Johannes 6, 35-40 Hunger und Durst nach Leben

Jesus sagt uns hier dass jeder, der zu ihm kommt und an ihn glaubt, nie wieder hungern und dürsten wird (V.35). Eine tolle Verheißung – aber ich glaube an Jesus Christus und habe trotzdem noch einen unbändigen Hunger und Durst nach Leben. Mir ist dazu das bekannte Gedicht „Wer bin ich?“ von Bonhoeffer eingefallen. Im zweiten Teil heißt es hier:

„Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?“

Bonhoeffer war ein Mensch, der wie kaum ein anderer mit allen Fasern seines Lebens auf Jesus Christus vertraut hat. Und auf andere hat er selbst in seiner Zelle noch wie ein gelassener und würdevoller König gewirkt (so schreibt er im ersten Teil dieses Gedichtes). Und trotzdem hat er sich selbst als unruhig, hungernd und dürstend empfunden. Wenn Jesus uns sagt, dass wir als Glaubende keinen Hunger und Durst mehr haben werden, dann meint er damit nicht, dass all unsere menschlichen Bedürfnisse plötzlich gestillt sind oder keine Rolle mehr spielen. Es geht um den Hunger und Durst nach ewigem Leben, um die Gewissheit von Gott in Ewigkeit gehalten zu sein. Genau in diesem Sinn schließt Bonhoeffer sein Gedicht mit den Worten: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

| Bibeltext |

Peter Rollins: How (not) to speak of God

Rollins: How to (not) speak of GodPeter Rollins ist in Belfast geboren und aufgewachsen. Seine frühen Glaubenserfahrungen waren charismatisch geprägt. Am der Queen’s University von Belfast studierte er Philosophie, seinen Master machte er auf dem Gebiet der politischen Theorie und für seinen Doktor beschäftigte er sich mit poststrukturellem Denken. Wie so viele aus der Bewegung der „emerging church“ arbeitet er kritisch seine charismatisch-evangelikalen Wurzeln aus postmoderner Perspektive auf.

„How to (not) speak of God“ ist sein erstes Buch. Es ist im Jahr 2006 erschienen. Das Vorwort schreibt eine Gallionsfigur der ermergenten Bewegung: Brian McLaren. Rollins unterteilt sein Buch in zwei Teile. Im ersten Teil entfaltet er theoretische Grundlagen und im zweiten Teil wird gezeigt, wie das praktisch dann in Gottesdiensten aussehen kann.

Sein Grundgedanke ist eine Paradoxie: Zum einen stellt er fest, dass wir als Menschen gar nicht angemessen von Gott reden können, weil er der völlig Andere ist. Zugleich hält er fest, dass Gott das eine Subjekt ist, von dem und zu dem wir nicht aufhören dürfen zu reden. Deswegen auch der Doppeltitel: von Gott reden, obwohl wir es eigentlich nicht können.

Gegenüber einem Evangelikalismus, der glaubt man könne sehr deutliche Aussagen darüber machen, wer Gott ist und an welche theologischen Doktrine wir glauben müssen, betont Rollins die Andersartigkeit Gottes. Gott ist größer als unser menschliches Denken, wir können ihn immer nur bruchstückhaft und auf dem Hintergrund unserer kulturellen Prägung erahnen. Er bleibt ein Mysterium. Gegenüber einem liberalem Relativismus hält er daran fest, dass Gott als das Absolute existiert und dass wir mit unserem Reden und Denken diesem Mysterium näher kommen können. Allerdings wird nach meinem Empfinden die Argumentation gegen ein evangelikales Besserwissen stärker betont als die Vorbehalte gegen einen postmodernen Relativismus.

Für Rollins geht es nicht darum, den „richtigen Glauben“ zu haben (d.h. die an die richtigen dogmatischen Erkenntnisse zu glauben), sondern darum auf „richtige Weise zu glauben“ (d.h. den Glauben richtig zu leben). Im Bild ausgedrückt: Wichtig ist nicht, dass ein Baby intellektuell erfassen kann, wer seine Mutter ist, sondern dass es spürt, wie es von ihr gehalten wird. Die Wahrheit des christlichen Glaubens können wir nicht beschreiben, sondern nur erfahren. Es geht nicht darum, dass jeder die Wahrheit auf dieselbe Weise interpretiert, sondern dass wir alle die Wahrheit lieben und von ihr verändert werden.

Wenn wir meinen, Gott mit unseren theologischen Erkenntnissen in der Hand zu haben, dann wir unser Verständnis von Gott zu einem Götzen. Wir verehren nicht mehr Gott selbst, sondern unser Gottesbild. Wir können deshalb nicht von Gott an sich reden, sondern nur von unserem Verständnis von Gott. Schon die Bibel lehnt es deshalb ab, sich ein Bild von Gott zu machen. Gott kann nicht in Bildern – auch nicht in theologisch-intellektuellen Gottesbildern – erfasst werden.

Trotzdem ist für ihn der Inhalt dieses Gottesbildes nicht völlig beliebig. Rollins vergleicht es mit einem Kunstwerk. Bei einem Kunstwerk gibt es nicht die eine, all für allemal richtige und ewig gültige Interpretation. Jeder Betrachter kann etwas anderes in dem Kunstwerk entdecken. Die Interpretation eines jeden ist geprägt von seinen Erfahrungen, seiner Persönlichkeit, seiner Kultur und vielen anderen Dingen. Aber zugleich gibt es Interpretationen, die eindeutig der Absicht eines Kunstwerkes widersprechen können. Ein harmonisches, friedvolles Bild kann man z.B. nicht als Aufforderung zur Gewalt interpretieren. Es gibt also Grenzen der legitimen Interpretation.

Im zweiten Teil werden 10 „Veranstaltungen“ der „Ikon-Community“ dargestellt. Diese gottesdienstliche Events fanden tatsächlich in einem kleinen Pup in Nordirland statt. Auf kreative Art und Weise werden dort traditionelle Gottes- und Glaubensvorstellungen hinterfragt und die Teilnehmer zum Nachdenken und Diskutieren über Gott angeregt.

Rollins bezieht sich theologisch auf Karl Barth, der ja auch immer wieder die Andersartigkeit Gottes betont. Aber Barth zieht daraus andere Konsequenzen: Er lässt Gott nicht als dunkles Mysterium stehen, sondern schreibt in seiner Kirchlichen Dogmatik tausende von Seiten, wie er sich Gott vorstellt.

