Philip Roth: Empörung

Keine Frage: Philip Roth ist ein guter und begabter Schriftsteller. Er versteht es, mit Sprache umzugehen und Geschichten zu erzählen. Aber dieses Buch von ihm hat mich nicht gepackt. Die Hauptperson des Buches blieb mir unzugänglich, die Geschichte hat mich nicht gefesselt und so manches mal habe ich mich gefragt, wie einzelne Personen und Episoden in diesem Roman zusammen passen.

Die Hauptperson des Buches ist der junge Marcus Messner, der 1951 sein Studium an einem konservativen College in den USA beginnt. Er ist eigentlich ein blasser, braver Musterschüler, der einfach in Ruhe lernen und leben möchte. Das wird ihm zuerst von seinem Vater schwer gemacht, der auf psychotische Weise Angst davor hat, dass seinem Sohn etwas zustoßen könnte. Deshalb flieht Marcus auf das weiter von der Heimat entfernte College. Doch dort kommt er mit dem christlich-konservativen Klima nicht zurecht und empört sich z.B. darüber, dass er gezwungen wird, einmal in der Woche den christlichen Gottesdienst zu besuchen.

Durch eine Verkettung verschiedener Umstände wird er schließlich vom College geworfen und muss als Soldat in den Koreakrieg. Dort kommt er um und erzählt nun aus einem Zwischenbereich zwischen Tod und Leben im Rückblick die letzten Jahre seines kurzen Lebens.

Die Hauptperson bleibt für mich ein blutleeres Konstrukt. Ich finde diesen Marcus nicht recht greifbar. Auf der einen Seite folgsam, strebsam, ehrgeizig, unschuldig und auf der anderen Seite begehrt er gegen die Welt und Menschen um ihn herum auf. Auch die erste große Liebe, die er auf dem College kennen lernt, Olivia, bleibt für mich als Leser verschwommen. Eine interessante Figur, die mit manchen Problemen zu kämpfen hat, deren Charakter aber gar nicht näher entfaltet wird.

Hab im Netz einige sehr positive Rezensionen gelesen. Es gibt also durchaus Leser, die einen Zugang zu diesem Buch finden… aber mein Fall war es nicht.

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Eine raffinierte Mischung hat Murakami da in seinem Roman zusammengestellt. Ein 15-jähriger Junge auf der Suche nach seiner Identität und Frieden mit seiner Vergangenheit; ein „heiliger Narr“, der durch seine Einfalt und Intuition fasziniert; eine Vermischung von realistischer Geschichte mit Elementen aus Fantasy und japanischer Mystik; und das Ganze spannend erzählt und gewürzt mit einigen detailreichen Sexszenen…

Es geht um den Jungen Kafka Tamura, der von zu Hause ausbricht. Seine Mutter und ältere Schwester haben die Familie verlassen, als er vier Jahre alt war. Von seinem Vater fühlt er sich ungeliebt. Außerdem belegt der Vater Kafka mit einem ödipalen Fluch: er wird ihn – seinen Vater – töten und mit seiner Mutter schlafen. Kafka versucht, vor diesem Fluch zu fliehen, er lässt ihn aber innerlich nicht los und scheint sich auch auf mystische Weise zu erfüllen.

Daneben gibt es parallel einen zweiten Handlungsstrang, in welchem es um den geistig behinderten Nakata geht, der seit einem seltsamen Zwischenfall in seiner Kindheit nach normalen Maßstäben als „dumm“ angesehen wird, der aber auch manche mystischen Fähigkeiten besitzt (wie z.B. dass er mit Katzen reden kann und dass er Makrelen vom Himmel regnen lassen kann).

Das interessante an dem Buch sind die fließenden Übergänge zwischen Realität und Fantasie, zwischen äußerlicher Geschichte und innerem Erleben. Das Buch spielt nicht allein auf einer realitätsunabhängige Fantasyebene, sondern es ist zugleich auch eine Geschichte in der realen Welt und zugleich drehte es sich auch um reale, innere psychische Vorgänge. Es bleibt offen, was sich nun genau auf welcher Ebene abspielt.

Das Buch ist gut geschrieben, es entwickelt sich eine erzählerischer Sog, der zumindest mich als Leser in die Geschichte hinein gezogen hat. Die Figuren, die Murakami erschaffen hat, sind zwar völlig überzeichnet, aber trotzdem irgendwie natürlich und sympathisch. Besonders gefallen hat mir der „heilige Narr“ Nakata. Gerade in seiner Einfalt wird eine große Lebensweisheit deutlich.

