Martin Suter: Der Koch


Wieder mal ein brillanter Roman von Martin Suter. Für meinen Geschmack: zu brillant. Kein Frage: gut geschrieben, gut zu lesen, interessante Geschichte und interessante Figuren. Aber insgesamt wirkt alles zu glatt, zu perfekt, zu „en vogue“, zu viele angesagte Themen rein gepackt. Und abgesehen davon ist die Geschichte auch ziemlich vohersehbar. Mir haben andere Roman von Suter schon besser gefallen.

Trotzdem eine angenehme und unterhaltsame Urlaubslektüre. Es geht um den jungen Tamilen Marvan. Er ist vor dem Krieg in Sri-Lanka in die Schweiz geflohen und schlägt sich dort mehr schlecht als recht durch. Er ist das typische verkannte Genie: Schon von Kind an wächst er in der Küche auf und ist inzwischen ein begnadeter Koch. Das Problem ist, dass das niemand merkt. Er arbeitet als Küchenhilfe im Restaurant und verliert eines Tages auch noch diesen Job.

Die zweite Hauptfigur ist Andrea. Sie arbeitete im gleichen Restaurant und verliert auch ihren Job. Marvan ist hoffnungslos verliebt in sie und hat, aufgrund seiner aphrotisierenden Kochkünsten auch schon einmal eine Nacht mit ihr verbracht. Aber Andrea will nichts von ihm wissen – denn sie ist eigentlich lesbisch. Zusammen schlagen sie dann aber aus Marvans Kochkünsten Kapital… Schon aus der Beschreibung kann man erahnen, in welche Richtung die Story läuft und als Marvan zufällig eine hübsche junge Tamilin kennen lernt, ist auch klar, dass das verkannte Genie auch noch sein privates Glück finden wird.

Interessant an dem Buch fand ich, dass Suter darin auf einen politischen Konflikt hinweist, der in unseren westlichen Medien kaum Beachtung gefunden hat. Der Bürgerkrieg in Sri-Lanka wurde in der Welt kaum wahrgenommen. Dort gibt es wohl nicht genügend Bodenschätze und das Land ist strategisch nicht so wichtig. Dabei sind in diesem Krieg – nicht anders als z.B. in Afghanistan oder im Irak – auch tausende von Menschen um’s Leben gekommen. Aber in der Weltpolitik zählt offensichtlich nicht jedes Menschenleben gleich viel. Stark von Suter ist auch, dass er darauf hinweist, wie auch die angeblich neutrale Schweiz, bzw. Geschäftsleute in der Schweiz, aus solchen Krisen ihr Kapital schlagen.

Ishmael Beah: A long way gone

[dt.:Ishmael Beah: Rückkehr ins Leben]

Kein Buch zum Entspannen, sondern ein Buch zum verzweifeln, schreien, weinen,… Ishmael Beah beschreibt in dem Buch seine eigene Geschichte als Kindersoldat in Sierra Leone. 1991 brach in dem afrikanischen Land ein Bürgerkrieg aus, bei dem Ishmaels Familie getötet wurde. Zunächst war er lange Zeit auf der Flucht vor dem Krieg, teilweise alleine und teilweise zusammen mit anderen Kindern. Mit 13 Jahren wurde er dann zusammen mit anderen von der Nationalarmee als Kindersoldat rekrutiert. Die Kinder hatten gar keine andere Wahl: Entweder sie kämpften mit der Nationalarmee, oder sie wurden den Rebellen ausgeliefert, die schon ihre Eltern umgebracht hatten.

Fast drei Jahre kämpfte Ishmael in dem unmenschlichen Bürgerkrieg. Seine traumatischen Erlebnisse und die regelmäßige Einnahme von Drogen machten aus ihm eine kaltblütige Kampfmaschine. Seine einzige richtige Bindung war seine Kompanie. Seine Kameraden waren seine Geschwister und der Anführer wurde zum „Vaterersatz“. Der Hass auf die feindlichen Rebellen wurde von den Anführern immer wieder ganz gezielt durch beschwörendes Einreden gefördert. In der Nacht schauten sich die Kinder Kriegsfilme (u.a. „Rambo“ an, um sich für den Kampf noch mehr aufzuputschen).

