Römer 1, 16-17: Kraftvoll glauben

Diese zwei Verse sind so etwas wie die thematischer Überschrift über den Römerbrief. Hier sagt Paulus in Kurzform, was ihm wichtig ist. Ein Schlüsselbegriff ist die „Gerechtigkeit Gottes“. Für uns Westeuropäer, die wir immer noch stark von der griechisch-römischen Kultur und Denkweise geprägt sind, ist dieser Begriff gar nicht so einfach zu verstehen. Paulus versteht ihn von seinem jüdischen Hintergrund her anders, als wir das tun.

Für uns ist Gerechtigkeit Gottes eher eine Eigenschaft Gottes und wir verstehen unter Gerechtigkeit eher eine neutrale und ausgleichende Gerechtigkeit. Vom Alten Testament her ist damit aber mehr gemeint. Gottes Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass er quasi wie justitia mit verbundenen Augen alleine die Taten eines Menschen beurteilt und dann straft oder belohnt. Gerechtigkeit im alttestamentlichen Sinn ist eher ein Beziehungsbegriff. Gerecht verhält sich jemand, der den Ansprüchen einer Beziehung gegenüber gerecht wird. Manche Ausleger übersetzen den Begriff darum auch mit Gemeinschaftstreue. Wenn Gott gerecht ist, dann heisst das, dass er uns Menschen gegenüber treu bleibt. Insofern hat Luther recht, wenn er sagt, dass Gerechtigkeit Gottes nicht zuerst eine Forderung an uns ist, diese Gerechtigkeit zu erfüllen, sondern eine Zusage Gottes, dass er uns gerecht macht.

Diese Gemeinschaftstreue Gottes erlangen wir nicht durch unser gerechtes Handeln, sondern durch Glauben, oder anders übersetzt durch Vertrauen. Wenn wir auf Gott vertrauen, dann bleiben wir in seiner Gemeinschaftstreue. Dabei ist Glaube nicht als Voraussetzung zu verstehen, sondern einfach nur die Art und Weise, wie wir in Gemeinschaft mit Gott leben.

Ein anderer Begriff, der mich in diesem Abschnitt besonders anspricht ist das Stichwort „Kraft“. Im Griechischen steht hier das Wort „dynamis“ – da kommt unser deutsches Wort Dynamit her. Das Evangelium ist für Paulus nicht nur eine theologisch-philosophische Denkübung, sondern eine lebensverändernde Kraft. Und zwar eine gewaltige Kraft – Dynamit bewirkt mehr als einen leisen Knall, es hat die Kraft, einiges weg zu sprengen.  Ich frage mich so manches mal, wo diese Kraft Gottes in unserem heutigen Christentum bleibt. Da scheint vieles so sanft, bequem und lustlos geworden zu sein. Da schliesse ich mich ausdrücklich an erster Stelle mit ein. Ein bisschen mehr „Dynamit“ würde mir ganz gut tun.

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Johannes 21, 20-25 So viele Wege

Jesus geht mit unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Wege. Petrus geht den Weg des Märtyrers (vgl. V.18f), der Jünger, den Jesus lieb hatte, wird bleiben (V.22), d.h. er wird nicht den vorzeitigen Märtyrertod sterben. Auch wenn es Petrus Auftrag ist, für Jesu Schafe zu sorgen, so bedeutet es doch nicht, dass er über ihre Wege bestimmen könnte. Auch wenn wir die Wege, die Jesus mit uns oder mit anderen geht nicht immer verstehen können, so bleiben es doch Jesu Wege.

Was nehme ich am Ende mit vom Johannesevangelium? Es ist anders als die anderen Evangelien. Es hat in vielem seinen eigenen und ganz besonderen Blickwinkel. Es ist müssig, darüber nachzudenken und zu diskutieren, welche Darstellung „historischer“ ist. Jedes der vier Evangelien hat seine Berechtigung und ist für uns wichtig. Jedes hat einen etwas anderen Blick auf Jesus. Jedes kann uns Gottes Wahrheit näher bringen. Schon diese Vierzahl der Berichte über Jesu Leben, Sterben und Auferstehen, mit all ihren Abweichungen in Details zeigen, dass es der Bibel nicht um einen einheitlichen und neutralen Bericht über Jesus geht. Gott will auch mit uns Lesern einen individuellen und persönlichen Weg gehen. Nicht jeder erlebt Jesus und den Weg des Glaubens völlig gleich. So war es schon damals im Jüngerkreis.

