Römer 2, 1-16: Wie geschieht echte Umkehr?

Nach dem ersten Kapitel könnte man denken: Recht so, dass Paulus den Sünder sagt, was Sache ist! Aber genau gegen solch eine Haltung mit ausgestrecktem Zeigefinger auf andere, wendet sich Paulus jetzt scharf. Wenn wir über andere richten, verdammen wir uns selbst! (V.1) Das ist bis heute ein brandaktuelles Thema. Wie schnell sind wir dabei, die Fehler anderer aufzudecken, um von unseren eigenen Schwächen abzulenken.

Am eindrucksvollsten in diesem Abschnitt ist für mich die Aussage: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (V.4b) Nicht Gerichtsandrohung oder Gottes Zorn über die Sünde soll uns zur Umkehr bewegen, sondern Gottes Güte und Gnade! Allein dieser Satz kann so manches in unserem Gottesbild, aber auch in unserem Menschenbild durcheinander wirbeln.

Für Gott bedeutet dieser Satz: Er will unserer Gottlosigkeit und Sünde nicht mit Zorn und Verurteilung begegnen, sondern mit Güte. Das was ihn im Innersten antreibt, ist nicht ein heiliger Zorn, sondern eine brennende Liebe. Für Gottes Sicht von uns Menschen bedeutet das: Echte Umkehr und Veränderung schafft nicht die Angst vor Strafe, sondern das Erkennen von Gottes Güte. Ein Mensch, der die Tiefe von Gottes Liebe erahnt, verändert sich radikaler als ein Mensch, der sich vor Gottes Zorn fürchtet.

Im konkreten Leben von Christen und Gemeinden scheint das leider oft anders zu sein. Da geschieht an vielen Stellen mehr Veränderung durch Zwang, Angst und Druck, als durch echte innere Einsicht und Umkehr. Es ist klar, dass im konkreten Glaubensalltag so manches nur mit innerem oder äußerem Druck läuft. Aber das bleibt für mich dennoch das Ideal: Dass Menschen Gottes Güte erkennen und aus Dankbarkeit heraus, weil sie gar nicht anders können, Veränderung und Erneuerung geschieht.

Dabei darf die Rede von Gottes Liebe, Güte und Gnade nicht zu einer „billigen Gnade“ führen. Das wird bei Paulus in diesem Abschnitt ganz deutlich. Es kann nicht das Ziel sein, von vornherein mit Gottes Güte zu rechnen und sich nur bequem darin auszuruhen. Nach dem Motto: Ich kann ja tun und lassen, was ich will – Gott vergibt mir ja sowieso. Nein, wenn man so denkt, hat man Gottes Güte nicht wirklich verstanden. Das Ziel von Gottes Güte ist nicht das Schönreden der Sünde, sondern die Umkehr und die Erneuerung.

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Kolosser 3, 12-17 Kleiderprobleme

Im vorigen Abschnitt ging es um die schlechten Eigenschaften und Handlungsweisen, die wir als Christen ablegen sollen. Jetzt geht es um das, was wir stattdessen anziehen sollen. Tja, wenn es nur so einfach wäre! Ein paar neue und saubere Kleider anzuziehen ist kein Problem – sich selbst aber ändern ist gar nicht so leicht. Kleider gehören ja nicht zu unserem Wesen, sind nicht mit uns verwachsen. Die können schnell gewechselt werden. Aber wie sieht es mit unseren Handlungen und unserem Wesen aus? Einzelne schlechte Handlungen zu vermeiden, kann schon herausfordernd sein, ist aber noch relativ einfach. Schlechte Angewohnheiten zu verändern wird schon schwieriger. Schlechte Eigenschaften und Wesenszüge zu verändern ist aber eine Herkulesaufgabe, an der wir ein Leben lang zu knabbern haben.

