Johannes 10, 11-21 Kein friedliches Idyll

Das sind gewaltige Aussagen, die Jesus da macht. Und dennoch erreichen sie mich heute beim Lesen nicht so richtig. Jesus als der gute Hirte, in bewusster Anlehnung an Psalm 23 (dort wird Gott selbst als Hirte bezeichnet), das habe ich schon so oft gehört. Das ist doch selbstverständlich. Jesus als der gute Hirte, das ist inzwischen von jeder Menge Kitsch und heiler Welt überlagert. Ein freundlich lächelnder Jesus im strahlend weißen Gewand, umgeben von friedlichen Schafen, die natürlich auch alle strahlend weiß sind, und dazu noch eine süßes kleines Lamm auf dem Arm…

Aber stopp! In dem Text ist doch auch die Rede vom Wolf! In dem Text geht es doch um Leben und Tod! Hier wird keine friedliche Idylle beschrieben, sondern ein Überlebenskampf. Der Hirte riskiert und opfert sein Leben im Kampf gegen den Wolf, gegen das Böse. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern um eine bedrohte Welt, eine Welt voller Angst, Gefahr und Blut. Jesus lässt mich in der Dunkelheit, in der Gefahr und in meiner Angst nicht allein.

| Bibeltext |

Daniel 7, 16-28 Das letzte Wort

Daniel lässt sich von einem Engel noch während seiner Vision, die Bedeutung seiner Vision erklären. Aber auch diese Deutung lässt noch vieles offen. Das ist wohl bewusst so, denn solche göttlichen Visionen sollen keinen Zukunfstfahrplan festlegen, sondern sie sind offen genug, um die eigenen Erfahrungen und die eigene Zeit im Licht dieser Vision zu deuten.

Was immer wieder auffällig bei solch apokalyptischen Texten ist: Gott lässt zu, dass das Böse eine Zeit lang die Überhand behält. Hier wird in V.7 gesagt, dass ein widergöttlicher Herrscher gegen die Heiligen kämpfen wird und den Sieg über sie behält! Aber in V.25 wird diese Zeit der Unterdrückung begrenzt. Danach wird Gott eingreifen und seine Heiligen, also die, die auf ihn vertrauen, erretten. Danach wird es ein Reich geben, das Gott schenkt und das nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt ist, sondern ewig ist.

Für mich entscheidend in diesem Text ist nicht die genaue zeitliche Abfolge und der Versuch, einzelne Ereignisse in unserer Weltgeschichte wieder zu entdecken. Dazu ist der Text zu offen und vieldeutig. Was mir wichtig ist, ist die Gewichtung der Zeitverhältnisse: Das Böse wird von Gott begrenzt, aber Gottes Herrschaft wird unbegrenzt sein. Auch wir machen Leiderfahrungen in unserem Leben. Aber wir dürfen wissen: das Böse wird nicht das letzte Wort haben. Und das dürfen wir nicht erst am Ende der Zeiten erfahren, sondern auch jetzt schon immer wieder: Gott hilft durch schwere Zeiten hindurch, er lässt uns nicht fallen. Er lässt uns auch jetzt schon immer wieder einen Hauch von seinem ewigen Reich schmecken.

| Bibeltext |

Lukas 23, 32-49 Hilf dir selbst und uns!

Drei mal wird Jesus spöttisch aufgefordert, sich doch selbst zu helfen. Das dürfte doch für den Messias, den Auserwählten Gottes, kein großes Problem sein.   Die ersten sind die jüdischen Oberen, dann fordern ihn die römischen Soldaten auf sich selbst zu helfen und schließlich meint auch einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt werden: „Hilf dir selbst und uns!“ (V.39)

Von der Sache her kann ich diese Aufforderung sehr gut nachvollziehen. Nicht als Spott über Jesu scheinbare Hilflosigkeit, sondern als Anfrage an Gott. „Wenn du wirklich Gott bist, warum greifst du nicht ein? Warum siegt in unserer Welt so oft das Gottlose und Böse? Warum lässt du es zu, dass wir Menschen deine Schöpfung zu Grunde richten? Warum hilfst du nicht dir selbst und damit auch uns?“ Die Menschen damals dachten: Wenn jemand wirklich der Auserwählte Gottes ist, dann muss man doch auch was davon sehen. So ähnliche Gedanken kenne ich auch: Wenn du wirklich Gott bist, warum sehe ich dann so wenig davon?

