erst beurteilen, wenn die Botschaft auch eintrifft. Jeremia geht es nicht um die Verteidigung seiner Prophetenpersönlichkeit, sondern um die Wahrheit von Gottes Wort. Und dazu sagt er: Erst mal abwarten!

Nur macht das die Beurteilung auch extrem schwierig: Wie soll man vorher wissen, wessen Prophetie eintrifft? Soll ich auf die Unheilsbotschaft des Jeremia hören oder soll ich der Heilsbotschaft des anderen Propheten vertrauen? Um die Stimme Gottes aus der unübersichtlichen Vielfalt der theologischen Meinungen heraus zu hören, bedarf es auch heute noch so manches mal nüchterne Gelassenheit und Geduld.
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Jeremia 23, 9-32 Wie erkennt man falsche Propheten?

An diesem Abschnitt gegen falsche Propheten wird deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, einen echten Propheten (wie Jeremia) von falschen Propheten zu unterscheiden. Es scheint keine eindeutigen inhaltlichen oder formalen Kriterien zu geben. Es ist natürlich klar, dass eine Botschaft, die offensichtlich der Bibel widerspricht, keine Botschaft von Gott sein kann. Aber auch die falschen Propheten zur Zeit Jeremias haben eine durchaus biblische Botschaft: Sie verkündigen Heil und die Nähe Gottes. Genau das sagt uns Gott an vielen Stellen der Bibel immer wieder zu, das ist prinzipiell nicht falsch.

Aber in der damaligen Situation war dies eben nicht das Wort Gottes. „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ (V.23)  Gott kann sich auch verbergen, um uns zu Besinnung zu bringen. Er sagt nicht zu allem Ja und Amen, sondern er möchte, dass wir Menschen immer wieder ernsthaft nach ihm suchen und nach seinem Willen fragen. Seine Botschaft lautet nicht immer nur eintönig: „Du bist okay und ich liebe dich“ (was ja an sich inhaltlich nicht falsch ist), sondern es ist manchmal nötig dass er uns sagt: „Du bist nicht okay und du musst dich verändern, du hast Umkehr nötig!“

Auch formal gibt uns Jeremia kein eindeutiges Kriterium an die Hand. Er sagt nur, dass die falschen Propheten eben nicht von Gott gesandt sind. Sie verkündigen z.B. Worte, die ihnen in Träumen deutlich wurden. Es gibt genügend Beispiele in der Bibel, dass Gott durch Träume reden kann, aber die Art und Weise wie wir Offenbarung empfangen, ist nicht automatisch ein Zeichen für die Echtheit dieser Botschaft.

Das einzige was Jeremia andeutet ist, dass wir das Leben der Propheten anschauen sollen. Stimmt es mit ihrer Botschaft überein? Oder zeigt sich darin Ehebruch (hier im religiösen Sinn: anderen Göttern nachlaufen), Lüge und Bosheit (V.14). Wobei wir auch hier ehrlich zugeben müssen: Wenn man nur lang genug sucht, findet man auch bei dem besten und ernsthaftesten Christen so manche Lüge und Bosheit…

Die Echtheit von Jeremias Botschaft hat sich erst eindeutig nach vielen Jahrzehnten gezeigt – als er selbst schon nicht mehr am Leben war. Da kam dann die Heimsuchung (V.14), der Untergang Jerusalems und die babylonische Gefangenschaft.
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Jeremia 4, 5-18 Im Nachhinein

Tja, im Nachhinein ist man immer schlauer. Da gab es wohl damals genügend andere Propheten, die eine sehr viel angenehmere Botschaft hatten als Jeremia. Sie sagten dem Volk und den Herrschern: „Es wird Friede bei euch sein.“ (V.10) Jeremia sagte dagegen, dass Gott Unheil und Jammer bringen wird (V.6). Mhhmm… wem soll ich da jetzt eher glauben? Den zwanzig Propheten die Friede verkündigen oder dem einen, der „Unheil“ schreit? Das erste ist auf jeden Fall sehr viel bequemer…

Aber nicht immer hat die Mehrheit recht. Und auch wenn Gott ein Gott des Friedens ist, heißt das nicht dass immer alles friedlich ausgeht. Im Nachhinein wissen wir, dass Jeremia derjenige war, der wirklich recht hatte. Ich denke aber, dass auch die Menschen damals schon hätten erkennen können, dass die bequeme Botschaft der vielen Propheten irgendwo einen Haken hat. Haben sie im Ernst gedacht, sie könnten anderen Göttern nachlaufen und zugleich darauf zählen dass der wahre Gott sie schon nicht fallen lassen wird?

Kommt mir irgendwie bekannt vor diese Einstellung: Du kannst tun und lassen was du willst. Es ist völlig egal wie du lebst und was du glaubst. Der liebe Gott wird schon ein Auge zudrücken und Gnade vor Recht ergehen lassen. Im Nachhinein wird man schlauer sein – aber ich selbst ziehe es vor schon im Vorhinein schlauer zu sein und vertraue jetzt schon diesem Gott der Bibel.
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