Psalm 98 – Die Halleluja-Fraktion

Na sowas?! Gab’s die charismatisch-pfingstlerische Halleluja-Fraktion etwa schon damals? 😉 „Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet! Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!“ (V.4-5) Ist das nicht ein bisschen viel Gejauchze und Gelobe? Naja, immerhin kommt im folgenden Vers auch noch der gute alte Posaunenchor zu seinem Recht: „Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!“ Ob sich schon damals das Lobpreis-Team mit dem Posaunenchor gezofft hat, wer denn nun die richtige und würdige Anbetungsmusik macht? Ob es wohl schon damals unterschiedliche musikalische Vorlieben gab? War schon damals den einen der Lobpreis zu lasch und reserviert und den anderen zu wild und abgehoben?

Wie auch immer! Lasst uns den Fraktionszwang aufheben und lasst uns aus allen Ecken und Enden – von rechts nach links, von jung bis alt, von klassisch bis modern, von reserviert bis abgedreht – diesen einen Herrn in die Mitte stellen und ihn loben!
Bibeltext

Matthäus 12, 22-30 – Jesus wird verteufelt

Noch einmal eine Auseinandersetzung mit den Pharisäern. Dieses mal geht es aber nicht um Gesetzesfragen und die Einhaltung des Sabbatgebots, sondern es geht um die Frage nach Jesu Vollmacht. Jesus heilt nicht nur, sondern er treibt auch böse Geister aus. Welche Macht steht dahinter? Für die Pharisäer ist klar: Jesus und seine Jünger übertreten (nach ihrem Verständnis) Gottes Gebote, er tritt mit einem messianischen Anspruch auf und viele Leute laufen diesem Wunderheiler und charismatischen Prediger nach – das kann nicht von Gott her kommen. Und wenn es nicht von oben kommt, dann kommt es natürlich von unten: Jesus treibt die bösen Geister durch die Bevollmächtigung des Satans selbst aus.

Ich kann da die Bedenken der Pharisäer durchaus nachvollziehen: Sie waren in ihrem Denk- und Glaubenssystem gefangen. Um Jesus wirklich als Sohn Gottes zu erkennen, hätten sie ganz grundlegende Erwartungen und Überzeugungen über Bord werfen müssen. Sie warteten ja auch auf den Messias. Und im Alten Testament ist es alles andere als eindeutig, dass der Messias in Schwachheit und Einfachheit kommen wird. Sie warteten aufgrund viele alttestamentlichen Stellen auf einen König und mächtigen Herrscher, der Frieden und Gerechtigkeit herstellen wird. Jesus erfüllte diese Erwartungen nicht – und da liegt es nahe, ihn als Verführer zu sehen.

Diese Reflexe gibt es ja bis heute. Zum Beispiel seit dem Anfang der Pfingstbewegung – als Dinge geschahen, die nicht ins Raster mancher Gläubigen passten; wo Gott anders handelt als erwartet – gibt es immer wieder Stimmen die rufen: „Das ist nicht von oben, sondern von unten!“ Das ist eine ähnliche Reaktion wie bei den Pharisäern: „Das kenn ich nicht – das kann nichts Gutes sein!“ Dieses Verteufeln gibt es natürlich nicht nur in einer Richtung, sondern das geht bis heute kreuz und quer durch alle kirchlichen Lager und Richtungen.

Mir zeigt dieses Geschichte, dass ich mit solchen Urteilen vorsichtig sein sollte. Gott kann durchaus anders handeln als es meinem Denk- und Glaubenssystem entspricht. Auch wenn ich mit bestem Wissen und Gewissen meine Bibel lese und versuche zu verstehen, kann ich zu falschen Schlüssen kommen. Das heißt nicht, dass wir alles Neue einfach unkritisch stehen lassen und über alle ungewöhnlichen Frömmigkeitsäußerungen sofort jubeln: „Ja, das kommt von Gott! Preist den Herrn!“ Aber es heißt, dass wir auch damit rechnen, dass wir uns in unserem Urteil irren können.