Ein anderer theologischer Anknüpfungspunkt sind für Rollins einige Gedanken von Bonhoeffer zu einem „religionslosen Christentum“. Rollins sieht seine Ausführungen als Fortführung dieser bruchstückhaften Ansätze. Das ist interessant, denn auch Bonhoeffer hat im Grunde eine postmoderne Erfahrung gemacht: alte Gewissheiten, wie seine gutbürgerliche Staatstreue, die Kirche als Organisation oder überhaupt das Christentum als Religion, sind für ihn angesichts des dritten Reiches und des Krieges zerbrochen. Auch seine eigene Identität hat er in der Gefangenschaft hinterfragt (im Gedicht „Wer bin ich?“) und er sieht sich am Ende nur gehalten von der Erfahrung, dass er in allen Fragen von Gott gehalten ist („Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“) Aber es ist müßig, darüber zu spekulieren, in welche Richtung sich Bonhoeffer weiterentwickelt hätte. Er wird ja heute von allen möglichen Richtungen (von liberal bis evangelikal) gerne vereinnahmt. Ich glaube, er war ein solch radikaler und eigenständiger theologischer Denker, dass er seinen ganz eigenen Weg gegangen wäre.

Was nehme ich für mich aus diesem Buch mit? Bei mir bleiben gemischte Gefühle und Gedanken zurück. Zunächst einmal ist Rollins ein scharfer Denker, der sich mit dem Thema Postmoderne auskennt und seine Gedanken dann auch noch interessant, anschaulich und mit überraschenden Sprachschöpfungen darstellen kann. Er arbeitet viel mit Bildern und Parabeln. Er schreibt engagiert und herausfordernd.

In seiner kritischen Analyse unserer selbstgemachten Gottesbilder stimme ich ihm zu. Er weist zurecht auf die Gefahr hin, dass wir unser eigenes Gottesbild zur Wahrheit selbst umfunktionieren. Die Dekonstruktion, das Auseinandernehmen von traditionellen Vorstellungen gelingt ihm sehr gut.

Allerdings bleibt für mich das, was er an die nun entstandene Leerstelle stellt, schwammig. Das ist wahrscheinlich gewollt, weil wir ja keine absoluten Aussagen machen können. Es bleibt ein bisschen Nächstenliebe, Toleranz und Mysterium. Es bleibt am Ende mehr Form als Inhalt. Auch die zehn Gottesdienste fand ich spannend, interessant und herausfordernd. Aber wenn ich mir vorstelle, nur noch so Gottesdienst zu feiern und ständig nur alles in Frage zu stellen, dann fände ich das ziemlich deprimierend.

Gegen alle postmoderne Skepsis müssen wir doch festhalten, dass der Sohn Gottes Fleisch geworden ist. Er hat sich greifbar und erlebbar gemacht. In Jesus Christus ist der ganz andere Gott, den wir nie völlig verstehen und begreifen können, in Fleisch und Blut sichtbar geworden. Er hat uns Menschen sein Gottesbild sehen lassen. Natürlich haben wir auch in Jesus Christus die Wahrheit nicht als Besitz. Aber auch in der Postmoderne müssen wir überlegen, welche Interpretation angemessen ist und wo Grenzen überschritten sind, die Gottes Offenbarung in Jesus Christus widersprechen. Klar: die Form in der wir glauben und Theologie betreiben ist wichtig („beliefing the right way“) – aber darüber den Inhalt („right belief“) völlig aus den Augen zu verlieren ist keine Lösung.

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Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen

Wind: Dem Rad in die Speichen fallenEine kompakte, informative und gut lesbare Biographie über Dietrich Bonhoeffer. Mir hat diese Biographie sehr gut gefallen. Sie umfasst Bonhoeffers ganzes Leben und beschränkt sich in der Kürze auf die wichtigsten Informationen und Stationen. Trotzdem ist das Buch gut lesbar und spannend. Für einen ersten Einblick und Überblick über Bonhoeffers Leben ist das Buch sehr gut geeignet.

Während der Theologe Bonhoeffer nicht so ausführlich dargestellt wird, kommt der Mensch stärker zur Geltung. Gerade die innere Zerrissenheit und Entwicklung aus dem bürgerlichen Milieu hin zu einem Widerstandskämpfer gegen den Staat und die Nazis fand ich eindrücklich hervor gearbeitet. Es ist ja alles andere als selbstverständlich, dass aus einem pflichtbewussten und privilegierten Staatsbürger ein Umstürzler wird.

Neu deutlich wurde mir auch die Vielschichtigkeit der Bekennenden Kirche. Es gab gegenüber dem zunehmend nationalsozialistischen Staat und der Reichskirche keinen einheitlichen Kurs, sondern durchaus verschiedene Meinungen wie stark man sich abgrenzen soll und welche Kompromisse man eingehen kann. Bonhoeffer gehörte auch unter der Bekennenden Kirche zu den Radikalen und ging in seinem Widerstand viel weiter als manch andere Vertreter der Bekennenden Kirche.

Bonhoeffer ist und bleibt – gerade in seiner inneren Zerrissenheit und Vielschichtigkeit – eine beeindruckende Persönlichkeit.

(Amazon-Link: Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen: Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer)

Mary Glazener: Der Kelch des Zorns

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte. Wir alle haben schon von Dietrich Bonhoeffer gehört, jeder Schüler begegnet ihm im Religions- oder Konfirmandenunterricht. Aber die trockenen Eckdaten seines Lebens können nicht ersetzen, was uns die Autorin hier auf gut fünfhundert Seiten eindrucksvoll ausbreitet.

Das Buch erzählt die letzten gut zehn Jahre im Leben des Dietrich Bonhoeffer in Romanform. Es ist ein packender Bericht über die Kämpfe Bonhoeffers: mit seiner Kirche, mit den politischen Geschehnissen, aber auch mit sich selbst und mit Gott. Es ist keine trockene Biographie, sondern eine dramatische Nacherzählung der Geschehnisse. Soweit ich es beurteilen kann, ist es trotzdem gut und zuverlässig recherchiert.

