Herrlich…

War ein paar Tage unterwegs auf einer Fortbildungsveranstaltung. Was mich am meisten berührt hat, waren nicht die inhaltlichen Diskussionen und Forträge, sondern wie ein Kollege beim Gespräch am Mittagstisch vom Sterben eines Menschen berichtet hat. Sie waren mehrere Personen am Krankenbett, der Totkranke war bewusstlos. Alle wussten, dass es bald zu Ende geht (trotz Gebet und Handauflegung). Dann hat er noch mal die Augen geöffnet und über sein Gesicht ging ein Leuchten. Er hat die Anderen angelächelt und gesagt: „Wenn ihr wüsstet…“ Dann hat er die Augen wieder geschlossen. Es klang so, als ob die Gesunden am Krankenbett eigentlich diejenigen wären, mit denen man Mitleid haben müsste. Schließlich hat er seine Augen ein letztes mal geöffnet und nur gesagt: „Herrlich, herrlich!“

Philip Roth: Jedermann

„Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker.“ ( S.148 )

Mit diesem Zitat könnte man den Inhalt und die Aussage dieses Buches zusammenfassen. Es geht um das Alter, das Kranksein und den Tod. Das Buch beginnt mit der Beerdigung der Hauptperson und es endet auch damit. Dazwischen finden sich so etwas wie ein persönlicher Rückblick auf dieses Leben. Die Hauptperson – Jedermann – ist allerdings kein alter Mann der dankbar und lebenssatt auf sein glückliches Leben zurück schaut, sondern ein Mensch, der am Ende vor einem Scherbenhaufen steht.

Er war dreimal verheiratet: Die erste Ehe war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und die beiden Söhne aus dieser Ehe haben ihm nie verziehen, dass er ihre Mutter verlassen hat. Die zweite Ehe war eigentlich ideal und glücklich und auch ihr stammt eine Tochter, die ihren Vater wirklich liebt. Aber Jedermann sind seine sexuellen Abenteuer wichtiger, als seine Familie. Die dritte Ehe mit einem jungen Modell hatte nie eine realistische Chance. Am Ende, nach einem erfolgreichen Berufsleben, hat er im Grunde nichts mehr: Er hat keine echten Beziehungen mehr und auch sein ehemals vor Potenz strotzender Körper zerfällt. Er eilt von Krankenhaus zu Krankenhaus und muss immer wieder operiert werden. Und auch die Hoffnung im Alter endlich in Ruhe seinem Hobby, der Malerei, zu frönen, erweist sich als großer Irrtum: Er merkt, dass er im Herzen eigentlich kein Maler ist.

Das einzige was noch bleibt ist der Tod. Und mit dem beschäftigt er sich nun. Auf einer Beerdigung beobachtet er eine schluchzende Frau und überlegt sich, warum „sie sich so aufführt“:

„Weil es für sie nicht anders ist als für mich, seit ich ein kleiner Junge war. Weil es für sie nicht anders ist als für jeden. Weil der Tod die größte Beunruhigung des Lebens ist. Weil der Tod so ungerecht ist. Weil der Tod, wenn man das Leben einmal gekostet hat, einem alles andere als natürlich vorkommt. Ich hatte gedacht – insgeheim war ich mir sicher -, das Leben geht immer weiter.“ ( S.160 )

Es geht also letztendlich in dem Buch darum, wie es „jedermann“ – also jedem Menschen – geht, wenn der Tod näher rückt. Durch den Titel und den Namen der Hauptfigur setzt Roth sein Buch in Verbindung mit einem Theaterstück von Hugo von Hoffmannstal. (Das Stück heißt auch „Jedermann“ und stammt vom Anfang des 20. Jh.). Hoffmanstal selbst nimmt wiederum spätmittelalterliche Mysterienspiele auf, bei denen „Jedermann“ (als Personifikation des Menschen) am Ende vor Gott steht und vor dem Richter bestehen muss.

Allerdings finden wir nun bei Roth die postmoderne, völlig von der Religion abgelöste Version dieses Rückblicks auf das Leben. „Jedermann“ muss sich nicht vor Gott rechtfertigen, sondern vor sich selbst. Er muss irgendwie einen Frieden finden mit sich selbst und seinem verpfuschten Leben. In dem Roman gelingt es Jedermann zumindest am Schluss noch seinen Frieden mit dem Tod zu finden. In einem Gespräch mit einem Totengräber (der ihn wohl später dann auch begräbt) verliert er seine Angst vor dem Tod und ist nun bereit sein Leben loszulassen.

Endlich mal wieder ein Buch, das ich gerne gelesen habe (nach zwei Romanen, die ich nicht zu Ende geschafft habe…).  Naja gern gelesen klingt jetzt komisch – bei diesem nicht gerade auferbauenden Thema. Aber Philip Roth schreibt einfach sehr gut. Er schreibt schonungslos. Er blickt ohne romantische Verklärung auf die Abgründe unserer menschlichen Seele. Er verleitet nicht zum Träumen, sondern eher zum erschrockenen Innehalten: Was macht eigentlich mein Leben aus? Wie werde ich als alter Mensch auf mein Leben zurückblicken? Habe ich Angst vor dem Tod? Bin ich bereit zum Sterben? Solche Fragen stellt man sich normalerweise nicht – und wenn, dann erst wenn das „Ende“ in Sicht ist.

