Römer 15, 14-21: Demut und Sendungsbewusstsein

Bei Paulus finden wir eine interessante Mischung zwischen Demut und Sendungsbewusstsein. Auf der einen Seite schreibt er demütig, dass die Christen in Rom selbst genügend Güte und Erkenntnis haben, um sich untereinander zu ermutigen (V.14). Sie brauchen die Worte des Paulus eigentlich gar nicht. Paulus nimmt sich nicht zu wichtig. Andererseits nimmt er von sich selbst in Anspruch, dass seine Worte keine Privatmeinung sind, sondern dass Christus durch ihn redet (V.18). Das klingt alles andere als bescheiden.

Um Christi Zeugen zu sein brauchen wir beides: Demut und Sendungsbewusstsein. Wir dürfen uns nicht zu wichtig nehmen, aber wir dürfen unsere Botschaft auch mit Mut und Gottvertrauen weitergeben. Die Demut betrifft uns selbst: Wir als Person sind nicht das entscheidende. Die Gewissheit betrifft unsere Botschaft: Sie ist vertrauenswürdig und muss nicht versteckt werden. Schwierig wird es, wenn wir zu sehr in eine Richtung tendieren. Manche Christen sind so demütig, dass sie den Mund nicht aufbekommen. Andere dagegen sind so gewiss, dass sie in der Gefahr stehen andere niederzuwalzen.

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Römer 8, 1-11: Wer versteht das heute denn noch?

Beim Lesen habe ich mich heute gefragt, ob ein moderner Mensch aus dem 21. Jh. der in einer westlichen Kultur aufgewachsen ist, überhaupt richtig nachvollziehen kann, wovon Paulus hier im Römerbrief schreibt? Wenn es um Gott, Glaube und Religion geht, dann haben wir heute doch ganz andere Fragen, als Paulus damals. Wir stellen heute ganz grundsätzlich alles in Frage. Gibt es Gott überhaupt? Und wenn ja, können wir überhaupt etwas von ihm wissen? Was für eine Art von Gott oder Macht ist das? Für Paulus und auch noch Luther war das überhaupt keine Frage. Sie beschäftigte v.a. wie ich vor Gott gerecht und angenommen sein kann.

Selbst wenn wir heute an Gott glauben, dann stellen wir eher die Frage, was Gott für mich persönlich bedeutet und was Gott mir bringt. Wir stellen heute nicht die Frage nach der Rechtfertigung, sondern nach einem sinnvollen und erfüllten Leben. Wir stellen die Frage, wie Gott das Leid zulassen kann. Wir stellen die Frage, wie die Menschen in Frieden und Freiheit leben können und wie wir die Schöpfung bewahren können. Hat uns der Römerbrief überhaupt noch etwas zu sagen? Es ist eine fremde Welt, die uns hier begegnet.

Was würde Paulus wohl uns heutigen Menschen schreiben? Wie würde er sich ausdrücken? Was wären die Fragen, mit denen er sich beschäftigen würde? Seine Briefe würden heute sicher anders aussehen. Vielleicht würde er über youtube predigen. Ganz sicher würde er nicht so viel vom jüdischen Gesetz reden und vom Gegensatz zwischen Fleisch und Geist. Aber er würde ganz sicher von Jesus reden, von seinem Tod am Kreuz, von seiner Auferstehung. Er würde von Gottes Liebe reden, von Befreiung und Frieden. Die grundlegende Botschaft der Bibel ist heute noch genauso aktuell wie damals.

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Lukas 24, 1-12 Ungläubige Apostel

Wieder mal erstaunlich, wie ehrlich die Bibel ist. Die Frauen erzählen vom leeren Grab und davon, wie Engel ihnen die Auferstehungsbotschaft gesagt haben. Und was machen die Apostel? Feiern sie auf diese Worte hin ein freudiges Osterfest? Grüßen sie sich mit dem Ostergruß: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden“?  Nein: „Es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“ (V.11) Selbst die Apostel glauben die Osterbotschaft nicht! Worte allein können keinen Glauben hervorbringen. Dazu braucht es eine persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen.

