Römer 15, 14-21: Demut und Sendungsbewusstsein

Bei Paulus finden wir eine interessante Mischung zwischen Demut und Sendungsbewusstsein. Auf der einen Seite schreibt er demütig, dass die Christen in Rom selbst genügend Güte und Erkenntnis haben, um sich untereinander zu ermutigen (V.14). Sie brauchen die Worte des Paulus eigentlich gar nicht. Paulus nimmt sich nicht zu wichtig. Andererseits nimmt er von sich selbst in Anspruch, dass seine Worte keine Privatmeinung sind, sondern dass Christus durch ihn redet (V.18). Das klingt alles andere als bescheiden.

Um Christi Zeugen zu sein brauchen wir beides: Demut und Sendungsbewusstsein. Wir dürfen uns nicht zu wichtig nehmen, aber wir dürfen unsere Botschaft auch mit Mut und Gottvertrauen weitergeben. Die Demut betrifft uns selbst: Wir als Person sind nicht das entscheidende. Die Gewissheit betrifft unsere Botschaft: Sie ist vertrauenswürdig und muss nicht versteckt werden. Schwierig wird es, wenn wir zu sehr in eine Richtung tendieren. Manche Christen sind so demütig, dass sie den Mund nicht aufbekommen. Andere dagegen sind so gewiss, dass sie in der Gefahr stehen andere niederzuwalzen.

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Römer 15, 1-6: Die Schwachen tragen

Paulus positioniert sich inhaltlich ganz klar auf der Seite des Starken im Glauben. Deswegen ermahnt er gerade die Starken, dass sie die Schwachen im Glauben tragen sollen und nicht selbstgefällig werden sollen (V.1). Paulus versucht zu vermitteln. Nicht indem er seine inhaltliche Meinung ändert oder abschwächt, sondern indem er gerade diejenigen, die mit ihm übereinstimmen, zu einem respektvollen und liebevollen Umgang mit den anderen ermahnt. Wenn er inhaltlich mit den Schwachen einer Meinung wäre, würde er wahrscheinlich gerade die Schwachen ermahnen. Sein Ziel ist nicht, dass alle seine Meinung übernehmen, denn dann müsste er versuchen die andere Seite argumentativ von seiner Position zu überzeugen. Sein Ziel ist, dass wir trotz unterschiedlicher Meinung so miteinander umgehen, dass wir „einmütig mit einem Mund Gott“ (V.6) loben können.

Das zeugt von einer großen geistlichen Reife. Das zeugt von echter Demut. Dazu sind nicht viele in der Lage. Das wird wohl damals nicht anders gewesen sein als heute. Es schmerzt mich immer wieder, wenn ich sehe, dass es auch in heutigen Gemeinden „Rechthaber“ gibt, die ihre Meinung auf Kosten anderer durchsetzen wollen. Dabei geht es oft nicht einmal um unterschiedliche theologische Meinungen, sondern einfach um menschliche Unstimmigkeiten. Aber selbst da fehlt uns oft die Größe, so zu leben, dass wir die Schwachen tragen. All zu oft wollen wir lieber Recht haben und auf andere herab schauen.

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Römer 12, 1-2: Ein Leben in Hingabe

Eigentlich müsste einem das im Lauf eines Lebens als Christ immer besser gelingen: Sich selbst Gott hingeben und ein Leben zu führen, das Jesus Christus immer ähnlicher wird. Ich hab bei mir oft den Eindruck, dass es mir schwerer fällt. Am Anfang des Glaubens ist man voller Begeisterung und Hingabe. Man ist bereit, alles für Jesus zu tun. Aber mit der Zeit merkt man, dass auch als Christ nicht immer alles glatt läuft – trotz aller Hingabe. Es tauchen so manche Fragen auf, die man nicht so einfach beantwortet bekommt. Die tollen Visionen von einem erfüllten Leben als Christ erfüllen sich nicht immer so, wie man sich das erträumt und erhofft.

Ich merke immer mehr, wie schwer das eigentlich ist, sich Gott ganz hinzugeben. Ich merke immer mehr, wie unfähig ich dazu eigentlich bin. Ich merke immer mehr, wie sehr ich gerade dabei auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen bin. Das ist nichts, das ich einfach aus eigener Kraft tun kann und Gott segnet dann sozusagen als Belohnung mein Leben dafür mit Glück und Zufriedenheit. Je länger ich Christ bin, desto demütiger und bescheidener werde ich an dieser Stelle.