Durch die UNICEF wurde er dann aus seiner Situation befreit und er kam in ein Rehabilitationscamp für ehemalige Kindersoldaten. Erst nach einem langen und schmerzhaften Prozess der Rehabilitierung war er wieder in der Lage, mit sich selbst und dem Leben klar zu kommen. Als der Krieg sich dann auf die Hauptstadt ausdehnte (in welcher sich das Camp befand), floh er in die USA.

Vieles von dem was er in seinem Buch schreibt ist wirklich erschütternd. Das geht los mit den Grausamkeiten, die er als Kind und unbeteiligter Zivilist sehen und erleiden muss. Er war noch ein Kind und ist plötzlich ohne Familie, er sieht wie Menschen grausam gequält und getötet werden, er ist plötzlich nur noch auf der Flucht und kämpft jeden Tag um’s Überleben.

Das Schreckliche nicht nur an diesem Krieg ist die Entmenschlichung aller Beteiligten. Selbst Kinder werden grausam und unbarmherzig. So wie Ishmael erleben viele, dass sie niemand mehr trauen können. Jeder ist ein potentieller Feind, keinem kann ich wirklich vertrauen. Und selbst wenn alles vorbei ist, bleiben doch tiefe Wunden und Narben in solch einer Kinderseele. Es dauerte lange, bis Ishmael den Mut fand, sich anderen Menschen wieder zu öffnen und ihnen zu vertrauen.

Ishmael Beah hat dieses Buch klar, ehrlich und schonungslos erzählt. Es gelingt ihm, dem Leser Erlebnisse zu beschreiben, für die es eigentlich keine Worte gibt. Trotz allem Schrecklichen ist es aber auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn Beah macht mit seiner Lebensgeschichte deutlich, dass es auch für einen Kindersoldaten wie ihn noch Hoffnung auf ein neues Leben gibt. Für uns Wohlstandeuropäer ist es ein Buch, das die Augen dafür öffnet wie gesegnet wir eigentlich sind und wie gut es uns geht.

Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll

Ich fühle mich wie ein Stein im Geröll. Wenn irgend jemand oder irdend etwas mich anstößt, werde ich mit den anderen fallen und herunterrollen; wenn mir aber niemand einen Stoß versetzt, werde ich einfach hierbleiben, ohne mich zu rühren, einen Tag um den anderen…“ (S. 110) So sieht die einfache katalanische Bäuerin Conxa ihr Leben. Wie ein Stein, der keine großen Entscheidungen treffen kann. Wenn ihn jemand stößt, dann fällt er und wenn nicht, dann bleibt er halt liegen. Mit derselben äußeren Gleichmütigkeit erträgt Conxa die kleinen und großen Schicksalsschläge ihres Lebens. Sie zerbricht innerlich daran, und doch geht das Leben einfach weiter.

Mit wenigen und einfachen Worten erzählt Barbal die Geschichte eines ganzen Lebens. Der Hintergrund ist Katalonien in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Es wird die Welt und das Lebensgefühl der Bauern damals beschrieben. Vor allem Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die Haupfigur findet trotzdem ihr kleines privates Glück, das jedoch durch die Brutalität des Franco-Regimes zunichte gemacht wird.

Was mich bei dem Buch berührt hat, ist die einfühlsame Art, wie die Autorin eine längst vergangene Welt zum Leben erweckt. Gerade in der Schlichtheit ihrer Worte und ohne große Psychologisierung wird die Hauptperson und ihre Sicht der Welt sehr gut deutlich. Gerade weil es nicht direkt und mit gefühlsdurchtränkten Worten beschrieben wird, leuchtet auch die Größe ihrer Liebe zu ihrem Mann wunderbar auf. Ich kenne ähnliches noch von meinen Großeltern, die auch Bauern waren: Über Gefühle wurde da nie gesprochen. Dafür hat man gar nicht den Wortschatz. Und doch konnte man meinen Großeltern ihre große Liebe zueinander abspüren und ansehen.

Aber das Buch hat ganz unterschiedliche Ebenen: Es geht nicht nur um ein persönliches Schicksal, sondern man gewinnt auch einen kleinen Einblick, was da in Spanien im vergangenen Jahrhundert politisch passiert ist und welch dramatische Auswirkungen das gerade auf die einfachen Leute hatte.

Eigentlich ein trauriges Buch. Und doch sehr kraftvoll. Hilfreich, um sich im eigenen Leben das Wesentliche vor Augen zu stellen.