Psalm 143 – Um deinetwillen

In dem Psalm (in der Tradition der 7. Bußpsalm) tauchen noch einmal zahlreiche Motive auf, die quer durch die Psalmen immer wieder angesprochen werden: Das Flehen zu Gott, Feinde, Finsternis und Angst, Sehnsucht nach Gott, Bitte um Wegweisung und Errettung. Was mir heute bei diesem Psalm besonders aufgefallen ist, sind die Formulierungen am Anfang und Ende des Psalms: „um deiner Treue willen… um deiner Gerechtigkeit willen… um deines Namens willen… um deiner Gerechtigkeit willen… um deiner Güte willen.“

Kann natürlich sein, dass das nur ein rhetorischer Trick ist, um fromm zu klingen (kennen wir ja heute noch, dass so manche ihre Gebete mit biblischen Floskeln anfüllen, um vor anderen besonders fromm dazustehen… 😉 ). Oder der Beter will sich damit bei Gott einschmeicheln und ihm Honig um den Mund schmieren. Es kann aber auch sein, dass der Beter es wirklich so meint. Dass es ihm nicht nur um die eigene Rettung geht, sondern dass es ihm auch um Gottes Treue, Gerechtigkeit und Güte geht. „Rette mich nicht (nur) um meinetwillen, sondern auch um deinetwillen!“ Es ist gut, wenn man in der Not nicht nur um sich selbst und um sein Elend kreist, sondern wenn man den Blick frei hat für Gott…
Bibeltext

Psalm 130 – Aus der Tiefe

Dieser Psalm wird in der Tradition als der sechste Bußpsalm gesehen. Es geht um Buße, Umkehr und Vergebung. Mich beschäftigt bei diesem Psalm im Moment v.a. der Anfang: “Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.” Der Beter ist irgendwo ganz unten, in der Tiefe, in der Dunkelheit, in der Verzweiflung. Im AT ist damit auch oft die Todesnähe ausgedrückt. Es belasten ihn wohl nicht nur irgendwelche äußeren Nöte und Feinde, sondern v.a. seine eigene Sünde. In V.3 und 4 spricht er von Sünde und Vergebung. In V.5 und 6 verdeutlicht er seine Situation mit dem Bild eines Wächters, der auf den Morgen wartet. Seine Seele befindet sich wie in einer dunklen Nacht und sie wartet sehnsüchtig darauf, dass die Sonne (der Gnade und der Erlösung von den Sünden; V.7.8) aufgeht.

Ich frage mich, ob ich nicht manchmal dieser Tiefe und Dunkelheit von vornherein ausweiche. Erlebe ich es, dass mich meine Sünde in die Tiefe drückt und nehme ich die Finsternis meiner Sünde überhaupt noch wahr? Oder brauch ich mich von der Sünde gar nicht runter ziehen lassen, weil in Jesus ja doch alles vergeben ist? Wie ist das mit der Sünde: Bin ich als Christ nicht grundsätzlich davon befreit und brauch mich davon gar nicht mehr in die Tiefe führen lassen? Oder muss ich auch als Christ immer wieder schmerzhaft feststellen, dass noch so vieles im Argen liegt und dass ich immer wieder neu auf Gottes Vergebung angewiesen bin?

In unsrem Umgang mit Sünde gibt es wohl zwei Gefahren: Die Verharmlosung (”halb so schlimm, Jesus vergibt doch gern!”) und die Übertreibung (”ich bin so ein böser, verlorener Mensch, dass selbst Gottes Vergebung nicht wirklich rein machen kann”). Das eine führt zur Oberflächlichkeit und Kraftlosigkeit, das andere zur Depression und Mutlosigkeit. Ich bemerke bei mir selbst eine seltsame Mixtur aus beidem: Einerseits weiche ich meiner Sünde ganz gerne aus, will sie gar nicht richtig wahrnehmen, mich ihr gar nicht richtig stellen und habe Angst vor dieser “Tiefe”. Und auf der anderen Seite lasse ich mich manchmal resignierend in die “Tiefe” fallen und rechne gar nicht wirklich damit, dass Gott mich da wieder raus ziehen kann.
Bibeltext

