Tim Parks: Stille

Schade, der Roman hat mich nicht überzeugt. Obwohl ich die Grundidee der Geschichte interessant finde und der Autor zweifellos gut und spannend schreiben kann. Es geht um einen übergewichtigen Topjournalisten, der sich in die Einsamkeit einer kleinen Berghütte in Südtirol zurück zieht. Der äußere Anlass ist ein Enthüllungsbuch seines Sohnes über ihn. Dabei kommt der Vater nicht gut weg und das kränkt ihn zutiefst.

In der Stille und Einsamkeit der Bergwelt und in Auseinandersetzung mit den wenigen Nachbarn, die er wegen des Dialektes kaum versteht, kommt seine tragische Familiengeschichte an die Oberfläche, mit welcher er sich im Getriebe seiner erfolgreichen Karriere kaum beschäftigt hatte.

Der Roman ist gut zu lesen und dafür, dass relativ wenig passiert, recht spannend geschrieben. Besonders gefallen haben mir die schnellen Wechsel zwischen den Beschreibungen der alltäglichen Begebenheiten in der einsamen Berghütte und der inneren Reflektion der Hauptperson. Da wird auch stilistisch etwas deutlich von der inneren Unruhe, die den Journalisten auch in der Stille noch umtreibt.

Allerdings hatte ich das ganze Buch hindurch nicht das Gefühl, dass die Hauptfigur eine reale Person sein könnte. Es scheint alles etwas konstruiert und übertrieben. Die Personen und die Geschichte wirkt auf mich nicht so richtig glaubwürdig. Vor allem das Ende, der große Showdown zwischen Vater und Sohn hat mich nicht überzeugt. Aber das ist ja das schöne an Literatur: anderen Lesern geht’s da vielleicht ganz anders…

Noch ein schönes Zitat, das mir wirklich gefallen hat: „Warum bin ich so erschöpft? Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend ist, allein zu sein? So laut.“ (S. 225) Klasse! Ja, diese Erfahrung wird wohl so mancher machen: dass in der äußeren Stille erst der innere Lärm so richtig an die Oberfläche kommt.

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Per Petterson: Pferde stehlen

So kitschig, wie der deutsche Titel dieses Buches klingt ist es nicht. Ich habe es ganz gern gelesen. Trotzdem war ich überrascht, als ich nach dem Lesen einige Rezensionen zu diesem Buch angeschaut habe: durchgängig positiv, viele sogar begeistert. Das hätte ich nicht erwartet.

Die Geschichte die erzählt wird, spielt sich auf zwei Zeitebenen ab. Der Rahmen ist der Bericht über den 67-jährigen Trond, der sich am Ende seines Lebens in die Einsamkeit Ostnorwegens zurück zieht. Sein neuer Nachbar ist Lars, den er einst in seiner Jugend gekannt hatte. Durch die Begegnung mit ihm wird ein Sommer vor gut 50 Jahren wieder lebendig, in welchem sich dramatische Dinge ereignet haben.

Trond verbrachte damals seine Ferien mit seinem geliebten Vater in einem ähnlich einsamen Dorf. Nach und nach stellt sich heraus, dass sein Vater dort wenige Jahre zuvor, während des Krieges, im Untergrund gegen die Nazi-Besatzung kämpfte. Er beförderte Nachrichten und Flüchtlinge ins benachbarte Schweden. Dabei half ihm die Mutter von Tronds bestem Freund. Am Ende dieses Sommers verlässt der Vater ohne große Erklärungen seine Frau und seine beiden Kinder für die Mutter von diesem Freund. Erst im Lauf der Zeit wird Trond so langsam klar, was in diesem Sommer alles passiert ist.

Im krassen Gegensatz zu den dramatischen Geschehnissen, die erzählt werden, ist das Buch von einer geradezu einlullenden Langsamkeit. Der Autor bauscht die Ereignisse nicht auf, sondern erzählt sie ganz nüchtern und scheinbar unbeteiligt. Aber gerade dadurch gibt er ihnen Gewicht. Das ganze Buch durchzieht eine eigentümliche Melancholie, die aber nie in Verzweiflung abdriftet.

Es geht auf der doppelten Zeitebene zum einen um das Erwachsenwerden und zum anderen um das Älterwerden. Es geht um Glücksmomente und Enttäuschungen. Es geht um die Sehnsucht nach Liebe, nach einem Gegenüber, nach Familie und um den Rückzug in die Einsamkeit.

