Römer 5, 6-11: Der gottlose Paulus

Ich finde es beeindruckend, wie Paulus seine Theologie der Rechtfertigung allein aus Gnaden auch auf seine eigene Person anwendet. Er spricht hier in diesem Abschnitt betont von „wir“ und „uns“, d.h. er schließt sich selbst mit ein. Auch für ihn gilt: Ohne Christus war er „schwach“, ja sogar „gottlos“ (V.6). Wenn wir den Lebenslauf des Paulus anschauen, dann könnte man ja mit einigem Recht sagen, dass er als strenggläubiger und gesetzestreuer Pharisäer alles andere als gottlos war. Er wollte eigentlich mit aller Konsequenz dem Gott der Bibel dienen.

Aber im Rückblick, von der Erfahrung aus, in Christus angenommen und gerechtfertigt zu sein, bezeichnet Paulus diesen Zustand als gottlos. Ganz schön gewagt! Und ganz schön demütig! Das ist das besondere an der Theologie des Paulus: er hat sie selbst in seinem Leben durchbuchstabiert. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern er hat sie erlebt und erfahren. Christus nimmt denjenigen, der ihn und die Gemeinde fanatisch verfolgt, aus reiner Gnade an.

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Sacharja 10 Verheißungen

Ich tue mich schwer mit diesen Verheißungen. Gott verheißt Regen zur rechten Zeit, wenn man ihn darum bittet (V.1). Das haben auch viele schon so erfahren. Aber gibt es nicht genauso die andere Erfahrung: dass Christen aufrichtig und ernst um Regen bitten und es geschieht nichts? Gott verheißt seinem Volk, dass er sie wieder zurück ins verheißene Land bringt und es wieder so sein soll, als sie verstoßen wurden (V.6). Ja Gott hat sein Volk wieder aus Babylonien zurück gebracht – aber es war nicht wieder wie vorher. Es ist bis heute nie wieder so geworden, wie unter David und Salomo.

Als Glaubender ist man dann schnell dabei zu fragen: Warum haben sich die Verheißungen nicht umfassend erfüllt? Es kann ja nicht an Gott liegen. Also muss es an uns liegen. Wenn wir Menschen uns richtig verhalten würden, dann würde Gott auch alle seine Verheißungen völlig erfüllen. Aber so wird aus einer Verheißung eine Drohung: Wenn es nicht so kommt, dann bist du schuld! Aus einer positiven Zusage, wird eine negative Belastung.

Wäre es nicht besser, wenn Gottes Verheißungen realistischer und bescheidener wären? Aber vielleicht liegt das gerade in der Natur einer Verheißung: sie muss groß und leuchtend genug sein, um uns wirklich zu ermutigen. Eine Vision, die zu normal und kleinkariert ist, kann wenig bewegen. Eine Vision muss immer das Normale übertreffen, sonst bewegt sie uns nicht.

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Apostelgeschichte 22, 1-21 Persönliche Erfahrung und biblische Grundlage

Paulus hebt in seiner Verteidungsrede besonders seinen jüdischen Eifer und seine persönliche Erfahrung hervor. Er kennt durch seine Ausbildung das alttestamentliche Gesetz sehr genau. Er sieht sich als Eiferer für Gott. Er spricht vor seinen jüdischen Zuhörern vom „Gott unserer Väter“ (V.14). Auffällig ist, dass in seiner ganzen Rede der Name Jesus nur einmal fällt (V.8). Diese Rede macht deutlich: Paulus sieht sich nach wie vor als Jude. Aber er sieht eben in Jesus von Nazareth „den Gerechten“ (V.14), also den Messias.

Paulus versucht hier nicht durch theologische Argumente zu überzeugen, sondern durch seine eigene Lebensgeschichte. Das ist das, was bis heute andere am meisten von Jesus Christus überzeugt: Was haben wir mit ihm erlebt? Wie hat er unser Leben verändert? Allerdings war für Paulus auch seine theologische Ausbildung wichtig, um diese Erfahrungen einordnen und richtig deuten zu können. Wenn die biblische Grundlage fehlt, dann bleiben nur noch religiöse Gefühle. Und die können ziemlich beliebig sein.

