Kohelet 4, 1-3 Zu Tode betrübt

Wieder mal unglaublich, welch dunkle und pessimistische Töne der Prediger hier anschlägt. Sind das nur die übertriebenen, schwarzmalerischen Gedanken eines deprimierten Gläubigen? Oder ist das eine nüchterne und wahre Analyse unserer Welt? Der Prediger sagt: Wenn man das Böse auf der Welt sieht, dann wäre es eigentlich besser, man wäre nie geboren worden. Angesichts des Unrechts auf unserer Welt sei es besser, tot zu sein als zu leben. Kein Aufbegehren, keine Klage, kein Ankämpfen gegen das Unrecht… Nur Resignation und Todessehnsucht.

Der biblische Glaube ist mutig und ehrlich, auch in seinem Zweifeln und Fragen. Auch solche Worte und Gedanken dürfen ihren Raum haben. Es sind nicht die einzigen Aussagen der Bibel zu Unrecht und zu den Tränen der Unterdrückten. Aber sie spiegeln eben doch auch einen Teil unseres Glaubens wider. Ich bin froh, dass in der Bibel nicht nur „himmelhoch jauchzend“, sondern auch „zu Tode betrübt“ vorkommt. Denn zwischen diesen Extremen spielt sich auch mein Leben als Christ ab.

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Kohelet 2, 12-23 Düstere Gedanken

Jetzt wird’s so langsam deprimierend: Nachdem der Prediger festgestellt hat, dass Geld und Macht nicht glücklich macht, wendet er sich nun der Weisheit zu. Er stellt zwar fest, dass Weisheit besser ist als Torheit (V.13), aber letztendlich bringt auch die Weisheit nichts Bleibendes. „Darum verdross es mich zu leben, denn es war mir zuwider, was unter der Sonne geschieht, dass alles eitel ist und Haschen nach Wind.“ (V.17)

Unglaublich, dass solche düstere Überlegungen in der Bibel stehen! Dass Egozentrik, Geldgier und Vergnügungssucht nicht im Sinne der Bibel sind, das dürfte auch jedem Atheisten klar sein. Dass aber auch die Weisheit so kritisch gesehen wird, das ist gewagt. In anderen Teilen der Bibel wird die Weisheit sehr positiv dargestellt. In Sprüche 8,22-31 spricht z.B. die personifizierte Weisheit davon, dass sie das erste Geschöpf Gottes sei, ja dass sie sogar von Gott geboren sei (Spr. 8,24)!

Selbst das Streben nach dieser göttlichen Weisheit ist für den Prediger letztendlich belanglos und unwichtig. Die Volxbibel bringt dies sehr drastisch, aber durchaus treffend, auf den Punkt: „Nichts hat wirklich Bedeutung im Leben, es ist so, als würdest du versuchen einen Furz einzufangen.“ (V.17) Luther drückt es etwas vornehmer aus: Alles ist „ein Haschen nach Wind.“ Mal sehen, ob der Prediger aus diesen düsteren Gedanken noch irgendwie heraus kommt, ob er doch noch irgendeinen Sinn im Leben findet…

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Psalm 130 – Aus der Tiefe

Dieser Psalm wird in der Tradition als der sechste Bußpsalm gesehen. Es geht um Buße, Umkehr und Vergebung. Mich beschäftigt bei diesem Psalm im Moment v.a. der Anfang: “Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.” Der Beter ist irgendwo ganz unten, in der Tiefe, in der Dunkelheit, in der Verzweiflung. Im AT ist damit auch oft die Todesnähe ausgedrückt. Es belasten ihn wohl nicht nur irgendwelche äußeren Nöte und Feinde, sondern v.a. seine eigene Sünde. In V.3 und 4 spricht er von Sünde und Vergebung. In V.5 und 6 verdeutlicht er seine Situation mit dem Bild eines Wächters, der auf den Morgen wartet. Seine Seele befindet sich wie in einer dunklen Nacht und sie wartet sehnsüchtig darauf, dass die Sonne (der Gnade und der Erlösung von den Sünden; V.7.8) aufgeht.

