Epheser 1, 15-23 Erleuchtete Augen des Herzens

Diese Formulierung hat mich in dem Abschnitt besonders angesprochen: „Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens“ (V.18). Mit den erleuchteten Augen ist wohl weniger gemeint, dass die Augen leuchten und strahlen, sondern dass sie vom Licht erleuchtet werden und sie somit nicht nur Finsternis sehen können, sondern im Licht überhaupt etwas erkennen können. Wobei das was sie dann sehen können auch die Augen selbst zum strahlen bringt.

Unsere Augen im Kopf, die funktionieren meist mehr oder weniger gut. Wir können die Welt um uns herum sehen, erkennen und beurteilen. Wir nehmen die Schönheit und das Leid dieser Welt wahr. Aber die Augen des Herzens, die sehen oft nicht viel. Wenn Gott sie erleuchtet, dann erkennen wir welch große Hoffnung wir haben (V.18) und welch überschwänglich große Kraft Gott uns jetzt schon schenkt (V.19).

Ich finde es schön, dass es nicht nur um Hoffnung auf zukünftige Dinge geht, sondern auch um die gegenwärtige Kraft. Aber auch andersherum geht es nicht nur um Kraft für die Gegenwart, sondern auch um Hoffnung auf die ewige Welt. Beides gehört zusammen. Schön ist es auch, dass Gott uns das nicht erst noch geben muss oder wir es uns erkämpfen müssen, sondern dass wir nur die erleuchteten Augen des Herzens brauchen, um zu erkennen, was wir durch Christus schon längst haben. Es ist schon da, wir müssen nur die Augen aufmachen!

Vater der Herrlichkeit, erleuchte auch meine Augen des Herzens immer mehr. So dass ich mehr von Deiner Welt, von Deiner Kraft und Herrlichkeit auch in meinem Leben entdecken kann.“

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Epheser 1, 11-14 Ich gehöre IHM

Dieser Abschnitt Eph. 1,3-14 steckt ja voller Stichwörter, aus denen später weitreichende theologischen Lehren gebildet wurden. Nach der Prädestination und der Allversöhnung begegnet uns heute die Versiegelung mit dem Heiligen Geist (V.13). Auch hier gilt: Paulus will in diesem Abschnitt Gott loben und ihn groß machen. Er will nicht in erster Linie theologische Dogmen aufstellen. Man darf diese Formulierungen also nicht überinterpretieren und mehr reinlegen, als Paulus beabsichtigt hat (die Neuapostolische Kirche hat aus dieser Formulierung ja ein richtiges Lehrgebäude und ein für sie wichtiges Sakrament heraus gelesen).

Aber auf der anderen Seite hat Paulus diesen Begriff verwendet (auch in Eph. 4,30 und 2. Kor. 1,21-22) und er hat sich sicherlich was dabei gedacht. Ein Siegel war in der damaligen Welt v.a. ein Zeichen für den Besitzanspruch und für den Schutz von etwas. Ein Siegel besagt, dass der versiegelte Gegenstand dem Siegelbesitzer gehört und dient als Schutz vor unberechtigtem öffnen. In dieser Weise sieht Paulus den Heiligen Geist als Zeichen von Gottes Eigentumsrecht auf uns und als Schutz.

Darüber zu spekulieren, wie er sich konkret den Vorgang der Versiegelung vorstellt, ist meines Erachtens müßig und überflüssig. Hier an der Stelle wird nur deutlich, dass er davon ausgeht, dass die Christen in Ephesus mit dem Heiligen Geist versiegelt wurden als sie gläubig wurden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Ich finde das eine geniale und tröstliche Vorstellung: Als jemand, der auf Christus vertraut, trage ich Gottes Siegel, ich gehöre ihm und wer dieses Siegel aufbrechen will, der bekommt es mit dem Herrn und Schöpfer dieser Welt zu tun.

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Epheser 1, 7-10 Alle erlöst in Christus?

Nachdem wir im vorigen Abschnitt Aussagen hatten, mit denen die umstrittene Lehre von der Prädestination begründet wurde, folgt heute gleich eine Bibelstelle mit dem ein nicht weniger umstrittenes theologisches Konstrukt verbunden wird: die Allversöhnung. Im V.10 heißt es „dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“ Neben dem Hinweis in Kol. 1,19-20, dass Gott durch Christus „alles mit sich versöhnte“, wird diese Stelle als Argument angeführt, dass Gott letztendlich seine Schöpfung dadurch zum Ziel bringt, dass er die ganze Schöpfung erlöst. Allversöhnung sagt, dass letztendlich keines von Gottes Geschöpfen verloren gehen wird. Es gibt keine ewige Verlorenheit, keine ewigen Höllenqualen. Was Gott in Liebe erschaffen hat, das lässt er nicht fallen.

Auch wieder schwieriges Gelände! Ich sehe das im Grunde so ähnlich, wie beim vorigen Abschnitt. Paulus rühmt hier die Größe und Gnade Gottes. Er lässt sich zu Aussagen hinreißen, die eigentlich vielen anderen biblischen Aussagen widersprechen, die aber die Gnade Gottes in extremer Weise herausheben. Paulus theologisiert hier nicht, sondern er lobt Gott! Aber trotzdem wagt er es, solche Aussagen zu machen. So ganz abwegig ist für ihn die Vorstellung einer Allversöhnung also nicht.