Begeistert hat mich das Buch nicht. Nein. Aber der Autor hat mich durch seine Erzählweise doch hinein gezogen in diese Geschichte. Am Ende ging es mir, wie Trond selbst: eigentlich müsste man enttäuscht und wütend über diesen Vater sein, der einfach so seine Familie verlässt. Und doch liebt Trond seinen Vater noch immer und lässt das Unbegreifliche einfach stehen. Soll man jetzt lachen oder weinen, oder doch keins von beiden? Ein Schlüsselsatz in dem Roman ist: „Wir entscheiden schließlich selbst, wann es weh tut.“ Das sagt der Vater seinem Sohn Trond als er Brenneseln mit der bloßen Hand ausreißt. Das lernt der Sohn im Lauf seines Lebens selbst anzuwenden: zuerst auf körperliche Schmerzen, aber dann wohl auch auf die seelischen Wunden…

Viele andere Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass der Erzählstil und die ganze Geschichte die Landschaft Norwegens widerspiegeln. Ich denke da ist etwas dran: Herb, nüchtern und doch schön.

Henning Mankell: Die italienischen Schuhe

Ein alter, eigenbrötlerischer und schweigsamer Mann, der durch eine frühere Liebe aus der inneren Einsamkeit geholt wird. Der frühpnesionierte Arzt hat sich nach einem schweren beruflichen Fehler zurück gezogen auf eine einsame schwedische Insel. Sein einziger regelmäßiger Kontakt zur Außenwelt ist der Postbote. Er ist nicht gerade sympathisch und steckt voller innerer Probleme. Am lebendigsten fühlt er sich, wenn er den Schmerz fühlt, der ihn beim täglichen Baden im Eis überwältigt.

Diese fragile Ruhe seines Lebensabends wird aus dem Gleichgewicht gebracht, als eines Tages die ehemalige Liebe seines Lebens auftaucht. Er hat sie in jungen Jahren ohne offensichtlichen Grund und ohne Erklärungen verlassen – seitdem hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr. Diese Frau ist nun todkrank und taucht bei dem einsamen Eigenbrödler auf.

Eine schöne Geschichte, gut erzählt mit einer Hauptperson, die eigentlich ziemlich unsympathisch ist. Trotzdem kommt man dem alten Mann im Lauf des Buches näher, erahnt seine Angst vor Bindungen und hofft mit ihm, dass er aus seiner Einsamkeit und seinem Unfrieden (auch mit sich selbst) heraus findet. Gefallen hat mir v.a. die Figur des Postboten: ein neugieriger und hypochondrischer Mensch, den man trotz seiner aufdringlichen Art lieb gewinnt.

Insgesamt wirkt die Geschichte auf mich etwas konstruiert. Da werden viele ungewöhnliche und schwere Lebensschicksale in eine Geschichte zusammen gerührt. Mankell hat es offensichtlich darauf angelegt auf die Gefühlsdrüse zu drücken. Bei mir ist ihm das auch an manchen Stellen gelungen. Z.B. als die totkranke ehemalige Geliebte noch einmal ein Sommerfest feiern darf… Sehr gelungen diese Szene.

Psalm 68 – Den Einsamen nach Hause bringen

In diesem Psalm geht um den mächtigen und herrlichen Gott, den Wolkenreiter (so ursprünglich in V.5b), den König. Er ist stärker als alle anderen Götter, er vernichte alle gottlosen Feinde. Er ist heilig und erhaben und von allen Menschen zu loben und zu ehren.

Aber eine Formulierung, die in eine ganz andere Richtung geht, hat mich in diesem Psalm besonders angesprochen: „Ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt.“ (V.7) Inmitten all dieser kraftvollen und herrlichen Beschreibungen des königlichen Gottes leuchtet hier Gottes fürsorgliche und zärtliche Seite auf. Trotz, oder gerade in all seiner unbeschreiblichen Größe kümmert sich Gott um das kleine und verlorene.

Ich finde das eine wundervolle Formulierung: „den Einsamen nach Hause bringen“. Der Einsame, der verlassen ist, der allein ist, der niemand hat – ihn bringt Gott an den Ort, an dem er zu Hause sein kann, an dem er Frieden finden kann, an dem er Liebe und Geborgenheit finden kann. Schön!
Bibeltext