Peter Rollins: How (not) to speak of God

Rollins: How to (not) speak of GodPeter Rollins ist in Belfast geboren und aufgewachsen. Seine frühen Glaubenserfahrungen waren charismatisch geprägt. Am der Queen’s University von Belfast studierte er Philosophie, seinen Master machte er auf dem Gebiet der politischen Theorie und für seinen Doktor beschäftigte er sich mit poststrukturellem Denken. Wie so viele aus der Bewegung der „emerging church“ arbeitet er kritisch seine charismatisch-evangelikalen Wurzeln aus postmoderner Perspektive auf.

„How to (not) speak of God“ ist sein erstes Buch. Es ist im Jahr 2006 erschienen. Das Vorwort schreibt eine Gallionsfigur der ermergenten Bewegung: Brian McLaren. Rollins unterteilt sein Buch in zwei Teile. Im ersten Teil entfaltet er theoretische Grundlagen und im zweiten Teil wird gezeigt, wie das praktisch dann in Gottesdiensten aussehen kann.

Sein Grundgedanke ist eine Paradoxie: Zum einen stellt er fest, dass wir als Menschen gar nicht angemessen von Gott reden können, weil er der völlig Andere ist. Zugleich hält er fest, dass Gott das eine Subjekt ist, von dem und zu dem wir nicht aufhören dürfen zu reden. Deswegen auch der Doppeltitel: von Gott reden, obwohl wir es eigentlich nicht können.

Gegenüber einem Evangelikalismus, der glaubt man könne sehr deutliche Aussagen darüber machen, wer Gott ist und an welche theologischen Doktrine wir glauben müssen, betont Rollins die Andersartigkeit Gottes. Gott ist größer als unser menschliches Denken, wir können ihn immer nur bruchstückhaft und auf dem Hintergrund unserer kulturellen Prägung erahnen. Er bleibt ein Mysterium. Gegenüber einem liberalem Relativismus hält er daran fest, dass Gott als das Absolute existiert und dass wir mit unserem Reden und Denken diesem Mysterium näher kommen können. Allerdings wird nach meinem Empfinden die Argumentation gegen ein evangelikales Besserwissen stärker betont als die Vorbehalte gegen einen postmodernen Relativismus.

Für Rollins geht es nicht darum, den „richtigen Glauben“ zu haben (d.h. die an die richtigen dogmatischen Erkenntnisse zu glauben), sondern darum auf „richtige Weise zu glauben“ (d.h. den Glauben richtig zu leben). Im Bild ausgedrückt: Wichtig ist nicht, dass ein Baby intellektuell erfassen kann, wer seine Mutter ist, sondern dass es spürt, wie es von ihr gehalten wird. Die Wahrheit des christlichen Glaubens können wir nicht beschreiben, sondern nur erfahren. Es geht nicht darum, dass jeder die Wahrheit auf dieselbe Weise interpretiert, sondern dass wir alle die Wahrheit lieben und von ihr verändert werden.

Wenn wir meinen, Gott mit unseren theologischen Erkenntnissen in der Hand zu haben, dann wir unser Verständnis von Gott zu einem Götzen. Wir verehren nicht mehr Gott selbst, sondern unser Gottesbild. Wir können deshalb nicht von Gott an sich reden, sondern nur von unserem Verständnis von Gott. Schon die Bibel lehnt es deshalb ab, sich ein Bild von Gott zu machen. Gott kann nicht in Bildern – auch nicht in theologisch-intellektuellen Gottesbildern – erfasst werden.

Trotzdem ist für ihn der Inhalt dieses Gottesbildes nicht völlig beliebig. Rollins vergleicht es mit einem Kunstwerk. Bei einem Kunstwerk gibt es nicht die eine, all für allemal richtige und ewig gültige Interpretation. Jeder Betrachter kann etwas anderes in dem Kunstwerk entdecken. Die Interpretation eines jeden ist geprägt von seinen Erfahrungen, seiner Persönlichkeit, seiner Kultur und vielen anderen Dingen. Aber zugleich gibt es Interpretationen, die eindeutig der Absicht eines Kunstwerkes widersprechen können. Ein harmonisches, friedvolles Bild kann man z.B. nicht als Aufforderung zur Gewalt interpretieren. Es gibt also Grenzen der legitimen Interpretation.