Da befinden wir uns also in guter Gesellschaft. Die meisten Menschen heute können mit der Osterbotschaft auch nicht viel anfangen. Da können wir noch so viel predigen und noch so begeistert von unserem Glauben reden. Das wird anderen als leeres Geschwätz erscheinen. Und da befinde auch ich selbst mich in guter Gesellschaft mit meinen Zweifeln und Fragen. Wenn ich wenig vom auferstandenen Herrn in meinem Leben sehe, dann fällt es auch mir schwer zu glauben und zu vertrauen. Wie auch die Apostel brauche ich dringend die Begegnung mit dem Auferstandenen. „Herr Jesus Christus, du Auferstandener, lass es auch bei mir Ostern werden!“

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Richter 13 Der Engel des Herrn

In diesem Kapitel wird die Geburtsgeschichte des Simsons beschrieben. Besonders interessant finde ich dabei die Figur des Engels und wie die Menschen auf ihn reagieren. Die Mutter Simsons ahnte sofort, wen sie da vor sich hatte: „Es kam ein Mann Gottes zu mir, und seine Gestalt war anzusehen wie der Engel Gottes, zum Erschrecken.“ (V.6) Der Engel war also offensichtlich nicht sofort als solcher erkennbar, sie beschreibt ihn als einen Mann Gottes (also als einen Menschen), der in irgendeiner Weise aber die Gestalt eines Engels hatte – worin diese Besonderheit bestand wird nicht beschrieben.

Ihr Mann tut sich sogar noch schwerer, diesen Mann als Engel (was ja wörtlich übersetzt nichts anderes heißt als „Bote“) des Herrn zu identifizieren. Er bietet ihm ein Ziegenböcklein zum Essen an (V.15) und er fragt ihn nach seinem Namen (V.17). Für ihn ist es ein normaler Mensch, der vielleicht in einem besonderen Verhältnis zu Gott stand. Erst als der Engel auf wundersame Weise verschwindet, fallen beide voller Ehrfurcht auf den Boden (V.20).

Kein Lichtglanz, keine Flügel, keine himmlischen Posaunen, sondern einfach eine menschliche Gestalt, die eine Botschaft Gottes weiter gibt. Die Frau findet seine Gestalt von Anfang an Ehrfurcht gebietend („zum Erschrecken“), der Mann bemerkt zunächst gar nichts außergewöhnliches. Wer weiß, vielleicht sind wir auch schon einem Boten des Herrn begegnet und haben es gar nicht gemerkt…

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2. Timotheus 1, 12-18 Heilsame Worte

In dem Abschnitt bin ich besonders an dem Ausdruck „heilsame Worte“ hängen geblieben. Gemeint ist damit die Botschaft des Evangeliums. Von der Übersetzung her müsste man eigentlich eher übersetzen „gesunde Worte“, im Sinn von gesunder und korrekter Lehre. So übertragen es auch viele andere Bibelübersetzungen.

Doch von der Sache her gefällt mir Luthers Übersetzung außerordentlich gut: Worte des Evangeliums sind nicht nur für sich selbst genommen gesund und korrekt, sondern sie sind auch heilsam für den, der sie hört. Es geht nicht um eine Lehre, welche im abstrakten Sinn korrekt und gesund ist, sondern um Worte, welche dem Hörer Heil und Rettung vermitteln. Gesund können unsere Worte als Christen nur sein, wenn sie für andere heilsam sind. Wie wirken meine Worte für meine Mitmenschen? Sind es heilsame Worte?

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Hesekiel 33, 1-9 Das Katastrophenhorn blasen?

