Römer 11, 17-24: Stolz und Vorurteil

Auch das ist eine Konsequenz aus der Rechtfertigung allein aus Gnade: Als Gläubige, die wir auf Gottes Gnade vertrauen, haben wir nichts, mit dem wir uns gegenüber anderen rühmen könnten. Wir können uns nichts darauf einbilden, dass wir Zweige am Baum des Glaubens sein dürfen. Denn wir sind es nicht aus eigenen Verdiensten, sondern aus reiner Gnade. Das gilt besonders im Blick auf Israel. Sobald wir als Christen überheblich auf Israel niederschauen sprechen wir selbst uns das Urteil. Auf etwas, das uns aus reiner Gnade geschenkt ist, können wir nicht stolz sein (V.20).

Zugleich rückt Paulus das Verhältnis von Juden und Christen ein für allemal unmissverständlich zurecht: Als Christen, die wir nicht aus dem Volk Israel stammen, sind wir nur aufgepfropfte Zweige. Der Stamm bleibt Israel. Wir als Zweige profitieren von ihm, wir sind auf ihn angewiesen – nicht anders herum.

So schnell stehen wir in der Gefahr, gegenüber anderen stolz zu werden. Das war zu den Zeiten des Paulus nicht anders als heute. So schnell kommen wir uns besser vor als andere. Als die anderen, die gar nicht glauben, oder die das Falsche glauben, oder die nicht ernsthaft genug glauben. Anstatt stolz zu sein, sollten wir dankbar und demütig sein. Gott schenkt uns seine Gnade. Paulus hat die Hoffnung, dass Gottes Gnade auch die ausgebrochenen Zweige des Baumes Israel noch erreichen kann. Auch wir sollten diese Hoffnung nicht aufgeben.

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Römer 11, 11-16: Hoffnungsperspektive

Dass ein Großteil von Israel Jesus als den Messias nicht anerkennt ist für Paulus ein Straucheln, aber kein endgültiges Fallen (V.11). In vorsichtigen Worten deutet Paulus an, dass Israel zwar jetzt verworfen ist, dass sie aber einmal angenommen werden (V.15). Wenn die Wurzel heilig ist, also die Väter Israels von Gott erwählt und angenommen, so gilt dies auch für die Zweige, also ganz Israel (V.16). Paulus sucht hier nicht nach einer Entschuldigung für Israel, aber er will eine Hoffnungsperspektive aufzeichnen. Er gibt sein Volk noch nicht verloren, sondern rechnet damit, dass Gott zu seinen Zusagen der Erwählung steht.

Auch ich bin im Glauben oft am Straucheln. Auch ich lebe so manches mal im Alltag so, als ob es Gott nicht gibt. Auch ich erkenne Gottes Wege und seinen Willen nicht immer klar und deutlich. Und so darf auch ich aus der Hoffnungsperspektive leben: Derjenige, der mich in Liebe angenommen hat, wird auch seinen Weg mit mir vollenden. Das soll fehlenden Glauben und fehlendes Vertrauen nicht entschuldigen, aber es zeigt eine Perspektive der Hoffnung auf, die vor Verzweiflung bewahrt.

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Römer 9, 6-13: Rätselhafte Gnadenwahl

Manchmal sind Gottes Wege mit uns Menschen schwer nachzuvollziehen. So geht es mir auch bei diesem Text. Ausgangspunkt ist für Paulus die Frage nach Israel: Wenn Israel das erwählte Volk Gottes ist, warum verschließt sich die Mehrheit dem Sohn Gottes? Sein Argument in Kurzform ist: Schon früher hat Gott nicht einfach die leibliche Abstammung allein für die Träger der Verheißung gelten lassen, sondern er hat in seiner freien Wahl den Träger der Verheißung erwählt (V.11f). Besonders deutlich wird das bei Jakob und Esau. Noch vor der Geburt, noch bevor beide irgendwelche Dinge richtig oder falsch machen konnten, hat Gott schon entschieden, wenn er sich erwählt.

Nach heutigem Empfinden ist das nur schwer nachvollziehbar. Warum bekommt einer ohne jeden Grund einfach den Vorzug gegenüber einem anderen? Das lässt sich nicht logisch begründen. Hier wird Gott für mich rätselhaft. Aber vielleicht ist das genau der Punkt des Paulus: Auch er kann es sich nicht logisch erklären, warum sein Volk Jesus als den Messias ablehnt.

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Römer 9, 1-5: Keine fromme Nabelschau

Nach diesem inhaltlichen Höhepunkt am Ende von Kapitel 8 setzt Paulus nun zu einem neuen Thema an. Er beschäftigt sich jetzt ausführlich mit der Frage nach Israels Errettung. Nirgends im NT wird diese  Frage so intensiv behandelt, wie hier. Inhaltlich passt es an diese Stelle, weil es auch vorher um Erwählung und Errettung gegangen ist und auch darum, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Trotzdem ist es erstaunlich, dass Paulus sich so viel Zeit für dieses Thema nimmt. Es scheint ihm selbst sehr am Herzen  zu liegen und vielleicht ist es auch für die römische Gemeinde ein wichtiges Thema.