Das Kreuz war damals eine Zumutung. Und es ist auch für mich eine Zumutung. Anstatt sichtbar und deutlich einzugreifen, mutet Gott uns zu darauf zu vertrauen, dass er gerade am Kreuz eingreift und uns mit der ganzen Schöpfung errettet. Sehen kann ich wenig davon. Ich kann nur darauf hoffen und vertrauen, dass es tatsächlich so ist.

| Bibeltext |

Lukas 9, 51-56 Weg mit dem Bösen!

Tja, das wäre doch mal ne saubere Lösung gegenüber dem Bösen: Wenn sich Gott jemand in den Weg stellt, dann soll Feuer vom Himmel fallen und die Widersacher verzehren. So denken zumindest die Jünger hier in diesem Text. Jesus war auf dem Weg nach Jerusalem und reist durch das Gebiet der Samariter. Juden und Samariter waren damals nicht unbedingt gut aufeinander zu sprechen und ein samaritanisches Dorf will Jesus nicht aufnehmen. Jakobus und Johannes fordern: Weg damit!

Aber Jesus hat andere Pläne. Er weist seine Jünger scharf zurecht. Er weiß einen besseren Weg, um mit dem Bösen umzugehen. Anstatt alles platt zu machen, geht er nach Jerusalem ans Kreuz. Dort besiegt er ganz gezielt das Böse, dort besiegt er den Tod. Das Böse wird nicht besiegt, indem einzelne Menschen vernichtet werden, die etwas böses tun, sondern das Böse wird besiegt, indem einzelne Menschen in sich das Böse erkennen und damit zum Kreuz kommen…

| Bibeltext |

Lukas 8, 26-39 Hau ab, du Wundertäter!

Seltsam, oder? Da tut Jesus ein ziemlich krasses Wunder, aber anstatt begeistert zu sein, schicken ihn die Leute weg. Jesus trifft auf einen, den wir heute in einer Gummizelle wegsperren würden, oder noch besser: mit Psychopharmaka ruhig stellen. Auch die Leute damals wollten Abstand von ihm haben und so hauste er allein in einer Höhle außerhalb der Stadt. Und Jesus heilt diesen Menschen, er treibt die bösen Geister kurzerhand aus.

Warum diese ablehnende Reaktion der anderen Menschen? Der Geheilte selbst ist begeistert und will mit Jesus ziehen. Alle anderen aber können Jesus nicht schnell genug los werden. Waren sie sauer wegen der Schweineherde, die dabei drauf ging? War es ihnen unheimlich, dass Jesus solche Macht über böse Geister hatte? Ich weiß es nicht…

Auf jeden Fall kann man hier sehen, dass Wunder nicht zwangsläufig zum Glauben führen. Auch wenn Jesus etwas Außergewöhnliches tut, bringt das die Menschen nicht automatisch zum Glauben. Ich wünsch mir so manches mal, dass mehr göttliche Wunder geschehen und denke, dass dies meinen Glauben stärken würdet. Aber wer weiß, vielleicht stärken Wunder meinen Glauben gar nicht, sondern das Vertrauen muss auf andere Weise wachsen…?

| Bibeltext |

Lukas 4, 38-44 Erkennen oder bekennen

Im vergangenen Jahr habe ich mich kaum auf windhauch gemeldet. Das lag daran, dass ich für mich keine kurzen Bibelabschnitte gelesen habe, sondern die ganze Bibel in einem Jahr. Das waren dann jeden Tag so viele Texte, dass es kaum sinnvoll war, darüber zu schreiben. Jetzt will ich wieder kürzere Abschnitte lesen und meine Gedanken dazu blogen. Als Vorlage versuche ich mal den Ökumenischen Bibelleseplan. Da ist gerade das Lukasevangelium dran – über das hab ich auf windhauch noch nicht gebloggt. Damit es für Mitleser aktuell ist, werde ich jeweils über den Abschnitt vom nächsten Tag bloggen.

Lukas berichtet in kurzen Zusammenfassungen, wie Jesus heilt und predigt. Was mir besonders aufgefallen ist, sind die Reaktionen der bösen Geister, welche Jesus ausgetrieben hat. Wie auch immer man sich das konkret vorzustellen hat: spannend ist, dass das Böse Jesus als den Christus sehr viel schneller und klarer erkennt als alle anderen. Die bösen Geister sehen sofort: das ist der Sohn Gottes, das ist der Messias. Den Nachfolgern und Nachfolgerinnen Jesu wurde das erst nach und nach deutlicher. Viele Pharisäer haben sich geweigert dies zu erkennen. Den Römern war dieser Jesus völlig egal. Und erst nach der Auferstehung wurde auch den Anhängern Jesus so langsam im vollen Umfang klar, mit wem sie so lange unterwegs waren.