Der Roman ist sprachlich gesehen keine Besonderheit, aber er erzählt spannend und mit fesselnder Dramaturgie aus dem Leben Bonhoeffers. Ohnehin gewinnt der Roman aus seinem Gegenstand seine besondere Kraft. Es ist einfach immer wieder beeindruckend und für uns lasche Christen heute oft beschämend, mit welcher Kraft und Hingabe Bonhoeffer seinen Glauben gelebt hat. Natürlich war auch er nur ein Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er wäre der letzte, der sich gerne als makelloser Heiliger verehren ließe. Aber gerade in seiner Schwachheit beeindruckt die Konsequenz seiner Nachfolge.

Ich habe auch den Film über Bonhoeffer gesehen, in welchem auch seine letzten Lebensjahre beschrieben werden. Im Buch wird naturgemäß alles breiter und deutlicher erzählt. Auch das Innenleben Bonhoeffens wird deutlicher. Was mir im Vergleich zum Film besonders aufgefallen ist: wie tief Bonhoeffer auch aktiv in die Widerstandsbewegung verwickelt war. Bonhoeffer war nicht nur am Rand des politischen Widerstandes, sondern gehörte zum innersten Zirkel. Das ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet ein lutherischer Theologe, der sich von seinem Hintergrund her bequem aus dem Reich des Staates heraus halten hätte können und sich stattdessen auf die geistlichen Dinge, auf das Reich der Kirche hätte konzentrieren können, dass ausgerechnet solch ein Theologe sich so tief in die Niederungen der Politik herab gelassen hat! Aber Bonhoeffer hat als einer der wenigen in der damaligen Kirche ganz klar erkannt, dass sich Glaube nicht auf schöne und beschwichtigende Worte beschränkt, sondern dass Glaube auch der Mut zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt beinhaltet.

Auch das wird in dem Roman schön deutlich: Er hätte sicher einen bequemen Ausweg finden können. Er hätte den Krieg überleben können und er hätte sicher noch bis heute bedeutsame theologische Arbeit leisten können. Aber es war für ihn eine Gewissensfrage: er sah seinen Platz in Deutschland, um dort selbst gegen den Unrechtsstaat kämpfen zu können. Was hat er und seine Familie alles ertragen müssen, wegen dieser mutigen Entscheidung!

Eine Begebenheit, welche im Roman erzählt wird und welche nichts mit Politik zu tun hatte, hat mich besonders beeindruckt. In seinem Predigerseminar hat Bonhoeffer die Wichtigkeit der persönlichen Beichte hervorgehoben. Als Lutheraner der damaligen Zeit hatten weder er noch seine Schüler praktische Erfahrungen mit der Beichte. Aber aus seiner Beschäftigung mit der Schrift ist Bonhoeffer klar geworden, dass es wichtig ist, seine Sünden nicht nur Gott zu beichten, sondern auch konkret einem Bruder. Das hat er dann auch konkret von seinen Seminaristen gefordert. Das erstaunliche war, dass auch er selbst die Beichte erst einüben musste. Und zwar nicht bei einem älteren und erfahrenen Geistlichen, sondern er hat sich seinen Schüler Eberhard Bethge als „Beichtvater“ heraus gesucht. Er hat ihm nicht nur einige oberflächliche Sünden erzählt, sondern ihm von seinen inneren Kämpfen und Nöten erzählt. Ein Theologieprofessor beichtet seinem Schüler! Einem Schüler, dem er auch danach täglich begegnet ist und der einer seiner besten Freunde wurde. Wie viel Demut gehört zu solch einer Handlung! Diese kleine Begebenheit zeigt, wie ernst Bonhoeffer nicht nur über die Nachfolge gelehrt und geschrieben hat, sondern sie auch selbst praktiziert hat.

Wer meint, er hat in seinem Leben und Glauben mit schwierigen Problemen zu kämpfen, wer meint, er verstehe Gottes Wege nicht, wer meint, dass Gott oder die Umstände sein Leben besonders schwer machen, der sollte dieses Buch lesen – das wird einiges zurecht rücken. Und alle anderen sollten es auch lesen, um aus einem selbstzentrierten und bequemen Christsein aufgerüttelt zu werden.

(Amazon-Link: Glazener: Der Kelch des Zorns)

Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben

Bonhoeffer zu lesen ist immer wieder faszinierend und herausfordernd. So auch dieses Büchlein über das gemeinsame Leben von Christen. Bonhoeffer hat die ca. 100 Seiten im Herbst 1938 geschrieben. Das Predigerseminar in Finkenwalde, welches er geleitet hatte, wurde 1937 von den Nazis geschlossen. Dort hatte er mit den angehenden Pfarrern ganz konkret gemeinsames Leben gestaltet. In dem Buch möchte Bonhoeffer seine Gedanken und Erfahrungen nun auf andere Weise weitergeben.

Im ersten Kapitel geht es allgemein um christliche Gemeinschaft. Bonhoeffer betont die Wichtigkeit von Gemeinschaft und dass es gar nicht selbstverständlich ist, dass wir Christen Gemeinschaft leben können. Gemeinschaft ist vor allem anderen ein Geschenk. Zwei Grundgedanken des Kapitels sind folgende: „Erstens, christliche Bruderschaft ist kein Ideal, sondern eine göttliche Wirklichkeit. Zweitens, christliche Bruderschaft ist eine pneumatische und nicht eine psychische Wirklichkeit.“ (S. 22) Gemeinschaft ist kein Ideal, das wir durch unsere Bemühungen erreichen müssen, sondern es ist von Gott vorgegebene Realität: wer zu Christus gehört, der gehört damit zum Leib Christi und ist damit automatisch Teil der christlichen Gemeinschaft (ob er es will oder nicht). Wichtig ist aber, dass diese Gemeinschaft nicht auf menschlichen Möglichkeiten (Sympathie, Zuneigung, Gefühlen, …) beruht, sondern es ist eine geistliche Realität: Grundlage ist allein die Zugehörigkeit zu Christus und gestaltet wird diese Gemeinschaft, wenn wir lernen, den anderen mit den Augen Christi zu sehen (als einen Menschen mit Fehlern, Schwächen und Sünden, der aber von Gott geliebt ist und Vergebung erfahren darf).