Im zweiten Teil werden 10 „Veranstaltungen“ der „Ikon-Community“ dargestellt. Diese gottesdienstliche Events fanden tatsächlich in einem kleinen Pup in Nordirland statt. Auf kreative Art und Weise werden dort traditionelle Gottes- und Glaubensvorstellungen hinterfragt und die Teilnehmer zum Nachdenken und Diskutieren über Gott angeregt.

Rollins bezieht sich theologisch auf Karl Barth, der ja auch immer wieder die Andersartigkeit Gottes betont. Aber Barth zieht daraus andere Konsequenzen: Er lässt Gott nicht als dunkles Mysterium stehen, sondern schreibt in seiner Kirchlichen Dogmatik tausende von Seiten, wie er sich Gott vorstellt.

Ein anderer theologischer Anknüpfungspunkt sind für Rollins einige Gedanken von Bonhoeffer zu einem „religionslosen Christentum“. Rollins sieht seine Ausführungen als Fortführung dieser bruchstückhaften Ansätze. Das ist interessant, denn auch Bonhoeffer hat im Grunde eine postmoderne Erfahrung gemacht: alte Gewissheiten, wie seine gutbürgerliche Staatstreue, die Kirche als Organisation oder überhaupt das Christentum als Religion, sind für ihn angesichts des dritten Reiches und des Krieges zerbrochen. Auch seine eigene Identität hat er in der Gefangenschaft hinterfragt (im Gedicht „Wer bin ich?“) und er sieht sich am Ende nur gehalten von der Erfahrung, dass er in allen Fragen von Gott gehalten ist („Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“) Aber es ist müßig, darüber zu spekulieren, in welche Richtung sich Bonhoeffer weiterentwickelt hätte. Er wird ja heute von allen möglichen Richtungen (von liberal bis evangelikal) gerne vereinnahmt. Ich glaube, er war ein solch radikaler und eigenständiger theologischer Denker, dass er seinen ganz eigenen Weg gegangen wäre.

Was nehme ich für mich aus diesem Buch mit? Bei mir bleiben gemischte Gefühle und Gedanken zurück. Zunächst einmal ist Rollins ein scharfer Denker, der sich mit dem Thema Postmoderne auskennt und seine Gedanken dann auch noch interessant, anschaulich und mit überraschenden Sprachschöpfungen darstellen kann. Er arbeitet viel mit Bildern und Parabeln. Er schreibt engagiert und herausfordernd.

In seiner kritischen Analyse unserer selbstgemachten Gottesbilder stimme ich ihm zu. Er weist zurecht auf die Gefahr hin, dass wir unser eigenes Gottesbild zur Wahrheit selbst umfunktionieren. Die Dekonstruktion, das Auseinandernehmen von traditionellen Vorstellungen gelingt ihm sehr gut.

Allerdings bleibt für mich das, was er an die nun entstandene Leerstelle stellt, schwammig. Das ist wahrscheinlich gewollt, weil wir ja keine absoluten Aussagen machen können. Es bleibt ein bisschen Nächstenliebe, Toleranz und Mysterium. Es bleibt am Ende mehr Form als Inhalt. Auch die zehn Gottesdienste fand ich spannend, interessant und herausfordernd. Aber wenn ich mir vorstelle, nur noch so Gottesdienst zu feiern und ständig nur alles in Frage zu stellen, dann fände ich das ziemlich deprimierend.

Gegen alle postmoderne Skepsis müssen wir doch festhalten, dass der Sohn Gottes Fleisch geworden ist. Er hat sich greifbar und erlebbar gemacht. In Jesus Christus ist der ganz andere Gott, den wir nie völlig verstehen und begreifen können, in Fleisch und Blut sichtbar geworden. Er hat uns Menschen sein Gottesbild sehen lassen. Natürlich haben wir auch in Jesus Christus die Wahrheit nicht als Besitz. Aber auch in der Postmoderne müssen wir überlegen, welche Interpretation angemessen ist und wo Grenzen überschritten sind, die Gottes Offenbarung in Jesus Christus widersprechen. Klar: die Form in der wir glauben und Theologie betreiben ist wichtig („beliefing the right way“) – aber darüber den Inhalt („right belief“) völlig aus den Augen zu verlieren ist keine Lösung.