Zitate

  • „Ich bin frei. Ich schließe die Augen und denke eine Weile über diesen Umstand nach. Aber noch bin ich nicht imstande, wirklich zu begreifen, was es bedeutet, frei zu sein. Im Augenblick begreife ich nur, dass ich völlig allein bin. Allein in einem unbekannten Land, wie ein einsamer Entdecker ohne Kompass und Karten. Ist das Freisein? Nicht einmal das weiß ich. Ich gebe es auf, darüber nachzugrübeln.“ (S. 64)
  • „Irgendwie habe ich echt das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Die Frage, was ich überhaupt bin, spielt für mich gar keine Rolle, wenn ich mit Nakata zusammen bin. Der Vergleich ist vielleicht etwas übertrieben, aber irgendwie komme ich mir vor wie ein Jünger von Buddha oder Jesus. So muss es gewesen sein, Buddha zu folgen. Dabei geht es nicht um komplizierte Dinge wie eine Lehre oder die Wahrheit, sondern um dieses Gefühl.“ (S.440)

Per Petterson: Pferde stehlen

So kitschig, wie der deutsche Titel dieses Buches klingt ist es nicht. Ich habe es ganz gern gelesen. Trotzdem war ich überrascht, als ich nach dem Lesen einige Rezensionen zu diesem Buch angeschaut habe: durchgängig positiv, viele sogar begeistert. Das hätte ich nicht erwartet.

Die Geschichte die erzählt wird, spielt sich auf zwei Zeitebenen ab. Der Rahmen ist der Bericht über den 67-jährigen Trond, der sich am Ende seines Lebens in die Einsamkeit Ostnorwegens zurück zieht. Sein neuer Nachbar ist Lars, den er einst in seiner Jugend gekannt hatte. Durch die Begegnung mit ihm wird ein Sommer vor gut 50 Jahren wieder lebendig, in welchem sich dramatische Dinge ereignet haben.

Trond verbrachte damals seine Ferien mit seinem geliebten Vater in einem ähnlich einsamen Dorf. Nach und nach stellt sich heraus, dass sein Vater dort wenige Jahre zuvor, während des Krieges, im Untergrund gegen die Nazi-Besatzung kämpfte. Er beförderte Nachrichten und Flüchtlinge ins benachbarte Schweden. Dabei half ihm die Mutter von Tronds bestem Freund. Am Ende dieses Sommers verlässt der Vater ohne große Erklärungen seine Frau und seine beiden Kinder für die Mutter von diesem Freund. Erst im Lauf der Zeit wird Trond so langsam klar, was in diesem Sommer alles passiert ist.

Im krassen Gegensatz zu den dramatischen Geschehnissen, die erzählt werden, ist das Buch von einer geradezu einlullenden Langsamkeit. Der Autor bauscht die Ereignisse nicht auf, sondern erzählt sie ganz nüchtern und scheinbar unbeteiligt. Aber gerade dadurch gibt er ihnen Gewicht. Das ganze Buch durchzieht eine eigentümliche Melancholie, die aber nie in Verzweiflung abdriftet.

Es geht auf der doppelten Zeitebene zum einen um das Erwachsenwerden und zum anderen um das Älterwerden. Es geht um Glücksmomente und Enttäuschungen. Es geht um die Sehnsucht nach Liebe, nach einem Gegenüber, nach Familie und um den Rückzug in die Einsamkeit.

Begeistert hat mich das Buch nicht. Nein. Aber der Autor hat mich durch seine Erzählweise doch hinein gezogen in diese Geschichte. Am Ende ging es mir, wie Trond selbst: eigentlich müsste man enttäuscht und wütend über diesen Vater sein, der einfach so seine Familie verlässt. Und doch liebt Trond seinen Vater noch immer und lässt das Unbegreifliche einfach stehen. Soll man jetzt lachen oder weinen, oder doch keins von beiden? Ein Schlüsselsatz in dem Roman ist: „Wir entscheiden schließlich selbst, wann es weh tut.“ Das sagt der Vater seinem Sohn Trond als er Brenneseln mit der bloßen Hand ausreißt. Das lernt der Sohn im Lauf seines Lebens selbst anzuwenden: zuerst auf körperliche Schmerzen, aber dann wohl auch auf die seelischen Wunden…

Viele andere Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass der Erzählstil und die ganze Geschichte die Landschaft Norwegens widerspiegeln. Ich denke da ist etwas dran: Herb, nüchtern und doch schön.

Benedict Wells: Spinner

Der zweite Roman von Benedict Wells. Seinen ersten, Becks letzter Sommer, fand ich sehr gut. Es wirkt mit einer erstaunlichen Leichtigkeit geschrieben zu sein und hat viele ungewöhnliche Charaktere. Dieses zweite Buch scheint ein sehr persönliches Buch zu sein. Die Hauptfigur ist Jesper Liers, der sich als Schriftsteller versucht, aber – zumindest für die Zeit der Romanhandlung – daran scheitert. Wie Benedict Wells wächst er in Münschen auf und zieht nach Berlin. Wie sein Erschaffer versucht er nicht zu studieren, sondern Schriftsteller zu werden.

Ich denke, der Autor verarbeitet in diesem Roman viele seiner Ängste und Schwierigkeiten als angehender Schriftsteller. Das zeigt sich auch in der langen Entstehungszeit dieses Romans. Wells hat ihn 2003 mit 19 Jahren angefangen, erschienen ist er 2009. Also genau in den Jahren, in denen bei Wells selbst die Entscheidung für seinen Weg als Schriftsteller gefallen ist.