Das zweite Kapitel heißt „Der gemeinsame Tag“. Dort macht Bonhoeffer konkrete Vorschläge, wie eine regelmäßige gemeinsame Andacht einer Hausgemeinschaft aussehen sollte. Auf jeden Fall gehören für ihn Schriftlesung, Lied und Gebet dazu. Beim Gebet ist Bonhoeffer das gemeinsame Gebet des Psalters besonders wichtig: „Der Psalter ist die große Schule des Betens überhaupt.“ (S. 40) Bei der Schriftlesung spricht er sich für eine fortlaufende Lesung von Bibelbüchern aus, so dass man die Schrift in größeren Zusammenhängen kennenlernt. Ziel ist es, dass jeder Christ lernt, selbstständig mit der Schrift umzugehen. Das gemeinsame Singen steht ganz im Dienste des Wortes Gottes und dient der Einordnung in die Gemeinschaft. Aus beiden Gründen soll es daher einstimmig erfolgen. Interessant ist bei Bonhoeffer auch, dass die Tischgemeinschaft ein wichtiger Aspekt des gemeinsamen Tages ist.

Das dritte Kapitel behandelt den einsamen Tag. Programmatisch sagt der Autor dazu: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor Gemeinschaft.“ (S. 65) Es gilt aber auch umgekehrt, man nur allein sein kann, wenn man in der Gemeinschaft steht. Herausfordernd fand ich v.a. die Gedanken zur persönlichen Meditationszeit (von vielen heute als „stille Zeit“ bezeichnet). Sehr nüchtern wehrt sich Bonhoeffer hier gegen alle Verklärungen. Es geht hier nicht um besondere geistliche Erlebnisse, sondern um treue Schriftbetrachtung, Gebet und Fürbitte. Es fallen Sätze wie: „Wenn uns die Meditation lange Zeit nichts anderes bedeutete als dies eine, dass wir Gott einen schuldigen Dienst leisten, so wäre das genug.“ (S. 69) Also selbst wenn ich das Gefühl habe es bringt mir gar nichts, soll ich treu weiter machen! In der Fürbitte für die anderen in der Gemeinschaft sieht Bonhoeffer „das Herz alles christlichen Zusammenlebens“ (S. 73). Ohne Fürbitte geht die Gemeinschaft zugrunde, in der Fürbitte können alle persönlichen Spannungen überwunden werden!

Im vierten Kapitel geht es um den Dienst. Auch hier steht zu Beginn eine nüchterne Beobachtung: in jeder Art von Gemeinschaft kommt es früher oder später dazu, dass sich die Menschen gegenseitig beobachten, beurteilen und versuchen einzuordnen (diese Herstellen einer Hackordnung kann unbewusst geschehen und dabei auch sehr fromm aussehen). Dem setzt Bonhoeffer das Dienen gegenüber. Wir sollen nicht über den Anderen richten, sondern ihm dienen. Und zwar nicht nur in oberflächlichen Kleinigkeiten, sondern ganz radikal: Ein Christ „wird bereit sein, den Willen des Nächsten für wichtiger und dringlicher zu halten als den eigenen.“ (S. 81) Besonders gefallen, oder besser gesagt: aufgeschreckt, hat mich folgender Satz: „Die Sünde der Empfindlichkeit, die in der Gemeinschaft so rasch aufblüht, zeigt immer wieder, wieviel falsche Ehrsucht und das heißt doch, wieviel Unglaube noch in der Gemeinschaft lebt.“ (S. 81) Die Sünde der Empfindlichkeit! Oh ja, wie gut kenne ich diese Sünde von anderen, aber auch von mir selbst! Konkret wird der Dienst am Anderen im Zuhören, in der praktischen Hilfsbereitschaft, im Tragen (und Erleiden) des Anderen und im Zuspruch des rechten Wortes zur rechten Zeit (das wir nur sagen können, wenn wir selbst auch harte Vorwürfe und Ermahnungen demütig und dankbar annehmen).

Das abschließende Kapitel behandelt die Beichte und das Abendmahl. Eindrücklich zeigt Bonhoeffer auf, welchen Schatz wir evangelischen Christen verloren haben, indem wir die Beichte gegenüber einem anderen Mitchristen ganz aus unserem praktischen Glaubensleben verbannt haben. Für Bonhoeffer geschieht gerade in der Beichte der Durchbruch zu echter Gemeinschaft und auch der Durchbruch zum Kreuz. Es geht hier um mehr als um psychologisch geschultes Zuhören: „Vor dem Psychologen darf ich nur krank sein, vor dem christlichen Bruder darf ich Sünder sein.“ (S. 100) Gegen alle christliche Heuchelei und Schönfärberei geht es in der Beichte wirklich ans Eingemachte!

Vieles in dem Buch klingt für heutige Ohren sehr extrem und erinnert an einen vergangenen Frömmigkeitsstil. Man darf bei der Lektüre sicher auch nicht die geschichtlichen Hintergründe vergessen, in denen Bonhoeffer eine Zuspitzung der biblischen Botschaft wichtig war. Auch schimmert immer wieder der lutherische Hintergrund des Autors durch. Aber trotzdem und gerade in diesen Zuspitzungen ist das Buch absolut lesenswert. Nicht nur im Bezug auf gemeinsames christliches Leben, sondern auch für den Einzelnen stecken hier genügend Herausforderungen drin! Auch in unserer heutigen Zeit wirkt Bonhoeffers Buch sehr kraftvoll, aktuell und frisch. Ich mag Bonhoeffers Klarheit und Konsequenz. Ich mag auch seine Nüchternheit, die doch niemals trocken und farblos wird.

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Bonhoeffer: Nachfolge (23) – Das Bild Christi

Das Abschlusskapitel von Bonhoeffers Nachfolge. Noch einmal nimmt Bonhoeffer das Ganze in den Blick und fragt, was die Bestimmung, das Ziel des Nachfolgers ist: „Es ist die unfaßlich große Verheißung, die denen gegeben ist, die vom Ruf in die Nachfolge Jesu Christi getroffen wurden, daß sie Christus gleich werden sollen […] Das ist die letzte Bestimmung des Jüngers, daß er werden soll, ‚wie Christus‘.“ (S.297) Auffällig auch hier noch einmal der Ausgangspunkt: wir werden vom Ruf in die Nachfolge getroffen. Es ist nicht etwas, das von uns ausgeht, sondern Wesentlich ist der Ruf Jesu.