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Psalm 74 – Zerbruch und Neuanfang

Diese Psalm ist ein sogenanntes Klagelied des Volkes. Das Volk klagt vor Gott, dass der Tempel von feindlichen Völkern zerstört wurde. In verschiedenen Variationen wird gefragt, warum Gott das zulassen konnte und warum er nicht endlich eingreift. Neben die Klage tritt die Bitte, dass Gott endlich die Feinde vertreiben soll. Das ganze könnte historisch in die Situation von 587 v. Chr. passen, als Jerusalem von den Babyloniern erobert wurde.

Mich hat dieser Psalm dazu inspiriert zu überlegen, ob es nicht auch bei mir manchmal Heiligtümer gibt, die zerbrechen und zerstört werden – und ich so ganz neu gezwungen werde, Gott auf einer anderen Ebene zu suchen. Der Tempel galt als Ort der Gegenwart Gottes, vielleicht war es damals dran, auf ganz neue Weise zu erfahren und lernen, wie Gottes Gegenwart aussieht? Vom Effekt her war es auf jeden Fall so, dass die Israeliten ihren Glauben neu durchdenken mussten und neue Erfahrungshorizonte im Glauben öffnen mussten. Alte Traditionen und Rituale waren ohne Tempel (und für diejenigen im Exil auch noch weit weg von Jerusalem) nicht mehr so ohne weiteres möglich. Es mussten sich neue Formen des Glaubenslebens herausbilden.

Ich denke schon, dass das auch bei uns immer wieder passiert und auch passieren muss! Immer wieder muss so manchen äußere Form unseres Glaubens zerbrechen, damit wir wieder ganz neu und ursprünglich auf Gott selbst zurück geworfen werden. Immer wieder müssen wir neue Formen finden, um auf neue und lebendige Weise Gott zu begegnen. Das heißt nicht, dass die ältere Form schlecht war, sondern nur, dass wir uns vielleicht schon zu sehr an sie gewöhnt haben und sie uns nicht mehr innerlich berührt hat. Und es kann dann auch sein, dass wir irgendwann ganz alte, längst vergangene Formen der Frömmigkeit wieder neu entdecken und sie uns wieder leichter zugänglich sind. So wie z.B. in der emerging church viele alte Traditionen und Frömmigkeitsübungen wieder neu entdeckt werden.

Der Untergang des Tempels war sicherlich ein tragischer Zerbruch, aber er war zugleich auch eine Chance zum Neuanfang – wenn in unserem Glauben etwas zerbricht, dann ist das ganz bestimmt immer schmerzvoll, aber es kann auch eine Chance zum Neuanfang sein.
Bibeltext

Die Kraft der Schönheit

In dem Buch Chasing Francis (vgl. zu dem Buch diesen Artikel) ging es unter anderem darum, dass es für uns Christen wichtig ist, die Kunst und die Schönheit der Schöpfung wieder neu zu entdecken. Franziskus hat die Schönheit der Schöpfung immer als einen Hinweis auf den Schöpfer selbst gesehen und sich darüber gefreut. So können auch wir heute mit der Schönheit der Kunst auf den verweisen, der schöner und herrlicher ist als alle irdische Schönheit.

Während ich diese Gedanken gelesen habe, hörte ich nebenher einige Lieder von Amos Lee. Das hört man ja normalerweise dann nicht bewusst, sondern nur so im Hintergrund. Aber plötzlich musste ich bei einer Liedzeile aufhören: „And nothing is more powerful than beauty in a wicked world.“ Nichts ist stärker als Schönheit in einer bösen Welt. Dieser Satz – verbunden mit dem was ich gerade gelesen hatte – hat mich voll getroffen! Ja, wir brauchen die Schönheit der Kunst, wir brauchen Kreativität, wir brauchen Phantasie, wir brauchen das Staunen über die Schönheit der Schöpfung – und nicht nur das trockene und nüchterne Wort der Predigt.

