1. Thessalonicher 5, 12-28 Überfordernde Aufforderungen?

Eine ganze Liste von Aufforderungen begegnen uns am Schluss dieses Briefes. Meint Paulus wirklich, dass eine kurze Aufforderung reicht, um Menschen wirklich zu verändern? Kann das wirklich funktionieren, dass er z.B. die Leser auffordert: „Seid allezeit fröhlich.“ (V.16) und wir sagen: „Ach so, Gott will dass ich fröhlich bin. Kein Problem. Dann bin ich von jetzt an allezeit fröhlich…“

Natürlich weiß Paulus ganz genau, dass es nicht so einfach ist. Es handelt sich hier nicht um einfache Aufforderungen, die man schnell mal umsetzen und abhaken kann. Nein, es sind eher Erinnerungen an wichtige Verhaltensweisen, bei denen wir ein ganzes Leben lang beschäftigt sind, sie einzuüben. Paulus weiß auch ganz genau, dass wir das alles nicht aus eigener Kraft tun können. Wir brauchen mehr als alles andere den „Gott des Friedens“, der uns durch und durch heiligt und bewahrt (V.23). Aus eigener Kraft kommen wir da nicht weit. Nicht einmal Paulus selbst. Auch er hat es nötig, dass andere für ihn beten (V.25).

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Apostelgeschichte 13, 26-41 Gerecht durch Glauben

Nach der Darstellung des Lukas predigt Paulus schon auf seiner ersten Missionsreise das, was er später im Römerbrief ausführlich entfaltet darstellt: durch Jesus Christus haben wir Vergebung der Sünden; wir werden nicht durch das Gesetz gerecht gemachte, sondern durch den Glauben an Jesus (V.38f). Sicher hat sich Paulus im Lauf der Zeit verändert und auch seine Theologie hat sich weiterentwickelt. Aber der Grundgedanke ist von Anfang an da: gerecht durch Glauben.

Auch mir tut diese Erinnerung immer wieder gut. Ja, ich habe es schon tausend mal gehört. Ja, ich weiß es. Ja, es ist mir klar, dass mein Leben nicht durch eigene Werke gelingt, sondern durch die Gnade Gottes. Und doch muss ich das immer wieder neu durchbuchstabieren. Was bedeutet das für meinen Glauben? Was bedeutet das für meinen Alltag? Wie kann ich diese befreiende Botschaft leben?

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Josua 4 Wichtiges und Unwichtiges

Im Studium war ich nie ein großer Fan der Literarkritik und der Untersuchung der Traditionsgeschichte von biblischen Texten. In diesen Schritten der Auslegung wird versucht, ein Text auf unterschiedliche schriftliche und mündliche Quellen zu untersuchen. Das war mir oft zu spekulativ und hat am Ende für die Aussage des Textes wenig ausgetragen. Es gibt aber auch Stellen, an denen ganz offensichtlich verschiedene Überlieferungen zusammen getragen wurden. Da kann es durchaus hilfreich sein, Spannungen im Text mit unterschiedlichen Quellen zu erklären, die vom Autor zusammengestellt wurden.

Im heutigen Text ist das auch deutlich: In V.9 wird berichtet, dass Josua zwölf Steine zur Erinnerung mitten im Jordan aufgestellt hatte und in V.20 heißt es, dass Josua die zwölf Steine aus dem Jordan in Gilgal als Erinnerungszeichen aufgestellt hatte. Auch in V.8 wird berichtet, dass die Israeliten zwölf Steine aus dem Jordan heraus holten und sie ins Lager am Ufer brachten. Ja was denn nun? Wurden die zwölf Steine im Jordan oder am Ufer aufgestellt? Darüber gab es wohl schon damals unterschiedliche Überlieferungen und der Schreiber hat sicherheitshalber beide in den Text aufgenommen.