Auch hier ist es wieder ein untrennbares Ineinander von göttlichem Wirken und eine Aufforderung an uns Menschen. Es ist auch ein Ineinander von dem, was schon längst durch Christus geschehen ist und dem, was noch geschehen soll. In Kol.3,10 wird gesagt, dass der neue Mensch erneuert wird – das ist passiv formuliert: nicht wir tun das, sondern Gott tut es. Im heutigen Abschnitt sind aber ganz gezielt wir selbst angesprochen: zieht ihr den neuen Menschen an. In Kol. 3,9f wird gesagt, dass wir als Christen den alten Menschen schon ausgezogen haben und den neuen schon angezogen haben. Im heutigen Abschnitt werden wir aufgefordert, die Eigenschaften des neuen Menschen auch zu leben. Irgendwie ist beides richtig.

Ich muss ehrlich sagen: dieses ewige Kämpfen macht mich müde. Ich kann als Christ nie sagen: „So jetzt hab ich’s geschafft. Jetzt hab ich alles alte abgelegt und bin völlig erneuert.“ Ein Leben lang hab ich mit diesen Kleiderproblemen zu kämpfen: Altes ausziehen, Neues anziehen. Und dann immer wieder feststellen, dass das Alte gar nicht wirklich verschwunden ist, sondern immer wieder neu auftaucht. Auch das Ineinander von göttlichem und menschlichem Tun ist ermüdend. Da gibt es die einen, die mehr das göttlich Tun betonen und sagen: „Ja, du musst nur mehr beten und größeren Glauben haben, dann geschieht alles von selbst.“ Und die anderen sagen: „Du musst dich halt mehr anstrengen und radikaler das Gute tun, nur dann geschieht wirklich Veränderung.“ Aber beide Wege werden letztendlich Stückwerk bleiben. Das vollkommene neue Leben in Christus ist noch verborgen (Kol.3,3).

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Lukas 6, 43-46 Ein guter Mensch

In meiner Bibel streiche ich mir wichtige Bibelverse mit unterschiedlichen Farben an. Bei V.45a bin ich mir nicht sicher, wie ich das anstreichen soll: „Ein guter Mensch bringt gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens.“ Ist das eher ein Gebot und eine Aufforderung, oder ist das eher eine Verheißung? Soll ich mich anstrengen ein guter Mensch zu sein, oder kommt es gar nicht auf mein Bemühen an, sondern nur darauf, ob ich ein guter oder böser Mensch bin? Ist das Gut-Sein ein Geschenk, welches dann auch automatisch Früchte trägt, oder muss ich daran arbeiten?

Ich denke irgendwie ist beides richtig. Es ist auf jeden Fall eine Verheißung. Wo Gott die Herzen nicht verändert, da kann nichts Gutes entstehen. Das macht die Bibel ja immer wieder deutlich: wir Menschen können uns nicht selbst von unserer Bosheit und Sünde befreien. Nur Gott kann Erlösung und Erneuerung schenken. Aber es ist auch eine Aufforderung: Lebe auch dementsprechend. Im Losungstext gestern hieß es: „Lernt Gutes tun!“ (Jes.1,17) Gutes tun muss demnach aus eingeübt werden. Lernen geschieht über Wiederholung. Je öfter ich etwas wiederhole, desto besser kann ich es.

Also beides: Verheißung und Aufforderung. Die Verheißung entlastet mich vor Überforderung. Es hängt nicht alles von meiner Kraft und meinem Willen ab. Gott wirkt in mir. Die Aufforderung bewahrt mich vor falscher Bequemlichkeit und Trägheit. Gott traut mir zu, dass ich das Gute, das er mir schenkt auch ausnütze und umsetze.

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Lukas 6, 12-16 Das erneuerte Gottesvolk

Ganz schön provozierend: Jesus wählt sich 12 Jünger für die engere Nachfolge aus. Da denkt natürlich damals jeder gleich an das von Gott auserwählte Volk, das aus 12 Brüdervölkern bestand. Da ist es durchaus verständlich, dass die Frommen damals mit diesem Jesus so ihre Schwierigkeiten hatten. Er nimmt für sich in Anspruch, das von Gott erwählte Volk zu erneuern. Was für eine Anmaßung!

