Johannes 10, 11-21 Kein friedliches Idyll

Das sind gewaltige Aussagen, die Jesus da macht. Und dennoch erreichen sie mich heute beim Lesen nicht so richtig. Jesus als der gute Hirte, in bewusster Anlehnung an Psalm 23 (dort wird Gott selbst als Hirte bezeichnet), das habe ich schon so oft gehört. Das ist doch selbstverständlich. Jesus als der gute Hirte, das ist inzwischen von jeder Menge Kitsch und heiler Welt überlagert. Ein freundlich lächelnder Jesus im strahlend weißen Gewand, umgeben von friedlichen Schafen, die natürlich auch alle strahlend weiß sind, und dazu noch eine süßes kleines Lamm auf dem Arm…

Aber stopp! In dem Text ist doch auch die Rede vom Wolf! In dem Text geht es doch um Leben und Tod! Hier wird keine friedliche Idylle beschrieben, sondern ein Überlebenskampf. Der Hirte riskiert und opfert sein Leben im Kampf gegen den Wolf, gegen das Böse. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern um eine bedrohte Welt, eine Welt voller Angst, Gefahr und Blut. Jesus lässt mich in der Dunkelheit, in der Gefahr und in meiner Angst nicht allein.

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Johannes 8, 12-20 Licht der Welt

Dafür dass Jesus Christus das Licht der Welt ist, tappen wir Christen doch ziemlich häufig im Dunkeln herum. Jesus sagt hier, dass seine Nachfolger nicht in der Finsternis wandeln werden, sondern das Licht des Lebens haben – aber wenn ich mein Leben so anschaue, dann gibt es da genügend Dinge die noch dunkel und unverständlich sind. Es ist als Christ nicht so dass mit Christus alles plötzlich hell und klar ist. Es ist nicht so dass gar keine Fragen und Unsicherheiten mehr da sind.

Aber bei dem Text muss man genau hinschauen, was Jesus eigentlich meint mit „Licht des Lebens“. Es geht hier eben nicht um das Licht der Erkenntnis, so dass uns als Nachfolger alle göttliche und menschliche Erkenntnis mit einem Schlag klar wird. Es geht um das Licht des Lebens. Wer zu Jesus gehört, der gehört auf die Seite des Lebens. Sein Ziel ist nicht die Dunkelheit, sondern das Licht und das Leben. Dabei werden nicht unbedingt alle Fragen beantwortet.

Es ist auch zu beachten, dass Jesus Christus selbst das Licht der Welt ist. Nicht wir haben das Licht als eigenen Besitz und können darüber nach Belieben verfügen. Jesus bleibt das Licht und nur wenn wir in seiner Nachfolge sind, bekommen wir einen Anteil daran. Jesus geht so weit, dass er auch von uns sagen kann: Ihr seid das Licht der Welt (Mt.5,14). Aber das sind wir nicht aus uns selbst heraus, sondern nur, wenn das Licht Jesu durch uns hindurch scheint.

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Johannes 6, 16-20 Im Sturm

In meinem Leben verläuft oberflächlich gesehen alles seinen ruhigen, gut bürgerlichen Gang. Da gibt es keine bedrohliche Finsternis, da gibt es keine großartigen Unwetter. Wir haben mehr als genug zu essen, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben genügend Geld um ein normales Leben zu führen, wir haben gesunde Kinder, … wir haben eigentlich keinen Grund zu klagen. Erleben wir deshalb so wenig mit Jesus, weil alles so mittelmäßig gut läuft und wir ihn im Alltag eigentlich gar nicht brauchen? Erleben Menschen, die tagtäglich mit Finsternis und Stürmen zu kämpfen haben öfters einen Jesus, der den Sturm beruhigt und sie sicher ans Ziel bringt?

Aber da gibt es doch bei mir und wahrscheinlich auch bei vielen anderen hinter der ruhigen Oberfläche doch auch Dunkelheiten und Stürme, mit denen ich zu kämpfen habe. Da gibt es genügend Dinge, die nicht in Ordnung sind oder die ich nicht verstehe. Da gibt es genügend Dinge, die mir den Lebensmut rauben und mir das Vertrauen auf Gott schwer machen. Sind diese Stürme Jesus nicht wichtig genug? Oder kann ich ihn in der Dunkelheit manchmal gar nicht erkennen? Oder will ich diese Dinge gar nicht als Stürme wahrnehmen und verdränge sie lieber?

