Bonhoeffer: Nachfolge (10) – Der Bruder – Das Weib

Jesus zitiert in der Bergpredigt nun alttestamentliche Gebote und setzt jeweils hinzu: „Ich aber sage euch…“ Normalerweise wird das als Antithese bezeichnet. Bei Bonhoeffer taucht dieser Begriff nicht auf, er scheint ihm nicht passend zu sein. Nach dem vorherigen Abschnitt ist er überzeugt, dass Jesus sich nicht gegen das Gesetz wendet, sondern es bestärken will. Die sogenannten Antithesen sind für Bonhoeffer keine revolutionäre Neudeutung der alttestamentlichen Gebote oder eine weitere Meinung im Streit der rabbinischen Schriftauslegung, sondern „vielmehr bringt Jesus in Fortsetzung des Gesagten seine Einheit mit dem Gesetz des mosaischen Bundes zum Ausdruck.“ (S.122) Jesus wendet sich nicht gegen das Gesetz, sondern gegen ein falsches Verständnis des Gesetzes.

In konsequenter Radikalität legt Bonhoeffer das Wort vom Zorn gegenüber dem Bruder aus: „Jeder Zorn richtet sich gegen das Leben des Anderen, er gönnt ihm das Leben nicht… Der Jünger darf den Zorn überhaupt nicht kennen.“ (S.123) Bonhoeffer unterscheidet hier nicht zwischen Zorn im Affekt oder Zorn als andauernde Haltung, aber aus seinen Worten wird doch deutlich, in welcher Richtung er den Zorn versteht. Er schreibt davon, dass die Trennung vom Bruder auch von Gott trennt, dass die Verachtung des Bruders auch den Gottesdienst unwahr macht. Und zwar „solange dem Bruder der Dienst und die Liebe versagt wird, solange er der Verachtung preisgegeben bleibt…“ (S.124) Hier wird deutlich, dass es nicht um einen ersten Gefühlsausbruch geht, sondern um das Festhalten am Zorn.

Tieferer Grund für die Unmöglichkeit des Zorns gegenüber dem Bruder ist für Bonhoeffer die Menschwerdung Jesu. Jesus wurde Mensch, er wurde „unser aller Bruder“ (S.125). „Um der Menschwerdung des Sohnes Gottes willen ist Gottesdienst vom Bruderdienst nicht mehr zu lösen.“ (S.125) Ja sogar: „In Jesus wurde Dienst am geringen Bruder und Gottesdienst eins.“ (S.125) Wer sich durch den Zorn vom Bruder trennt, der trennt sich damit selbst auch von Gott.

In der Bergpredigt sagt Jesus dann als weiteres, dass der Ehebruch schon beim begehrlichen Blick beginnt. Bonhoeffer zentriert auch diese Aussage ganz auf die Beziehung des Nachfolgers zu Jesus. „Die Unreinheit der Begierde ist Unglaube.“ (S.127) Die Begierde ist nicht unrein, weil sie irgendwelche moralischen Standards verletzt, sondern weil sie Ausdruck von Unglaube ist. Der Jünger, der meint sich im begehrlichen Blick selbst Lust zu verschaffen vertraut nicht auf Jesus, sondern auf sich selbst. „Er traut nicht aufs Unsichtbare, sondern ergreift die sichtbare Frucht der Lust.“ (S.127)

Jesus fährt fort, dass man lieber sein Auge ausreisen soll, als dass der ganze Leib in die Hölle geworfen wird. Bonhoeffer stellt an dieser Stelle die Frage, „ob Jesus sein Gebot wörtlich gemeint habe oder in übertragenem Sinn?“ (S.127) Aber auch hier weicht Bonhoeffer mit seiner Auslegung nicht ins Unverbindliche aus. Er sagt ganz einfach: „Diese Frage selbst ist falsch und böse. Sie kann keine Antwort finden.“ (S.127) Wenn man diese Stelle wörtlich verstünde, dann würde die Absurdität dieses Gebots deutlich werden. Wenn man sie aber übertragen verstünde, so nähme man dem Gebot den Ernst.