Das Buch hat mich wieder neu dankbar gemacht für die Hoffnung, die ich als Christ habe. Schon in diesem Leben gibt mir mein Glaube Sinn und Halt. Und selbst wenn hier noch vieles schief läuft weiß ich doch, das das Beste erst noch kommt!

Matthäus 10, 26-33 – Die Alternative zur Menschenfurcht

In dem Abschnitt werden wir ermutigt und ermahnt, dass wir uns zu Gott bekennen sollen. Wir sollen uns nicht vor Menschen fürchten, sondern: „fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“. Da hab ich natürlich gleich an den Satan gedacht, der uns in der Hölle verderben kann. Aber es ist erstaunlich, was man auch nach jahrzehntelangem Bibellesen noch für Entdeckungen machen kann. Gemeint ist nämlich nicht der Teufel, sondern Gott selbst. In neueren Bibelübersetzungen (Hoffnung für alle, Gute Nachricht) ist das auch gleich so übersetzt und in den Kommentaren, die ich gelesen habe wird das bestätigt: Es geht nicht um den Teufel, sondern um Gott.

Eigentlich ist da ja auch logisch: Die Alternative zur Menschenfurcht ist nicht Angst vor dem Teufel, sondern die Gottesfurcht. Wo ich die Ewigkeit verbringen werde entscheiden nicht die Menschen und auch nicht der Satan, sondern Gott entscheidet das. Deswegen sollen wir ihn mehr als alles andere fürchten und ehren.

Wobei ich mir echt schwer tue mit dieser Gottesfurcht. Wie kann ich beides auf einen Nenner bringen: Gott als der liebenden Vater (den wir mit „Abba, lieber Vater“ ansprechen dürfen) auf der einen Seite und Gott als der Richter, der uns in die ewige Qual der Hölle schicken kann? Selbst wenn ich das theologisch und verstandesmäßig einigermaßen auf die Reihe bekommen (es geht ja hier nicht um die verzweifelte Angst, sondern um die Ehrfurcht vor Gott, der größer, heiliger und herrlicher ist, als ich mir das vorstellen kann), fällt mir das auf der Gefühlsebene schwer. Ich neige da eher auf die Seite des liebenden Vaters…

2. Korinther 4, 12-18 – Das Unsichtbare sehen

Wie Paulus sich das wohl vorstellt? Nach seiner Aussage in V. 18 sind wir Christen Menschen, die nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare. Das Erstaunliche und Herausfordernde ist ja, dass er auch noch schreibt, dass wir auf das Unsichtbare „sehen„. Also nicht nur das Unsichtbare erspüren oder erahnen, sondern sehen. So wie die andern das Sichtbare sehen!

Ich glaub da stimmt was mit meinen Augen nicht! Denn ich kann das Unsichtbare, ich kann Gott und seine Liebe, nur erahnen. Ich bin (meistens 😉 ) fest überzeugt, dass es ihn gibt und dass er in mein Leben eingreift – aber gesehen hab ich ihn noch nicht! Gesehen hab ich dagegen schon viel Leid, Schmerz und Verzweiflung…

Vielleicht will Paulus auch nur auf betonte Weise ausdrücken, dass wir uns so sehr auf den ewigen Gott verlassen sollten, als ob wir ihn wirklich sehen könnten. Auf eine Weise mit Gott rechnen, als ob er neben uns sitzt. Das Paradoxe ist ja: All das, was wir sehen können – hier in dieser irdischen Wirklichkeit – das wird vergehen. Aber der unsichtbare Gott wird ewig bestehen. Das, was für uns jetzt so selbstverständlich und real ist, hat letztendlich keine große Dauer. Und das was uns jetzt oft so wenig real und so weit weg erscheint bleibt ewig!

1. Korinther 15, 35-49 – Generalüberholt

Paulus spricht sich in diesem Text ganz klar gegen eine dualistische Sicht des Menschen aus. In der griechischen Philosophie wird gerne zwischen vergänglichem Leib und unsterblicher Seele unterschieden und beides gegeneinander ausgespielt (Der Leib ist böse und vergänglich und die Seele göttlich und ewig). Paulus sagt: Nein! Auch in der Ewigkeit werden wir einen Leib haben. Natürlich nicht genau so wie unser jetziger irdischer Leib. Wir werden einen Leib haben der unvergleichlich herrlicher ist, als der jetzige!

Freu mich schon darauf. Einmal generalüberholt: Ganz der alte und doch alles neu! Bei himmlischen Festmählern schlemmen, ohne Angst vor meinem wachsenden Bauchspeck zu haben! Ganz ohne Brille deutlich und klar die leuchtenden Augen Gottes sehen! Ohne Muskelkater, Bänderrisse und Ermüdungserscheinungen endlos über flockige Wolker herumtanzen!