Psalm 102 – Von ganz unten nach ganz oben

Wieder mal ein Gebet von einem der am Ende ist und der zu Gott schreit. Er scheint schwer krank zu sein und dem Tod nahe. In eindrücklichen Bilder beschreibt er seine Lage: „Ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen.“ (V.10) Er fühlt sich von Gott nicht geborgen und getröstet, sondern „hochgehoben und zu Boden geworfen“ (V.11) Also: Ganz unten, ganz dunkel, ganz aussichtslos…

Was tun? Der Beter blickt ins andere Extrem. Nach oben, ins Licht, ins Unvergängliche. Was für ein Kontrast! Überdeutlich stellt der Beter den Gegensatz zwischen seiner Vergänglichkeit und der Ewigkeit Gottes heraus. Gott hat vorzeiten die Erde erschaffen und auch die Erde wird einmal vergehen. Gott wird Himmel und Erde wechseln, wie wir Menschen die Kleidung wechseln (V.27). Aber Gott selbst wird bleiben (V.27f).

Tröstet das wirklich? Oder ist das nicht erst so richtig deprimierend? Man sitzt selbst im Dunkeln und Kalten und weiß nur: irgendwo, weit weg von mir, ist es schön hell und warm…
Bibeltext

Psalm 51 – Um Gnade winseln?

Ist solch ein Bußgebet für uns Christen überhaupt noch notwendig? Sind wir durch Christus nicht eine neue Kreatur (2. Kor. 5,17)? Hat uns Jesus nicht schon längst dieses neue Herz (V.12) geschenkt, so dass wir gar nicht mehr darum bitten müssen? Haben wir nicht in Christus eine neue Identität, die uns frei von der Sünde macht? Warum sollten wir noch um Gnade winseln, wenn wir doch wissen, dass uns in Christus schon längst alles vergeben ist? Ich lass das heute einfach mal als Frage stehen und lad euch ein, selbst drüber nachzudenken… 😉

Psalm 38 – Festklammern

Wär das nicht ein Grund, sich von Gott loszusagen? Ein schwerkranker Mensch mit stinkenden und eiternden Wunden begegnet uns in diesem Psalm. Er sieht sich von Gott gestraft und sieht seine Situation als Folge seiner Sünde. Wär es nicht einfacher, sich von diesem zornigen Gott abzuwenden? Vor allem wenn man sieht, dass es den Gottlosen oft besser geht, als den Gläubigen (vgl. Ps. 37)! „Aber ich harre, Herr, auf dich.“ (V.16) „Eile, mir beizustehen, Herr, du meine Hilfe!“ (V.23) Trotz allem klammert er sich an Gott fest. Trotz allem weiß er: Wenn jemand helfen kann, dann Gott.

Ich sollte auch mehr festklammern, mehr von IHM erwarten. Auch dann, wenn ich scheinbar nichts von Gott sehe.
Bibeltext

Psalm 32 – Sich selbst seine Sünde verschweigen

In der kirchlichen Tradition ist das der zweite Bußpsalm: Es geht um Sünde, Buße (= Umkehr) und Vergebung. Mich hat beim lesen v.a. V.3 angesprochen: „HERR, erst wollte ich meine Schuld verschweigen; doch davon wurde ich so krank, dass ich von früh bis spät nur stöhnen konnte.“ (Gute Nachricht Übersetzung) Der Beter hat erlebt, dass das Verschweigen von Sünde krank macht (aber Vorsicht: Daraus kann man nicht den Umkehrschluss ziehen, dass jede Krankheit ihre Ursache in nicht vergebenen Sünden hat!).

