Apostelgeschichte 16, 16-22 Wahre Worte

Seltsame Geschichte: Eine Geisteraustreibung, die eigentlich gar nicht gewünscht ist und wegen der Paulus und Silas Riesenprobleme bekommen. Paulus scheint diesen Wahrsagegeist nur ausgetrieben zu haben, weil ihn die Frau tagelang genervt hat. Seltsam auch, dass dieser Geist ja durchaus positives über die Missionare gesagt hat: „Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkünden.“ (V.17) Da kann man doch eigentlich nur Amen dazu sagen. Selbst dieser geschäftstüchtig genutzte heidnisch-esoterische Wahrsagegeist ist nicht reiner Humbug, sondern er spricht durchaus Wahres aus!

Aber Wahrheit ist nicht gleich Wahrheit. Es kommt darauf an, mit welcher Motivation und welchen Absichten die Wahrheit verkündet wird. Werden damit Geschäfte gemacht oder wird damit Menschen geholfen? Das müssen wir uns übrigens auch als Christen und christliche Gemeinden immer wieder fragen.

| Bibeltext |

1. Timotheus 6 Geschäft mit religiösen Sehnsüchten

Ganz zum Schluss des Briefes werden die Irrlehrer ausdrücklich mit einem Stichwort gekennzeichnet. Sie gehören zur „sogenannten Erkenntnis“ (auf griechisch: Gnosis). Das war eine religiös-philosophische Geistesströmung, die unterschiedliche Ausprägungen annehmen konnte und mit der sich v.a. im 1. Jh. n. Chr. die junge Kirche auseinandersetzen musste. In der vielgestaltigen Strömung wurden Elemente aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen integriert – ähnlich der heutigen Esoterik. Ein wesentliches Merkmal der Gnosis war eine Skepsis gegenüber allem Materiellen und Leiblichen. Das konnte sich einerseits in einer extremen Leibfeindlichkeit äußern (vgl. 1. Tim. 4,3), es konnte aber auch ins Gegenteil umschlagen, in eine extreme moralische Gleichgültigkeit gegenüber allem Leiblichen. Diese Haltung beruht auf der Annahme, dass alles Materielle von einem bösen Gott geschaffen wurde. Erlösung findet man durch die „Erkenntnis“ des wahren Göttlichen, das als göttlicher Lichtfunke in jedem von uns wohnt.

Bezeichnend in diesem Kapitel ist auch, dass das Streben nach Reichtum und Gewinn bei den Irrlehrern kritisiert wird. Das verbindet sich ja bis heute gerne: Seltsame esoterische Lehren, die durchaus eine gewisse Schnittmenge mit guter Lehre haben, aber in Endeffekt etwas völlig anderes sind, und das Gespür dafür, dass man mit religiösen Gefühlen und Sehnsüchten auch gute Geschäfte machen kann. Als aktuelles Beispiel fällt mir da die „Gebetsessenz“ von einem gewissen Jürgen Fliege ein. Angeblich eine Art „Ursuppe“, über welche Jürgen Fliege gebetet hat, die dadurch besondere Heilkräfte besitzen soll und die sich dann prächtig für 39,95 Euro (95 ml-Flasche, 420 Euro pro Liter) verkaufen lässt… (vgl. hier auf EsoWatch)

| Bibeltext |

Marianne Fredriksson: Noreas Geschichte

Also viel biblisches darf man von diesem Buch nicht erwarten. Es geht um Norea, die nach alten Mythen eine Tochter von Adam und Eva gewesen sein soll. Fredriksson erzählt die fiktive Lebensgeschichte dieser Norea, die einen besonderen Zugang zur übersinnlichen Welt gehabt haben soll. In dem Buch finden sich allerdings wenig biblische Bezugspunkte und dafür eher gnostisches und tiefenpsychologisches Gedankengut (die Gnosis ist eine religiöse Strömung, die es v.a. im 2.-3. Jh. gab und in der ein buntes Mischmasch an religiösen und philosophischen Gedankengut gab; ein zentraler Gedanke ist z.B., dass jeder Mensch einen göttlichen Funken in sich hat und dass wir uns durch Entfaltung dieses Funkens irgendwie selbst erlösen könnten).

Nichts desto trotz hab ich das Buch gern gelesen. Es ist gut geschrieben und entführt einen in eine faszinierende alt-orientalische Welt. Man bekommt eine kleine Ahnung, in was für einer „Götter-durchtränkten“ Welt das Volk Israel damals am Glauben an den einen Gott festgehalten hat. Außerdem hat die Geschichte trotz allem esoterischen Firlefanz genügend Spannung, um zu fesseln.

Interessant fand ich auch, dass durch das Buch deutlich wird, dass die Gnosis kein längst vergangenes kleines Strohfeuer war, sondern dass viele gnostische Gedanken bis heute aktuell sind und z.B. in Verbindung mit der Tiefenpsychologie für die Menschen ihren Reiz hat. Das Göttliche in sich selbst zu entdecken und das rechnen mit parapsychologischen Erfahrungen spricht auch die Menschen heute noch an (zumindest scheint die Autorin davon recht angetan zu sein). Der Gott der Bibel wird von Fredriksson dagegen mit Schuld, Angst und Unfreiheit in Verbindung gebracht.