Ich muss gestehen, an dieser Stelle werde ich etwas ratlos. Ich verstehe die Absicht Bonhoeffers: Er will verhindern, dass wir den Worten Jesu ausweichen („Wir können nach keiner Seite ausweichen“, S.128), er möchte, dass wir auf einfältige Weise gehorsam sind. Aber was mache ich denn, wenn ich ein Gebot nicht im wörtlichen und auch nicht im übertragen Sinn verstehen kann? Dann kann ich es gar nicht mehr verstehen! Dann bleibt es ein abstraktes Gebot, dass ich nicht mit Leben füllen kann. Schießt hier Bonhoeffer übers Ziel hinaus, oder möchte er den Leser provozieren, jenseits alles Verstehens auf Jesus allein zu schauen?

Epheser 4, 1-5 Ein Leib, ein Geist, ein Stromzähler

Das Thema Einheit scheint ein Problem in Ephesus gewesen zu sein. Nachdem Paulus schon vorher die Einheit der Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen angesprochen hat (2,11-22), betont er nun im zweiten Teil des Briefes (in welchem die praktischen Konsequenzen für das persönliche Leben der Christen aus den grundlegenden Überlegungen gezogen werden) als erstes die Einigkeit im Geist. Hauptstichworte sind hier die Liebe und der Frieden – aber keine rosarot romantisierte Liebe, sondern erkämpfte Liebe: Wir sollen einander in Demut, Sanftmut und Geduld ertragen.

Vor einiger Zeit hatten wir mit unserem ökumenischen Arbeitskreis einen Ausflug nach Biberach. Dort steht eine Simultankirche. D.h. eine Kirche, die von zwei unterschiedlichen Konfessionen genutzt wird: Sowohl die ev. als auch die kath. Kirche feiern ihre Gottesdienste darin. Nicht gleichzeitig und miteinander, sondern jeder zu bestimmten Zeiten in sorgfältiger Absprache. Man regelt dort ganz nüchtern und bis ins Detail das Zusammenleben in der gemeinsamen Kirche. Als ein besonders markantes Zeichen dieses friedlichen Nebeneinanders gibt es zwei verschiedene Stromzähler. Je nachdem welche Konfession gerade die Kirche nutzt, wird der ev. oder der kath. Stromzähler eingeschaltet.

Was bedeutet nun Einheit im Geist? Heißt das, dass wir Christen unbedingt wieder einen gemeinsamen Stromzähler brauchen? Brauchen wir eine gemeinsame Organisation, damit die Einheit auch nach außen hin sichtbar wird? Brauchen wir mehr als ein friedliches Nebeneinander? Ich glaube die Frage nach dem gemeinsamen Stromzähler geht am Kern vorbei. Unsere Aufmerksamkeit sollte nicht den verschiedenen Stromzählern gelten, sondern dem gemeinsamen Herrn. An dieser gemeinsamen Blickrichtung auf den einen Herrn wird jetzt schon etwas von der einen himmlischen Gemeinde sichtbar, auch wenn uns auf Erden noch so manches trennt. Und die trennenden Stromzähler müssen wir wohl oder übel in Demut, Sanftmut und Geduld ertragen.

| Bibeltext |

Phillipper 2, 1-4 Wo bleibt die Demut?

Ja, so sollte Gemeinschaft unter Christen aussehen – so sieht sie in der Realität allerdings nicht aus. Für mich klingt das sehr utopisch. Diese Beschreibungen der Liebe, Barmherzigkeit und Eintracht gipfeln in der Aufforderung: „in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient.“ (V.3-4) Wo sind die Christen, die das wirklich umsetzen?

Es gibt genügend Christen, die das suchen und die beklagen, dass sie diese Liebe und Barmherzigkeit nirgends finden. Es gibt genügend Christen, die sich enttäuscht von anderen Christen abwenden, weil die Gemeinschaft nicht ihrem christlichen Ideal entspricht. Aber wo sind die Christen, die diese Erwartungen nicht nur an andere haben, sondern die selbst so leben? Ich könnt mich immer wieder in Grund und Boden schämen und ärgern über Christen, die von anderen Zuwendung und Liebe erwarten, selbst aber kläglich an ihren eigenen Maßstäben versagen (und das gilt nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst). Solche utopischen Zustände von liebevoller Gemeinschaft können nur dort in Ansätzen aufleuchten, wo Einzelne zu echter Demut finden. Solche Gemeinschaft fängt bei meiner Demut an, nicht bei den anderen…
Bibeltext