Die Aufgabe des Propheten Hesekiel wird hier als die eines Wächters beschrieben. Er ist wie ein Wachmann, der mit einem Posaunenton Alarm schlägt, wenn der Feind anrückt. Er kann nicht verhindern, dass der Feind kommt und er kann auch nicht beeinflussen, wie die Hörer auf den Warnruf reagieren. Wenn man Hesekiel mit anderen Propheten, im Extremfall mit Jona vergleicht, so stellt man fest, dass es durchaus Unterschiede gibt, wie dieses Wächsteramt ausgeübt wird. Jona geht nur widerwillig nach Ninive und verkündigt dort kurz und lustlos das drohende Gericht Gottes. Hesekiel warnt über Jahre hinweg mit großem persönlichen Einsatz und auf immer neue kreative Weise vor einem Leben ohne Gott. Das dramatische ist, dass Jona „Erfolg“ hat (die Einwohner Ninivehs kehren um) und Hesekiel nicht. Ganz schön frustrierend, was Gott da seinem Propheten zumutet.

Ich habe mich bei diesem Text gefragt, ob wir Christen heute eine ähnliche Aufgabe haben? Müssen wir die Menschen vor dem Gericht Gottes warnen? Ich denke, unsere Botschaft ist anders, sie ist mehr als nur vor dem Untergang zu warnen. Wir haben nicht die Botschaft weiter zu geben, dass der Feind vor den Toren steht, sondern wir haben die Botschaft weiter zu geben, dass der Erlöser vor der Tür steht. Das ist etwas anderes! Unsere Aufgabe ist nicht Katastrophenangst zu schüren, sondern Hoffnung zu wecken und zum Leben einzuladen. Natürlich ist es einfacher, laut und kräftig in das Katastrophenhorn zu blasen. Aber angemessener ist es, auf möglichst vielfältige und einladende Weise zum Tanz des Lebens aufzuspielen.

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Hesekiel 24 Der Bote erleidet die Botschaft

Was soll man dazu sagen? Wie bei manchen alttestamentlichen Propheten verwickeln sich bei Hesekiel Bote und Botschaft auf unauflösliche Weise. Das persönliche Leben des Propheten wird selbst zu einer dramatischen Botschaft, der Bote gibt nicht nur die Botschaft weiter, sondern er erleidet sie selbst: Gott kündigt an, dass die Frau Hesekiels plötzlich sterben wird und dass er keine Totenklage für sie halten soll. Diese Tod soll den Untergang Jerusalems ankündigen. Dem Volk wird das liebste genommen: das Heiligtum, die herrliche Zuflucht, die Freude ihrer Augen, das Verlangen ihrer Herzen (V.21). Am Morgen verkündigt Hesekiel die Botschaft und schon am Abend ist seine Frau tot! (V.18)

Was muss in Hesekiel vorgegangen sein? Hat er mit Gott gehadert? Hat er mit Gott gekämpft? Im Text wird nur erwähnt: „Und ich tat am andern Morgen, wie mir befohlen war.“ (V.18) Er hat also nicht öffentlich geklagt und getrauert, sondern nur heimlich, im Verborgenen geseufzt.

Für mich ist das ehrlich gesagt unverständlich: Warum greift Gott zu solch drastischen Mitteln, um seine Botschaft weiter zu geben. Ich könnte mir irgend eine Erklärung zurecht legen, ich könnte verschiedene Vermutungen aufstellen. Aber ich will es nicht. Ich lasse es einfach stehen, als etwas das ich nicht verstehe. Es gibt Seiten an Gott, die wir jetzt noch nicht verstehen. Das ist ja auch ein Grundanliegen des Hesekielbuches: Gott ist in seiner Herrlichkeit und Heiligkeit größer als wir es mit unserem Verstand erfassen können.

Matthäus 18, 10-14 – Göttliche Briefumschläge

EngelIch bin ja kein besonderer Freund von diesem „Engelhype“: Engel hier und Engel dort, alles voller Engel. Da werden im christlichen Gewand so manche esoterische Phantasien auf den Buchmarkt geworfen. Das spricht die Leser offenbar an. Und das ist wohl für viele säkulare Leser leichter zu verdauen und zu akzeptieren als die sperrige Botschaft vom Sohn Gottes, der da elend am Kreuz zugrunde geht.