Das Buch zeigt mir wieder mal, dass es mehr gibt als die streng logisch-wissenschaftliche Weltsicht der Aufklärung. Es gibt zwischen Himmel und Erde viele Dinge, die wir mit unserem Verstand nicht so einfach einordnen und erklären können. Eigentlich müssten wir Christen ja auch von dieser neuen Offenheit für das Übersinnliche profitieren können. Aber irgendwie scheinen wir unseren Glauben so zu leben, dass unser Gott nur mit Schuld, Angst und Unfreiheit in Verbindung gebracht wird…

Paulo Coelho: Die Hexe von Portobello

Schade, hab schon einige Bücher von Coelho gelesen und fand sie teilweise richtig gut. Dieses Buch hat mich enttäuscht. Zum einen rein handwerklich: Die Geschichte hat mich nicht so richtig überzeugt, die Personen bleiben flach, das ganze berührte mich nicht wirklich. Zum anderen: In diesem Buch driftet Coelho noch viel mehr als in anderen in die Esoterik-Ecke und versumpft darin.

Von der Grundidee her ist die Geschichte gar nicht schlecht und hat ihre Reize. Es geht um eine moderne „Hexe“ und wie unsere heutige Welt auf sie reagieren würde. Eine junge, spirituell suchende Frau wird von der traditionellen Religion (von Coelho ziemlich platt und eindimensional gezeichnete Priester und Pfarrer) enttäuscht. Sie entdeckt in sich die Muttergottheit und wird auf ihrem spirituellen Weg von einer „Meisterin“ begleitet. Parallel dazu sucht und findet sie ihre leibliche Mutter, die sie als Baby zur Adoption freigegeben hat. Es geht also um eine Suche nach Gott und nach der eigenen Herkunft und Identität. Sie entwickelt bestimmte Rituale und versucht, andere Menschen dazu zu ermutigen, die Muttergottheit in sich selbst zu entdecken. Dabei stößt sie neben Zustimmung und Begeisterung auch auf Ablehnung, weil die Zeit für diese neue esoterische Religion einfach noch nicht reif sei.

Daraus hätte man durchaus eine interessante Charakterstudie über einen Menschen machen können, der Religion auf andere und neue Weise versucht zu leben. Das wäre dann auch für mich als Christ und Theologe interessanter gewesen (auch wenn ich inhaltlich zum Thema Religion völlig anders denke). Aber von der inneren Entwicklung der Hauptperson wird wenig deutlich, das bleibt alles irgendwie blutleer. Es scheint, als ob Coelho die Rahmenhandlung nur gebraucht, um irgendwelche esoterischen New-Age-Predigten an den Leser zu bringen.

Matthäus 18, 10-14 – Göttliche Briefumschläge

EngelIch bin ja kein besonderer Freund von diesem „Engelhype“: Engel hier und Engel dort, alles voller Engel. Da werden im christlichen Gewand so manche esoterische Phantasien auf den Buchmarkt geworfen. Das spricht die Leser offenbar an. Und das ist wohl für viele säkulare Leser leichter zu verdauen und zu akzeptieren als die sperrige Botschaft vom Sohn Gottes, der da elend am Kreuz zugrunde geht.

Doch macht mir der heutige Text deutlich, dass auch Jesus konkret mit Engeln gerechnet hat. Er spricht von den „Kleinen“. Damit sind Kinder gemeint oder im übertragenen Sinn: „kleine, unbedeutende Menschen“ (so übersetzt die Gute Nachricht Bibel). Und dann erwähnt er „ihre Engel“. Das heißt, dass es Engel gibt, die in besonderer Weise für diese „Kleinen“ zuständig sind – es ist wohl anzunehmen, dass für jeden dieser „Kleinen“ ein Engel zuständig ist. Hier liegt eine der Wurzeln für die später sehr ausgedehnte Vorstellung vom persönlichen „Schutzengel“.

Soweit, so gut: Es gibt also wohl für jeden (jeden Menschen oder jedes Kind Gottes?) einen Engel, der im Himmel allezeit das Angesicht Gottes sieht (Mt. 18,10). Aber was heißt das? Rettung und Leben gibt es nach wie vor nur durch Jesus Christus – er allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und auch in dem Text selbst geht es Jesus nicht um die Engel an sich, sondern um die „Kleinen“ für die sie zuständig sind. Gott freut sich unendlich darüber, wenn auch nur ein einziger der verloren war, wieder gefunden wird. Die Engel dienen hier nur zur Unterstreichung, dass auch die Kleinsten für Gott wichtig sind.

Auch wenn wir an anderen Stellen in der Bibel schauen, dann stehen nie die Engel selbst im Mittelpunkt: Das wichtigste sind nicht die Engel selbst, sondern ihre Botschaft. Daher kommt ja auch ihre Bezeichnung: Im Griechischen bedeutet „angelos“ Bote. Sie sind nur so etwas wie der Briefumschlag, der das Eigentliche transportiert. Schade, wenn sie heute auch bei manchen Christen so groß und wichtig werden. Denn wenn der Bote wichtiger als die Botschaft wird, dann stimmt was nicht…

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Foto: A. Rausch / pixelio.de