Ian Morgan Cron: Chasing Francis

Ein Buch wie ein Überraschungsei: Gleich drei Wünsche auf einmal werden erfüllt. Rein von der äußeren Form und vom Rahmen her ist das Buch ein recht gut geschriebener Roman über einen Pastor, der auf der Suche ist, wie man Gemeinde und Glaube heute authentisch leben kann. Dann gibt das Buch einen kurzen Überblick in das Leben und Denken von Franziskus von Assisi. Und als drittens ist das ganze eine hervorragende Einführung in zentrale Gedanken der „emerging church“. Als Ergänzung gibt es dann sogar noch einen Studienteil, mit dem man sich noch weiter in das Thema einarbeiten kann… (Dieser Teil hat mich jetzt aber nicht so besonders angesprochen).

Mich hat das Buch sehr angesprochen. Alle drei Bereich deckt der Autor recht gut ab. Natürlich kann er in den gut 200 Seiten des Romanteils nicht groß in die Einzelheiten gehen. Aber gerade dieser unterhaltsam und spannend verpackte Einstieg zu Fransikus und Kirche in der Postmoderne ist anregende. Durch das aufeinander Bezug nehmen der beiden Themen gewinnen beide Seiten. Und die Romanform macht das ganze lebendiger und konkreter als eine trockene Abhandlung.

Natürlich merkt man dem ganzen Buch den amerikanischen Hintergrund an. Manche Kritik am evangelikalen Christentum erscheint im europäischen Kontext etwas überzogen. Aber auch wenn es bei uns keine solche Extreme gibt, wie im amerikanischen Zusammenhang, so gelten die Anfragen doch von der Richtung her auch für uns hier. Der Autor macht auf jeden deutlich, dass wir gerade in unserer heutigen Zeit einiges von Franziskus lernen können.

Schäfer: Die jungen Wilden

Und noch ein Schmankerl aus meiner Urlaubslektüre: Die jungen Wilden von David Schäfer (apropos Urlaub: War da was? Schon wieder so im Alltag versunken, dass der Urlaub Lichtjahre entfernt zu sein scheint… 🙁 ). Zu dem Buch gibt’s jetzt nicht so wahnsinnig viel zu sagen: Ein Buch in dem verschiedene Jugendkirchen, Emerging Churches und Gemeindegründer ihre Projekte speziell für Jugendliche vorstellen. Manches kannte ich schon aus anderen Büchern (v.a. aus Zeitgeist), anderes war neu. Ich hab das schlanke Buch gerne und schnell gelesen. Gut fand ich die Zusammenstellung der Beiträge: Nicht nur total abgefahrene neue Ideen und Gemeindegründungen, sondern auch ein Bericht vom Projekt Jugendkirche in der ev. Kirche in Württemberg.

Denn das finde ich oft ein Problem bei emerging church: Für bestehende Gemeinden ist vieles so weit weg von ihrem normalen Gemeindeleben, dass das alles viel zu utopisch und unrealistisch ist. Und das motiviert dann nicht, sondern frustriert nur. Aber vielleicht kommt’s ja auch auf die Einstellung an, mit der man das liest: Dieses Buch hab ich irgendwie etwas entspannter gelesen und nicht so sehr ständig gedacht: Wie sollen wir hier auch nur annähernd Ähnliches umsetzen? Mit dieser Einstellung kann man sich durchaus den einen oder anderen inspirierenden Gedanken mitnehmen. Oder einfach nur davon träumen, wie Gemeinde auch sein könnte…

Frost und Hirsch: Die Zukunft gestalten

Also ehrlich gesagt: Dieses Buch frustriert mich! Es weckt bei mir keine Begeisterung, Neues zu wagen, sondern eher Frust über die scheinbare Ausweglosigkeit traditioneller Gemeinden. Mir ging es beim Lesen so wie es David Hayward in einem Cartoon auf den Punkt bringt: „Sure, you can read church growth and success books. But read them like you read porn: it looks amazing, you’ll get excited, but it’s something you’ll never get your hands on.“