Nun kann man sich fragen, was die historische Wahrheit ist. Wo waren die Steine tatsächlich? Da kann man nur sagen: wir wissen es nicht. Das ist aber nicht die Schuld einer kritischen Bibelauslegung, sondern der Text selbst legt sich hier ja nicht fest. Auch der Text selbst lässt es offen, bzw. lässt beide Aussagen nebeneinander stehen. Offensichtlich ist es nicht wichtig, wo die Steine waren. Das Entscheidende ist, dass Gott seinem Volk geholfen hat und dass die nachfolgenden Generationen sich an dieses Eingreifen Gottes erinnern sollen. Und so erinnern wir uns noch heute beim Lesen des Textes an dieses Erleben von Gottes Hilfe. Das ist auch die Absicht des Textes: er ist geschrieben, „damit alle Völker auf Erden die Hand des Herrn erkennen, wie mächtig sie ist, und den Herrn, euren Gott, fürchten allezeit.“ (V.24)

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Jakobs Hüfte und mein Fuß

Heute morgen hatte ich ein kurzes Gespräch, das mich berührt hat. Jemand hat sich nach meiner Gesundheit erkundigt und ich hab ihm erzählt, dass auf den letzten Aufnahmen von meinem Kopf keine neuen Hinweise auf eine Rückkehr des Gehirntumors zu sehen waren. Ich habe dann auch erzählt, dass mein Fuß sich trotzdem noch taub anfühlt und dass das vielleicht gar nicht mehr ganz weg gehen wird.

Darauf meinte mein Gegenüber: „Das ist so wie bei Jakob. Der hatte nach seinem Kampf mit Gott auch für den Rest seines Lebens gehinkt.“ Nun empfand ich meine Erkrankung nicht als Kampf mit Gott, sondern eher als ein getragen werden von Gott. Und ich hinke auch nicht, sondern bin nur ein klein wenig eingeschränkt. Aber den Gedanken fand ich toll, dass dieses taube Gefühl im Fuß mir von Gott als Erinnerung gegeben wurde. Als Erinnerung daran, was ich durchgemacht habe und wie Gott mir geholfen hat. Nicht als eine Einschränkung, die mich nervt, sondern als eine Auszeichnung, die mich ehrt. Auf die Idee das so zu sehen oder meinen Fuß mit der Hüfte Jakobs in Verbindung zu bringen, bin ich noch nie gekommen. Aber es ist ein schöner und tröstlicher Gedanke. 🙂

Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Der Roman hat mich überrascht. Ich hatte so meine Vorbehalte: von vielen Kritikern wurde das Buch hoch gelobt (macht mich irgendwie misstrauisch, wenn ein Roman so hochgejubelt wird), der zum Zeitpunkt des Erscheinens erst 24-jährige Autor sieht ziemlich jung und harmlos aus (ist ja nichts dagegen einzuwenden, aber vom Aussehen her hätte ich eher mit einer etwas langweiligen Geschichte gerechnet) und der Roman ist aus drei unterschiedlichen Perspektiven geschrieben (das nervt mich meistens, wenn Autoren meinen, sie müssten ihre Geschichte durch Erzähltricks moderner und spannender gestalten).

Aber das Buch ist tatsächlich gut, es ist für einen 24-jährigen erstaunlich reif und tiefgehend, und auch die unterschiedlichen Erzählebenen fand ich nicht störend, sondern bereichernd.

Die Geschichte handelt von einem jungen Amerikaner, der ganz zufällig Jonathan Safran Foer heißt und der in der Ukraine eine Frau namens Augustine sucht, welche seinem Großvater im zweiten Weltkrieg das Leben gerettet hat. Der Romanautor hatte tatsächlich eine Reise in die Ukraine gemacht, um das Herkunftsland seiner Vorfahren kennen zu lernen. Doch das Buch ist kein Tatsachenbericht dieser Reise, sondern eine Verarbeitung der Reise in Romanform.

In der Ukraine reist der Hauptdarsteller mit dem jungen Dolmetscher Alex (der nur sehr gebrochenes Englisch spricht) und dessen Großvater (der das Auto fährt, obwohl er von sich behauptet, dass er blind ist) herum. Man sieht schon, bei den beiden ukrainischen Hauptpersonen, dass der Roman reichlich skurril ist…

Dieser eine Handlungsstrang, die Suche der drei nach Augustine, wird von dem jungen Ukrainer Alex im Rückblick erzählt und ergänzt durch Briefe, welche Alex an den nach Amerika zurück gekehrten Jonathan schickt. Das ergibt eine interessante und manchmal witzige Doppelsicht auf die Ereignisse. In seiner Erzählung stellt sich Alex oft abgeklärter und wissender dar, als es in seinen Briefen dann deutlich wird.