Auf der anderen Seite: Was für eine Auszeichnung für die 12 Jünger! Jesus hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: Er hat die ganze Nacht im Gebet verbracht! Er wollte sicher sein, dass er die Richtigen auswählt. Und als Nachfolger Jesu darf auch ich zu diesem neuen Gottesvolk mit dazu gehören. Wow!

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Bonhoeffer: Nachfolge (1) Vorwort

„Es stellt sich in Zeiten der kirchlichen Erneuerung von selbst ein, daß uns die Heilige Schrift reicher wird. Hinter den notwendigen Tages- und Kampfparolen der kirchlichen Auseinandersetzung regt sich ein stärkeres Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus selbst.“ (S.21; die Seitenangaben beziehen sich auf meine Ausgabe: 2. Aufl. der Taschenbuchausgabe, 2005; Werke, Bd. 4) Das sind die ersten zwei Sätze des Buches. Darum geht es allein: Jesus selbst. Und wer nach Jesus selbst sucht, bei dem stellt sich von allein ein, dass ihm die Heilige Schrift reicher wird, kostbarer, zentraler, wichtiger, lebendig, lebenspendend,…

Kirchliche Auseinandersetzungen gab es immer und wird es immer geben, sei es zwischen unterschiedlichen Kirchen, sei es innerhalb unserer Kirchen, sei es auf Gemeindeebene. Aber das Eine bleibt: Jesus selbst. Auch heute wird diskutiert und gestritten über richtige Kirchenpolitik, über Frömmigkeitsstile, über Theologie, über Formen der Gemeindearbeit, über kirchliche Institutionen, über Gemeindeaufbauprogramme, über Kirche in der Postmoderne, über Evangelisationsstile, über Taufe und Abendmahl… Wer aber wirklich Erneuerung will, der muss „Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus Christus.“

Das zeichnet Bonhoeffer und dieses Buch aus: Die Konzentration auf das Zentrum. Er will keine kirchliche Tagespolitik betreiben, sondern er will dem Zentralen und Ewigen näher kommen (und Bonhoeffer hat gerade dadurch kirchenpolitisch mehr bewirkt als hunderte von gewitzten Kirchenpolitiker!).

In seinem Vorwort beschreibt Bonhoeffer sein Vorhaben: Er sucht danach, was Nachfolge heute für den ganz normalen Menschen im Alltag bedeutet. Wie lebt man Nachfolge? Keine Theorie der Nachfolge, sondern die praktische Frage, wie der Arbeiter, der Geschäftsmann, der Landwirt, der Soldat die Nachfolge leben kann (S.23)

Bei dieser Suche will er nicht eigene Meinung predigen, sondern „Jesus Christus selbst“ (S.22) „Wenn die Heilige Schrift von der Nachfolge Jesu spricht, so verkündigt sie damit die Befreiung des Menschen von allen Menschensatzungen, von allem, was drückt, was belastet, was Sorge und Gewissensqual macht. In der Nachfolge kommen die Menschen aus dem harten Joch ihrer eigenen Gesetze unter das sanfte Joch Jesu Christi.“ (S.23) Nachfolge orientiert sich alleine an Christus, nicht an menschlichen Geboten und Satzungen.

Das Gebot Jesu erscheint uns manchmal „hart, unmenschlich hart“ (S.23) – und Bonhoeffer wird diese Härte in seinen Auslegungen herausarbeiten und nicht schmälern – aber wer sich ganz auf Jesus einlässt, für den ist es Freude: „Wir aber wissen, daß es ganz gewiß ein über alles Maßen barmherziger Weg sein wird. Nachfolge ist Freude.“ Da geht es nicht um ein Wohlfühlchristentum oder christliche Lebensweisheiten a la Anselm Grün, da geht es um unbequeme Forderungen und Wahrheiten. Aber eben auch um die Erfahrung, dass der unbequeme und fordernde Weg der Nachfolge Christi in die Freude führt – keine oberflächliche, weltliche Freude, sondern tiefe, himmlische Freude.

Jeremia 10, 17-25 Züchtige mich!