Aber der Reihe nach: Zuerst mal was zu den Autoren. Alan Hirsch „ist selbst Jude, der bei Jesus Erlösung gefunden hat“ (S.197). Schon von dieser Herkunft her legt er großen Wert auf die hebräischer Verwurzelung des Evangeliums. Er kommt aus Australien und hat dort das “Forge Mission Training Network” gegründet und leitet es auch. Es ist ein Institut und ein Netzwerk für innovative missionarische Konzepte. Außerdem lehrt er an verschiedenen Hochschulen zu eben diesen Themen. Michael Frost wuchs als Katholik auf und „begann seine geistliche Reise mit dem Ansatz der Benediktiner, das Heilige im Alltäglichen zu finden“ (S.197). Er ist als Redner und Evangelist tätig. In Sydney hat er das „Centre for Evangelism and Global Mission“ gegründet – eine Ausbildungsstätte für postmoderne Missionare.

In ihrem Buch gehen sie der Frage nach, wie Kirche aussehen muss, damit sie auch in der Postmoderne Menschen für Gott gewinnen kann und erfolgreich sein kann (ich benutze hier ganz bewusst das Wort „erfolgreich“, weil die Autoren selbst immer wieder Vergleiche zwischen Kirche und weltlichen Firmen und deren Management herstellen). Das Buch geht der Fragestellung in vier Kapiteln nach:

A. Der Stand der Dinge

Hier geht es um eine grundsätzliche Analyse der Situation unserer Kirchen in den westlich geprägten Kulturen. Hier stellen sie, durchaus zurecht, den „Bankrott des Christentums“ (S.34) fest. Mit Christentum meinen sie natürlich nicht die christliche Botschaft an sich, sondern die derzeitige Form wie wir unseren Glauben leben, die derzeitige Form von Kirche und Gemeinde. Die Kirche verliert auf’s ganze gesehen immer mehr an Kraft, Mitgliedern und Einfluss. Sie versucht mit denselben Rezepten, die ihr seit Jahrhunderten zur Verfügung stehen, der Krise zu begegnen, merkt aber dass man dadurch, dass man das Bestehende einfach nur ein bisschen „besser“ macht, keine grundsätzliche Wende herbei geführt werden kann.

Frost und Hirsch fordern diese radikale Wende. Die Kirche muss von Grund auf missionarisch (oder wie im englischen Original besser: missional) werden. Es reicht kein langsame Veränderung, keine Evolution, durch die wir Stück für Stück der postmodernen Herausforderung begegnen, nein es muss eine Revolution her. Eine grundsätzliche und radikale Neuausrichtung. An einer Stelle im Buch vergleichen sie das mit dem Graben eines Loches: Wenn man an einer Stelle ein Loch gräbt und dabei nichts findet, dann reicht es nicht wenn man einfach noch tiefer gräbt – man muss an einer anderen Stelle graben…

Dazu sind nach ihrer Meinung drei Einstellungen des bisherigen Christentums zu verändern: Die Kirche muss inkarnierend anstatt attraktional werden, sie muss messianisch anstatt dualistisch werden und sie muss auf apostolische, anstatt auf hierarchische Weise geleitet werden. Was das genauer bedeutet wird in den drei folgenden Kapiteln ausgeführt.

B. Die Menschwerdung der Kirche

Traditionelle Kirche funktioniert attraktional: Die Kirche bietet Veranstaltungen an („Attraktionen“) und lädt die Menschen ein, zu diesen Veranstaltungen zu kommen. Wir nehmen alle wahr, dass das Interesse an kirchlichen Veranstaltungen immer mehr nachlässt, deshalb versuchen wir als Gemeinden die Veranstaltungen so attraktiv wie möglich zu machen, wir versuchen Hemmschwellen abzubauen und wir passen unsere Veranstaltungen in der Form (Musik und Medien) mehr den heutigen Vorstellungen an. Hirsch und Frost sagen: Das bringt nichts! „Das Rumschrauben an alten Gemeindemodellen wird nichts bringen.“ (S.69) Wir müssen die Leute nicht zu uns einladen, sondern wir müssen mit unserer Botschaft zu den Leuten gehen.