Gleich zu Beginn macht Paulus zwei Dinge deutlich: Seine persönliche Verbundenheit mit Israel und Gottes grundsätzliche Stellung zu Israel. Paulus selbst würde zugunsten seiner Brüder und Schwestern alles geben und Gott hat Israel in eine besondere Stellung auserwählt. Gerade deswegen ist es für Paulus so schmerzlich, dass die große Mehrheit seines Volkes, Jesus nicht als den Messias anerkennen will.

Das schätze ich bei Paulus: dass er sein Leben und Denken nicht an seinem Ego ausrichtet, sondern dass es ihm wirklich um das Beste für Andere geht. Er war sicher auch nicht perfekt, aber er hat sich wirklich mit allem ganz in den Dienst für andere hinein gegeben. Ich merke bei mir selbst, wie ich mich auch in meinem Glauben sehr oft um mich selbst drehe und mit meinen Problemen und Sorgen beschäftigt bin. Es ist tragisch, dass wir in einem Land, in dem es uns materiell ziemlich gut geht und in dem wir unseren Glauben in Freiheit leben dürfen, viel zu oft mit frommer Nabelschau beschäftigt sind und uns auch als Gemeinden viel zu oft mit unseren eigenen Problemchen beschäftigen. Ich weiß dass das nur menschlich ist – aber es wäre schön, wenn wir ab und zu einen Blickwechsel vornehmen könnten.

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Johannes 15, 9-17 Solch eine große Liebe

Rechnet Jesus wirklich damit, dass wir das können? Dass wir einander lieben können, so wie Jesus uns geliebt hat (V.12)? V.13 macht deutlich, wie groß und tief diese Liebe ist: „Niemand hat größere Liebe, als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Können wir solch eine gr0ße und selbstlose Liebe haben, wie sie Jesus am Kreuz gezeigt hat? Für Jesus scheint solch eine Liebe die Voraussetzung zu sein, um sein Freund zu sein (V.14). Meint er das wirklich ernst? Oder will er uns einfach nur unsere Unfähigkeit vor Augen führen?

Vielleicht beides ein bisschen: Dieser Text zeigt uns unser Unvermögen. Solch eine Liebe können wir nicht aus uns selbst heraus produzieren. Die muss uns geschenkt werden. Zugleich rechnet Jesus damit, dass Gott uns solch eine Liebe auch wirklich schenken kann. Nicht wir können diese Frucht hervorbringen, sondern Jesus hat uns dazu erwählt und bestimmt, dass wir Frucht bringen. Voraussetzung und Startpunkt ist die Liebe Jesu (V.9) und seine Erwählung. Anders geht es nicht.

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Sacharja 2, 10-17 Gottes Augapfel

Das Volk Israel als Gottes Augapfel (V.12). Wer dieses Volk antastet, der legt sich mit Gott selbst an. Aus der Sicht Sacharjas belegt der Untergang Babyloniens diese Aussage. Auf der anderen Seite macht er auch deutlich, dass letztendlich nicht die Babylonier Gottes Volk besiegt und ins Exil geführt haben, sondern dass Gott selbst dahinter steht: „Ich habe euch in die vier Winde unter dem Himmel zerstreut, spricht der Herr.“ (V.10)

Interessant ist auch, dass gerade in diesem Zusammenhang der Blick über Israel hinaus geht. Gott sagt: Es werden „viele Völker sich zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein“ (V.15). Gottes Heil ist nicht auf ein einzelnes Volk beschränkt, auch wenn er sich diesem Volk in besonderer Weise zuwendet.

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Sacharja 1, 7-17 Erneute Erwählung

In diesem Abschnitt bin ich vor allem an V.17 hängen geblieben. Gott spricht durch den Propheten davon, dass er Jerusalem wieder erwählen wird. Vom Zusammenhang her geht es darum, dass nach dem Babylonischen Exil, sich Gott wieder der Stadt Jerusalem und seinen Einwohnern zuwendet. Spannend ist, dass hier das Stichwort „Erwählung“ auftaucht. Offensichtlich bedeutet Erwählung im biblischen Sinn nicht eine ein für allemal vorherbestimmte Festlegung. Jerusalem wurde von Gott erwählt, hat dann diesen Status durch seine Abkehr von Gott verloren und nun wird es von Gott neu erwählt.

In der Theologiegeschichte wurde viel über Erwählung diskutiert und auch gestritten. Erwählung betont das Gnadenhandeln Gottes. Es ist nicht ein Verdienst oder eine Leistung des Menschen, dass er von Gott erwählt wird – es ist reine Gnade. Wenn man diesen Gedanken aber strikt durchzieht, bekommt man Probleme mit der menschlichen Freiheit und mit der Gerechtigkeit Gottes. Warum erwählt Gott manche Menschen und mache nicht? Was kann ein Mensch dafür, ob er erwählt ist oder nicht? Und wie kann ein Mensch, der nicht erwählt ist, dann von Gott für seinen fehlenden Glauben bestraft werden?