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Apostelgeschichte 18, 1-22 Eine nächtliche Ermutigung

Bei diesem Text hat mich vor allem die Stelle angesprochen, an der Gott dem Paulus nachts erscheint und ihm Mut zuspricht (V.9). Es wird nichts über die innere Gefühlslage des Paulus berichtet. Aber davor beschreibt Lukas die Ablehnung seiner jüdischen Landsleute, die er zu überzeugen sucht und danach wird er sogar wegen seiner Verkündigung vor den römischen Statthalter gebracht. Auch Paulus war nur ein Mensch und hatte diese Ermutigung offensichtlich nötig.

Ich weiß nicht, wie man sich diese nächtliche Erscheinung vorzustellen hat. Aber ich wünschte mir auch gerne solche Erfahrungen, bei denen Gott klar und deutlich spricht, ermutigt und seinen Beistand verheißt. Gibt es das nur für die großen Missionare, die unter dem Einsatz ihrer ganzen Existenz das Evangelium verkünden? Gibt es diesen direkten Trost nur in Extremsituationen? In so mancher Nacht könnte ich auch ein tröstendes Wort Gottes gebrauchen.

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Richter 3 Allzu menschlich

Wenn man das so im Rückblick und als komprimierte Zusammenfassung liest, dann erscheint das Verhalten der Israeliten geradezu grotesk. In der Zeit der Richter wenden sie sich immer wieder neu von Gott ab und beten andere Götter an. Und immer wieder machen sie dieselbe Erfahrung: wenn sie dann in Not geraten und zu Gott schreien, dann sendet er ihnen eine Retter, der ihnen aus der Not hilft und das Land hat für einige Jahre Ruhe. Bis dasselbe Spiel von vorne beginnt.

Irgendwie traurig, aber auch menschlich. Mir geht es ja selbst auch immer wieder ähnlich: Wie oft schon hab ich Gottes Wirken erlebt und tolle Glaubenserfahrungen gemacht. Und dann kommen Zeiten, in denen nichts besonderes geschieht oder, noch viel eher, in denen man sich an Gottes Segen gewöhnt und alles als selbstverständlich hinnimmt. Zeiten in denen andere Dinge so groß und wichtig erscheinen. Aber unweigerlich kommt irgendwann wieder die Not und wir schreien zu Gott um Hilfe. Was für ein Wunder, dass dieser Gott sich nicht schon längst die Ohren zugestopft hat, sondern dass er immer wieder hört und hilft! Gott sei Dank reagiert Gott göttlich und nicht menschlich!

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Richter 2 Die zweite Generation

Ja, das Problem der zweiten Generation. Die Generation nach Josua hat keine Wüstenerfahrung mehr, der Einzug ins verheißene Land liegt lange zurück, man hat sich an den status quo gewöhnt, die großen Glaubenserlebnisse der Väter kennt man nur noch aus der Erzählung. Nach der Generation um Josu kam „ein anderes Geschlecht auf, das den Herrn nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte. Da taten die Israeliten, was dem Herrn missfiel, und dienten den Baalen.“ (V.10f)

Das ist bis heute z.B. bei Gemeindegründungen zu beobachten. Die Gründergeneration startet mit großem Elan, Begeisterung und Hingabe. In der zweiten und dritten Generation diese Lebendigkeit zu erhalten, ist ungemein schwierig. Das Erreichte scheint so selbstverständlich und die Glaubenserfahrungen der Vorgänger können nicht so einfach zu eigenen Glaubenserfahrungen werden. Jede Generation muss neu zu Gott finden, muss ihren eigenen Weg mit Gott gehen. Tradition alleine reicht nicht, das kann schnell wegbrechen.

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Hesekiel 37, 15-28 Typisch Hesekiel

Wieder einmal eine Zeichenhandlung von Hesekiel: Er nimmt zwei Hölzer und hält sie jeweils am Ende in einer Hand fest, so dass sie aussehen wie ein Holz. Das steht dann als Symbol dafür, dass Gott sein Volk in seiner Hand wieder zusammen führen wird (vor allem die zwei ehemaligen Königreiche Juda und Israel). Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie Gott durch unterschiedliche Propheten auf ganz eigene Weise redet. Ich glaube kein anderer Prophet spricht so oft durch Zeichenhandlungen, wie Hesekiel.