Die Warhheit zu erkennen bedeutet noch lange nicht, sie in der richtigen Weise zu bekennen. Das Wissen allein nützt wenig, wenn ich daraus die falschen Konsequenzen ziehe. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ich in Jesus von Nazareth den Sohn Gottes erkenne, oder ob ich bekenne, dass er als Sohn Gottes auch der Herr über mein Leben ist.

2. Timotheus 2, 14-26 Krebsgeschwür des Bösen

In diesem Abschnitt wird Timotheus vor unnützem Streit mit Irrlehrern gewarnt. Zwei Beschreibungen sind mir besonders aufgefallen: „ihr Wort frisst um sich wie der Krebs“ (V.17) und „Verstrickungen des Teufels, von denen sie gefangen sind“ (V.26). Das Gefährliche am Bösen ist, dass es sich so langsam und fast unmerklich ausbreitet. Es wächst im Verborgenen, wie ein Krebs. Man verstrickt sich immer mehr darin und irgendwann, kann man sich gar nicht mehr daraus befreien.

In meinem Kopf ist jahrelang ein Tumor vor sich hingewachsen und ich hab nichts davon gemerkt! Er war nicht sichtbar, er war nicht eindeutig spürbar, er ist einfach langsam gewachsen und immer größer geworden. Ähnlich kann sich das Böse ausbreiten: es nistet sich im christlichen Leben ein und breitet sich langsam aus. Zunächst merkt man es gar nicht. Es sind scheinbar harmlose Worte und Gedanken. Es scheint alles in Ordnung zu sein – aber es steigert sich langsam, es frisst um sich. Irgendwann wird es dann offensichtlich und dann wird die Bekämpfung schon ziemlich schwierig. Es ist wie beim Krebs: je früher man es erkennt, desto leichter ist es zu bekämpfen.

Erstaunlich ist für mich, wie behutsam Timotheus mit diesem Krebsgeschwür des Bösen umgehen soll: Es soll Abstand halten (V.16), sich reinigen (V.21), dem Guten nachjagen (V.22), freundlich bleiben und das Böse ertragen (V.24) und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen (V.25). Kein radikaler Kampf gegen das Böse, sich nicht verstricken lassen in eine Auseinandersetzung, keine Angriffsfläche bieten, sondern sich abwenden und dem Guten zuwenden.

| Bibeltext |

Exodus 21 Auge um Auge

Manches in diesem Kapitel erscheint mir fremd. Das sind Rechtssätze aus einer anderen Zeit und anderen Kultur. Niemand den ich kenne würde z.B. ernsthaft auf die Idee kommen, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen (vgl. V.7 – wobei das auch heute in anderen Kulturen noch normal ist). Die konkreten Gebote der Bibel kritisieren nicht die damalige Kultur des Sklavenhandels, aber sie ordnen die damalige Kultur mit bestimmten Grundsätzen.

Einer dieser Grundsätze ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn,…“ (V.24). Dieser Grundsatz gilt von der Bedeutung her bis heute in unserem Rechtssystem. Es ist der Grundsatz der angemessenen Strafe: Die Schwere der Strafe muss dem Gewicht des Vergehens angemessen sein, sie darf nicht zu leicht und nicht zu schwer sein. Jemand der einen Kaugummi geklaut hat muss anders bestraft werden, als jemand der einen Mord begangen hat. Ob dieses Auge um Auge damals wörtlich ausgeführt wurde ist umstritten. Verse wie V.18f und V.26f deuten eher auf eine übertragene Bedeutung hin. Dieses Gebot verhindert eine hemmungslose Rachsucht, sie beschränkt die Bestrafung auf ein angemessenes Maß. So fremd und veraltet sind also die Grundsätze hinter diesen Geboten gar nicht.

Nun hat ja Jesus bekanntlich dieses Gebot in Frage gestellt (Mt.5,38-42). Wen uns jemand Böses tut, so sollen wir uns nicht wehren, sondern im Gegenteil: wenn uns jemand auf die linke Backe schlägt, sollen wir ihm auch noch die rechte hinhalten! Was gilt nun als Christ? Auge um Auge? Oder soll ich die andere Backe hinhalten?