„Züchtige mich, HERR, doch mit Maßen und nicht in deinem Grimm, auf daß du mich nicht ganz zunichte machst.“ (V.24) Was für eine Bitte! „Züchtigen“ – das klingt für uns heute völlig uncool und absolut daneben. Wer will schon gezüchtigt werden?! Da fallen uns doch sofort Prügelstrafe und andere brutale Erziehungsmethoden aus früheren Zeiten ein. Dahin will doch niemand zurück!

Warum bittet Jeremia so etwas?! Verständlich wären andere Bitten: „Vergib mir! Hilf mir! Errette mich! Lass mich nicht zu Grunde gehen!“ Und wenn es sein muss: „Verändere mich! Gib mir ein neues Herz!“ Aber die Bitte: „Züchtige mich“ ?!?!? Ich glaube Jeremia hat kapiert, dass mit unserem so sturen und selbstverliebten menschlichen Herzen Veränderung manchmal nur unter Schmerzen funktioniert. Es kann sein, dass ich erst mal gründlich auf die Nase fallen muss um zu erkennen, dass ich drauf und dran war in den Abgrund hinein zu rennen.

Wir können darum beten, dass Gott uns vor Fehlern bewahrt und dass er uns vor schlimmen Folgen von Fehlern schützt. Wir können aber auch darum beten, dass wir aus unseren Fehlern lernen – das ist wahrscheinlich schmerzhafter, aber ich glaube es langfristig gesehen gesünder. „Züchtige mich! Erziehe mich! Ziehe mich näher zu dir! Nicht nur dadurch, dass Du mir Schwieriges und Schmerzhaftes abnimmst, sondern auch dadurch dass ich durch Schwieriges und Schmerzhaftes hindurch lerne, neu auf Dich zu vertrauen. Nimm mir meine Fehler nicht einfach weg, sondern zeige sie mir, damit ich daraus lernen kann.“
Bibeltext

Psalm 74 – Zerbruch und Neuanfang

Diese Psalm ist ein sogenanntes Klagelied des Volkes. Das Volk klagt vor Gott, dass der Tempel von feindlichen Völkern zerstört wurde. In verschiedenen Variationen wird gefragt, warum Gott das zulassen konnte und warum er nicht endlich eingreift. Neben die Klage tritt die Bitte, dass Gott endlich die Feinde vertreiben soll. Das ganze könnte historisch in die Situation von 587 v. Chr. passen, als Jerusalem von den Babyloniern erobert wurde.

Mich hat dieser Psalm dazu inspiriert zu überlegen, ob es nicht auch bei mir manchmal Heiligtümer gibt, die zerbrechen und zerstört werden – und ich so ganz neu gezwungen werde, Gott auf einer anderen Ebene zu suchen. Der Tempel galt als Ort der Gegenwart Gottes, vielleicht war es damals dran, auf ganz neue Weise zu erfahren und lernen, wie Gottes Gegenwart aussieht? Vom Effekt her war es auf jeden Fall so, dass die Israeliten ihren Glauben neu durchdenken mussten und neue Erfahrungshorizonte im Glauben öffnen mussten. Alte Traditionen und Rituale waren ohne Tempel (und für diejenigen im Exil auch noch weit weg von Jerusalem) nicht mehr so ohne weiteres möglich. Es mussten sich neue Formen des Glaubenslebens herausbilden.

Ich denke schon, dass das auch bei uns immer wieder passiert und auch passieren muss! Immer wieder muss so manchen äußere Form unseres Glaubens zerbrechen, damit wir wieder ganz neu und ursprünglich auf Gott selbst zurück geworfen werden. Immer wieder müssen wir neue Formen finden, um auf neue und lebendige Weise Gott zu begegnen. Das heißt nicht, dass die ältere Form schlecht war, sondern nur, dass wir uns vielleicht schon zu sehr an sie gewöhnt haben und sie uns nicht mehr innerlich berührt hat. Und es kann dann auch sein, dass wir irgendwann ganz alte, längst vergangene Formen der Frömmigkeit wieder neu entdecken und sie uns wieder leichter zugänglich sind. So wie z.B. in der emerging church viele alte Traditionen und Frömmigkeitsübungen wieder neu entdeckt werden.