Ich frage mich, ob ich nicht manchmal dieser Tiefe und Dunkelheit von vornherein ausweiche. Erlebe ich es, dass mich meine Sünde in die Tiefe drückt und nehme ich die Finsternis meiner Sünde überhaupt noch wahr? Oder brauch ich mich von der Sünde gar nicht runter ziehen lassen, weil in Jesus ja doch alles vergeben ist? Wie ist das mit der Sünde: Bin ich als Christ nicht grundsätzlich davon befreit und brauch mich davon gar nicht mehr in die Tiefe führen lassen? Oder muss ich auch als Christ immer wieder schmerzhaft feststellen, dass noch so vieles im Argen liegt und dass ich immer wieder neu auf Gottes Vergebung angewiesen bin?

In unsrem Umgang mit Sünde gibt es wohl zwei Gefahren: Die Verharmlosung (”halb so schlimm, Jesus vergibt doch gern!”) und die Übertreibung (”ich bin so ein böser, verlorener Mensch, dass selbst Gottes Vergebung nicht wirklich rein machen kann”). Das eine führt zur Oberflächlichkeit und Kraftlosigkeit, das andere zur Depression und Mutlosigkeit. Ich bemerke bei mir selbst eine seltsame Mixtur aus beidem: Einerseits weiche ich meiner Sünde ganz gerne aus, will sie gar nicht richtig wahrnehmen, mich ihr gar nicht richtig stellen und habe Angst vor dieser “Tiefe”. Und auf der anderen Seite lasse ich mich manchmal resignierend in die “Tiefe” fallen und rechne gar nicht wirklich damit, dass Gott mich da wieder raus ziehen kann.
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Clare Dudman: 98 reasons for being

So, das letzte Buch aus meiner Urlaubslektüre. Jaaa, hatte viel Zeit zum Lesen… 😉

Den Struwwelpeter kennt wohl jeder, oder? Ich erinnere mich auf jeden Fall, dass wir den als Kinder auch hatten. In dem Buch von Dudman geht es nun um den Autor dieses Kinderbuches: Heinrich Hoffmann. Es ist eigentlich ein wenig tragisch, dass er nur noch für den Struwwelpeter bekannt ist, denn er selbst hätte als das Wichtigste seines Lebens wahrscheinlich seine Arbeit genannt. Er war Leiter der Frankfurter Nervenheilanstalt und einer der ersten, der „Verrückte“ nicht einfach wegsperren wollte, sondern ihnen durch psychologische Gespräche zur Heilung helfen wollte. Nachdem er lange Jahre in ungeeigneten und zu kleinen Räumlichkeiten in Frankfurt gearbeitet hat, wurde auf sein Betreiben hin ein moderner Neubau am Stadtrand gebaut. Der Struwwelpeter war eigentlich nur eine selbst geschriebene Weihnachtsgeschichte für eines seiner Kinder, das man heute wohl als ADHS-Kind bezeichnen würde. Im Roman taucht diese Beziehung zu seinem Sohn auch als Nebenhandlung auf.

Das eigentliche Thema ist aber ein Einblick, wie es damals in einem Irrenhaus zuging. Die Charaktere beruhen zum Teil auf wahren Begebenheiten (Hoffmann selbst und seine Familie) und sind zum Teil erfunden (die Bewohner der Anstalt). Auch wenn der Autorin so manches Feingefühl für den deutschen Hintergrund fehlt, so beschreibt sie doch eindrücklich, wie damals im 19. Jh. wohl ein Leben in solchen Anstalten aussah. Hoffmann opfert sich für seine Patienten auf und sieht seine 98 Bewohner der Anstalt als seine 98 Gründe zum Leben an.

Neben Hoffmann ist die Hauptperson ein junges, jüdisches Mädchen, Hannah Meyer. Sie kommt in die Anstalt, weil sie sich völlig in sich selbst zurück gezogen hat und kein Wort mehr redet. Nach damaligen medizinischen Wissensstand versuchte man solchen Leuten mit körperlichen Mitteln zu helfen, z.B. durch den Schock von eiskalten Bädern. Man meinte, dass Nervenkrankheiten körperliche Ursachen haben und dass man sie deswegen auf diese Weise behandeln müsse. Hoffmann entdeckt bei Hannah Schritt für Schritt, dass ihr Gespräche sehr viel mehr helfen, als alles andere. Er nimmt sich viel Zeit für sie, erzählt viel von sich selbst und erlebt mit der Zeit, dass sich Hannah öffnet und auch selbst wieder anfängt zu reden. Auf diese Weise wird Hoffmann zum Pionier der Gesprächstherapie.

