Römer 15, 7-13: Eine unmögliche Möglichkeit

Paulus kommt hier zum Abschluss seiner Gedanken zu den Starken und Schwachen im Glauben. Er spricht hier von Juden(christen) und Heiden(christen), was darauf hindeuten könnte, dass die Spannungen zwischen Starken und Schwachen ihren Ursprung im Miteinander von Heidenchristen und Judenchristen hatten. Zugleich verweist Paulus damit an den Beginn seines Briefes in 1,16: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, welche Juden und Griechen (= Heiden) selig macht.

Diese grundsätzliche Aussage ist auch heute noch eine große Herausforderung für uns: Einander so annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Andererseits ist sie eigentlich selbstverständlich. Wie könnte jemand, der die Annahme Christi und die Kraft des Evangeliums selbst erlebt und erfahren hat, den Bruder oder die Schwester, die dasselbe erleben durften, nicht annehmen? Wie sollte jemand, der die Liebe Christi erfahren hat, sich weigern in dieser Liebe auch anderen zu begegnen? Eigentlich eine unmögliche Möglichkeit – und doch geschieht gerade das viel zu oft…

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Römer 15, 1-6: Die Schwachen tragen

Paulus positioniert sich inhaltlich ganz klar auf der Seite des Starken im Glauben. Deswegen ermahnt er gerade die Starken, dass sie die Schwachen im Glauben tragen sollen und nicht selbstgefällig werden sollen (V.1). Paulus versucht zu vermitteln. Nicht indem er seine inhaltliche Meinung ändert oder abschwächt, sondern indem er gerade diejenigen, die mit ihm übereinstimmen, zu einem respektvollen und liebevollen Umgang mit den anderen ermahnt. Wenn er inhaltlich mit den Schwachen einer Meinung wäre, würde er wahrscheinlich gerade die Schwachen ermahnen. Sein Ziel ist nicht, dass alle seine Meinung übernehmen, denn dann müsste er versuchen die andere Seite argumentativ von seiner Position zu überzeugen. Sein Ziel ist, dass wir trotz unterschiedlicher Meinung so miteinander umgehen, dass wir „einmütig mit einem Mund Gott“ (V.6) loben können.

Das zeugt von einer großen geistlichen Reife. Das zeugt von echter Demut. Dazu sind nicht viele in der Lage. Das wird wohl damals nicht anders gewesen sein als heute. Es schmerzt mich immer wieder, wenn ich sehe, dass es auch in heutigen Gemeinden „Rechthaber“ gibt, die ihre Meinung auf Kosten anderer durchsetzen wollen. Dabei geht es oft nicht einmal um unterschiedliche theologische Meinungen, sondern einfach um menschliche Unstimmigkeiten. Aber selbst da fehlt uns oft die Größe, so zu leben, dass wir die Schwachen tragen. All zu oft wollen wir lieber Recht haben und auf andere herab schauen.

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Römer 9, 1-5: Keine fromme Nabelschau

Nach diesem inhaltlichen Höhepunkt am Ende von Kapitel 8 setzt Paulus nun zu einem neuen Thema an. Er beschäftigt sich jetzt ausführlich mit der Frage nach Israels Errettung. Nirgends im NT wird diese  Frage so intensiv behandelt, wie hier. Inhaltlich passt es an diese Stelle, weil es auch vorher um Erwählung und Errettung gegangen ist und auch darum, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Trotzdem ist es erstaunlich, dass Paulus sich so viel Zeit für dieses Thema nimmt. Es scheint ihm selbst sehr am Herzen  zu liegen und vielleicht ist es auch für die römische Gemeinde ein wichtiges Thema.

Gleich zu Beginn macht Paulus zwei Dinge deutlich: Seine persönliche Verbundenheit mit Israel und Gottes grundsätzliche Stellung zu Israel. Paulus selbst würde zugunsten seiner Brüder und Schwestern alles geben und Gott hat Israel in eine besondere Stellung auserwählt. Gerade deswegen ist es für Paulus so schmerzlich, dass die große Mehrheit seines Volkes, Jesus nicht als den Messias anerkennen will.

Das schätze ich bei Paulus: dass er sein Leben und Denken nicht an seinem Ego ausrichtet, sondern dass es ihm wirklich um das Beste für Andere geht. Er war sicher auch nicht perfekt, aber er hat sich wirklich mit allem ganz in den Dienst für andere hinein gegeben. Ich merke bei mir selbst, wie ich mich auch in meinem Glauben sehr oft um mich selbst drehe und mit meinen Problemen und Sorgen beschäftigt bin. Es ist tragisch, dass wir in einem Land, in dem es uns materiell ziemlich gut geht und in dem wir unseren Glauben in Freiheit leben dürfen, viel zu oft mit frommer Nabelschau beschäftigt sind und uns auch als Gemeinden viel zu oft mit unseren eigenen Problemchen beschäftigen. Ich weiß dass das nur menschlich ist – aber es wäre schön, wenn wir ab und zu einen Blickwechsel vornehmen könnten.