Was die Sache heute noch schwieriger macht ist ja, dass bei Jesus die Sache im Nachhinein ja klar war: Das war alles von oben, er war der Sohn Gottes und hat zu hundert Prozent in Gottes Vollmacht gehandelt. Zum einen haben wir in der Gegenwart nicht diese Perspektive, dass wir zurückblicken können (im Nachhinein sind wir auch heute meist schlauer). Und zum anderen geht es heute ja nicht mehr um den leibhaftigen Jesus, der über die Erde wandelt, sondern um Menschen und menschliche Gruppierungen, bei denen sich die Motive und Hintergründe immer mischen. Bei allen Christen und christlichen Gruppierungen vermischt sich Göttliches mit Menschlichem und wahrscheinlich hat viel zu oft auch der Satan seine Finger noch mit im Spiel. Bei keinem von uns handelt immer nur zu hundert Prozent Christus.

So, das ist jetzt etwas länger geworden als geplant. Kurz gesagt ist mir wichtig: Vorsicht mit dem „Verteufeln“ anderer!

Der Skeptiker und der Heilige Geist

Ich bin kein Charismatiker. Da ist mir viele zu abgedreht und überspannt. Aber dieses Buch eines Charismatikers hat mir gefallen (S. Großmann: Ich brauche täglich deine Kraft). In dem kompakten Buch behandelt Großmann im ersten Kapitel allgemein den Heiligen Geist und seine Wirkungen und in zwei weiteren Kapiteln die Gaben des Geistes. Es geht ihm nicht um das Spektakuläre und Besondere, sondern darum, wie sich der Geist Gottes im Alltag auswirken kann. Dazu bringt er auch zu allen Gaben anschauliche Beispiele.

Mir gefällt seine nüchterne Art und seine Betonung, dass die Gaben des Geistes kein Selbstzweck sind, sondern dass mit den Gaben auch immer Auf-Gaben verbunden sind. Der Geist ist nicht da, um mich „high“ zum machen, sondern um mich zu befähigen, anderen zu dienen.

Großmann gibt allerdings auch ehrlich zu, dass die Einschätzung und Deutung der Geistesgaben an manchen Stellen gar nicht so einfach ist. Das Neue Testament gibt uns keine umfassende Lehre dazu. Ein paar Gaben werden ausführlicher behandelt (wohl weil schon damals der Umgang damit umstritten war), aber die meisten tauchen einfach nur in Aufzählungen auf und wir haben nichts weiter als den griechischen Begriff und die Erfahrungen die wir Christen mit Dingen machen, die vielleicht etwas mit dem Begriff zu tun haben. Daher war ich an manchen Stellen skeptisch: Ist es nicht besser, dass wir manchmal zugeben, dass wir nicht genau wissen um was es geht, anstatt alles Mögliche hinein zu interpretieren? Das ist genau meine Skepsis gegenüber vielen charismatischen Erfahrungen: Werden da nicht einzelne Dinge aus der Bibel herausgegriffen, diese mit eigenen Erfahrungen vermischt und dem ganzen dann ein viel zu hoher Stellenwert eingeräumt?

Trotz aller Skepsis hat dieses Buch mir wieder deutlich gemacht, dass Gott durch seinen Geist in uns wirkt. Er begabt jeden von uns. Und es ist wichtig, dass wir lernen im Alltag auf die leise Stimme Gottes zu hören. Ich würde das mit dem Stichwort „Intuition“ verbinden. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott in uns die richtigen Gedanken und Worte eingeben kann. Das bleibt allerdings immer auch ein Wagnis, weil wir – soweit ich weiß – immer noch in einer gefallenen Welt leben und wir Gottes Wirken immer nur gebrochen und unvollständig wahrnehmen können.