Jesper Liers ist ziemlich am Ende. Er zog nach der Schule nach Berlin und spielt sich selbst und anderen die Rolle des verkannten Genies vor, der an einem wirklich großen Roman arbeitet. Studieren tut er nur zum Schein, die ganze etablierte Welt um sich herum verachtet er und seine ganzen Hoffnungen hängen an seinem großen Romanwerk, das er nachts, am Ende nur noch mit Hilfe von Alkohol und Schlaftabletten zu Ende bringt. Das einzig große an dem Roman ist allerdings der Umfang: über 1500 Seiten…

Freunde hat er so gut wie keine, nur der schwule Gustav und Frank einen ehemaligen Klassenkameraden, der ziemlich verunsichert ist und wenig Selbstvertrauen hat. Jesper träumt von der großen Liebe, doch die Realität sieht erbärmlich anders aus. Im Lauf des Romans steuert er immer deutlicher auf die große Katastrophe zu. Wie es ausgeht erwähn ich hier nicht, … selbst lesen!

Wie im ersten Roman geht es um ziemlich ungewöhnliche und herunter gekommene Typen. Vom Stil her schlägt Wells einen ähnlich lockeren und flüssigen Ton an. Die Stimmung ist noch etwas düsterer.

Mir persönlich hat „Becks letzter Sommer“ besser gefallen. Aber auch diesen Roman hab ich gern gelesen. Erst im Nachhinein wurde mir deutlich, wie persönlich dieser Roman ist. Es ist ein Roman über das Erwachsen werden, über das Finden des richtigen Weges, über das Verlieren von Träumen und die Angst vor den Festlegungen der Realität. Aber letztendlich auch um den Mut, sich der Realität zu stellen und Entscheidungen für sein Leben zu treffen. Man kann nicht immer nur in seiner Traumwelt leben und vor dem wirklichen Leben fliehen.

David Gilmour: Unser allerbestes Jahr

Ja, ein gutes Buch. Gut geschrieben, leicht zu lesen, interessantes Themen, viele Emotionen… Aber seltsamerweise hat es mich nicht berührt, zumindest nicht so sehr, wie es wohl manche andere Leser berührt hat. Das Buch war in den Bestsellerlisten ganz oben und es gibt offensichtlich viele Leute, die von diesem Buch begeistert sind. Ich hab es auch gern gelesen, aber von der Beschreibung her hatte ich gedacht, dass es mich mehr bewegen würde.

Es geht um eine wahre Geschichte, die Beziehung zwischen einem Sohn an der Schwelle zum Erwachsensein und seinem Vater. Als der Sohn 16 ist und seine Schulleistungen immer schlechter werden, schlägt der Vater ihm einen „Deal“ vor: Er darf mit der Schule aufhören unter der Bedingung, dass er drei mal pro Woche mit seinem Vater einen Film anschaut. Der Sohn geht natürlich auf das Angebot ein und so schauen Vater und Sohn drei Jahre lang gemeinsam Filme an und sprechen übers Leben.

Gilmour ist Filmkritiker, Schriftsteller und Fernsehmoderator. Es geht bei den Filmen also nicht nur um leichte Unterhaltungskost, sondern um große Filmklassiker. Man erfährt so manche interessante Details und Hintergründe von großen Filmen. Der eigentliche Punkt bei dem Buch sind aber nicht die Filme, sondern dass der Vater viel Zeit mit dem Sohn verbringt. Er hört ihm zu. Er nimmt ihn ernst. Durch die Filme kommen sie ins Gespräch über das Leben und vor allem über die Themen Frauen und Drogen. Der Vater gibt manches von seiner Lebenserfahrung weiter. Er zeigt aber oft auch seine eigene Schwäche und Ratlosigkeit. Diese Zuwendung des Vaters hilft dem Sohn letztendlich durch die Krise.

Das ist alles ganz nett und gut geschrieben, aber es haut mich nicht vom Hocker. Vielleicht hätte ich das Buch mit anderen Augen gelesen, wenn unsere Söhne in ähnlichem Alter wären und ähnliche Probleme hätten. Außerdem erschien mir die Schilderung des Sohnes irgendwie etwas blass und unzugänglich – und das obwohl man immer wieder die große Liebe des Vaters für seinen Sohn heraus spürt. Seltsam und Schade! Der größte Ertrag war für mich, dass ich die letzten paar Filme, die ich seit dem Lesen angeschaut habe, mit anderen Augen gesehen habe. Nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Kunst. Wie überzeugend spielen die Schauspieler ihre Rolle? Was will der Drehbuchautor durch verschiedene Szenen sagen? Wie sind die Kameraperspektiven?

Verwirrend und unpassend finde ich nach wie vor den deutschen Titel: „Unser allerbestes Jahr“. Denn im Buch selbst wird deutlich, dass Vater und Sohn drei Jahre lang miteinander Filme schauten. Das englische Original trägt den passenderen Titel „The Film Club“. Was hat sich der Übersetzer nur dabei gedacht?

Mein persönlicher Eindruck insgesamt: Nettes Buch, das trotz tiefgründiger Themen seltsam oberflächlich bleibt.