Als Paradigma dafür verwenden sie die Inkarnation des Sohnes Gottes. Er hat seinen Platz im Himmel verlassen und hat sich mit aller Konsequenz in die Nähe der Menschen begeben, damit sie seine Botschaft hören und verstehen. So muss auch die Kirche sich in die Welt hinein inkarnieren. Nicht nur ein kurzer missionarischer Ausflug nach „draußen“ in die Welt, um die Leute nach „drinnen“ in die Kirche einzuladen. Nein, wir müssen die ganze Trennung zwischen „draußen“ und „drinnen“ aufgeben und die Ränder offen gestalten. Im Bild gesprochen: Gemeinde sollte keine Weide mit einem Zaun sein, der genau abtrennt zwischen draußen und drinnen, sondern Gemeinde sollte wie ein Brunnen sein, zu dem die Tiere von weit weg von selbst kommen, weil sie Durst haben.

Um das zu erreichen müssen wir die Kirche und den Glauben kontextualisieren. Es ist nötig sich auf die verschiedenen Millieus der Menschen einzulassen (anstatt zu erwarten, dass sie sich unserem Milleu anpassen). Frost und Hirsch sprechen von einer kritischen Kontextualisierung: Die biblischen Kerninhalte darf man nicht aufgeben und dem Kontext anpassen, aber bei der Anwendung und konkreten Gestaltung dieser Inhalte soll man auf die Kultur der Menschen eingehen. Zur konkreten Gestaltung gehört z.B. die Fragen, ob man ein kirchliches Gebäude braucht, ob die Leitung durch einen Hauptamtlichen geschehen muss oder welche Art von Musik gepflegt wird – das alles hat mit dem Kern der Botschaft nicht direkt was zu tun und ist darum veränderbar. Im Grunde müssen wir im Westen das tun, was die Missionare im Lauf der Zeit teilweise schmerzhaft lernen mussten: Sich ganz auf die Kultur des Missionsfeldes einlassen und neue Formen finden, mit denen in dieser Kultur Glaube gelebt werden kann. Dabei gehen Frost und Hirsch an manchen Stellen ganz bewusst an Schmerzgrenzen heran: Kontextualsierung heißt für sie z.B. dass es in muslimischen Ländern „Christus-zentrierte Gemeinschaften ‚messianischer Moslems'“ geben kann, die „bewusst muslimische Bräuche“ (S.161) praktizieren (z.B. weiterhin muslimische Gottesdienste besuchen) und nur Elemente der islamischen Theologie ablehnen, die der Bibel widersprechen.

C. Die Leidenschaft des Glaubens

In diesem Kapitel geht es um die jüdisch-hebräischen Wurzeln unseres Glaubens. Nach Frost und Hirsch sind traditionelle Gemeinden zu ausschließlich von einem dualistischen Weltbild geprägt. Das ist das Weltbild der griechischen Philosophie, die im Lauf der Kirchengeschichte zum zentralen Deutungshintergrund unserer Botschaft geworden ist. Nach diesem Weltbild gibt eine Trennung zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Und so trennen wir auch in unserem Glauben zu stark zwischen christlichen Aktivitäten und dem normalen, profanen Alltag. Ein weiterer Nachteil des hellenistischen Denkens ist die starke Konzentration auf das Denken und den Verstand an sich (anstatt auf das konkrete Handeln). Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche wurde das Bekennen und Für-wahr-halten von Glaubensaussagen wichtiger, als die Frage, was die Glaubensinhalte für das konkrete Leben bedeuten. Es wurde mehr darüber gestritten, wie man sich z.B. die Trinität vorzustellen hat, als darüber wie wir konkret Jesus nachfolgen können.

In einer Kultur, die insgesamt stark von diesem hellenistischen Weltbild geprägt war, hat das alles auch gut funktioniert. Allerdings stellt die Postmoderne gerade diese Betonung der Vernunft und Logik in Frage. Das hebräische Weltbild passt sehr viel besser zum Lebensgefühl der kommenden Zeit. Deswegen müssen wir unsere hebräischen Wurzeln wieder neu entdecken und als Kirche wieder „messianischer“ werden. Was nötig ist, ist z.B. „die Erlösung des Vergnügens“ (S.208): Die dualistische Sicht der Welt führt zu einer Verachtung des Körpers und des Vergnügens – in der hebräischen Kultur ist die Freude an irdischen Dingen sehr viel positiver verwurzelt. Nötig ist auch die „Heiligkeit des Alltags“ (S.219) neu zu entdecken: Nicht nur in speziell christlichen Veranstaltungen, sondern in jedem Detail des Alltags können wir der Heiligkeit Gottes begegnen. Und zu dieser Neuausrichtung gehört auch, dass wir den Wert von guten Werken wieder neu erkennen: Nicht als Mittel um uns vor Gott etwas zu verdienen, aber als Kanäle durch die Gott seine Liebe sichtbar werden lassen kann.