Passt sich da Gott mit seinem Reden der Eigenart und dem Charakter des Boten an? Oder hört der Bote Gottes Wort schon durch seinen Charakter hindurch und drückt es dann dementsprechend aus? Keine Ahnung. Auf jeden Fall wird immer wieder deutlich, dass Gottes Wort nicht einfach abstrakt vom Himmel fällt, sondern dass Gott durch Menschen hindurch spricht.

Und das entsprechende geschieht ja dann auch beim Hören: es ist oft erstaunlich, wie unterschiedlich Bibeltexte verstanden und gedeutet werden. Selbst bei Christen mit denselben theologischen Standpunkten. Auch unser Hören ist durch unsere Person, unsere Eigenarten, unsere Erfahrungen hindurch geprägt.

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Bonhoeffer: Nachfolge (18) – Die Boten

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Sendung der Jünger. Es geht um den Abschluss von Matthäus 9 und das ganze 10. Kapitel. Relativ zügig geht Bonhoeffer an diesem Text entlang und schreibt zu den einzelnen Textabschnitten jeweils einige Gedanken.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Kapitel nicht so besonders angesprochen hat. Es ist im Wesentlichen eine Nacherzählung und kurze Entfaltung des Matthäustextes. Keine große Überraschungen. Anstatt zu erklären spitzt Bonhoeffer wie gewohnt die Herausforderungen des Textes eher noch zu.

Bisher war ich ja recht angetan von dieser Zuspitzung. Sie macht den Text unbequem und herausfordernd. Man liest nicht so leicht darüber hinweg. Allerdings merke ich auch, dass die ständige Provokation mit der Zeit nicht mehr so wirksam ist (und in diesem Kapitel auch nicht so spitzt herausgearbeitet ist) – man stumpft gegenüber diesen Zuspitzungen ab. Es ist ja gut, wenn uns der Bibeltext herausfordert. Aber für für mein Leben als Christ wäre es auch ganz hilfreich zu erfahren, wie ich mit all diese steilen Anforderungen umgehen soll? Wenn ich Bonhoeffer ernst nehme, dann lebe ich in einer ständigen Überforderung. Dann erlebe ich ständig nur Scheitern, weil mein Leben bei weitem nicht dem entspricht, wie Bonhoeffer die Nachfolge darstellt.

Hier macht sich der Hintergrund von Bonhoeffers Theologie bemerkbar: Er steht in der Tradition der dialektischen Theologie von Karl Barth. Barth betont die Andersartigkeit Gottes, sein Wort kommt unvermittelt, senkrecht von oben in unsere Welt hinein. Wir sollen dementsprechend Gottes Wort nicht menschlich erklären und verständlicher machen, sondern gerade in seiner Andersartigkeit stehen lassen. Barth hat damit einen berechtigten Gegenentwurf zur liberalen Theologie des 19. Jh. geliefert, in welcher nur noch der Mensch und seine Erfahrungen und Möglichkeiten im Zentrum stand.

Aber auch das andere Extrem (die dialektische Theologie) hat so ihre Probleme und die werden mir so langsam bei Bonhoeffers Nachfolge deutlich: die Kluft zwischen Gott und Mensch wird groß und größer. Das Evangelium wird ziemlich abstrakt und es wird nicht recht deutlich, wie wir diese Evangelium auch in unserem Alltag leben können. Die menschliche Wirklichkeit gerät aus dem Blickfeld.

Ein Beispiel: Bonhoeffer schreibt: „Die Botschaft und die Wirksamkeit der Boten ist von der Jesu Christi selbst in nichts unterschieden.“ (S. 199) Das mag als theologisches Postulat richtig sein – aber deckt sich nicht mit meiner Lebensrealität, nicht mit meiner Erfahrung. Mein Leben als Nachfolger ist bruchstückhaft und bei weitem nicht so perfekt, wie Christus es gelebt hat. Man kann natürlich sagen, dass das eine Verheißung ist, die unabhängig von meiner Einschätzung wahr ist – aber wenn Gottes Verheißungen gar nichts mehr mit meinem wirklichen Leben zu tun haben, dann wird das Evangelium lebensfremd und unwirklich, dann wird Nachfolge kalt und abstrakt.