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Johannes 10, 1-10 Die Tür zum Leben

Hat Jesus auch mal was gesagt, was alle sofort verstanden haben? Das Johannesevangelium ist voll von Missverständnissen. Jesus sagt etwas oder tut etwas und die Zuhörer verstehen es falsch, kapieren nicht sofort was er will oder wollen ihn auch manches mal gar nicht verstehen. Selbst seine Jünger haben ihre Schwierigkeiten: „Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was ihnen damit sagte.“ (V.6)

Dieses Gleichnis von der Tür, dem Hirten und den Schafen ist auch ohne Erklärung nicht so einfach zu verstehen. Und bei Gleichnissen ist es ja sowieso immer so, dass sie nicht exakt eine festgelegte übertragene Bedeutung haben, sondern dass sie ganz bewusst offen sind für Interpretationen. Bei einem Bild (ein Gleichnis ist ein Bild in sprachlicher Form) kommt es eben auf den Blickwinkel an. Es weckte bei verschiedenen Betrachtern verschiedene Gefühle.

Jesus legt sein Gleichnis hier selbst aus. Ein Vergleichspunkt in diesem Gleichnis ist die Tür. Jesus selbst bezeichnet sich als die Tür zu den Schafen. Dass Gläubige in Gleichnissen mit Schafen verglichen wurden und geistliche Anführer oder Gott selbst mit einem Hirten ist in der Bibel gang und gäbe. Das Bild der Tür (oder des Tores bzw. Gatters zu den Schafen) ist eher ungewöhnlich. Die Bedeutung dagegen ist recht klar: Jesus ist nicht nur der Hirte der Schafe, sondern auch der Zugang. Wenn jemand die Schafe leiten will und nicht den Zugang über Jesus sucht, dann ist er ein Dieb und ein Räuber – das heißt, er ist nicht der rechtmäßige Eigentümer und hat nicht das Wohl der Schafe im Blick. Zugleich ist Jesus auch für die Schafe die Tür, durch die sie gehen können, um Weide zu finden. Jesus will uns nicht einsperren, sondern uns ins Frei führen, damit wir „das Leben und volle Genüge haben“ (V.10).

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Johannes 1, 35-42 Erste Worte

Die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium sind eine Frage: „Was sucht ihr?“ Der zweite Satz den er spricht, ist eine Einladung: „Kommt und seht!“ Das Johannesevangelium ist mehr als ein historischer Bericht über etwas Vergangenes. Johannes möchte vor allem die Leser im Hier und Jetzt ansprechen. Jesus spricht nicht nur zu seinen ersten Jüngern, sondern er spricht hier mit jedem Leser. Diese Frage gilt uns: „Was suchst du?“ Ich finde es wunderbar, dass dies die erste Aussage Jesu ist. Er setzt uns nicht seine fertigen Antworten vor die Nase, sondern fragt uns erst einmal, war wir suchen. Das ist die Frage eines jeden Lebens: Was suchen wir eigentlich? Und dann lädt uns Jesus ein: „Komm und sieh!“ Glaube ist in erster Linie eine Einladung, mit Jesus unterwegs zu sein. Zu ihm zu kommen und zu sehen.

Diese doppelte Ebene des Erzählens begegnet uns bei Johannes häufiger. Er erzählt immer auf mehreren Ebenen. Da ist zunächst die oberflächliche Erzählerbene. Jesus ruft seine ersten Jünger in die Nachfolge. Da ist aber darunter zugleich die existentielle Ebene eines jeden Menschen: Was suchen wir? Wo suchen wir? Wie finden wir was wir suchen? Da ist zugleich die Einladung an den Leser: Lasse dich auf dieses Evangelium von Jesus Christus ein, folge ihm, erlebe und sehe was die ersten Jünger mit Jesus erlebt und gesehen haben.

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Johannes 1, 1-14 Alles gesagt

Diesen Anfang des Johannesevangeliums habe ich schon oft gelesen. Schon im Studium haben wir uns ein ganzes Semester lang in einem Seminar mit diesem Prolog beschäftigt. Und trotzdem bin ich auch beim heutigen Lesen wieder ins Stauen gekommen über diesen gewagten und gewaltigen Anfang den Johannes hier an den Beginn seines Berichtes über Jesus setzt. Größer und umfassender kann man nicht beginnen. „Im Anfang war das Wort…“ – allein in dieser Aussage liegt ein ungeheurer Anspruch. Es ist Anklang an den Beginn der hebräischen Bibel, an die Schöpfungsgeschichte. In Jesus Christus wird nicht nur Geschichte geschrieben, sondern in ihm geschieht Neuschöpfung!