Für uns westliche Christen ist dieser Zusammenhang von Sündenbekenntnis und Vergebung gar nicht so leicht, wirklich existentiell zu verstehen. Wir sind alle geprägt von einem Gottesbild der griechischen Philosophie, nach dem Gott allwissend ist. Wenn er alles weiß und meine Sünde noch viel besser kennt als ich, dann ist es doch eigentlich unnötig sie zu bekennen – Gott weiß das alles doch schon längst. Ich merke bei mir selbst, dass ich schnell dabei bin, ganz allgemein um Sündenvergebung zu bitten, weil ich ja weiß, dass Gott viel besser all meine Sünden kennt als ich selbst. Damit kann man sich aber auch sehr bequem um eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen konkreten Sünde herum drücken.

Aber geht es beim Bekennen der Sünde darum, Gott etwas zu sagen, was er nicht weiß? Als ob wir Gott wirklich unsere Sünde verschweigen könnten! Nein, es geht darum, zunächst einmal selbst zu erkennen, wo ich schief liege und wo ich mich von Gottes Willen entfernt habe. Sünde verschweigen heißt nicht nur dass ich versuche, Gott etwas vorzumachen (was ja sowieso nicht geht), sondern es heißt v.a., dass ich mir selbst etwas vormache. Der erste Schritt der Buße ist: Sich selbst und seine Fehler ehrlich anschauen. Der nächste Schritt heißt: Diese Sünden zu verbalisieren, sie bewusst vor Gott aussprechen. Gerade so kann dann die Sündenvergebung ihre volle heilende und befreiende Wirkung entfalten.
Bibeltext

Psalm 6 – Tu Buße, Gott!

Nachdem ich mit dem Psalm gestern (Psalm 5) so meine Probleme hatte, was den Umgang mit Sünde angeht, zeigt Psalm 6, dass auch damals die Gläubigen schon ein sehr tiefes Verstehen ihrer eigenen Sünde und Verlorenheit hatten. Psalm 6 wird als der erste von sieben Bußpsalmen gesehen (Ps. 6; 32; 38; 51; 102 und 143). Der Psalmbeter spricht nun gerade das Gebet, das ich auch in Ps. 5 erwartet hätte: „Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach.“ (V.3)

Mich bewegt die Ehrlichkeit des Beters: Seine Verzweiflung, seine Kraftlosigkeit, seine Tränen sind förmlich mit Händen zu greifen. Immer wieder erstaunlich, was in unserer Bibel alles Platz haben darf: An vielen Stellen in den Psalmen der erschreckend harte Zorn von Gläubigen gegenüber ihren Feinden. Und hier die offene Frage und Anklage an einen Gott, der sich mit seinem Eingreifen und seiner Hilfe offensichtlich Zeit lässt. Schön, dass die Bibel nicht einfach alles theologisch glatt bügelt, sondern dass sie uns genügend Ecken und Kanten gibt, an denen wir uns immer wieder anstoßen, aber auch festklammern können.

Interessant fand ich bei dem Psalm auch, dass zur Buße offensichtlich nicht nur das reumütige Bekenntnis der eigenen Schuld und Verlorenheit gehört, sondern auch die eindringliche Bitte an Gott, endlich einzugreifen: „Ach du, Herr, wie lange! Wende dich, Herr, und errette mich, hilf mir um deiner Güte willen!“ (V.4-5) Buße heißt ja von der Grundbedeutung her „Umkehr“ oder „Sinneserneuerung“. In Psalm 6 kehrt nicht nur der Beter um zu Gott, sondern er fordert zugleich von Gott, dass dieser auch umkehrt („Wende dich, Herr!“). In diesem Sinn fordert der Beter auch Gott zur Buße auf: Er soll umkehren, er soll endlich eingreifen, er soll anders handeln als bisher. Ganz schön mutig dieses Gebet! Ob wir heute auch noch so mutig beten dürfen?!? 😉