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Johannes 15, 9-17 Solch eine große Liebe

Rechnet Jesus wirklich damit, dass wir das können? Dass wir einander lieben können, so wie Jesus uns geliebt hat (V.12)? V.13 macht deutlich, wie groß und tief diese Liebe ist: „Niemand hat größere Liebe, als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Können wir solch eine gr0ße und selbstlose Liebe haben, wie sie Jesus am Kreuz gezeigt hat? Für Jesus scheint solch eine Liebe die Voraussetzung zu sein, um sein Freund zu sein (V.14). Meint er das wirklich ernst? Oder will er uns einfach nur unsere Unfähigkeit vor Augen führen?

Vielleicht beides ein bisschen: Dieser Text zeigt uns unser Unvermögen. Solch eine Liebe können wir nicht aus uns selbst heraus produzieren. Die muss uns geschenkt werden. Zugleich rechnet Jesus damit, dass Gott uns solch eine Liebe auch wirklich schenken kann. Nicht wir können diese Frucht hervorbringen, sondern Jesus hat uns dazu erwählt und bestimmt, dass wir Frucht bringen. Voraussetzung und Startpunkt ist die Liebe Jesu (V.9) und seine Erwählung. Anders geht es nicht.

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Johannes 13, 31-38 Das neue Gebot

Da ist sie wieder, diese Überforderung, vor die Jesus seine Jünger stellt. Er gibt ihnen eine „neues“ Gebot: sie sollen einander lieben, so wie er sie geliebt hat. Das neue an diesem Gebot ist nicht, dass wir andere lieben sollen (das sagt auch schon das Alte Testament), das Neue ist der Maßstab: „so wie ich euch geliebt habe“. Und gerade das ist die große Herausforderung und ich denke auch Überforderung des christlichen Glaubens. So zu lieben, wie Jesus geliebt hat, das schafft kein Mensch!

Wenn der christliche Glaube alleine eine menschliche Religion wäre, dann müsste man an diesem Anspruch verzweifeln. Wir sollen alle solche eine perfekte und göttliche Liebe haben, wie sie uns Gott selbst in seinem Sohn vorlebt – unmöglich! Das ist nur möglich, wenn nicht wir selbst versuchen, göttlich zu werden, sondern wenn wir versuchen möglichst durchlässig und offen für Gottes Liebe zu werden. Wir können Gottes Licht nicht imitieren, aber wir können möglichst transparent für Gottes Licht werden. Gerade dieses neue Gebot zeigt mir nicht, dass ich mich mehr anstrengen muss, um Jesus ähnlicher zu werden, sondern es zeigt mir meine Angewiesenheit auf Jesus Christus: Ohne dass er seine Liebe in mir und durch mich wirken lässt, funktioniert das alles nicht.

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1.Johannes 4, 11-16 Wie lebe ich richtig?

Das ist christliche Ethik im Kurzformat: „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“ (V.11) Das ist das Wichtigste und Grundlegendste, was es zu christlicher Moral zu sagen gibt. Gott liebt uns und er hat uns diese Liebe in Jesus Christus gezeigt. Er liebt nicht nur dich unendlich, sondern jeden Menschen dem du begegnest. Die einzig logische und richtige Konsequenz ist, dass wir selbst versuchen, uns untereinander so zu lieben, wie Gott uns geliebt hat.

Christliches Handeln geschieht nicht aus Angst vor einem zornigen Gott, der uns irgendwann nicht durch die Himmelstür hindurch lässt. Christliches Handeln ist kein blinder Buchstabengehorsam gegenüber einem für alle Zeiten festgelegten Regelwerk. Christliches Handeln ist aber auch keine Gleichgültigkeit, die den Anderen seine Freiheit lässt, auch wenn er auf den Abgrund zu läuft. Christliches Handeln ist ein Leben, das sich an der Liebe Gottes orientiert.

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1. Johannes 3, 18-24 Anspruch und Zuspruch

Johannes betont im ganzen Kapitel sehr stark unser konkretes Handeln: wir sollen nicht nur mit Worten lieben, sondern auch und vor allem mit Taten (V.18). Er weiß aber auch um die Grenzen unseres Handelns. In unserem Herzen (das entspricht nach heutigem Sprachgebrauch unserem Gewissen) werden wir immer wieder feststellen, dass wir in unserem Bemühen um Liebe Fehler machen. Gegen diese menschliche Schwäche und Gewissensnot betont Johannes die Größe Gottes, denn es gilt, dass „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ (V.20)

Das soll aber keine billige Entschuldigung sein– nach dem Motto: „Ich schaff das eh nicht, weil ich halt nicht perfekt bin. Dann kann ich’s ja auch gleich bleiben lassen und auf die Gnade Gottes vertrauen.“ Nein, es ist Trost für denjenigen, der sich wirklich bemüht und dabei immer wieder an seine Grenzen stößt. Auch hier wird der Anspruch (ein Leben der Liebe zu führen) nicht durch den Zuspruch (Gott vergibt unser Versagen) aufgehoben.