Ich denke es ist wichtig, den Hintergrund der Aussagen mit ein zu beziehen. In Exodus geht es um allgemeine Rechtssätze für das Zusammenleben. Hier muss es gewisse Grundsätze geben, wie eine Gemeinschaft mit Menschen umgeht, die andere schädigen. Jesus spricht den Menschen persönlich an: Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand Böses tut? Poche ich auf mein Recht oder verzichte ich bewusst darauf, um dem anderen etwas von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes deutlich zu machen? In dieser Spannung leben wir: Wo ist es nötig, dem Bösen Einhalt zu gebieten und wo ist es nötig, das Böse durch Gutes zu überwinden?

| Bibeltext |

Eric-Emmanuel Schmitt: Adolf H. – Zwei Leben

Ganz schön mutig von Schmitt. Als erfolgreicher Bestsellerautor hätte er beim Bewährten bleiben können. Aber nein, er sucht sich ausgerechnet Adolf Hitler als Hauptperson für eine Art Romanbiographie heraus. Viele Freunde haben ihm aus gutem Grund abgeraten. Bei diesem Thema kann man eigentlich nur verlieren (zumindest als ernsthafter Schriftsteller, dem es nicht um billige Sensationshascherei geht). Ein hoch sensibles und hoch emotionales Thema. Viele Rezensionen sind auch entsprechend kritisch ausgefallen. Meiner Meinung nach gebührt ihm aber allein für seinen Mut Respekt.

Schmitt sagt zurecht, dass wir es uns in der Beschäftigung mit Hitler oft viel zu einfach machen. Er ist für uns das unbegreifliche Ungeheuer, ein Monster, das Böse schlechthin. Er ist so ganz anders als jeder normale Mensch, so ganz anders als wir. Und genau damit halten wir Hitler auf Distanz, damit halten wir das Böse auf Distanz. Wir denken: Ich bin ja auch nicht perfekt, aber so böse wie Hitler bin ich doch bei weitem nicht. Aber auch Hitler war ein Mensch und wir müssen uns fragen, wie es möglich ist, dass aus einem Menschen solch ein Ungeheuer wurde.

Schmitt versucht das in seinem Roman. Es ist keine gewöhnliche Biographie, sondern ein fiktiver Roman verbunden mit einer romanhaften Biographie von Hitler. Schmitt stellt sich die Frage, was aus Adolf Hitler geworden wäre, wenn er in jungen Jahren von der Kunstakademie angenommen worden wären und nicht (wie es tatsächlich geschehen ist) eine Ablehnung erhalten hätte. Der Autor erzählt von diesem Punkt an eine zweifache Geschichte, zwei Leben: Zum einen die tatsächliche Geschichte, wie aus diesem gescheiterten Künstler der fanatische Diktator wurde und zum anderen eine erfundene Geschichte, wie das Leben von Adolf Hitler als Künstler vielleicht ablaufen hätte können.

Schmitt erzählt die beiden Biographien nun parallel durch das Buch hindurch. Es wechseln sich immer längere Abschnitte ab, in denen es zum einen um den Diktator Hitler geht und zum anderen um den Künstler Adolf H. Als jemand, der noch keine Biographie über Hitler gelesen hat, war für mich die wirkliche Geschichte faszinierender als das Gedankenexperiment der erfundenen Geschichte. Die spannende Frage bei Hitler ist ja, wie aus einer solch gescheiterten Existenz solch ein die Massen verführender Führer werden konnte. Diese Frage ist spannender, weil sie konkreter ist, als die hypothetische Frage, was hätte passieren können wenn…

Die fiktive Geschichte des Künstlers Adolf H. ist an vielen Stellen sehr klischeehaft und platt. Er begegnet dem Psychoanalytiker Freud, der ihm hilft, mit seinen Kindheitserfahrungen umzugehen und von seiner verklemmten Sexualität frei zu kommen. Eine interessante Idee, denn ein junger Hitler, der sich mit seinen ernsthaft mit seinen Persönlichkeitsproblemen auseinander gesetzt hätte, wäre sicher ein anderer Mensch geworden. Aber je länger die Geschichte erzählt wird, desto willkürlicher verläuft natürlich diese fiktive Biographie. Der Reiz des „was wäre wenn“ liegt ja gerade an den vielen unterschiedlichen Möglichkeiten und er verflüchtigt sich mit der Zeit immer mehr, weil sich der Autor auf eine Variante festlegen muss.