Bonhoeffer nimmt im Zusammenhang mit dem Bild Christi die Schöpfungsgeschichte auf: Das ist die Bestimmung des Menschen von Anfang an, „daß er Geschöpf ist und doch dem Schöpfer gleich sein soll“ (S.297). Er ist zu Gottes Ebenbild erschaffen. Jesus Christus ist gekommen, dieses verlorene Bild Gottes wiederherzustellen. „Niemand findet das verlorene Ebenbild Gottes wieder, es sei denn, daß er teilgewinnt an der Gestalt des menschgewordenen und gekreuzigten Jesus Christus.“ (S.300)

Diese Wiederherstellung geschieht auf dreifache Weise: Christus hat erstens Menschengestalt angenommen. Damit gibt er der ganzen „Menschheit die Würde der Gottebenbildlichkeit zurück“ (S.301). In jedem Menschen begegnet uns daher auch Christus und somit gründet in der Menschwerdung Jesu auch die Liebe zu allen Menschen. Zweitens muss der Jünger auch umgestaltet werden in die Todesgestalt des Gekreuzigten. Er muss der Sünde und der Welt sterben. Aber er wird drittens auch dem Verklärten und Auferstandenen gleichgestaltet. Das ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess: „Immer tiefer wird die Umgestaltung zum göttlichen Ebenbild, immer klarer wird das Bild Christi in uns“ (S.302).

Aber obwohl diese Umgestaltung ein anhaltender Prozess ist, sind wir doch jetzt schon Ebenbild Christi: „Weil wir zum Ebenbilde Christi gemacht sind, darum sollen wir sein wie Christus. Weil wir Christi Bild schon tragen, darum allein kann Christus ‚Vorbild‘ sein, dem wir folgen.“ (S.303) Wer in der Nachfolge steht, der soll das was er durch Christus schon längst ist, auch leben!

Am Ende betont Bonhoeffer noch einmal, was immer wieder durch das ganze Buch hindurch auftaucht: Nachfolge heißt allein auf Jesus zu sehen. „Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt.“ (S.304) Es geht nicht um religiöse Selbstfindung, es geht nicht um die Suche nach wahrem Glück und Erfüllung, es geht nicht um fromme Weiterentwicklung, es geht nicht politische Umgestaltung der Welt,… All das kann und wird geschehen in der Nachfolge, aber es bleibt zweitrangig – denn der Nachfolger hat allein eines im Blick: Jesus Christus.

Mein persönliches Schlussfazit: Ich muss zugeben, an manchen Stellen tat ich mich schwer mit Bonhoeffers scharfen Zuspitzungen. Ich muss zugeben, dass sich das letzte Drittel ziemlich hingezogen hat. Aber insgesamt gesehen bin ich beeindruckt von diesem Buch und von Bonhoeffers Lebenszeugnis, das seine theologischen Aussagen untermauert. Ich bin beeindruckt von seiner Klarheit, die nicht in Vereinfachung und Banalität mündet. Ich bin beeindruckt, wie er tiefe persönliche Jesus-Frömmigkeit mit politischer Weltverantwortung kombiniert. Ich bin fasziniert davon, wie er durch alle theologischen Differenzierungen hindurch immer den Blick auf Jesus gerichtet hat.

Bonhoeffer: Nachfolge (21) – Die sichtbare Gemeinde

„Der Leib Christi nimmt Raum ein auf Erden.“ (S.241) Dieser erste Satz in dem Kapitel hört sich reichlich seltsam und ungewohnt an. Was meint Bonhoeffer damit? Zuerst einmal ist deutlich, dass dieses Kapitel an das vorherige anschließt: „Der Leib Christi“. Es geht also darum, wie dieser Leib Christi heute in der Gemeinde sichtbar wird. Mit dem „Raum einnehmen“ meint Bonhoeffer offensichtlich, dass Nachfolge und Gemeinde keine leiblose und nichtmaterielle Idee ist, sondern dass Gemeinde ihren sichtbaren und wahrnehmbaren Platz und Raum in dieser irdischen Welt braucht: „Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos.“ (S. 241) Aber der Leib Christi muss sichtbar sein – nicht nur damals beim irdischen Leib Christi, sondern auch heute bei der Gemeinde als Leib Christi.

Bonhoeffer spricht nun verschiedene Punkte an, auf welche Weise die Gemeinde sichtbar wird. Der erste Punkt ist der Gottesdienst und hier speziell die Predigt und die Sakramente. Die Predigt soll apostolische Predigt sein, sie soll nichts anderes sein als „der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. Christus in seiner Gemeinde, das ist die ‚Lehre der Apostel‘, die apostolische Predigt.“ (S.244) Auch in Taufe und Abendmahl begegnet uns Christus selbst: „In beiden begegnet er uns leibhaftig und macht uns der Gemeinschaft seines Leibes teilhaftig.“ (S. 244) Wie so oft geht es bei Bonhoeffer um Jesus Christus selbst. Die sichtbare Gemeinde ist sein Leib und er wird selbst leibhaftig sichtbar in der Gemeinde.

Ein weiterer Punkt der sichtbaren Gemeinde ist die Gemeindeordnung. Darunter versteht Bonhoeffer die Ämter der Gemeinde. Sie sind keine Herrschaftsämter, sondern Dienste. Es gibt für ihn keine feste Liste von Ämtern oder die eine Gemeindeordnung der christlichen Kirche, sondern es muss „in verschiedenen Gemeinden verschiedenen Ämter […] geben. (S. 246) Die Gewähr für die rechte Ordnung einer Gemeinde muss die „gesunde heilsame Lehre“ (S. 246) sein. Bonhoeffer gibt zu, dass die Trennung zwischen erlaubter Schulmeinung und Irrlehre nicht immer leicht ist, aber er betont auch, dass da wo Irrlehre offenbar ist, dann auch eine sichtbare Trennung geschehen muss.

Ein dritter Punkt der sichtbaren Gemeinde ist der „Lebensraum“. Das klingt für heutige Ohren sehr seltsam und erinnert mich an die nationalsozialistische Ideologie, welche für Deutschland „Lebensraum“ im Osten gefordert hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Begriff schon zur Entstehungszeit des Buches im Umlauf war und ob das eine bewusste Anspielung Bonhoeffers darauf ist. Er meint damit natürlich etwas völlig anderes als die Nazis. Es geht ihm darum, dass der Lebensraum der Gemeinde, der Raum in welchem die Nachfolge sichtbar wird, nicht abgetrennt ist von der restlichen Welt. Unser Lebensraum ist mitten drin in der vergänglichen Welt – wir sollen uns nicht abtrennen von dieser Welt und auf eine Insel der Seligen zurück ziehen, sondern wir sollen unseren Glauben mitten in der Welt leben.

