Römer 7, 1-6: Dem Gesetz gestorben

Paulus liebt zugespitzte Formulierungen und Gegenüberstellungen. Er ist nicht nur in seinem Leben radikal in seiner Hingabe an Jesus, sondern auch in seinem Denken. Wenn man will, kann man seine Worte leicht verdrehen, indem man sie aus dem Kontext reist oder sie einfach etwas umdeutet. Dem Gesetz gestorben könnte ja auch bedeuten, dass wir als Christen völlig frei sind von allen Forderungen Gottes. Wenn wir frei von Gottes Geboten sind, dann haben sie keine Geltung mehr für uns und wir müssen uns nicht an ihnen ausrichten.

Dem Gesetz gestorben bedeutet für Paulus aber nicht nicht, dass wir nicht nach dem Willen Gottes fragen. Im Gegenteil, wer frei vom Gesetz des Buchstaben ist, der kann in ganz neuer Weise im Geist nach dem Willen Gottes fragen. Das Ziel ist nicht die Gesetzlosigkeit und die Beliebigkeit, sondern das Ziel ist nach wie vor, dass „wir Gott Frucht bringen“ (V.4). Aber eben nicht mehr in einem Buchstabengehorsam, sondern im „Wesen des Geistes“ (V.6).

Das lässt sich theologisch leicht so schreiben. Meine grosse Schwierigkeit ist, wie das dann in der Praxis aussieht. Da ist es eben nicht immer so einfach und offensichtlich. Da ist es oft bequemer sich an einige klare christliche Regeln zu halten, als immer wieder neu zu fragen, was denn der Wille Gottes ist. Vor allem dann, wenn es in konkreten Fragen unterschiedliche Meinungen gibt, was denn der Wille Gottes ist.

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Johannes 14, 25-31 Der Heilige Geist und die Bibel

Beim Lesen heute habe ich gestutzt: Eigentlich ist es doch die Bibel und hier vor allem die Evangelien, die uns lehren und daran erinnern, was Jesus uns gesagt hat. Das Neue Testament ist bis heute die maßgebliche Quelle und Autorität für das, was wir von Jesus wissen. Aber hier sagt Jesus uns, dass der Heilige Geist uns Jesu Worte lehren und uns daran erinnern wird.

Allerdings muss das ja kein Widerspruch sein. Im Neuen Testament sind uns die Worte und Taten Jesu überliefert. Aber für viele Menschen sind das nur tote Buchstaben, sie können damit wenig anfangen, es spricht dadurch nicht Gott in ihr Leben hinein. Um wirklich in diesen Worten Jesu Stimme zu hören, braucht es die Vermittlung des Heiligen Geistes. Ohne den Geist bleibt die Bibel toter Buchstabe.

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Johannes 5, 31-47 Die Schrift als Zeugnis von Christus

Ich finden in diesem Abschnitt vor allem Jesu Aussagen zur Schrift interessant. Das ist ja bis heute eine spannende und durchaus kontrovers diskutierte Frage: In welchem Sinn ist die Bibel Gottes Wort? Jesus sagt hier auf jeden Fall ganz deutlich, dass die Schrift allein nicht zum ewigen Leben führt: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt.“ (V.39) Da sind also Menschen, für die ist die Schrift Gottes Wort und sie suchen das darin das ewige Leben – aber sie finden es nicht. Denn nicht die Schrift gibt ewiges Leben, sondern der von dem sie zeugt. Nach Jesus ist die Hauptaufgabe der Schrift also das Zeugnis von ihm selbst.

Ich finde das eine sehr gute Beschreibung. Die Schrift ist nicht an sich ein heiliger Text, der auf magische Weise zum Leben führt. Gott ist nicht in der Schrift zur Welt gekommen, sondern im Menschen Jesus Christus (ganz deutlich sagt das ja Johannes zu Beginn seines Evangeliums: Das Wort ward Fleisch – eben nicht im Buchstaben, sondern in der Person Jesu Christi). Die Schrift hat nicht an sich Autorität, sondern nur weil sie die entscheidende Autorität bezeugt: Jesus Christus. Damit ist beides festgehalten: Auf der einen Seite die Wertschätzung und Kostbarkeit der Bibel – denn sie ist das wesentliche und deutlichste Zeugnis von Jesus Christus. Zum anderen ist es aber auch eine Relativierung gegenüber einer falsch verstandenen Vergöttlichung der Bibel – sie ist nicht das Eigentliche, sondern nur ein Zeugnis vom Eigentlichen.

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Johannes 2, 13-25 Worauf es wirklich ankommt

Für Johannes hat die Tempelreinigung ebenso programmatische Bedeutung wie das Zeichen bei der Hochzeit zu Kana. Gleich zu Beginn des Berichts über Jesu Wirksamkeit wird auch hier deutlich, um was es Jesus geht. Indem er den Tempel reinigt, macht er zeichenhaft deutlich, dass er die wahre Gottesverehrung wieder herstellen will. Glaube soll kein religiöses Geschäft sein, sondern soll sich allein auf Gott ausrichten. Gleich in dieser Geschichte wird auch deutlich, wie Jesus das letztendlich erreichen will: durch seinen Tod und seine Auferstehung (V.19). In der damaligen Situation konnte das niemand verstehen – erst im Nachhinein ist auch den Jüngern klar geworden, was damit gemeint ist.

Gleich zu Beginn lesen wir also hier einen Hinweis auf Jesu Heilshandeln in Tod und Auferstehung. So wie es schon vorher Hinweise darauf gab (z.B. Joh.1,29: Jesus als Gottes Lamm), soll hier deutlich werden, dass das ganze Evangelium unter diesem Blickwinkel zu lesen ist. Hier handelt nicht ein menschlicher Wundertäter oder ein großer Rabbi, sondern es handelt der Sohn Gottes, der für uns Erlösung und Heil bringt.

Für viele interessant ist natürlich die Frage, warum die Tempelreinigung bei Johannes zu Beginn von Jesu Wirksamkeit steht und bei den anderen Evangelien am Ende seiner Wirksamkeit. Was stimmt jetzt? Wer hat Recht? Wie war es historisch tatsächlich? Wenn wir ängstlich am Buchstaben kleben bleiben wollen, dann müssen wir behaupten, dass es zwei Tempelreinigungen gab. Ich für mich sage: Ich kann es historisch nicht genau sagen. Wir haben zwei Überlieferungen, die verschiedene Aussagen machen und dahinter kann ich nicht zurück. Wichtig ist für mich auch nicht, wann es geschehen ist, sondern dass es geschehen ist – und darin sind sich beide Überlieferungen einig.

Gerade dieser Abschnitt zeigt uns ja, wie sehr wir Jesus missverstehen, wenn wir uns nur am Buchstaben festklammern: die Juden können Jesu Aussage über den Tempel überhaupt nicht verstehen, weil sie Jesus nur buchstäblich verstehen (V.20). Jesus geht es aber in Wahrheit um eine ganz andere Ebene. So begegnen uns im Johannesevangelium häufig Missverständnisse, weil die Zuhörer Jesus auf einer viel zu oberflächlichen Ebene verstehen und gar nicht die geistlichen Wahrheiten dahinter erkennen. Ähnlich geht es uns, wenn wir die Wahrheit der Bibel an rein historischen Fragen festmachen wollen.

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