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Exodus 12, 29-51 Eine Nacht des Wachens

Endlich gibt der Pharao nach. Es muss bis zum Äußersten kommen bis er einsieht, dass der Gott der Hebräer mächtiger ist, als seine Götter (und selbst diese Erkenntnis hält nicht lange vor…). Endlich lässt der Pharao das Volk Israel ohne Bedingungen ziehen.

Eine Formulierung ist mir in diesem Abschnitt besonders aufgefallen: „Eine Nacht des Wachens war dies für den Herrn, um sie aus Ägyptenland zu führen.“ (V.42) Damit ist wohl nicht gemeint, dass Gott aus lauter Angst und Sorge nicht schlafen konnte, sondern dass er so etwas wie eine Nachtwache gehalten hat. Er hat in besonderer Weise über sein Volk gewacht, hat es beschützt, hat es vor Gefahren bewahrt.

Mich erinnert das auch an die Nacht des Wachens, die Jesus vor seinem Kreuzestod durchgemacht hat. Er hat gewacht und gebetet, um bereit dafür zu sein, uns zu beschützen, unseren Tod auf sich selbst zu nehmen. Ein tröstlicher Gedanke: Wenn es um und in uns dunkel wird, dann wacht Gott in besonderer Weise über uns.

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Jeremia 20 Biblischer Realismus

Ähnlich wie in Jer. 15,10-21 wird in diesem Kapitel das Leiden und die Verzweiflung des Jeremia deutlich. Er leidet an seiner schweren Aufgabe, er leidet darunter, dass er Gericht ankündigt, dass keiner ihn hören will und dass Gott das, was Jeremia immer wieder androht, scheinbar nicht vollzieht. Er leidet körperliche Schmerzen, die ihm andere zufügen, aber viel schlimmer sind die psychischen Schmerzen: Er wird wie ein Ausgestoßener und Volksfeind behandelt. Er ist so verzweifelt, dass er sich wünscht, nie geboren worden zu sein, dass er den Tag seiner Geburt verflucht.

Nun gibt es in der Bibel genügend Aussagen, die uns zur Freude, Dankbarkeit, Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen in Gott auffordern. Es gibt genügend Verheißungen in dieser Art: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes. 40,1) Und es gibt genügend Christen, die anderen in Notzeiten mit einem seligen Lächeln im Gesicht sagen: „Freue dich in dem Herrn allezeit und sei dankbar für alles!“

Das ist ja alles gut und richtig. Aber selbst bei einem solch großen Propheten wie Jeremia, der ein Leben voller Hingabe an Gott und voller Hingabe an seinen Auftrag lebt, gibt es Situationen, in denen auch ihm das Vertrauen und die Hoffnung schwindet.

Mir tut es gut, dass die Bibel hier nicht verschämt schweigt über diese dunkle Stunde des Jeremia. Ich erlebe es zur Zeit nicht so. Ich weiß mich getragen, bin voller Hoffnung und Vertrauen auf Gott. Aber diese Stelle zeigt mir, dass dieses Vertrauen ein großes Geschenk ist. Ich weiß: Es kann auch anders kommen. Es können auch bei mir Zeiten der Verzweiflung und Dunkelheit kommen.

Aber Jeremia macht mir auch deutlich: Selbst da lässt Gott nicht los. Selbst da fängt Gott einen auf – auch wenn wir das nicht merken. Wichtig ist bei Jeremia, dass er sich in seiner Verzweiflung nicht von Gott abwendet, sondern dass er weiß: er darf mit seiner Verzweiflung zu Gott kommen, er muss vor Gott nicht so tun als ob alles in Ordnung wäre, als ob er voller Freude und Zuversicht sei. Er darf ganz realistisch und nüchtern mit seiner Verzweiflung zu Gott kommen.
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Psalm 130 – Aus der Tiefe