Die Stellungnahme von Karl Barth zur Allversöhnung finde ich sympathisch: „Ich lehre sie nicht, aber ich lehre sie auch nicht nicht.“ Als eine theologische Lehre finde ich sie im Gesamtzusammenhang der Schrift zu gewagt. Aber so einfach vom Tisch wischen kann man sie auch nicht. Wie gesehen finden wir auch in der Schrift Hinweise dafür. Für mich ist es ein Hoffnung, ein Hoffnung darauf dass Gott durch das Gericht hindurch alles in Christus zusammenfasst und er seinen ursprünglichen Schöpfungswillen vollständig durchsetzt.

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Epheser 1, 3-6 Unlogisches Lob Gottes

Neben Röm. 8,28-30 ist das der klassische Text, mit dem eine biblische Prädestinationslehre begründet wird. Prädestination bedeutet Vorherbestimmung und besagt somit, dass Gott schon von Anfang an festgelegt hat, welche Menschen errettet werden. Unterscheiden muss man zwischen einer einfachen Prädestination und einer doppelten. Die doppelte Prädestinationslehre besagt, dass Gott sowohl vorherbestimmt hat, wer errettet wird, als auch wer nicht errettet wird. Die einfache Prädestinationslehre sagt, dass man von der Bibel her nur sagen kann, dass Menschen zum Heil erwählt sind, aber aus dieser Aussage nicht den Umkehrschluss ziehen kann, dass bestimmte Menschen zum Verderben vorherbestimmt sind.

Schwieriges Gelände! Von den Stellen Eph. 1,3-6 und Röm. 8,28-30 her kann man jedenfalls nur von einer einfachen Prädestination sprechen. Gott hat Menschen zum Heil erwählt. Daraus den negativen Umkehrschluss zu ziehen klingt zwar logisch, ist aber theologisch gefährlich und steht eben so ganz bewusst nicht in den Texten drin.

Für mich ist wichtig: Die Prädestination betont die Gnade Gottes. Es liegt nicht an menschlicher Leistung, wenn ich zum Glauben komme und errettet werde, es ist ganz und gar Gnade (vgl. Luthers sola gratia). Die Bibel drückt es damit aus, dass Gott uns schon bevor wir überhaupt am Leben waren, zum Heil erwählt hat. Daneben betont die Bibel aber immer wieder die Verantwortung des Menschen: Gott ruft den Menschen und er hat die Freiheit darauf zu antworten – mit Ja oder Nein. Rein logisch gesehen passt beides nicht zusammen. Aber biblisch gesehen anscheinend schon! Wir müssen beides festhalten: Alles ist Gnade und doch ist der Mensch voll verantwortlich für seine Entscheidung (vgl. dazu auch den Artikel zu Bonhoeffers Nachfolge: „Der Ruf in die Nachfolge“).

Zu beachten bei dem Text ist auch, dass Paulus hier keine theologisch-dogmatischen Lehrsätze festklopfen will, sondern dass er die Größe und Liebe Gottes loben möchte. „Zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten“ (V.6), schreibt er diesen Abschnitt. Er möchte die Gnade Gottes groß machen und nimmt dabei auch logische Schwierigkeiten in Kauf (die ihm als scharf denkenden Theologen und gut ausgebildeten Schriftgelehrten klar gewesen sein müssen). Wichtiger als strenge theologische Logik ist ihm der Lobpreis Gottes!

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Epeheser 1, 1-2 Grüß Gott!

Ein ganz normaler Briefanfang, so wie er damals üblich war: Absender und Empfänger werden genannt und dann kommt ein Gruß: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ (V.2) Viele Briefe im Neuen Testament beginnen mit diesem Gruß (oder leicht abgewandelt). Das scheint ein gebräuchlicher Gruß unter Christen gewesen zu sein.

Mich fasziniert, was darin betont wird: Gnade und Friede. Das sind zwei zentrale Dinge, die wichtig für uns sind. Beide sind für Paulus mit Gott verbunden: Gott gibt die Gnade und den Frieden, den wir brauchen. Das können wir uns nicht selbst schenken, das können wir nicht selbst herstellen. Aber wir können es uns gegenseitig zusprechen und wünschen.

Solch ein gebräuchlicher Gruß kann schnell verflachen. Man sagt bzw. schreibt ihn so dahin und denkt gar nicht mehr an seine Bedeutung. Bei uns im Schwabenländle begrüßen sich die Leute noch immer häufig mit „Grüß Gott“. Kaum einer weiß noch, was hinter diesem Gruß steht und mancher Norddeutsche ist versucht darauf zu antworten: „Ja, wenn ich ihn das nächste mal seh’…“. Die ursprüngliche Bedeutung ist aber: „Sei gegrüßt von Gott!“ Und vom lateinisch-römischen Sprachgebrauch her kann „grüßen“ auch segnen bedeuten. Also: „Grüß Gott“ heißt nichts anderes als „Sei von Gott gesegnet!“

Ich bin mir sicher, dass Paulus seinen Segensgruß nicht nur so dahin geschrieben hat, weil es halt so üblich war, sondern dass er es ganz bewusst so gemeint hat. Wenn ich in Zukunft durch die Straßen gehe und die Leute mit „Grüß Gott“ begrüße, dann werd ich innerlich lächeln dabei und mich freuen, dass ich dabei all die Leute segnen darf… 😉 In diesem Sinn also an alle Leser: „Grüß Gott! Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“

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