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Römer 2, 17-29: Wissen und Tun

Paulus liebt die rhetorische Zuspitzung. Er geht sicher nicht davon aus, dass alle Juden stehlen, ehebrechen und Tempelraub begehen (V.21f). Er will damit grundsätzlich klar machen, dass allein das Wissen um das richtige Tun nicht ausreicht, sondern es entscheidend ist, ob man sich auch daran hält. Allein das Wissen, was der Wille Gottes ist hilft wenig – entscheidend ist, ob man sich daran hält. Noch schwieriger wird es, wenn man sich nicht daran hält und trotzdem andere belehren will, was richtig und falsch ist.

Das gab es ja nicht nur damals, sondern das finden wir heute auch immer wieder. Oft sind gerade diejenigen, die am lautesten von anderen das richtige Verhalten einfordern, auch die, die sich selbst nicht so genau daran halten. Das scheint bis heute eine Art Schutzmechanismus zu sein: Solange ich auf die Fehler Anderer zeige, fällt es nicht so auf, ob ich mich selbst richtig verhalte.

Aber da darf ich jetzt nicht anfangen, lautstark über die Uneinsichtigkeit von anderen zu lästern, denn dann mache ich gerade genau dasselbe. Ich muss bei mir selbst anfangen und erkennen, wo ich mich vom Tun des Guten entfernt habe. Ich muss zugeben, dass ich oft versage und dass ich allein aus Gottes Vergebung lebe. Dieses Wissen soll mich aber nicht in Resignation oder Bequemlichkeit führen, sondern in Demut und Dankbarkeit.

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Johannes 1, 19-28 Wegbereiter

Es ist im Johannesevangelium auffällig, welchen breiten Raum Johannes der Täufer in der Darstellung einnimmt. Schon im Prolog (Joh.1,1-14) wird zweimal auf ihn verwiesen. Auch danach folgt keine Geburtsgeschichte Jesu, sondern sofort die Auseinandersetzung mit der Rolle des Täufers. Man kann vermuten, dass es zur Zeit der Abfassung des Evangeliums eine Konkurrenz zwischen Jünger Jesu und Jünger des Täufers gab. In manchen Kreisen wurde wohl auch Johannes der Täufer als endzeitlicher Retter gesehen. Das Johannesevangelium betont dagegen deutlich, dass schon der Täufer selbst sich ganz bewusst als Wegbereiter Jesu verstanden hat. Er sah sich selbst nicht als der erwartete Messias, sondern er wollte auf Jesus verweisen.

Die hier dargestellte Demut des Täufers beeindruckt mich. Echte und ernst gemeinte Demut, die nicht aus Minderwertigkeitskomplexen heraus entsteht, ist heute auch unter Christen selten. Mir geht es ja selbst so. Versuche wir wirklich dem Herrn den Weg zu ebnen? Oder sind wir nicht oft genug unsere eigenen Herren? Suchen wir im Glauben nicht in erster Linie Glück und Erfüllung für uns selbst? Suchen wir nicht in erster Linie Trost und Halt für unser unruhiges Herz? Können wir wirklich demütig weg von uns selbst schauen und nur auf Gott sehen? Geht das denn überhaupt? Wenn ich mich selbst anschaue und auch andere Christen, dann sehe ich soviel „Ich, ich, ich!“ und so wenig „Du“. Das ist so manches mal verborgen unter einem frommen Deckmantel einer scheinbaren Demut. Aber dieser Deckmantel ist meist sehr dünn.

Apostelgeschichte 10, 34-48 Kurskorrektur

Ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der jungen Christenheit. Hier wird Petrus eindrücklich deutlich gemacht, dass Gott in Jesus Christus alle Menschen erreichen möchte. Gott sieht die Person nicht an (V.34). Petrus erkennt, dass Menschen nicht erst Juden werden müssen, um an Jesus zu glauben und den Heiligen Geist zu empfangen. Allein durch seine Predigt des Evangeliums (V.37-43) kommen Menschen zum Glauben und Gott schenkt ihnen den Heiligen Geist (V.44). Für die Judenchristen war das ein Schock (V.45) – dieser Gedanke war für sie so ungewöhnlich und fremd! Für sie war es selbstverständlich, dass man nur als Jude an den Gott Israels und an den Messias Jesus glauben konnte.

Ich habe mich bei dem Text gefragt, warum Gott das so kompliziert gemacht hat. Warum braucht es dieses besondere Erlebnis? Warum hat Jesus nicht einfach seinen Jüngern erklärt, dass auch Heiden ihm nachfolgen dürfen? Das hätte er doch schon zu Lebzeiten klar stellen können, dann wäre das für Petrus und die anderen Jünger später nicht so schwer zu verstehen gewesen.