D. Die Leiter von morgen

Schließlich braucht die missionale Gemeinde auch neue Leitungsstrukturen: Apostolisch anstatt Hierarchisch. Frost und Hirsch greifen auf Epheser 4 zurück, wo fünf neutestamentliche Leitungsfunktionen aufgezählt werden: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Sie sagen dass für die Leitung der Gemeinde alle fünf Dimensionen wichtig sind. Nicht unbedingt in der Form, dass jede christliche Gemeinschaft für alle fünf Ämter auch mindestens fünf verschiedene Personen braucht, aber so, dass alle diese Dimensionen in der Leitung der Gemeinde vorkommen. Zurecht stellen sie fest, dass bisher in der westlichen Kirche bei der Ausbildung und der Praxis der Leiter vor allem die pastoralen (= Hirte) und die pädagogischen (= Lehrer) Dimensionen betont wurden. Um missionale Gemeinde zu sein, müssen die apostolischen, evangelistischen und prophetischen Leitungsaufgaben neu gelehrt und eingeübt werden.

Ein wichtiges Element bei der Leitung der Gemeinde ist für sie auch die Phantasie und die Risikofreude: Gerade in einer Zeit, in der sich der „Markt“ der durchschnittlichen Gemeinde (steht ausdrücklich so auf S.298) ständig ändert, müssen wir wie „verrückt experimentieren“ (S.303), um die Menschen zu erreichen. Dabei sollen die Leiter nicht einfach die Richtung vorgeben, sondern sie sollen durch „subversive Fragen“ (S.307), durch das Ermutigen zu einer „heiligen Unruhe“ (S.307) und andere Methoden die Visionen und Träume, die in den Menschen vorhanden sind wecken und bündeln.

Mein Fazit

Ein tolles Buch, mit vielen richtigen Analysen und Feststellungen, mit viel Anregungen Gemeindearbeit zu überdenken und hinterfragen und mit vielen Ideen. Manchmal störte mich die polemische und überspitzte Darstellung der traditionellen Gemeinde, die ja immer alles falsch macht – aber das gehört wohl dazu, um die Zielrichtung noch deutlicher werden zu lassen.

Aber letztendlich finde ich dieses Buch auch sehr frustrierend (wie oben schon gesagt): das alles ist so weit weg von meinem normalen Gemeindealltag, so utopisch, so realitätsfern, dass es mich nicht anspornt sondern entmutigt. Wenn ich mir ganz normale deutsche Durchschnittsgemeinden anschaue: Da sehe ich wenig Potential, um solch eine „Revolution“ durchzuführen. Das geht am ehesten noch bei Gemeindeneugründungen (welche oft die bestehenden Gemeinden noch mehr ausbluten lassen, weil die wenigen kreativen und innovativen Leute abgezogen werden…). Aber wir erleben ja auch bei neuen Gemeinden, dass auch sie nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten ihre Traditionen herausbilden und oft auch unbeweglich und bequem werden.

Was ist die Konsequenz des Buches? Zum Beispiel für die Gemeinde in der ich bin? Ich sehe beim besten Willen nicht, wie wir auch nur ein Bruchteil dieser Revolution umsetzen sollten. Dazu fehlen zum einen die Visionäre und Träumer und zum anderen werden wohl 95% der Gemeinde gar nicht verstehen, warum man plötzlich ALLES ganz anders machen soll (darum geht’s doch bei einer Revolution, oder?). Eigentlich müssten wir zumachen und ganz neu anfangen. Mich frustriert das Buch, weil es mir ganz klar macht, dass unsere Gemeinde, so wie sie jetzt ist, keine Zukunft in der Postmoderne hat. Zugleich macht mir das Buch deutlich, dass wir eigentlich nichts dran ändern können, weil uns die Kraft zu einer Revolution fehlt…

