Apostelgeschichte 6, 8-15 Ein sozial-diakonischer Evangelist

Interessant wie Stephanus seine diakonische Aufgabe wahrnimmt. Er kümmert sich nicht nur um arme Witwen, sondern „tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk“ (V.8) und wird schließlich von Diasporajuden wegen seinen Predigten angeklagt (V.11). Für ihn gehörte also das ganz praktische sozial-diakonische Helfen ganz selbstverständlich zusammen mit der Christus-Verkündigung. Er spielt das eine nicht gegen das andere aus. Es ist für ihn gar keine Frage, dass er neben praktischer Hilfe auch seinen Glauben bezeugt.

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Jeremia 5, 20-31 Dieselbe Medaille

Was mir wieder mal bei Jeremia auffällt (und das gilt wohl für alle atl. Propheten): Es wird nicht nur der Unglaube angeklagt, sondern auch falsches moralisches Handeln. Jeremia klagt hier vor allem die Reichen an, die sich nicht um die Schwachen kümmern und die andere ausbeuten. Auch die religiösen Führe kriegen ihr Fett weg. Aber auch dem Volk insgesamt wird der Spiegel vorgehalten: „… und mein Volk hat’s gern so.“ (V.31)

Glaube und Ethik gehören immer zusammen. Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten sind zwei Seiten derselben Medaille. Wo das eine nicht mehr stimmt, da gerät auch das andere aus dem Gleichgewicht. Es geht Gott nicht nur um den reinen Glauben, die richtige Theologie und die Ausrichtung auf ihn selbst – es geht ihm genauso um ein respektvolles und liebevolles Miteinander seiner Geschöpfe. Wenn sozialdiakonisches Handeln und die Vertiefung meiner persönlichen Beziehung zu Gott gegeneinander ausgespielt werden, dann ist das absolut unbiblisch.
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1. Petrus 4, 7-11 – Die Gabe des Dienens

Ein sehr dichter Abschnitt, in dem sehr viel drin steckt und zu dem man viel schreiben könnte. Ich bin heute vor allem an V.10 hängen geblieben: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“ Im griechischen steht hier für „Gabe“ das Wort „Charisma“. Es geht also um die Charismen: Gnadengaben, die Gott uns schenkt. Sie werden hier vor allem anderen als „Dienstgaben“ charakterisiert. Sie sollen dazu da sein, dass wir einander dienen.

Petrus erwähnt dann zwei Gaben explizit: Das Reden und das Dienen. Luther übersetzt das Reden gleich mit Predigen, aber ich finde, das schränkt diese Gabe unnötig ein – es geht nicht nur um das Predigen auf der Kanzel, sondern um jedes Reden, welches Gottes Worte an uns weiter gibt. Beim Dienen steht im griechischen das Wort „diakoneo“. Unser Wort Diakonie geht auf dieses Wort zurück – es geht also um die ganz praktische, diakonische Hilfe für andere.

Ich finde es interessant, dass Petrus gerade diese zwei Gaben erwähnt: Reden und Dienen – Wort und Tat. Das drückt eine sehr schöne Balance für unser christliches Leben aus. Beides, Wort und Tat sind wichtig. Außerdem ist zu betonen, dass all die Charismen zu aller erst für den Dienst am anderen da sein sollten.

Ich hab schon öfters mal gehört, dass man sich ausstrecken soll nach dem Charisma der Zungenrede (das vermeintlich zunächst einmal der eigenen Erbauung dient), dass man offen dafür sein soll, dass man darum beten soll, dass man Gott ausdauernd darum bitten soll. Aber ich hab noch nie gehört, dass man sich mit der gleichen Intensität um die Gabe des diakonischen Dienens bemühen sollte (welche vermeintlich zunächst einmal der Erbauung des anderen dient). Seltsam, oder?!
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Henderson/Casper: Jim and Casper go to Church

Ein hochinteressantes Buch. Eine ungewöhnliche und spannende Idee steht dahinter. Der Pastor Jim Henderson besucht zusammen mit einem Atheisten verschiedene Gemeinden und die beiden schreiben darüber, wie sie den Gottesdienst empfanden.

Zunächst mal zum Stil: Das Buch ist sehr gut zu lesen. Es ist spannend und unterhaltsam – nicht zu trocken! Die Eindrücke von den verschiedenen Gottesdiensten sind ganz bewusst sehr subjektiv gehalten. Es geht nicht um eine absolute Bewertung der einzelnen Gemeinden, sondern um die subjektiven und ganz persönlichen Eindrücke der beiden Autoren. In gewisser Weise ist das Buch eine gute Ergänzung zu dem Buch „unchristian„. Dort ging es anhand von Umfragen darum, wie Nichtchristen in Amerika die Christen wahrnehmen. Hier geht es um ganz persönliche Eindrücke.

Was dem Buch Frische und Authentizität verschafft ist die Grundidee: Wie sieht ein kirchlicher Außenseiter die Kirche? Natürlich gibt es dazu viele Bücher und Untersuchungen dazu, aber meistens sind es dann eben die Christen, die das ganze auswerten und die anderen Christen dann erklären wollen wie ein Außenseiter die Kirche sieht. Hier kommt der Außenseiter selbst zu Wort!

Die beiden haben Gottesdienste der unterschiedlichsten amerikanischen Gemeinden besucht, von ganz klein bis riesig groß. Natürlich waren auch Rick Warrens Saddleback und Willow Creek darunter (und die kamen nicht unbedingt am besten weg…). Neben der anderen Sichtweise auf einen ganz normale Gottesdienst ist das Buch auch ein tolle Einführung in die wichtigsten amerikanischen Kirchen.

Zwei Punkte die mir persönlich von dem Buch am meisten hängen blieben: Authentizität und Glaube, der in der Tat konkret wird. Das sind Gedanken, die immer wieder bei Casper auftauchten. Ihn schreckte oft die übertriebene Show ab (gerade in den Mega-Gemeinden). Da wird mit viel Technik, Aufwand, Geld, gestylten Musikern und geschliffenen Predigten die Botschaft des armen und einfachen Predigers Jesu weitergegeben. Was Casper am meisten beeindruckte waren dagegen Gemeinden, die nicht nur über Nächstenliebe sprachen, sondern die das auch ganz konkret lebten.

Mich überkam aber auch manchmal ein ungutes Gefühl beim Lesen des Buches. Die beiden klingen manchmal sehr überheblich, wenn sie die unterschiedlichen Bereiche des Gottesdienstes „bewerten“. Dieses über andere urteilen kann schnell in eine falsche Richtung führen. Ich finde dass das bei den beiden nicht ungut abdriftet, aber ich kann mir vorstellen, dass mancher Leser sich durchaus ermutigt fühlt, im Urteilen über andere Kirchen, die ihm nicht so passen. Dazu passt, dass im Zuge des Buches eine Homepage eingerichtet wurde, auf der man unterschiedliche Gemeinden bewerten konnte – inzwischen ist diese Bewertung wieder geschlossen, weil es wohl viel unangemessene Beiträge gab (sowohl in Richtung Eigenerbung der eigenen Gemeinde als auch böses Herunterziehen anderer Gemeinden… 🙁 )

Aber trotzdem: ein sehr anregendes Buch, um auch mal den Blickwinkel auf die eigene Gemeinde zu erweitern.