Obwohl ich schon lange Jahre Christ bin, bleibt dieser Gott der Bibel immer auch ein rätselhafter, überraschender, unverfügbarer und oft auch verborgener Gott. Ich habe ihn nicht in der Hand. Ich verstehe ihn nie völlig. Er bleibt immer anders. Meine Theologie bleibt Stückwerk. Meine Ansichten über Glaube, Gott und die Welt haben immer wieder Korrektur nötig. Das war selbst bei Petrus so. Obwohl er viel Zeit in Jesu leiblicher Nähe verbracht hatte, viel gesehen, erlebt und gehört hatte, war seine Theologie Stückwerk und seine Ansicht über Glaube, Gott und die Welt hatte Korrektur nötig.

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Sprüche 31, 1-8 Zuhören, statt aburteilen

Keiner weiß, wer Lemuel, der König von Massa ist. Der Ortsname und auch manche Ausdrücke in diesem Abschnitt weißen auf einen arabischen Stamm hin. Ein jüdischer König dieses Namens ist auf jeden Fall nicht bekannt. Ich finde es klasse, dass die Bibel so offen für Traditionen von außerhalb ist. So manche Christen sind da heute engstirniger. Der jüdische Glauben erkennt nicht nur außerisraelitische Weisheit als wahr und gut an, er nimmt sie sogar in die Heilige Schrift auf!

Das steht in einer gewissen Spannung zum gestrigen Abschnitt, in dem betont wird, dass wahre Weisheit von Gott kommt. In Spr. 30,6 werden wir darauf hingewiesen, nichts zu Gottes Worten hinzuzufügen. Aber offensichtlich kann sich Gottes Weisheit auch in den Worten von nichtisraelitischen Königen zeigen. Und umgekehrt muss nicht alles wahr sein, was israelitische Propheten im Namen Gottes sagen. Es tut uns also gut, in Demut auch das anzuhören, was Menschen mit anderem Glauben Gutes zu sagen haben…

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Sprüche 26, 1-12 Torheit und Weisheit

In diesen Sprüchen geht es um Toren, bzw. Narren. Das sind im biblischen Sinn nicht einfach Dummköpfe, sondern Menschen, die ihr Leben ganz bewusst ohne Gott gestalten wollen. Das biblische Gegenbild ist der Weise, der sein Leben klug und in Demut vor Gott gestaltet. Mir ging es beim Lesen so, dass ich schwankte zwischen Ablehnung und Zustimmung. Ablehnung, weil ich mich fragte: kann man so überheblich und herablassend von anderen sprechen? Müssen wir nicht Verständnis für alle Menschen zeigen? Und Zustimmung, weil ich das Gefühl hatte, da redet jemand mal Klartext – was in unserer heutigen Welt nicht mehr selbstverständlich ist, weil wir auf alle und jedes Rücksicht nehmen, für alles Verständnis zeigen, gegenüber allem tolerant geworden sind, ja niemand verletzen wollen, immer politisch korrekt sein müssen und uns ja kein falsches Wort über die Lippen kommen darf.

Schön fand ich, dass im V.12 auch diejenigen, die sich selbst für weise halten, zurecht gewiesen werden. Es geht also nicht um eine überhebliche Haltung. Wahre Weisheit hat immer auch mit Demut zu tun.

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2. Timotheus 4, 16-22 Gute Ratschläge

Am Ende macht Paulus noch einmal deutlich worauf es – auch für Timotheus – ankommt: am Evangelium festhalten, gerade gegen Widerstände und wenn man von anderen verlassen wird. Das Beeindruckende bei Paulus ist, dass er das nicht nur als schlauen Rat weitergeben kann, sondern dass er das an seinem eigenen Beispiel deutlich machen kann.

Solche Ratschläge sind überzeugend. Wenn man beim Anderen sieht, dass er selbst danach lebt und handelt, dann wirkt es gleich ganz anders. Wie schnell sind wir Christen dabei, von anderen zu fordern, was wir selbst nicht überzeugend leben! Das wird dann schnell überheblich und heuchlerisch. Für mich als Pastor gilt das in besonderer Weise – wir Pastoren sollen ständig anderen Ratschläge geben und dabei selbst überzeugende Vorbilder sein. Aber das gilt für uns alle: mehr Demut und Ehrlichkeit würde uns gut tun.

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