Der Untergang des Tempels war sicherlich ein tragischer Zerbruch, aber er war zugleich auch eine Chance zum Neuanfang – wenn in unserem Glauben etwas zerbricht, dann ist das ganz bestimmt immer schmerzvoll, aber es kann auch eine Chance zum Neuanfang sein.
Bibeltext

Frost und Hirsch: Der wilde Messias

Viele gute und richtige Gedanken hab ich in diesem Buch gefunden. Aber ich hab mich oft über die Art und Weise und den Stil geärgert, in welchem diese Gedanken von Frost und Hirsch präsentiert werden. Natürlich wollen sie aufrütteln und provozieren – aber auf mich wirkt das all zu oft einfach nur arrogant und überheblich. Ihr Anliegen ist, dass wir „den wirklichen Jesus wieder in unsere Kirchen zurückholen.“ (S. 237) Sie sagen, dass im Lauf der Kirchengeschichte viele falsche Jesus-Bilder entstanden sind und wir uns wieder ganz neu am Original-Jesus ausrichten müssen. Sie sprechen vom „spirituellen Bankrott der Kirche in der westlichen Welt“ (S. 52).

Das heißt doch: „Ihr liegt alle falsch mit euren Jesus-Bildern. Ihr habt euch alle einen Jesus nach euren Wunschbildern zusammen gezimmert. Jetzt hört mal her und lest: Wir bringen euch den richtigen, echten Jesus wieder zurück.“ So etwas ärgert mich! Wahrscheinlich soll es auch ärgern. Das ist ja okay, wenn uns ein Buch aufrüttelt. Was ich nicht okay finde, ist mit welchem Anspruch Frost und Hirsch hier auftreten. Sie vertreten viele gute Wahrheiten (ihr Hauptanliegen: Als Christ sollen wir uns an Christus orientieren – Super! Genau richtig). Aber es schwingt immer der Vorwurf mit, dass alle anderen Christen (außer ihnen selbst natürlich) das nicht kapiert haben und nicht danach leben.

Manches mal kommen sie mir sehr naiv vor: So als ob sie jetzt plötzlich die glorreiche Idee haben, unser Jesusbild von allen falschen Traditionen zu befreien und uns endlich wieder den biblischen Jesus zurück zu bringen (naja, es geht ja nicht einmal um den biblischen Jesus, sondern um den „wirklichen“ Jesus). Dabei wissen sie doch selbst sehr gut, dass auch sie selbst nur ein weiteres Jesusbild in diese Tradition einreihen können. Niemand von uns hat den „wirklichen“ Jesus in der Hand, niemand kann Jesus so erfassen, wie er „wirklich“ ist. Wir sind Menschen, die auf ihre Sinne und ihren Verstand begrenzt sind und wir können uns nur durch Bilder an Gott und Jesus annähern.

Abgesehen von diesem überheblichen Stil (der vielleicht gar nicht so gemeint ist), fand ich das Buch sehr anregend zu lesen und es provoziert den Leser zurecht, auch über sein eigenes Jesusbild nachzudenken. Es stimmt: Jesus ist nicht nur der harmlose Jesus mit Heiligenschein und verklärtem Blick, er ist auch der wilde, ungezähmte, radikal barmherzige und immer überraschende Messias. Es stimmt: wir haben Jesus viel zu sehr abgeschliffen, die Ecken und Kanten geklättet und ihn schön eingepasst in unsere westliche Mittelstandsreligion.

Und es stimmt auch, dass es nicht auf irgendwelche christliche Institutionen, Ämter und Organisationen ankommt, sondern allein auf Jesus selbst und die lebendige Gemeinschaft der Menschen, die ihm nachfolgen. Aber schon im Neuen Testament können wir doch entdecken, wie die Christen mit der Zeit ganz selbstverständlich angefangen haben, diese Gemeinschaft zu organisieren und bestimmte Ordnungen und Ämter eingeführt haben. Richtig ist der Hinweis, dass diese äußerlichen Dinge nicht wichtiger als die Sache selbst werden dürfen.