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1. Johannes 3, 13-17 Liebe konkret

Jetzt wird die Sache mit der Liebe zu Glaubensgeschwistern erschreckend konkret. Über die Liebe reden ist ja einfach, von der Liebe zu schwärmen ist schön… aber Liebe zu leben ist richtig schwierig. Da schließe ich mich ausdrücklich mit ein. Johannes schreibt: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ (V.15) Ganz schön heftig: Hass sieht er auf derselben Stufe wie Totschlag. „Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“ (V.16) So wie Jesus für uns gestorben ist, so sollen wir bereit sein unser Leben für andere zu geben. Und in V.17 fordert uns Johannes dazu auf, dem Bruder, der nicht genug hat, von unseren Gütern abzugeben.

Wichtig ist aber auch hier, dass bei Liebe nicht in erster Linie an ein Gefühl der Zuneigung gedacht ist, sondern an konkrete Hilfe. Positive Gefühle gegenüber anderen können natürlich nicht schaden, aber ich kann auch konkret einer Person helfen, die mir eigentlich nicht so besonders sympathisch ist. Trotzdem bleiben da für mich auch Fragen offen: Wo ist die Grenze zwischen fehlender Sympathie, Gleichgültigkeit und Hass? Was bedeutet es in unserer globalisierten Welt, dass ich als (im weltweiten Vergleich gesehen) reicher Deutscher meinen Glaubensgeschwistern helfen soll – wo sind da die Grenzen?

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Richter 12 Bruderkämpfe

Unglaublich! Vor allem: unglaublich traurig! Haben die nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen? Da hat Jeftah gerade mit seinen Leuten die Ammoniter besiegt – durch Gottes Hilfe (Ri.11,29.32) – und dann kommen die Ephraimiten an und beklagen sich, dass sie nicht mitkämpfen durften. Sie beklagen sich nicht nur, sondern sie rücken gleich zum Kampf an (V.1.4)! Offensichtlich beanspruchten sie eine Führungsrolle unter den Stämmen und waren bitter enttäuscht, dass dieser Führungsanspruch von anderen übergangen wurde. Machtansprüche, Überempfindlichkeit, Egoismus, Unversöhnlichkeit, fehlende Vergebung, …

Jeftah und seine Männer besiegen die Ephraimiten mit der Folge, dass diese später überhaupt keine wichtige Rolle mehr in der Geschichte Israels spielten. Wenn die Feinde es nicht schaffen Israel zu besiegen, dann machen sie sich eben gegenseitig fertig!?! Das ist bis heute unendlich traurig, wenn sich die Kinder Gottes gegenseitig die Köpfe einschlagen. Und leider geschieht das bis heute auf den unterschiedlichsten Ebenen, dass sich Christen gegenseitig fertig machen. Machtansprüche, Überempfindlichkeit, Egoismus, Unversöhnlichkeit, fehlende Vergebung, …

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Richter 9 Mord und Totschlag

Ganz und gar nicht erbaulich dieses Kapitel. Da geht es nur um blutrünstige Machtkämpfe. Abimelech, ein Sohn von Gideon, erschlägt seine 70 Brüder, damit er das Sagen hat. Abimelech bekämpft noch weitere Widersacher, die ihm die Macht nehmen wollen, stirbt aber am Ende einen schmachvollen Tod: bei der Eroberung einer feindlichen Burg wirft ihm eine Frau einen Mühlstein auf den Kopf und um nicht von einer Frau umgebracht worden zu sein, bittet er seinen Waffenträger ihn zu erstechen.

Was soll ich daraus für mich und meinen alltäglichen Glauben lernen?!? Ich muss zunächst einmal feststellen, dass hier eine ganz andere Welt und Kultur beschrieben ist. Die Bibel ist mehr als ein frommes Erbauungsbuch, sie ist auch ein Geschichtsbuch. Aber ich kann ganz allgemein daraus lernen, dass Gott letztendlich das Böse bestrafen wird. „So vergalt Gott dem Abimelech das Böse, dass er seinem Vater angetan hatte, als er seine siebzig Brüder tötete.“ (V.56)

Dazu fällt mir auch ein Ausschnitt aus der Bergpredigt ein. Dort nimmt ein gewisser Jesus das alttestamentliche Gebot „Du sollst nicht töten“ auf und sagt, dass nicht nur derjenige des Gerichts schuldig ist, der buchstäblich tötet, sondern schon derjenige, der seinem Bruder zürnt oder ihn beleidigt (Mt. 5,21f).

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