Faix/Weißenborn: Zeitgeist. Kultur und Evangelium in der Postmoderne

BuchcoverAuf jeden Fall lohnenswert! Wer sich für Postmoderne, Emerging Church und die Frage, wie wir heute unseren Glauben leben und weitergeben können interessiert, der sollte sich das Buch anschauen. Es ist eine Sammlung von kurzen Aufsätzen von über 20 unterschiedlichen deutschen Autoren zu der Frage „inwieweit Kultur und Evangelium voneinander abhängig sind, sich beeinflussen und sich doch auch wieder unterscheiden müssen.“ (S.7)

Passend zur postmodernen Vielstimmigkeit in der Wahrnehmung der Welt, sind auch die Artikel aus recht unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweise geschrieben. Das ist gerade die Stärke des Buches: Es will keine systematische Einführung zur Emerging Church sein, sondern einen Einblick und Eindruck der Vielgestaltigkeit dieser Bewegung vermitteln. Und natürlich soll das Buch auch zum weiterdenken anregen. Klar ist, dass hier keine neutrale Darstellung erfolgt, sondern dass Befürworter der Emerging Church zur Sprache kommen. Kritische Töne liest man auch, aber nur vereinzelt. Ein gemeinsames Anliegen ist, dass wir auf dem Hintergrund der Postmoderne ganz neu überlegen müssen, wie sich die Wahrheit des Evangeliums in unserer Zeit erfassen und leben lässt.

Das Buch (und die Emerging Church Bewegung insgesamt) stößt aber nicht nur auf ungeteilte Zustimmung. Ron Kubsch hat sich in einer Rezension recht kritisch mit dem Buch auseinandergesetzt (v.a. der Stil der Rezension zog dann seinerseits wieder Kritik von Tobias Faix, einem der Herausgeber des Buches nach sich). Ein Kritikpunkt ist z.B. dass die Herausgeber mit einem Zitat zu Beginn des Buches auch Karl Barth für sich in Anspruch nehmen. Ich kann verstehen, dass Ron Kubsch das mit Befremden wahrnimmt, da doch gerade Karl Barth dafür eingetreten ist, dass wir das Evangelium eben nicht im Wechselspiel mit menschlicher Kultur verändern. Er war gegen jede Kontextualisierung und sprach sich dafür aus, dass Gott ganz anders ist und dass Gott „senkrecht von oben“ in unsere Welt kommt.

Kubsch kritisiert, dass die Emerging Church generell zu sehr auf den Zeitgeist eingeht und zu wenig betont, dass das Evangelium eben eine Gegenkultur zur menschlichen Kultur setzt (egal ob das jetzt moderne oder postmoderen Kultur ist). Damit hat er ja auch recht. Wir brauchen beides: Die Kontextualisierung aber auch die Erkenntnis, dass Gott noch einmal ganz anders ist, als wir das je erkennen können. Aber Kubsch übersieht in seiner Kritik, dass das Buch eben keinen systematischen Entwurf bieten möchte, sondern (wie vielleicht die gesamte Emerging Church) eine Gegenbewegung gegen eine zu starke Betonung des Barthschen „Ganz anders“ ist. Um das Pendel von einem Extrem wieder mehr in die Mitte zu bringen muss man nun mal das andere Extrem betonen. Wichtig ist, und da gebe ich Kubsch recht, dass man sich dabei nicht zu naiv und undifferenziert dem postmodernen Zeitgeist anpasst.

Karl Barth hat sich zurecht gegen eine Verwässerung des Evangeliums durch den Kulturprotestantismus gewehrt. Er die Gottheit Gottes wieder neu entdeckt. In gewisser Weise entdeckt die Emerging Church Wahrheitselemente des Kulturprotestantismus bzw. einer liberalen Theologie wieder. Man könnte sagen, sie entdeckt die Menschlichkeit Gottes wieder. In Jesus Christus war Gott eben nicht der ganz Andere, sondern er war der Gott zum anfassen, der Gott, der sich ganz auf die menschliche Kultur eingelassen hat, der sich radikal kontextualisiert hat, um die Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen.