Hesekiel 16 Der verlassene Liebhaber

Was für ein Kapitel! Da spricht ein verlassener Liebhaber. Er ist enttäuscht, zornig,eifernd und doch immer noch voller Liebe. Jerusalem wird als Frau geschildert, die von Gott aus der Gosse gerettet wurde. Er hat sie liebevoll großgezogen und sie schließlich zu seiner Frau genommen. Unter seiner Fürsorge ist sie zu einer Schönheit herangewachsen und durch die Verbindung mit ihm zu Ansehen gelangt. Und trotzdem hat sie ihren Mann einfach sitzen gelassen und hat sich mit anderen Männern vergnügt. Ausführlich werden die Verirrungen auf religiösem und politischen Gebiet geschildert.

Das erstaunlichste aber ist das Ende des Kapitels. Obwohl die Frau bewusst, willentlich und wiederholt den Bund gebrochen hat, verspricht dieser betrogene Ehemann sich weiter an seinen Bund zu halten – ja, er will sogar einen ewigen Bund aufrichten (V.60). Trotz allem was geschehen ist, will er vergeben (V.63). Obwohl der zornige und enttäuschte Liebhaber davon spricht, sein Frau zu richten und sie zu bestrafen, wie man Ehebrecherinnen bestraft (V.38), siegt am Ende doch seine Liebe und sein Erbarmen. Was für ein Wunder ist diese Liebe Gottes!

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Galater 4, 21-31 Verstoßen oder nicht verstoßen?

Sehr kritisch und polemisch vergleicht Paulus hier den Bundesschluss am Sinai mit dem neuen Bund in Christus. Das eine ist für ihn ein Bund der Knechtschaft (er vergleicht diesen Bund allegorisch mit Ismael, dem Sohn den die Magd Hagar dem Abraham gebar) und das andere ist für ihn ein Bund der Freiheit (er vergleicht diesen Bund mit Isaak, dem Sohn der Sara aufgrund der Verheißung Gottes dem Abraham gebar): „So sind wir nun, liebe Brüder, nicht Kinder der Magd, sondern der Freien.“ (V.31) Aus diesem Vergleich zieht Paulus auch eine harte Konsequenz für den jüdischen Sinaibund: „Stoßt die Magd hinaus mit ihrem Sohn; denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien.“ (V.30)

An anderer Stelle sieht Paulus den Status des jüdischen Volkes differenzierter: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.“ (Röm. 11,2) Der Vergleich dieser beiden Stellen zeigt mal wieder, wie wichtig es ist, Bibelstellen aus ihrem Kontext heraus zu verstehen und sie in das Gesamtzeugnis der Schrift einzubetten. Mit einzelnen Bibelversen kann man alles mögliche begründen und dabei auch noch bibeltreu erscheinen.

Die beiden Stellen stehen zumindest in einer gewissen Spannung. Zur richtigen Einordnung ist der Zusammenhang wichtig. Im Galaterbrief spricht Paulus zu Heidenchristen, die in der Gefahr sind, neben dem Glauben an Jesus Christus wieder das alttestamentliche Gesetz in jüdischem Verständnis aufzurichten. In dieser Situation argumentiert Paulus sehr scharf gegen das Gesetz und den Sinaibund. Es geht ihm hier um die Freiheit vom Gesetz als Heilsweg. Im Römerbrief beschäftigt sich Paulus dagegen grundsätzlicher mit der Frage, ob Gottes Volk auch ohne die Erkenntnis Jesu Christi gerettet werden kann. Und hier hält er an der Erwählung Israels fest – obwohl er auch im Römerbrief das Gesetz nicht als Heilsweg zu Gott ansieht. Trotzdem hat Gott auch mit Israel einen Weg und er verwirft sein erwähltes Volk nicht einfach.

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Exodus 34, 1-10 Ein Gott der zweiten Chancen

Erstaunliches hin und her. Gott befreit sein Volk aus Ägypten und schließt einen Bund mit ihm (Ex. 24,1-8). Kurz darauf bricht das Volk diesen Bund und macht sich mit dem goldenen Kalb einen eigenen Gott (Ex. 32,1-6). Und wiederum kurz darauf schließt Gott schon wieder einen neuen Bund mit seinem Volk (Ex. 34,10). Das ist so als ob ein Mann eine Frau heiratet, sie dann kurz nach der Hochzeit mit einem fremden Mann erwischt, sich scheiden lässt und dieselbe Frau dann kurz darauf wieder heiratet.

Zurecht bezeichnet Mose Gott als „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (V.6). Natürlich ist er zornig und frustriert über sein untreues Volk, aber seine Liebe ist stärker. Er gibt nicht auf. Er versucht es noch einmal. Er schließt einen neuen Bund.

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Exodus 24, 1-11 Das Ja-Wort

Eine zentrale Stelle im Buch Exodus: Der Bundesschluss Gottes mit seinem Volk am Sinai. Mich hat die Stelle deutlich an das von Jesus Christus eingesetzte Abendmahl im Neuen Testament erinnert. Auch da taucht das Stichwort Bund auf (Lk. 22,20). Nach hebräischer Vorstellung spielt Blut eine wichtige Rolle. Beim Bundesschluss am Sinai wird das Blut von Opfertieren zum einen an den Altar gesprengt (V.6) und zum anderen auf das Volk (V.8). Das verbindet die beiden Bundespartner auf’s engste. Beim neutestamentlichen Abendmahl spricht Jesus von seinem Blut, das für uns vergossen wird (Lk. 22,20). Und an beiden Stellen wird der Bund mit einem Mahl gefeiert (V.11).

Bund, Blut, gemeinsames Mahl,… ich glaube Jesus nimmt ganz bewusst Bezug auf diese Stelle. In und durch ihn wird dieser Bund Gottes aufgenommen und erneuert. Das Abendmahl ist somit auch so etwas wie das Fest des Gemeinschaftsbundes zwischen Gott und seinem Volk. Ein Fest, bei dem man sich gegenseitig das Ja-Wort zuspricht. Gott sagt Ja zu dir und du sagst Ja zu Gott.

Fasziniert hat mich an dem Exodustext auch V.10: Da geschieht das, was nach alttestamentlicher Vorstellung eigentlich nicht geschehen kann – sterbliche Menschen sehen Gott! Und sie werden von Gottes Herrlichkeit nicht vernichtet! In Ex.33,20 heißt es: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Nun ist in Exodus 24 nicht davon die Rede, dass sie Gottes Angesicht sehen, aber trotzdem: sie sehen Gott!

Es wird nicht beschrieben, wie Gott aussieht. Ganz zurückhaltend und vorsichtig wird nur beschrieben, dass der Boden unter Gottes Füßen wie Saphir geglänzt hat und strahlend blau war – wie an einem klaren Sonnentag. Allein der Boden unter Gottes Füßen strahlt und glänzt in Herrlichkeit!

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Epheser 2, 11-13 Dazugekommen

Demut steht uns Christen gut zu Gesicht. In vielerlei Hinsicht. Im Text heute beleuchtet Paulus die Beziehung zwischen Juden und Christen. Er hält ganz klar an der Vorrangstellung des jüdischen Volkes fest. Israel hat bei Gott das Bürgerrecht und als Nichtjuden stehen wir eigentlich außerhalb des „Bundes der Verheißung“ (V.12). Erst durch Jesus Christus sind wir in diesen Bund mit hinein gekommen.

Offensichtlich hatten schon die damaligen Christen es nötig, sich daran erinnern zu lassen. Das scheint irgendwie schnell zu passieren, dass wir uns für etwas besseres halten und auf andere herab schauen – auch unter Christen. „Darum denkt daran, dass ihr“ (V.11) ohne Christus verloren wart und nur durch sein Tod am Kreuz errettet wurdet. Ihr habt keinen Grund und keinen Anlass, euch darauf etwas einzubilden.

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Jeremia 31, 31-40 Wo bleibt der neue Bund?

Die wohl großartigste Verheißung im Jeremiabuch: Gott wird einen neuen Bund mit seinem Volk schließen, er wird sein Gesetz in ihr Herz geben (und nicht nur auf Steintafeln schreiben), alle werden Gott erkennen und all ihre Sünden werden vergeben. Als Christen glauben wir, dass dieser Neue Bund mit Jesus begonnen hat und dass wir durch Jesus Christus zum neuen Bundesvolk gehören.

Aber wenn ich diese Verse lese und dann nüchtern meinen Alltag als Christ betrachte, dann bleibt ein schaler Nachgeschmack. Ist es wirklich so, dass uns Christen das Gesetz Gottes ins Herz geschrieben ist und wir es wie von selbst erfüllen? Ist es wirklich so, dass wir alle Gott erkennen und keiner den anderen lehren muss: „Erkenne den Herrn!“? Wenn man im Internet christliche Seiten besucht, entdeckt man das Gegenteil: Da lehrt andauernd einer den anderen, wie die richtige und biblische Erkenntnis des Herrn aussieht (ich schließe mich da mit ein). Und wenn ich mein Leben und das Leben vieler anderer – auch der ernsthaftesten Christen – anschaue, dann sieht das oft nicht so aus, als ob wir ständig Gottes Gebote im Herzen hätten.

Hat sich Jeremia getäuscht? Hat er ein bisschen zu dick aufgetragen? Oder hat Gott versagt? Hat er seine großartige Versprechungen doch nicht so leicht in die irdische Wirklichkeit umsetzen können? Oder haben wir Christen alle versagt, so dass wir in Wirklichkeit gar nicht zu diesem neuen Bund dazu gehören? Aber die Verheißung geht doch gerade dahin, dass Gott uns so verändern wird, dass wir nach seinem Willen leben können!? Wo bleibt die völlige Erfüllung dieser großartigen Verheißungen?
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Psalm 106 – Schwarzmalerei

Das ist ja schon interessant, wenn man die Psalmen so im Zusammenhang liest und sich nicht einzelne Aussagen oder Psalmen raussucht: Gestern kam mir der Psalm ja ziemlich „schönfärberisch“ vor. Und als ob die Leute, die die Psalmensammlung zusammengestellt haben das auch bemerkt hätten, setzen sie gleich dahinter einen Psalm, der genau in die andere Richtung geht.

In Psalm 106 geht es auch um einen Rückblick auf die Geschichte Israels – aber diesmal wird nicht Gottes wunderbare Führung betont, sondern der Unglaube und Ungehorsam des Volkes. Sehr, sehr selbstkritisch und ehrlich wird durch den ganzen Psalm hindurch immer wieder deutlich gemacht, wie Israel versagt hat. Immer wieder hat Gott eingegriffen und geholfen und doch haben die Israeliten immer wieder ihren Glauben und ihre Vertrauen verloren. „Er rettete sie oftmals; aber sie erzürnten ihn.“ (V.43) Es war eben nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen, so wie es sich in Psalm 105 anhört…

Aber das wundervolle ist: Auch wenn das Volk sein Teil für Friede und Freude nicht beigetragen hat, bleibt Gott doch treu und barmherzig. Immer wieder hat er sich erbarmt und seinen Leuten zugewandt. Immer wieder sieht er ihre Not und hört ihre Klage, immer wieder denkt er an seinen Bund mit Israel und er ringt sich zu Barmherzigkeit und Güte durch (V.44-46). Gut dass Gott jenseits aller menschlichen Schönfärberei oder Schwarzmalerei steht!
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Psalm 89 – Ehrfurcht und Respektlosigkeit

Interessant fand ich bei diesem Psalm, wie mit Gott argumentiert wird. Da wird zunächst mal Gott gelobt und groß gemacht. Dann wird Gottes Bund mit David beschrieben und betont wie treu und gnädig Gott ist. Und selbst wenn die Nachkommen Davids Gottes Gesetz verlassen (V.31), so wird Gott doch treu bleiben und seinen Bund mit dem Haus David nicht aufgeben (V.34f). Es folgt die Beschreibung, dass es nun doch so aussieht, als ob Gott diesen Bund gebrochen hat (V.40) – wahrscheinlich hat wohl ein israelitischer König eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Das ganze gipfelt in der Klage, dass Gott sich doch bitte wieder zeigen soll und sich an seine Gnade und Treue erinnern soll (V.50).

Ich find’s cool, dass wir vor Gott nicht einfach in Ehrfurcht erstarren müssen und es gar nicht wagen dürfen auch nur andeutungsweise sein Handeln in Frage zu stellen. Der Psalm bekennt sich ganz klar zu Gottes Größe und Majestät. Aber zugleich fängt er an mit Gott zu diskutieren und will ihn förmlich zum Handeln überreden: „He Gott, du hast da doch mal versprochen, dass du David und seine Nachkommen beschützen willst! Wie sieht das jetzt aus? Warum verbirgst du dich? Ich weiß: Wir haben auch Mist gebaut – aber du bist doch schließlich Gott. Könntest wenigstens du deine Versprechen einhalten?“ Schön, wie sich hier Ehrfurcht und Respektlosigkeit mischen.
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