Dieser Psalm wird in der Tradition als der sechste Bußpsalm gesehen. Es geht um Buße, Umkehr und Vergebung. Mich beschäftigt bei diesem Psalm im Moment v.a. der Anfang: “Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.” Der Beter ist irgendwo ganz unten, in der Tiefe, in der Dunkelheit, in der Verzweiflung. Im AT ist damit auch oft die Todesnähe ausgedrückt. Es belasten ihn wohl nicht nur irgendwelche äußeren Nöte und Feinde, sondern v.a. seine eigene Sünde. In V.3 und 4 spricht er von Sünde und Vergebung. In V.5 und 6 verdeutlicht er seine Situation mit dem Bild eines Wächters, der auf den Morgen wartet. Seine Seele befindet sich wie in einer dunklen Nacht und sie wartet sehnsüchtig darauf, dass die Sonne (der Gnade und der Erlösung von den Sünden; V.7.8) aufgeht.

Ich frage mich, ob ich nicht manchmal dieser Tiefe und Dunkelheit von vornherein ausweiche. Erlebe ich es, dass mich meine Sünde in die Tiefe drückt und nehme ich die Finsternis meiner Sünde überhaupt noch wahr? Oder brauch ich mich von der Sünde gar nicht runter ziehen lassen, weil in Jesus ja doch alles vergeben ist? Wie ist das mit der Sünde: Bin ich als Christ nicht grundsätzlich davon befreit und brauch mich davon gar nicht mehr in die Tiefe führen lassen? Oder muss ich auch als Christ immer wieder schmerzhaft feststellen, dass noch so vieles im Argen liegt und dass ich immer wieder neu auf Gottes Vergebung angewiesen bin?

In unsrem Umgang mit Sünde gibt es wohl zwei Gefahren: Die Verharmlosung (”halb so schlimm, Jesus vergibt doch gern!”) und die Übertreibung (”ich bin so ein böser, verlorener Mensch, dass selbst Gottes Vergebung nicht wirklich rein machen kann”). Das eine führt zur Oberflächlichkeit und Kraftlosigkeit, das andere zur Depression und Mutlosigkeit. Ich bemerke bei mir selbst eine seltsame Mixtur aus beidem: Einerseits weiche ich meiner Sünde ganz gerne aus, will sie gar nicht richtig wahrnehmen, mich ihr gar nicht richtig stellen und habe Angst vor dieser “Tiefe”. Und auf der anderen Seite lasse ich mich manchmal resignierend in die “Tiefe” fallen und rechne gar nicht wirklich damit, dass Gott mich da wieder raus ziehen kann.
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Psalm 97 – Gottes Herrlichkeit

Eine Aussage bewegt mich bei diesem Psalm besonders: „Wolken und Dunkel sind um ihn her.“ (V.2) Es geht um Gott, der als herrlicher und mächtiger König der Welt beschrieben wird. Er herrscht in Gerechtigkeit und das ist kein Grund zur Angst, sondern zur Freude. Warum wird Gott nun nach diesem Psalm von Wolken und Dunkel umgeben? Vielleicht weil wir seine Herrlichkeit in ihrer vollen Größe gar nicht ertragen könnten. Gott muss sein absolut reines Strahlen einhüllen und verbergen, weil er uns sonst mit seiner Herrlichkeit alle plattwalzen würde. Er ist so genial großartig und leuchtend, dass wir – zumindest in unserem irdischen Leib – alle zu Asche werden würden, wenn wir ihn sehen könnten. Wenn uns schon ein lächerlicher und kleiner Blitz umhauen kann, wie viel mehr dann das kraftvolle Strahlen seiner Herrlichkeit?

Deswegen bleibt für uns in unserer irdischen Welt Gott immer auch etwas rätselhaftes und geheimnisvolles. Manchmal sehen wir nur das Dunkel und die Wolken, die ihn umgeben. Manchmal können wir gar nicht glauben, dass hinter diesen Wolken sein Licht scheint. Aber oft genug dringt ein kleiner Lichtschein durch das Dunkel in unserer Welt und wir bekommen eine kleine Ahnung von seiner Herrlichkeit.

