Epheser 1, 7-10 Alle erlöst in Christus?

Nachdem wir im vorigen Abschnitt Aussagen hatten, mit denen die umstrittene Lehre von der Prädestination begründet wurde, folgt heute gleich eine Bibelstelle mit dem ein nicht weniger umstrittenes theologisches Konstrukt verbunden wird: die Allversöhnung. Im V.10 heißt es „dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“ Neben dem Hinweis in Kol. 1,19-20, dass Gott durch Christus „alles mit sich versöhnte“, wird diese Stelle als Argument angeführt, dass Gott letztendlich seine Schöpfung dadurch zum Ziel bringt, dass er die ganze Schöpfung erlöst. Allversöhnung sagt, dass letztendlich keines von Gottes Geschöpfen verloren gehen wird. Es gibt keine ewige Verlorenheit, keine ewigen Höllenqualen. Was Gott in Liebe erschaffen hat, das lässt er nicht fallen.

Auch wieder schwieriges Gelände! Ich sehe das im Grunde so ähnlich, wie beim vorigen Abschnitt. Paulus rühmt hier die Größe und Gnade Gottes. Er lässt sich zu Aussagen hinreißen, die eigentlich vielen anderen biblischen Aussagen widersprechen, die aber die Gnade Gottes in extremer Weise herausheben. Paulus theologisiert hier nicht, sondern er lobt Gott! Aber trotzdem wagt er es, solche Aussagen zu machen. So ganz abwegig ist für ihn die Vorstellung einer Allversöhnung also nicht.

Die Stellungnahme von Karl Barth zur Allversöhnung finde ich sympathisch: „Ich lehre sie nicht, aber ich lehre sie auch nicht nicht.“ Als eine theologische Lehre finde ich sie im Gesamtzusammenhang der Schrift zu gewagt. Aber so einfach vom Tisch wischen kann man sie auch nicht. Wie gesehen finden wir auch in der Schrift Hinweise dafür. Für mich ist es ein Hoffnung, ein Hoffnung darauf dass Gott durch das Gericht hindurch alles in Christus zusammenfasst und er seinen ursprünglichen Schöpfungswillen vollständig durchsetzt.

| Bibeltext |

Kohelet 4, 1-3 Zu Tode betrübt

Wieder mal unglaublich, welch dunkle und pessimistische Töne der Prediger hier anschlägt. Sind das nur die übertriebenen, schwarzmalerischen Gedanken eines deprimierten Gläubigen? Oder ist das eine nüchterne und wahre Analyse unserer Welt? Der Prediger sagt: Wenn man das Böse auf der Welt sieht, dann wäre es eigentlich besser, man wäre nie geboren worden. Angesichts des Unrechts auf unserer Welt sei es besser, tot zu sein als zu leben. Kein Aufbegehren, keine Klage, kein Ankämpfen gegen das Unrecht… Nur Resignation und Todessehnsucht.

Der biblische Glaube ist mutig und ehrlich, auch in seinem Zweifeln und Fragen. Auch solche Worte und Gedanken dürfen ihren Raum haben. Es sind nicht die einzigen Aussagen der Bibel zu Unrecht und zu den Tränen der Unterdrückten. Aber sie spiegeln eben doch auch einen Teil unseres Glaubens wider. Ich bin froh, dass in der Bibel nicht nur „himmelhoch jauchzend“, sondern auch „zu Tode betrübt“ vorkommt. Denn zwischen diesen Extremen spielt sich auch mein Leben als Christ ab.

| Bibeltext |

Matthäus 26, 57-68 – Fanatismus oder Relativismus?

Was veranlasst die religiösen Leiter der Juden dazu, diesen Jesus töten zu wollen? Warum diese extreme Reaktion auf Jesus? Ging es ihnen nur um den eigenen Machterhalt, weil sie merkten, dass Jesus ihnen die Meinungsführerschaft in Sachen Glauben strittig machte? Ging es um politische Argumente („Wenn dieser Jesus so weiter macht, kommt es zu einem Volksaufstand und dann machen uns die Römer alle platt!“ – vgl. dazu Joh. 11,50). Waren sie einfach beleidigt, weil Jesus sie oft so hart angegriffen hatte? Oder waren sie tatsächlich überzeugt, im Namen Gottes zu handeln (Wenn jemand von sich beansprucht, Gottes Sohn zu sein, dann ist das ja tatsächlich eine ganz schöne Provokation!).

Ich vermute mal, dass die Motivation da durchaus gemischt war. Auch im Hohen Rat gab es einige, die Jesus gegenüber positiv eingestellt waren (z.B. Josef v. Arimathäa; vgl. Lk. 23,50f), die sich aber offensichtlich nicht durchsetzen konnten.Und bestimmt waren so manche auch wirklich davon überzeugt, dass sie den Glauben vor diesem „falschen Messias“ schützen mussten.

Wir erleben bis heute wie Religion, vor allem wenn sie dann auch noch mit Politik vermischt wird, Menschen fanatisch und rücksichtslos machen kann. Interessanterweise vor allem diejenigen, die sehr davon überzeugt sind, dass Gott auf ihrer Seite ist, dass sie im Namen Gottes handeln.

Auch auf die Gefahr hin, dass mein Glaube so manches mal im Vergleich zu anderen Christen etwas saft- und kraftlos wirkt: Ich möchte trotzdem vorsichtiger, bescheidener und demütiger sein mit meiner Vorstellung von Gott und meiner Art den Glauben zu leben. Ich möchte nicht den Anspruch haben, immer genau zu wissen, was Gott will und was nicht. Lieber ein bisschen zu viel Relativismus, als zuviel Fanatismus.

Matthäus 21, 1-11 – Euphorische Begeisterung

Heute „Hosianna!“ – morgen „Kreuzige ihn!“ So war es damals bei Jesus. An Palmsonntag waren alle begeistert von Jesus und haben ihn gefeiert. Und nur wenig später hat der Mob seinen Tod verlangt…

Ich bin jemand, der bei zu viel Überschwang und Begeisterung erst mal bremsen möchte. Mir ist solch eine extrem nach außen gerichtete Begeisterung suspekt. Ich denk mir dann oft: „Jetzt wart’s mal ab! Du wirst noch früh genug wieder auf dem harten Boden der Realität landen. Und dann sieht die Welt wieder ganz anders aus.“ Ich denk mir: „Lieber etwas weniger Euphorie und dafür mehr nüchterne Treue.“

Aber kann ich diese Einstellung wirklich mit diesem Text aus Mt. 21 begründen? Hilft weniger Begeisterung wirklich automatisch zu mehr Treue? Nein, die Begeisterung an sich ist ja nicht falsch. Das Problem ist, wenn man von einem Extrem ins andere fällt: von der extremen Begeisterung zur extremen Ablehnung. Jesus will ja Christen, die brennend im Geist sind und keine lauwarme Langweiler. Aber auch das „brennen“ kann ja ganz unterschiedlich sein: Ich will lieber eine kleine beständige Glut sein, als ein kurzes und großartiges Strohfeuer…