Doch macht mir der heutige Text deutlich, dass auch Jesus konkret mit Engeln gerechnet hat. Er spricht von den „Kleinen“. Damit sind Kinder gemeint oder im übertragenen Sinn: „kleine, unbedeutende Menschen“ (so übersetzt die Gute Nachricht Bibel). Und dann erwähnt er „ihre Engel“. Das heißt, dass es Engel gibt, die in besonderer Weise für diese „Kleinen“ zuständig sind – es ist wohl anzunehmen, dass für jeden dieser „Kleinen“ ein Engel zuständig ist. Hier liegt eine der Wurzeln für die später sehr ausgedehnte Vorstellung vom persönlichen „Schutzengel“.

Soweit, so gut: Es gibt also wohl für jeden (jeden Menschen oder jedes Kind Gottes?) einen Engel, der im Himmel allezeit das Angesicht Gottes sieht (Mt. 18,10). Aber was heißt das? Rettung und Leben gibt es nach wie vor nur durch Jesus Christus – er allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und auch in dem Text selbst geht es Jesus nicht um die Engel an sich, sondern um die „Kleinen“ für die sie zuständig sind. Gott freut sich unendlich darüber, wenn auch nur ein einziger der verloren war, wieder gefunden wird. Die Engel dienen hier nur zur Unterstreichung, dass auch die Kleinsten für Gott wichtig sind.

Auch wenn wir an anderen Stellen in der Bibel schauen, dann stehen nie die Engel selbst im Mittelpunkt: Das wichtigste sind nicht die Engel selbst, sondern ihre Botschaft. Daher kommt ja auch ihre Bezeichnung: Im Griechischen bedeutet „angelos“ Bote. Sie sind nur so etwas wie der Briefumschlag, der das Eigentliche transportiert. Schade, wenn sie heute auch bei manchen Christen so groß und wichtig werden. Denn wenn der Bote wichtiger als die Botschaft wird, dann stimmt was nicht…

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Foto: A. Rausch / pixelio.de

Matthäus 4, 12-17 – Jesus am Rand

Zwei Dinge sind mir in dem Abschnitt aufgefallen: Zum einen dass, Jesus sich nach Galiläa zurück zieht. Das war ein Randgebiet Israels. Die meisten Israeliten in diesem Gebiet wurden 732 v. Chr. von den Assyrern verschleppt und seitdem wohnten dort auch viele Nicht-Israeliten. Jesus beginnt seine Wirksamkeit also nicht im Zentrum des jüdischen Volkes (das wäre in Judäa), sondern am geographischen Rand.

Und das gilt ja nicht nur für die Geographie: Auch von den Gesellschaftsschichten her wendet er sich an die Außenseiter und Ausgestoßene (Zöllner, Huren, Kranke,…). Das heißt nicht, dass er eine Art „social gospel“ hatte, das nur auf sozial Schwache zugeschnitten war – seine Botschaft war allgemein und galt allen. Aber es zeigt ganz deutlich, dass er keine Berührungsängste hatte und dass ihm gerade die Leute am Rand der Gesellschaft wichtig waren.

Das zweite was mir auffällt ist seine Botschaft: Wortwörtlich die gleiche wie bei Johannes dem Täufer: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt. 3,2 und Mt. 4,17). Jesus hatte es offenbar nicht nötig, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Er wollte nicht unbedingt etwas Neueres, Besseres, Spektakuläreres als andere sagen, sondern konnte sich bescheiden der richtigen Botschaft anderer anschließen. Und das obwohl Johannes ja ganz groß Jesus angekündigt hat als denjenigen, der stärker ist als er, als denjenigen, der nicht nur mit Wasser tauft, sondern mit dem Heiligen Geist und mit Feuer, als denjenigen, für den er nicht mal gut genug ist, ihm die Schuhe hinterher zu tragen. Jesus war die Botschaft wichtiger als seine Person. Obwohl sich dann im Lauf des Evangeliums herausstellt, dass seine Botschaft untrennbar mit seiner Person zusammenhängt.