1. Petrus 1, 22-25 – Kann man Liebe machen?

Nachdem Petrus allgemein über ein „heiliges“ Leben gesprochen hat, wendet er sich nun einem ganz konkreten Thema der Heiligung zu: Bruderliebe – d.h. die Liebe zu anderen Christen und Christinnen. Erstaunlich, wie differenziert und überlegt seine Aussage hier ist: Er fordert nicht einfach nur dazu auf, sich halt ein bisschen mehr anzustrengen und dem anderen mehr Liebe zu zeigen, sondern er betont zunächst, dass wir durch unsere Umkehr zu Gott unsere „Seelen gereinigt“ haben „zu ungefärbter Bruderliebe“. Nur auf diesem Hintergrund ist die Liebe zum Anderen dann möglich. Die Neue Genfer Übersetzung formuliert sehr passend und eindrücklich: „Ihr habt euer Innerstes gereinigt, indem ihr euch der Wahrheit im Gehorsam unterstellt habt, sodass ihr euch jetzt als Geschwister eine Liebe entgegenbringen könnt, die frei ist von jeder Heuchelei. Darum hört nicht auf, einander aufrichtig und von Herzen zu lieben!“

Hier wird ganz klar ein Zusammenhang sichtbar: Wenn wir uns der Wahrheit im Gehorsam unterstellen (mit unserem ganzen Sein auf Gott vertrauen und ihm gehorchen), dann werden dadurch unsere Seelen (oder: unser Innerstes) gereinigt – nur deswegen können wir aufrichtig lieben. Und weil wir es können, sollen wir auch nicht aufhören es zu tun.

Schön gesagt und trotzdem ist es in der Praxis nicht so einfach, logisch und selbstverständlich wie das bei Petrus klingt. Da scheint so manches mal das „können“ zu fehlen. Oder liegt es daran, dass wir gar nicht richtig wollen? Oder vielleicht daran, dass unser Innerstes noch nicht völlig gereinigt ist? Und könnte das seine Ursache darin haben, dass wir uns der Wahrheit noch nicht völlig im Gehorsam unterstellt haben? Oder liegt es daran, dass Petrus hier visionär formuliert und wir diese völlige Liebe in der irdischen Welt nie zu Hundert Prozent umsetzen können?
Bibeltext

Matthäus 10, 34-39 – Der Friedefürst mit dem Schwert

Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Mt. 10,34) Oh?!? Dann haben sich die Engel wohl getäuscht, die bei Jesu Geburt noch vollmundig versprochen haben: „Friede auf Erden“ (Lk. 2,14)? Und auch Jesaja war etwas zu optimistisch als er uns einen Friede-Fürst (Jes. 9,5) als Messias versprochen hatte?

Hier zeigt es sich wieder, dass es wichtig ist, Bibelstellen im Zusammenhang zu lesen und sie auch in den Gesamtzusammenhang der Schrift einzubetten. Mit einzelnen herausgesuchten Bibelstellen kann ich so gut wie jede Meinung begründen… Was aber zählt ist das Gesamtzeugnis der Bibel. Das ist dann viel schwieriger herauszufinden, als die eigene Meinung mit ein paar Bibelstellen zu belegen.

Aber zurück zu der Stelle bei Matthäus. Ich denke hier kann man bei genauerem Hinsehen die scheinbaren Widersprüche ganz gut auflösen: Jesus ist der Friede-Fürst, er bringt Frieden zwischen Gott und Mensch und er bringt auch Frieden zwischen den Menschen (so z.B. sehr deutlich in Eph. 2,14: Er ist unser Friede – dort bezieht sich der Friede auf das Einssein von Judenchristen und Heidenchristen in Christus). Aber wenn es darum geht (so wie in Mt. 10) an Christus gegenüber Nichtgläubigen festzuhalten, dann ist dieses Bleiben an Christus wichtiger, als alle faulen Kompromisse mit Leuten, die uns von Jesus abbringen möchten.

Wichtig ist mir dabei, dass es eben um Menschen geht, die uns vom Glauben abbringen möchten und nicht um andere Christen, die eine andere theologische Meinung haben oder die in einer anderen kirchlichen Tradition aufgewachsen sind. Ich werd immer richtig traurig, wenn mir manche Christen begegnen, die meinen ihre eigene „Rechtgläubigkeit“ ohne Rücksicht und ohne Liebe verteidigen zu müssen (…und die das dann oft tun, indem sie mit einzelnen Bibelstellen um sich werfen). Natürlich müssen wir als Christen um die Wahrheit streiten und können nicht einfach alles stehen lassen. Aber dieser Streit soll nicht mit dem Schwert geführt werden sondern in Liebe.