Die Bibel zeigt sich hier weniger dogmatisch. Erwählung ist auf jeden Fall Gnadenhandeln Gottes. Aber sie hängt auch mit menschlichem Handeln zusammen. Die Erwählung Jerusalems lässt Freiräume für menschliche Abkehr von Gott und erneute Zuwendung zu Gott. Erwählung ist somit keine festgelegte Vorherbestimmung zum Heil oder Unheil.

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Lukas 6, 12-16 Das erneuerte Gottesvolk

Ganz schön provozierend: Jesus wählt sich 12 Jünger für die engere Nachfolge aus. Da denkt natürlich damals jeder gleich an das von Gott auserwählte Volk, das aus 12 Brüdervölkern bestand. Da ist es durchaus verständlich, dass die Frommen damals mit diesem Jesus so ihre Schwierigkeiten hatten. Er nimmt für sich in Anspruch, das von Gott erwählte Volk zu erneuern. Was für eine Anmaßung!

Auf der anderen Seite: Was für eine Auszeichnung für die 12 Jünger! Jesus hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: Er hat die ganze Nacht im Gebet verbracht! Er wollte sicher sein, dass er die Richtigen auswählt. Und als Nachfolger Jesu darf auch ich zu diesem neuen Gottesvolk mit dazu gehören. Wow!

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Galater 4, 21-31 Verstoßen oder nicht verstoßen?

Sehr kritisch und polemisch vergleicht Paulus hier den Bundesschluss am Sinai mit dem neuen Bund in Christus. Das eine ist für ihn ein Bund der Knechtschaft (er vergleicht diesen Bund allegorisch mit Ismael, dem Sohn den die Magd Hagar dem Abraham gebar) und das andere ist für ihn ein Bund der Freiheit (er vergleicht diesen Bund mit Isaak, dem Sohn der Sara aufgrund der Verheißung Gottes dem Abraham gebar): „So sind wir nun, liebe Brüder, nicht Kinder der Magd, sondern der Freien.“ (V.31) Aus diesem Vergleich zieht Paulus auch eine harte Konsequenz für den jüdischen Sinaibund: „Stoßt die Magd hinaus mit ihrem Sohn; denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien.“ (V.30)

An anderer Stelle sieht Paulus den Status des jüdischen Volkes differenzierter: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.“ (Röm. 11,2) Der Vergleich dieser beiden Stellen zeigt mal wieder, wie wichtig es ist, Bibelstellen aus ihrem Kontext heraus zu verstehen und sie in das Gesamtzeugnis der Schrift einzubetten. Mit einzelnen Bibelversen kann man alles mögliche begründen und dabei auch noch bibeltreu erscheinen.

Die beiden Stellen stehen zumindest in einer gewissen Spannung. Zur richtigen Einordnung ist der Zusammenhang wichtig. Im Galaterbrief spricht Paulus zu Heidenchristen, die in der Gefahr sind, neben dem Glauben an Jesus Christus wieder das alttestamentliche Gesetz in jüdischem Verständnis aufzurichten. In dieser Situation argumentiert Paulus sehr scharf gegen das Gesetz und den Sinaibund. Es geht ihm hier um die Freiheit vom Gesetz als Heilsweg. Im Römerbrief beschäftigt sich Paulus dagegen grundsätzlicher mit der Frage, ob Gottes Volk auch ohne die Erkenntnis Jesu Christi gerettet werden kann. Und hier hält er an der Erwählung Israels fest – obwohl er auch im Römerbrief das Gesetz nicht als Heilsweg zu Gott ansieht. Trotzdem hat Gott auch mit Israel einen Weg und er verwirft sein erwähltes Volk nicht einfach.

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Psalm 132 – Überraschende Gnade

In diesem Psalm geht es um die Bundeslade, die David nach Jerusalem brachte und die später im Allerheiligsten des salomonischen Tempels stand. Wieder einmal geht es um die besondere Bedeutung eines bestimmten Ortes für den Glauben: “Denn der Herr hat Zion erwählt, und es gefällt ihm, dort zu wohnen.” (V.13)

Seltsamer Gott! Warum ist ausgerechnet dieser Kasten der Bundeslade der Schemel seiner Füße (V.7)? Warum wählt er sich ausgerechnet Zion als “Wohnort”? Nüchtern betrachtet ist das kein außergewöhnlicher oder besonders beeindruckender Ort. Die Liste ließe sich fortsetzen: Warum erwählt Gott sich dieses kleine unbedeutende Volk Israel auf besondere Weise? Warum David, der jüngste und kleinste der Familie? Warum Maria und Joseph, warum ausgerechnet Petrus, warum Paulus? Was zeichnet diese Orte und Personen gegenüber anderen aus?

Keine Ahnung! Gott scheint einerseits eine gewisse Liebe zum Schwachen und Unscheinbaren zu haben. Aber er kann genau so gut das Großmaul Petrus und den Christenhasser Paulus für besondere Aufgaben erwählen. Gott ist unberechenbar, großzügig und überraschend in seiner Gnade.
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