Der zweite Handlungsstrang ist die Vorgeschichte der jüdischen Vorfahren von Jonathan in der Ukraine. Sie wird von Jonathan erzählt, enthält zahlreiche Übertreibungen und jüdisch-herben Humor. Auch diese Erzählung wird von Alex in seinen Briefen manchmal wohlwollend und manchmal kritisch kommentiert.

Es kommt selten vor, dass ich beim Lesen eines Buches laut lachen muss – bei diesem war es so. Manches ist mit einem wundervollen Humor beschrieben und die unterschiedlichen Erzählperspektiven bieten immer wieder Anlass zum schmunzeln. Auch die seltsam unbeholfene Wortwahl, in der Alex schreibt, ist oft zum Schreien komisch. Inhaltlich ist das Thema dagegen nicht gerade leichtgewichtig: es geht um das Schicksal der ukrainischen Juden im zweiten Weltkrieg, als die Deutschen näher rücken und das Land schließlich erobern.

Besonders angesprochen hat mich das erste Drittel, das ich an vielen Stellen sehr witzig fand, und das letzte Drittel, das ernster, spannender und trauriger ist. Das mittlere Drittel fand ich etwas schwächer – da ist mir manches zu übertrieben skurril. Der Autor kann auf jeden Fall gut schreiben. Nicht nur von der Erzähltechnik her, sondern auch vom Stil her. Er hat Humor und traut sich was.

Interessant ist auch immer wieder der geschilderte jüdische Umgang mit Glauben, Gott und der Erinnerung an die Geschichte des jüdischen Volkes. Ich glaube da vermittelt Foer sehr gut etwas vom jüdischen Selbstverständnis und Lebensgefühl. An manchen Stellen wird deutlich, dass man eigentlich nicht an einen Gott glauben kann, der so viel Leid zulässt – aber auf paradoxe Weise kommen die jüdischen Protagonisten gerade in ihrem Zweifel und Fragen nicht von ihrem tief sitzenden Glauben an Gott los.

Zitate

  • Ist Gott traurig?
    Dazu müsste es ihn erst einmal geben, meinst du nicht?
    Ich weiß,
    sagte sie und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Darum hab ich ja gefragt – weil ich endlich wissen wollte, ob du an ihn glaubst!
    Tja, dann will ich nur so viel dazu sagen: Wenn es Gott wirklich gibt, dann hat Er eine Menge, worüber Er traurig sein kann. Und wenn es ihn nicht gibt, dann müsste Ihn das auch traurig machen, würde ich sagen. Die Antwort auf deine Frage ist also: Gott muss traurig sein.
    “ (S. 115)
  • „Das ist die Lehre, die wir von allem gelernt haben: dass es Gott nicht gibt. Es brauchte alle seine verborgenen Gesichter, um uns das zu beweisen.“ (S.266)
  • „JUDEN HABEN SECHS SINNE
    Den Tastsinn, den Geschmackssinn, den Gesichtssinn, den Geruchssinn, den Gehörssinn … und das Gedächtnis.“ (S. 279)

Exodus 13, 1-16 Erinnerung mit allen Sinnen

Dieser Text ist schon sehr von der Erinnerung geprägt. Es wird erklärt warum die Israeliten das Fest der ungesäuerten Brote feiern und warum die Erstgeburt in besonderer Weise Gott gehört. Es wird sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man den Kindern die Ereignisse der Befreiung weiter erzählen soll (V.14). Viermal wird in diesem Abschnitt das Wichtigste betont: Der Herr hat Israel mit mächtiger Hand aus der Knechtschaft in Ägypten befreit (V. 3.9.14.16). Daran soll erinnert werden.

Erinnerung ist wichtig. Wie schnell vergisst man all das Gute, das Gott einem getan hat! Interessant ist, dass im jüdischen Glauben das Erinnern nicht nur im Denken geschieht, sondern mit konkreten Handlungen verbunden ist: Es wird das Fest der ungesäuerten Brote gefeiert, die Erstgeburt der Tiere wird geopfert und die menschliche Erstgeburt wird mit Opfer ausgelöst. Das sind ganz handfeste Erlebnisse, die Erinnerung geschieht nicht nur abstrakt, sondern mit allen Sinnen.

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