Glaube betrifft das ganze Leben der Christen, es gibt hier kein Lebensbereich der ausgeklammert werden kann. Nachfolge spielt sich nicht nur am Sonntag im Gottesdienst ab, sondern auch an den restlichen Tagen der Woche. Das betrifft auch Miteinander in der Gemeinde. Hier setzt Bonhoeffer eine Spitze gegen Naziideologie: das gemeinschaftliche Leben der Glieder des Leibes Christi ist unabhängig von der Stimme des Blutes, der Natur, der Sympathien oder Antipathien. (S. 250) „So greift die Gemeinde mitten hinein in das Leben der Welt und erobert Raum für Christus.“ (S. 253)

Schließlich kommt Bonhoeffer noch explizit auf die Beziehung zur Obrigkeit zu sprechen. Er bezieht sich dabei auf Röm. 13,1ff. Dabei betont er, dass dieser Text nicht der Obrigkeit gilt, sondern den Christen. „Keine Obrigkeit kann diesen Worten eine göttliche Rechtfertigung ihrer Existenz entnehmen.“ (S. 257) Bonhoeffer fasst das Anliegen von Paulus so zusammen: „Nicht über die Aufgaben der Obrigkeit will er die Christenheit belehren, sondern von den Aufgaben der Christenheit gegenüber der Obrigkeit allein spricht er.“ (S. 258) Die Aufgabe der Christen ist es, unabhängig von guter oder bösen Obrigkeit, das Böse mit Gutem zu überwinden (S. 259) Den Christen soll es nicht um das Reich dieser Welt gehen, sondern um Gottes Reich.

Nun hat aber das Leben in der Welt und unter der weltlichen Obrigkeit auch seine Grenzen: „Wo der vom Leib Christi in dieser Welt beanspruchte Raum des Gottesdienstes, der kirchlichen Ämter und des bürgerlichen Lebens mit dem Raumanspruch der Welt kollidiert, dort ist die Grenze erreicht.“ (S. 261) Man könnte hier anstatt von Raumanspruch auch von Machtanspruch sprechen: Wenn Machtansprüche des Glaubens und der Welt in Konflikt geraten, dann ist es keine Frage, welcher Anspruch für Christen mehr zählt.

Insgesamt ist also die Beziehung der sichtbaren Gemeinde zur Welt eine dialektische: „So greift zwar der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und doch bleibt an anderer Stelle die völlige Trennung sichtbar, und sie muß immer sichtbar werden.“ In der Welt aber nicht von der Welt.

Mir sind die Begriffe mit denen Bonhoeffer hier argumentiert teilweise ziemlich fremd, ich kann damit oft nichts konkretes verbinden. Aber von der Sache her finde ich seine Argumentation gut. Besonders gefällt mir seine Dialektik: er versucht in diesem Kapitel nicht schwierige Sachverhalte in die eine oder andere Richtung aufzulösen, sondern er belässt sie in einer Spannung. Eine Spannung, die bleiben wird, solange wir als Christen in dieser vergänglichen Welt leben.

Bonhoeffer: Nachfolge (20) – Der Leib Christi

Auf extrem zugespitzte Weise (wieder einmal) betont Bonhoeffer in diesem Kapitel die Realität des Leibes Christi – auch heute. Der „Leib Christi“ ist für ihn kein Sprachbild oder Symbol, um etwas tieferes und dahinter liegendes auszusagen, sondern er ist ganz realistisch (wenn auch nicht stofflich-materiell) der Leib des Auferstandenen Christus. „Wir leben in der vollen Gemeinschaft der leiblichen Gegenwart des verklärten Herrn.“ (S.227) Der Auferstandene ist nicht nur im Geist oder im Glauben oder auf übertragene Weise gegenwärtig, nein er ist – wie zur Zeit der ersten Jünger – leiblich gegenwärtig!

Grundlage für diese Aussagen ist die Fleischwerdung des Sohnes Gottes in Jesus Christus. Gott hat hier nicht nur einen einzelnen besonderen Menschen auserwählt, sondern er hat die menschliche Natur angenommen. „Das heißt: Gott nahm die ganze kranke, sündige menschliche Natur an…“ (S228) Gott benützt eben nicht nur einen besonderen Menschen, um durch ihn sein ewiges Wort hörbar werden zu lassen, sondern wird wirklich ein Teil der menschlichen Natur. Nur so kann er die menschliche Natur erlösen, indem in ihm all unsere Krankheit und Sünde stirbt. Diese Verleiblichung Gottes hört für Bonhoeffer mit Pfingsten nicht auf!

Schon für die ersten Jünger war die Gemeinschaft mit Christus nicht nur eine gedankliche, eine gemeinsame Überzeugung, ein gemeinsamer Glaube, sondern eine leibliche Gemeinschaft. Von Anfang an haben Jesu Nachfolger mit ihm gegessen und gelitten, sie sind ganz konkret mit ihm durch die Lande gezogen. Heute werden wir ein Teil dieses Leibes Christi durch die Sakramente von Taufe und Abendmahl. Auch hier geht es Bonhoeffer nicht um eine symbolische Teilhabe an Christus, sondern eine ganz reale Eingliederung am Leib Christi. „Die Gemeinschaft der Getauften wird zu dem einen Leib, der Christi eigener Leib ist.“ (S. 231) Die Rede vom Leib Christi ist kein Symbol für unsere Gemeinschaft mit Christus und untereinander, sondern sie ist eine reale Gegebenheit.

Bonhoeffer treibt diese reale Vorstellung vom Leib Christi dann noch weiter: die real sichtbare Gemeinschaft der Gemeinde, ja sogar die Kirche ist die Gestalt des Auferstandenen. „Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaften Person.“ (S. 232) Wobei an dieser Stelle – wohl bewusst – offen bleibt, inwieweit man die sichtbare Institution der Kirche mit der Kirche als Leib Christi gleichsetzen kann.