In diesen wenigen Versen wird eigentlich schon alles ausgesagt. In und durch Jesus Christus wurde alles erschaffen und in und durch ihn geschieht Erlösung. In ihm wohnt alle Fülle. In ihm und durch ihn können wir Gott begegnen und Gottes Kinder werden. Er wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, um uns die Herrlichkeit Gottes zu zeigen. Und trotz allem nehmen ihn viele nicht auf, bleiben lieber in der Dunkelheit. Zentrale Schlüsselbegriffe des ganzen Evangeliums tauchen hier schon auf: Leben, Licht (und dazu der Gegensatz der Finsternis), Herrlichkeit, Wahrheit…

Für mich sind diese Verse immer wieder neu tröstlich. Vor allem anderen ist Jesus schon da. Auch wenn wir uns manchmal in der Schöpfung verloren vorkommen und so manches nicht verstehen – Jesus Christus ist viel größer und umfassender als unsere Fragen, Zweifel und Anfechtungen. Es geht nicht um ein menschliches Vorbild, dem ich mit aller Kraft und menschlichen Bemühungen nacheifern muss, um irgendwie vor Gott gut dazustehen oder ein gelingendes Leben zu haben. Nein, Jesus ist viel mehr. Er umfasst und trägt mich in all meinen Begrenzungen.

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1. Thessalonicher 2, 13-20 Wort Gottes

Die Thessalonicher sind durch Gottes Wort zum Glauben gekommen. Aber was genau Gottes Wort ist, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Paulus hat den Thessalonichern gepredigt, er nennt es „das Wort der göttlichen Predigt“(V.13). Es ist klar: Da hat nicht Gott direkt und auf irdisch hörbare Weise vom Himmel her gepredigt, sondern Paulus hat mit seinen Worten zu den Zuhörern gesprochen. Aber er hat nicht seine Privatmeinung erzählt, sondern das Evangelium – deswegen nennt er seine Worte „göttliche“ Predigt. Es sind nicht seine eigenen Ideen und Meinungen, sondern Gottes Botschaft.

Das alleine macht aber aus einer Predigt noch kein Wort Gottes. Entscheidend ist, dass die Thessalonicher diese Worte „nicht als Menschenwort aufgenommen“ haben, „sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort“ (V.13). Also ist die Predigt einerseits in Wahrheit Gottes Wort, aber die Zuhörer können es auch als normales Menschenwort verstehen und aufnehmen. Das ist erstaunlich differenziert. Auf der einen Seite ist die Predigt des Evangeliums ganz klar Gottes Wort, auf der anderen Seite ist das nicht von sich aus offensichtlich. Man kann sich diesem Wort Gottes auch verschließen und es als Menschenwort hören. Der Buchstabe allein ist doppeldeutig, erst durch das richtige hören wird daraus Gottes wirkmächtiges Wort.

Ähnlich ist es ja mit der Bibel, die ja nichts anderes ist als ein Reden Gottes in Menschenworten. Sie ist einerseits ganz klar Gottes Wort – Gott will hier zu uns Menschen reden. Aber das ist nicht offensichtlich. Man kann sich diesem Wort Gottes verschließen und es auch als ganz normales Menschenwort lesen. Liegt es dann an der Offenheit und der Bereitschaft des Zuhörers, ob aus Menschenwort Gottes Wort wird? Oder ist das reine Gnade und reines Geschenk? Warum hört der eine in der Predigt oder in der Bibel Gottes Stimme und der andere nicht? Das Reden Gottes bleibt ein Geheimnis, das wir nicht so einfach definieren und in der Hand haben können.

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1. Thessalonicher 2, 1-12 Die Kirche und das liebe Geld

Obwohl sich Paulus auf mütterliche (V.7) und väterliche (V.11) Weise liebevoll um die Gemeinde gekümmert hat, muss er sich hier offensichtlich mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe Menschen verführt um selbst einen finanziellen Gewinn daraus zu ziehen. Für uns ist das natürlich schwer zu beurteilen, wir kennen nur die Argumente des Paulus. Aber so wie wir das Leben und die Überzeugungen des Paulus aus seinen Briefen kennen, ist es eigentlich nicht vorstellbar, dass diese Verleumdungen zutreffen. Paulus geht es nicht um’s Geld, sondern um Gott.