Natürlich fällt mir zu dieser Stelle Joh. 1,14 ein: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Also können wir doch Gottes Herrlichkeit sehen?!? In Christus begegnet uns doch Gott in seiner Herrlichkeit! Ja und Nein: Ja, in Christus ist Gottes Herrlichkeit auf dieser Welt erschienen. Nein: Denn auch hier ist die Herrlichkeit eingehüllt und verborgen – und zwar nicht in Wolken oder Dunkelheit, sondern wie Johannes so schön sagt: im Fleisch.

Gottes Herrlichkeit umgibt sich mit einer unscheinbaren und vergänglichen Hülle, um uns nahe zu kommen. Er kommt uns in Christus auf eine Weise nahe, in der wir es ertragen können. Aber eben auch in einer Weise, in der seine Herrlichkeit nicht für jeden gleich offensichtlich und erkennbar ist. Durch Christus hindurch dringt ein kleiner Lichtschein in das Dunkel unserer Welt und wir bekommen eine kleine Ahnung von seiner Herrlichkeit.
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Psalm 59 – Errette mich, mein Gott

Wenn man die Psalmen so am Stück durchliest, dann stellt man fest, dass bestimmte Motive und Zusammenhänge immer wieder auftauchen. Ein Thema das sehr oft auftaucht sind die Feinde. Ich hab bei anderen Psalmen schon einiges dazu geschrieben. Ich möchte heute diesen Psalm einmal auf einer anderen Ebene lesen. David spricht hier ganz wörtlich von menschlichen Feinden. Wenn ich bei mir selbst an Feinde denke, dann sind das eher schlechte Gedanken und Angewohnheiten, die mich fertig machen wollen und die mich von Gott weg ziehen möchten.

Errette mich, mein Gott, vor der Dunkelheit in mir
und schütze mich vor unnützen Seelenqualen.
Errette mich von schlechten Angewohnheiten
und hilf mir vor zerstörerischen Gedanken.
Denn siehe, Herr, sie lauern mir auf;
Sie sammeln sich in meinem Kopf,
obwohl ich das eigentlich gar nicht will.
Erwache, komm herbei und sieh darein!
Du, Herr, Gott Zebaoth, mein Gott,
wache auf und vernichte das Böse in mir.
Ich aber will von deiner Macht singen
und des Morgens rühmen deine Güte;
denn du bist mir Schutz und Zuflucht in meiner Not.
Meine Stärke, dir will ich lobsingen;
denn Gott ist mein Schutz, mein gnädiger Gott.“
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Psalm 36 – Keine Lobpreisschnulze

Die Verse 6-10 sind sehr bekannt und viel zitiert. Wunderschöne poetische Verse über Gottes Güte („Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,… ). Viele dieser Verse werden gerne in Lobpreisliedern aufgegriffen. Aber nur diese Verse. Sehr interessant ist jedoch auch der Zusammenhang, in dem diese idyllischen und traumhaften Bilder und Vergleiche stehen: Am Anfang und am Ende des Psalmes geht es um stolze und gottlose Menschen, die absolut kein Interesse an Gottes Güte und Wahrheit haben. Der Beter bittet Gott, dass diese Leute ihn nicht „niedertreten“ (so die Gute Nachricht in V. 12).

Manche Ausleger vermuten, dass dieser Psalm das Gebet eines Verfolgten ist, der im Heiligtum Schutz gefunden hat (vgl. V.12 und V.8). Das war in damaliger Zeit so, dass unschuldig Verfolgte in den Tempel fliehen konnten und dort unter dem Schutz Gottes standen – niemand durfte ihnen etwas antun. Da der Psalm aber recht allgemein redet, kann aber auch rein bildlich die Zuflucht bei Gott gemeint sein. Wie auch immer: Diese tollen Verse sind auf dem Hintergrund von eher schwierigen Erfahrungen entstanden.

Das ist gerade die Kunst der Psalmgebete, die Kunst des echten Lob Gottes: dass die schwierigen Erfahrungen nicht ausgeblendet oder verharmlost werden und man nur seichten und schnulzigen Wohlfühllobpreis singt, sondern dass wir durch die dunklen Täler hindurch gehen und dabei auf Gott schauen. Daraus entsteht tiefes und ehrliches Lob der Güte Gottes. Dann können wir eher verstehen, was es wirklich heißt, dass „Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben“ (V.8)
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