Wie gesagt: das ist eine Gefahr und wir sehen ja bei Bonhoeffer selbst, wie er in eindrucksvoller Weise seinen Glauben auch im Alltag gelebt hat. Es wäre interessant zu erfahren, wie er selbst in seinem Glauben diese zugespitzten Forderungen der Nachfolge auf der einen Seite und die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Gebrochenheit miteinander in in Verbindung gebracht hat. Ich denke Theologie hat nicht nur die Aufgabe uns die Andersartigkeit Gottes und die ungeheuren Ansprüche, die Jesus an seine Nachfolger stellt, vor Augen zu führen, sondern sie sollte auch deutlich machen, wie Jesus Mensch wurde, wie er schwach wurde, wie er gerade die Zerbrochenen und Müden mit Gott in Verbindung gebracht hat.

Galater 3, 6-14 Erfahrung und Bibel

Interessant: im vorigen Abschnitt argumentiert Paulus mit der Erfahrung der Galater (sie haben den Heiligen Geist nicht nur Gesetzeswerke erhalten, sondern durch das hören und vertrauen), jetzt belegt Paulus diese Erfahrung mit grundlegenden Bibelworten. Schon bei Abraham war es so, dass sein Glaube ihn vor Gott gerecht gemacht hat und nicht seine Werke.

Für Paulus sind wohl beide Argumentationslinien wichtig: die religiöse Erfahrung der Christen aber auch die theologische Verankerung und Deutung dieser Erfahrung in der Bibel. Das kann auch für uns heute ein wichtiger Anhaltspunkt sein: Wenn jemand nur mit persönlicher Glaubenserfahrung argumentiert, dann ist Vorsicht geboten. Aber auch, wenn jemand auf einer abstrakten, rechtgläubigen Ebene nur mit der Bibel argumentiert. Beides muss zusammenkommen: die Erfahrung und die Lehre der Bibel.

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Epheser 2, 1-7 Vorher-Nachher

Paulus zieht hier eine große Vorher-Nachher Show ab. Vorher waren die Epheser ohne Christus, sie waren tot und gefangen in ihren selbstsüchtigen (= fleischlichen) Begierden. Nachher sind sie mit Christus, lebendig und mit eingesetzt im Himmel. Mhm… wie bei so manchen Vorher-Nachher Bildern habe ich das Gefühl, dass hier bewusst übertrieben wird, dass ein bisschen nachgeholfen wird, um den Unterschied deutlicher hervor zu heben.

Vielleicht haben die damaligen Empfänger den Unterschied zwischen einem Leben ohne Christus und einem mit Christus auch krasser empfunden als wir heute. Wir wachsen in einem Umfeld auf, das immer noch christlich geprägt ist, das viele christliche Werte übernommen hat. Manche wachsen in christlichen Familien auf und bekommen den Glauben schon von klein auf (Kinderkirche, Jungschar, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht…) nahe gebracht. Manche können gar nicht sagen, was jetzt genau vor Christus ist und ab wann sie wirklich mit Christus leben. Wenn dagegen damals ein Heide aus Ephesus zum christlichen Glauben kam, war das ein größerer Schritt.

Oder geht es Paulus gar nicht so sehr um die Erfahrung und das persönliche Empfinden eines Vorher-Nachher? Geht es mehr um eine grundsätzliche theologische Aussage, die unabhängig von unseren Empfindungen gilt? Ich denke schon, dass dies die Basis ist: Ohne Christus – tot; mit Christus – lebendig. Das gilt. Unabhängig von unseren Gefühlen. Aber es hilft natürlich, wenn diese theologische Richtigkeit im persönlichen Schicksal auch so extrem erfahren wird. Bis heute sind das ja oft die überzeugendsten Christen: Leute die ganz am Ende waren, der Leben in Scherben lag und die durch Jesus ein ganz neues Leben geschenkt bekamen.

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