Auf jeden Fall ist für den Christen die reale und leiblich geteilte Gemeinschaft mit anderen Nachfolgern essentiell. Ohne diese Gemeinschaft geht es nicht: „Es wird keiner ein neuer Mensch, es sei denn in der Gemeinde, durch den Leib Christi. Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten. Ein neuer Mensch werden heißt in die Gemeinde kommen, Glied am Leibe Christi werden.“ (S.233) In unserer individualistisch geprägten postmodernen Frömmigkeit sind das ganz schön herausfordernde Worte. Vor allem weil sich Bonhoeffer diese Gemeinschaft sehr konkret und leibhaft vorstellt und nicht nur an ein gemeinsames Bekenntnis von Gleichgesinnten denkt.

In konsequenter Fortführung der Identität von Jesu irdischen Leib und dem Leib der Gemeinde ist es für uns die größte Ehre, wenn wir auch an Jesu Leiden und Verklärung teilhaben dürfen. „Keine größere Herrlichkeit konnte er den Seinen schenken, keine unbegreiflichere Würde kann es für den Christen geben, das dass er ‚für Christus‘ leiden darf.“ (S.236) Das passt so gar nicht in unser bequemes heile Welt Christentum: Bete nicht dass du nicht Verfolgung, Krankheit oder Schmerz leidest, sondern freue dich, wenn du mit Christi leiden darfst! Gerade darin bist du ein Teil seines Leibes!

Ich merke bei diesem Kapitel, wie sehr ich im Denken von der griechischen Philosophie geprägt bin, die streng zwischen Geist und Materie unterscheidet. Alles Materielle ist von vornherein schlecht und das eigentlich göttliche ist das Geistige. Bonhoeffer betont gegen solch eine Vergeistigung des Glaubens seine „Verleiblichung“.

Bonhoeffer: Nachfolge (19) – Die Taufe

Im ersten Hauptteil seines Buches untersucht Bonhoeffer das Thema Nachfolge ausgehend von synoptischen Texten, die sich mit dem irdischen Jesus und der ganz konkreten Nachfolge der ersten Jünger beschäftigen. Im zweiten Hauptteil stellt Bonhoeffer die Frage, wie die Nachfolge nach Tod und Auferstehung Jesu Christi aussieht: „Wie erreicht uns heute sein Ruf in die Nachfolge? Jesus geht nicht mehr leiblich an mir vorüber…“ (S.215). Muss man nicht unterscheiden zwischen der Nachfolge beim irdischen Jesus und dem Glauben an den auferstandenen Christus? Für Bonhoeffer ist die Antwort klar und zweifellos: Nein, es ist derselbe Jesus Christus, der uns auch heute noch in die Nachfolge ruft. Er ist nicht tot, „sondern heute lebendig“ (S.215) und spricht durch das Zeugnis der Schrift zu uns. „Der Ruf Jesu Christi ergeht in der Kirche durch sein Wort und Sakrament.“ (S.215)

Schon für die ersten Nachfolger war der Ruf nicht eindeutig, sondern vieldeutig. Schon damals wurde Christus „allein im Glauben erkannt“ (S.216). Zwar trifft der Ruf heute auf andere Personen in anderen Zeiten, aber Bonhoeffer betont „die Gleichheit Jesu Christi und seines Rufes damals und heute“ (S.217). Damit wendet er sich deutlich gegen Rudolf Bultmann und seine Trennung von irdischem Jesus und kerygmatischen Jesus (vgl. Fußnote 3, S.219). Für Bonhoeffer gibt es nur einen Jesus Christus, dessen Ruf derselbe ist – vor und nach der Auferstehung.

Exegetisch macht er das an der Einheit der Schrift fest: Paulus und die Synoptiker sprechen zwar in unterschiedlichen Begriffen von Jesus Christus und der Nachfolge, von der Sache her bezeichnen sie jedoch dasselbe. „Der synoptische Christus ist uns nicht ferner und nicht näher als der paulinische Christus.“ (S.220)

Die erste Entsprechung von der Sache her sieht Bonhoeffer bei der Taufe: „Ruf und Eintritt in die Nachfolge haben bei Paulus ihre Entsprechung in der Taufe.“ (S.221) An verschiedenen Punkten macht Bonhoeffer diese Entsprechung deutlich: die Taufe ist (wie der Ruf des irdischen Jesus in die Nachfolge) ein Angebot Jesu Christi und sie führt zu einem Bruch mit dem bisherigen Leben (S.221). „Der Bruch mit der Welt ist ein vollkommener. Er fordert und bewirkt den Tod des Menschen.“ (S.222) Dabei geht es nicht darum, dass der Mensch sich selbst abtötet, sondern dass er Teil hat am Tod Jesu Christi. „Schon Jesus hat seinen Tod eine Taufe genannt und seinen Jünger diese Taufe des Todes verheißen (Mk.10,39; Lk. 12,50).“ (S.222)

Weitere Ebenen der Entsprechung sind für Bonhoeffer der Tod in der Taufe als Rechtfertigung von der Sünde und die Verbindung von Taufe und Geist (den Heiligen Geist sieht er als nichts anderes als die Gegenwart Christi selbst). Des weiteren ist die Taufe (wie die Nachfolge gegenüber dem irdischen Jesus) ein sichtbarer Gehorsamsakt, ein öffentliches Geschehen. Wie der Eintritt in die Nachfolge, so ist auch die Taufe ein einmaliges Geschehen, welches sich aber immer wieder neu im täglichen Leben auswirkt.

Am Schluss stellt sich schließlich auch für Bonhoeffer die Frage nach der Kindertaufe. Er stellt sie nicht grundsätzlich in Frage, betont aber die Wichtigkeit der Einbettung „in einer lebendigen Gemeinde“ (S.226). Sie kann „nur dort erteilt werden […], wo die erinnernde Wiederholung des Glaubens an die ein für alle mal vollbrachte Heilstat gewährleistet werden kann.“ (S.225/226) An dieser Stelle könnte man zurecht kritisch nachfragen: im ersten Teil betont Bonhoeffer im Kapitel „Die Nachfolge und der Einzelne“ dass der Ruf Jesu in die Nachfolge den Jünger zum Einzelnen macht. „Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden.“ (S.87) Wäre da nicht die logische Entsprechung, dass auch bei der Taufe der Einzelne allein entscheiden muss und nicht andere (Eltern oder Gemeinde) an seiner Stelle?