Ich sehe den Kernpunkt von Frost und Hirsch genau so: „Wir sind der festen Überzeugung, dass Christologie der Schlüssel für eine Erneuerung der Kirche ist… Die Kirche muss beständig zurück zu Jesus, um die so notwendige Erneuerung zu finden.“ (S.52f) Aber diese Erneuerung braucht auch den Respekt gegenüber anderen Christen, die auf ihre Weise versuchen, Jesus nahe zu sein. Und sie braucht die Demut, auch mit der Begrenztheit des eigenen Jesusbildes zu rechnen.

PS: Übersetzt wurde das Buch übrigens von jemand aus meiner Blogroll. Von Björn Wagner, der auf journeyfiles.de bloggt. 🙂

Jesaja 43, 18-25 – Schick es runter!

Blumen in der Wüste„Jesaja ist davon überzeugt: Die Schöpfung liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.“ (S.174) Klaus Douglass hat die Gabe, manche Zusammenhänge knackig und deutlich auf den Punkt zu bringen. Bei diesem Text aus Jesaja legt er unter anderem Wert darauf, dass Gott die Welt nicht wie ein Uhrwerk geschaffen hat, das er einmal aufzieht und das dann von alleine weiter läuft (oder irgendwann dann nicht mehr läuft…), sondern Gott bleibt der Schöpfer, er schafft immer wieder neues – theologisch gesprochen ist das der Gedanke der creatio continua (die kontinuierliche Schöpfung). Dieser Satz trifft das sehr gut: Die Schöpfung liegt nicht [nur] hinter uns [das natürlich auch, aber das Entscheidende für die Hörer des Jesaja ist:], sondern vor uns.

Mir gefällt dazu besonders auch das Bild, das im Bibeltext selbst auftaucht: Gott sendet Wasser in die Wüste (V.20) und lässt dadurch neues Leben entstehen. Ich erinnere mich dabei an einen Dokumentarfilm über die Wüste. Alles war heiß, ausgetrocknet und trostlos. Doch dann kam die Regenzeit und die Wüste fing an zu blühen und erstrahlte im saftigen Grün. Die Wüste war nicht wieder zu erkennen. „Siehe, ich will ein neues schaffen!“ (V.19) Ja, schick es runter, das Wasser! Lass es fließen! Lass unsere Wüsten grün und saftig werden!

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Foto: Nussjeck | pixelio.de

2. Korinther 7, 5-16 – Gute Traurigkeit

Wir wollen nicht traurig sein, nein! Wir wollen Spaß, Glück, Zufriedenheit… Traurig sein ist schwach und uncool. Paulus schreibt dagegen hier von einer Traurigkeit, die uns erlösen kann. Natürlich nicht die Traurigkeit selbst. Gott kann Traurigkeit in unserem Leben benutzen, um uns zur Umkehr zu bewegen. Aber Paulus warnt auch: Ohne Umkehr führt die Traurigkeit in den Tod.

Paulus hatte die Korinther durch den sogenannten „Tränenbrief“ betrübt. Der Brief ist nicht mehr erhalten und wir wissen nicht genau, was er geschrieben hat. Aber seine Worte müssen die Korinther geschmerzt und wachgerüttelt haben. Sie sind nun wieder bereit zur Versöhnung mit Paulus. Die Traurigkeit hat sie zur Umkehr gebracht – und Paulus freut sich darüber.

Vielleicht wollen wir heute die Traurigkeit und den Schmerz viel zu schnell wegwischen. Wir wollen es gar nicht zulassen, dass andere oder wir selbst traurig werden. Wir haben Angst vor den tödlichen Folgen der Traurigkeit, die ja auch Paulus anspricht. Aber dabei nehmen wir uns auch eine große Chance: Gott kann die Traurigkeit benutzen, um uns wachzurütteln und um uns zur Umkehr zu bringen. Wenn etwas Neues entstehen soll, dann muss ich zunächst einmal dem Alten ins Auge blicken – auch wenn mich das schmerzt und mich traurig macht.