Wir sehen, dass das Thema Kirche und Geld schon damals ein heikles Thema war. Schon bei Paulus bestand der Argwohn, dass unter Christen nicht redlich mit dem Geld umgegangen wurde. Die Empörung ist ja bis heute in der Öffentlichkeit zu Recht sehr groß, wenn ein kirchlicher Würdenträger leichtfertig und eigennützig mit Geld umgeht. Andererseits ist es immer leicht, sich über andere zu empören und ihre Fehler aufzubauschen. Die Frage gilt ja nicht nur für einen Missionar wie Paulus oder einen kirchlichen Amtsträger, sondern an jeden Christen: passt mein persönlicher Umgang mit dem Geld zur Botschaft des Evangeliums? Natürlich ist es gut, auf Missstände hinzuweisen. Aber genauso wichtig ist es, dass wir uns selbst an die eigene Nase fassen.

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Apostelgeschichte 7, 54 – 8, 3 Das Evangelium breitet sich aus

Diskussionen über die Bedeutung von Gesetz und Tempel, sowie prophetische Gerichtsbotschaften gab es schon im Alten Testament. Alles was Stephanus bis jetzt gesagt hatte sorgte zwar für Ärger und Wut, wäre aber noch halb so schlimm gewesen für die Zuhörer. Aber als er nun sagt, dass er den Menschensohn (damit meint er Jesus) zur Rechten Gottes sieht, bringt er das Fass zum Überlaufen. Aus dem geordneten Prozess gegen ihn wird ein Aufruhr, der in Lynchjustiz endet.

Aber gerade diese dunkle Stunde wird zu einem entscheidenden Impuls für die Verbreitung des Evangeliums. Die griechisch sprechenden Judenchristen werden aus Jerusalem vertrieben und fliehen in das Gebiet von Judäa und Samarien. So beginnt sich die Verheißung von Apg. 1,8 zu erfüllen, dass die Christen Jesu Zeugen werden „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“. Vielleicht kann Gott auch heute noch unsere dunklen Stunden nutzen, um uns zu Zeugen werden zu lassen…

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Lukas 11, 29-36 Augen auf!

Die zweite Hälfte dieses Textes ist eine spannende und erstaunlich differenzierte Auseinandersetzung darüber, wie es in einem Menschen hell werden kann. Oder anders ausgedrückt: warum manche Menschen zum Glauben an Jesus, das Licht der Welt, kommen und manche nicht.

Wenn das Auge „lauter“ ist, dann wird der ganze Leib hell, weil durch das Auge das Licht in den Körper dringt. Das Auge steht für die Wahrnehmungsfähigkeit eines Menschen. Jesus ist in unsere Welt gesandt, um für alle Menschen das Licht des Evangeliums zu bringen. Wir erleben aber bis heute, dass er manche erreicht und manche nicht. Es kommt darauf an, wie die Augen der Menschen beschaffen sind. Es kommt darauf an, was wir von Jesus wahrnehmen und wie wir es wahrnehmen.

Manche verschließen willentlich ihre Augen, weil sie von vornherein nichts von Jesus wissen wollen. Manche können durch schlechte Sehgewohnheiten nur schwer dieses Licht erkennen (weil sie z.B. immer nur damit beschäftigt sind auf sich selbst zu starren). Manche Augen sind vielleicht auch krank und können das Licht deswegen nicht sehen. Wenn ein Mensch Jesus nicht oder nur verzerrt wahrnehmen will (oder kann?!?!) dann bleibt der ganze Mensch finster…

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2. Timotheus 1, 12-18 Heilsame Worte

In dem Abschnitt bin ich besonders an dem Ausdruck „heilsame Worte“ hängen geblieben. Gemeint ist damit die Botschaft des Evangeliums. Von der Übersetzung her müsste man eigentlich eher übersetzen „gesunde Worte“, im Sinn von gesunder und korrekter Lehre. So übertragen es auch viele andere Bibelübersetzungen.

Doch von der Sache her gefällt mir Luthers Übersetzung außerordentlich gut: Worte des Evangeliums sind nicht nur für sich selbst genommen gesund und korrekt, sondern sie sind auch heilsam für den, der sie hört. Es geht nicht um eine Lehre, welche im abstrakten Sinn korrekt und gesund ist, sondern um Worte, welche dem Hörer Heil und Rettung vermitteln. Gesund können unsere Worte als Christen nur sein, wenn sie für andere heilsam sind. Wie wirken meine Worte für meine Mitmenschen? Sind es heilsame Worte?

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