Grundsätzlich finde ich die Betonung der Einheit von irdischen und auferstandenen Jesus Christus gut, richtig und wichtig. Genauso wie damals ruft Christus auch heute noch Menschen in seine Nachfolge. Ich denke, dass es damals genauso schwierig war, hinter dem Ruf dieses irdischen Menschen Jesus von Nazareth die Stimme Gottes zu hören, wie für uns heute schwierig ist, wirklich den Ruf des Auferstandenen zu hören. Wir können uns da nicht rausreden und sagen, dass die Jünger damals es viel einfacher gehabt haben diesen Ruf zu hören und Jesus nachzufolgen. Sie wussten ja damals auch nicht, ob sich in diesem Menschen Jesus wirklich Gottes Sohn offenbart.

Auf der theologischen Ebene leuchtet mir auch die Entsprechung von Taufe und Ruf bzw. Eintritt in die Nachfolge ein. Das lässt sich für mich sogar auch mit der Kindertaufe vereinbaren, solange die Kindertaufe nicht als abgeschlossenes Geschehen gesehen wird, sondern als Ruf Gottes auf welchen dann irgendwann die Antwort des Menschen folgen muss. Aber empirisch gesehen, von meiner Erfahrung her gesehen, habe ich eben den Ruf Christi nicht in meiner Kindertaufe gehört (auch nicht im Rückblick), sondern völlig unabhängig davon durch andere Christen und durch die Bibel. Diese Diskrepanz (nicht nur an dieser Stelle) zwischen klaren, scharfen und richtigen theologischen Aussagen und meiner konkret erlebten Glaubenswirklichkeit finde bei Bonhoeffer zunehmend schwierig.

Kritisch anfragen könnte man auch die Selbstverständlichkeit und Ausschließlichkeit, mit der Bonhoeffer davon ausgeht, dass wir heute den Ruf Jesu in Wort und Sakrament hören. Das übernimmt er einfach aus seiner lutherischen Tradition ohne direkte biblische Begründung. Gibt es darüber hinaus nicht auch noch andere Möglichkeiten, durch die uns Jesu Ruf heute erreichen kann?

Bonhoeffer: Nachfolge (18) – Die Boten

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Sendung der Jünger. Es geht um den Abschluss von Matthäus 9 und das ganze 10. Kapitel. Relativ zügig geht Bonhoeffer an diesem Text entlang und schreibt zu den einzelnen Textabschnitten jeweils einige Gedanken.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Kapitel nicht so besonders angesprochen hat. Es ist im Wesentlichen eine Nacherzählung und kurze Entfaltung des Matthäustextes. Keine große Überraschungen. Anstatt zu erklären spitzt Bonhoeffer wie gewohnt die Herausforderungen des Textes eher noch zu.

Bisher war ich ja recht angetan von dieser Zuspitzung. Sie macht den Text unbequem und herausfordernd. Man liest nicht so leicht darüber hinweg. Allerdings merke ich auch, dass die ständige Provokation mit der Zeit nicht mehr so wirksam ist (und in diesem Kapitel auch nicht so spitzt herausgearbeitet ist) – man stumpft gegenüber diesen Zuspitzungen ab. Es ist ja gut, wenn uns der Bibeltext herausfordert. Aber für für mein Leben als Christ wäre es auch ganz hilfreich zu erfahren, wie ich mit all diese steilen Anforderungen umgehen soll? Wenn ich Bonhoeffer ernst nehme, dann lebe ich in einer ständigen Überforderung. Dann erlebe ich ständig nur Scheitern, weil mein Leben bei weitem nicht dem entspricht, wie Bonhoeffer die Nachfolge darstellt.

Hier macht sich der Hintergrund von Bonhoeffers Theologie bemerkbar: Er steht in der Tradition der dialektischen Theologie von Karl Barth. Barth betont die Andersartigkeit Gottes, sein Wort kommt unvermittelt, senkrecht von oben in unsere Welt hinein. Wir sollen dementsprechend Gottes Wort nicht menschlich erklären und verständlicher machen, sondern gerade in seiner Andersartigkeit stehen lassen. Barth hat damit einen berechtigten Gegenentwurf zur liberalen Theologie des 19. Jh. geliefert, in welcher nur noch der Mensch und seine Erfahrungen und Möglichkeiten im Zentrum stand.

Aber auch das andere Extrem (die dialektische Theologie) hat so ihre Probleme und die werden mir so langsam bei Bonhoeffers Nachfolge deutlich: die Kluft zwischen Gott und Mensch wird groß und größer. Das Evangelium wird ziemlich abstrakt und es wird nicht recht deutlich, wie wir diese Evangelium auch in unserem Alltag leben können. Die menschliche Wirklichkeit gerät aus dem Blickfeld.

Ein Beispiel: Bonhoeffer schreibt: „Die Botschaft und die Wirksamkeit der Boten ist von der Jesu Christi selbst in nichts unterschieden.“ (S. 199) Das mag als theologisches Postulat richtig sein – aber deckt sich nicht mit meiner Lebensrealität, nicht mit meiner Erfahrung. Mein Leben als Nachfolger ist bruchstückhaft und bei weitem nicht so perfekt, wie Christus es gelebt hat. Man kann natürlich sagen, dass das eine Verheißung ist, die unabhängig von meiner Einschätzung wahr ist – aber wenn Gottes Verheißungen gar nichts mehr mit meinem wirklichen Leben zu tun haben, dann wird das Evangelium lebensfremd und unwirklich, dann wird Nachfolge kalt und abstrakt.

Wie gesagt: das ist eine Gefahr und wir sehen ja bei Bonhoeffer selbst, wie er in eindrucksvoller Weise seinen Glauben auch im Alltag gelebt hat. Es wäre interessant zu erfahren, wie er selbst in seinem Glauben diese zugespitzten Forderungen der Nachfolge auf der einen Seite und die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Gebrochenheit miteinander in in Verbindung gebracht hat. Ich denke Theologie hat nicht nur die Aufgabe uns die Andersartigkeit Gottes und die ungeheuren Ansprüche, die Jesus an seine Nachfolger stellt, vor Augen zu führen, sondern sie sollte auch deutlich machen, wie Jesus Mensch wurde, wie er schwach wurde, wie er gerade die Zerbrochenen und Müden mit Gott in Verbindung gebracht hat.