Auf jeden Fall ein interessanter Einblick in die Welt des 19. Jh. Gut und solide geschrieben, ordentlich recherchiert. Es wird einem deutlich, welch enorme Fortschritte die Medizin in den letzten Jahrhunderten gemacht hat und wie archaisch man noch im 19. Jh. versucht hat psychische Krankheiten zu behandeln.

Spannend fand ich vor allem die Figur der Hannah. Welche Verletzungen führen bei einem Menschen dazu, dass er sich völlig von der Welt zurück zieht? Wie kann man Menschen begegnen, die ihr Herz hart gemacht haben und die sich aus Angst vor Verletzungen vor aller Nähe abschotten? Denn ich glaube in weniger extremer Form ist das etwas, an dem auch heute viele Menschen leiden: Sie haben Angst vor Verletzungen und lassen deswegen echte Nähe nicht zu. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Angst davor haben, sich Gott und dem Glauben zu öffnen? Bei Hoffmann wird deutlich, dass ein zentraler Punkt zur Hilfe ist, dass sich das Gesprächsgegenüber selbst auch öffnet, verletzbar wird und auch eigene Schwächen preisgibt.

Psalm 88 – In der Finsternis

Was für ein Psalm! Ein einziger Schrei der Klage und Verzweiflung. Normalerweise leuchtet auch in den bittersten Klagepsalmen ein Funken Hoffnung auf, oder die Gewissheit, dass Gott hört und irgendwie eingreift. In diesem Psalm bleibt alles dunkel. Es gibt nur die Klage und die Erfahrung der Ferne Gottes. Im hebräischen Original endet der Psalm mit dem Wort „Finsternis“ (welches auch für das Grab stehen kann).

Der Psalm ist – Gott sei Dank! – recht weit von meinem Leben entfernt. Und bei seinen verzweifelten Fragen „Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?“ (V.11) möchte ich dazwischen schreien: Ja! Ja! Ja! Er tut Wunder an den Toten und durch Christus werden die Verstorbenen aufstehen und Gott danken!

Aber wer schon mal in depressiven Phasen steckte und von dunklen Gefühlen gefangen war, der ist dankbar, dass auch solche Psalmen ihren Platz in der Heiligen Schrift haben. Der Psalm drückt genau die Gefühle aus, wie es einem geht, wenn man sich von Gott verlassen fühlt. Es ist gut zu wissen, dass auch diese Gefühle ihren Platz vor Gott haben dürfen und dass wir nicht jedes Gebet einfach aus Prinzip mit Halleluja abschließen müssen.
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Psalm 69 – Für depressive Zeiten

Der Psalm ist eine intensive Bitte und Klage an Gott. Der Beter wird unschuldig verfolgt (V.5), er wird verspottet (V.11-12), er fühlt sich dem Tod nahe (V.16), keiner hat Mitleid mit ihm (V.21) und hat körperliche Schmerzen (V.27.20). Dazu kommt noch, dass er schon lange zu Gott schreit und er bis jetzt noch keine Hilfe erfahren hat (V.4).

Ich kann mit dem Psalm nicht viel anfangen, denn er ist zum Glück weit weg von meiner Lebensrealität. Aber er macht wieder neu deutlich, wir gut es mir zur Zeit eigentlich geht. 😀 Und dafür bin ich dankbar. Es ist toll, dass die Psalmen die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen abdecken. Für die unterschiedlichsten Situationen gibt es treffende Psalmen. Dieser Psalm passt eher in eine depressive Phase, in der man sich dem Tod nahe fühlt und sich von Gott verlassen fühlt. Erstaunlich und ermutigend finde ich bei diesem Psalm, dass der Beter trotz allem an Gott festhält und darauf vertraut, dass Gott ihm helfen wird.
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