Die Gefahr bei diesem Projekt ist natürlich, dass jeder Erklärungsversuch, wie Hitler zu dem wurde was er war, als eine Verharmlosung wahrgenommen wird. Die Gefahr auf der anderen Seite ist aber, dass wir es uns mit dem Bösen zu einfach machen und in Hitler einfach das Monster sehen, das mit einem normalen Menschen nichts mehr zu tun hat. Schmitt öffnet uns die Augen dafür, dass das Potential zu diesem Bösen in jedem von uns steckt. Für jeden von uns ist es wichtig, sich seinen Schwachpunkten und Problemen zu stellen und sie nicht zu verdrängen.

Auf jeden Fall ein mutiges Buch, das auch vom Stil her gut zu lesen ist. Eine faszinierende Grundidee, die aber sehr schwierig umzusetzen ist. Auch wenn die fiktive Biographie an vielen Stellen klischeehaft übertrieben ist und auch wenn man sich über manche psychologische Deutungsversuche in der Biographie des tatsächlichen Adolf Hitlers streiten kann – das Buch hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken angeregt, ja geradezu dazu provoziert.

Zitate

  • Aus der fiktiven Biographie des Künstlers Adolf H.: „‚Gewißheiten bringen nur Idioten hervor.‘ ‚Egal! Ein bißchen mehr Selbstvertrauen würde mich manchmal weiterbringen.‘ ‚Weiter weg von den anderen, Adolf, das ist alles.‘ ‚Egal! Wenn ich aufhören könnte zu zweifeln…‘ ‚Höre nicht auf zu zweifeln. Das ist es schließlich, was aus dir den macht, der du bist. Ein Mensch, dem man nicht aus dem Weg gehen muß. Das verleiht dir ein Gefühl der Unsicherheit, gewiß, aber diese Unsicherheit, das ist dein Atmen, dein Leben, das ist dein Menschsein. Wenn du damit Schluß machtest, würdest zu zum Fanatiker werden. Fanatiker einer Idee! Oder schlimmer noch: Fanatiker deiner selbst.'“ (S.430)
  • Aus der fiktiven Biographie des Künstlers Adolf H.: „Was ist ein Monstrum? Es ist ein Mensche, der das Böse immer wieder tut. Ist er sich dessen bewußt, dass er Böses tut? Nein, die meiste Zeit nicht. Manchmal ja, aber dieses Bewußtsein ändert nichts daran. Weil sich das Monstrum, weil sich das Ungeheuer in seinen Augen damit rechtfertigt, es hätte ja nie etwas Böses gewollt. Es ist nur dumm gelaufen“ (S.466f)
  • „‚Was ist ein Mensch?“ spricht der Vater weiter. ‚Ein Mensch ist durch Umstände gemacht, und er hat die Wahl, sich zu entscheiden. Niemand hat die Macht über die Umstände, doch jeder hat die Wahl, wie er sich entscheidet.'“ (S.480)
  • Aus dem abschließenden Arbeitsjournal zu diesem Buch: „Adolf H. sucht sich zu verstehen, während der echte Hitler nichts von sich weiß. Adolf H. erkennt die Existenz von Problemen in sich an, während Hitler sie begräbt. Adolf H. heilt sich und öffnet sich den anderen, während Hitler in seiner Neurose versinkt und jede menschliche Beziehung kappt. Adolf H. stellt sich der Realität, während Hitler sie leugnet, sobald sie seinen Wünschen entgegensteht. Adolf H. erlernt Demut, während Hitler ‚der Führer’ wird, ein lebender Gott. Adolf H. öffnet sich der Welt, Hitler zerstört sie, um sie wieder in Ordnung zu bringen.“ (S.506)

Jeremia 13, 12-27 Die Droge des Bösen

In diesem Abschnitt taucht ein ähnlicher Gedanke auf, wie schon in Jer. 9,1-10: „Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken? So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid.“ (V.23) Wer Böses tut, der gewöhnt sich irgendwann so sehr daran, dass er gar nicht mehr anders handeln kann. Der Unterschied zu einem „Mohren“ oder einem Panther ist der: Sie werden so geboren und haben gar keine Wahl – der Mensch dagegen kann sich für Gut oder Böse entscheiden. Wenn er sich jedoch ständig für das Böse entscheidet, ist er irgendwann so verstrickt ins Böse, dass er selbst wenn er es will, nicht mehr heraus kommt.

Das ist ähnlich wie bei einer Sucht. Am Anfang kann man sich noch für oder gegen eine bestimmte Droge entscheiden. Wenn man Drogen nimmt, dann kommt irgendwann der Punkt, wo man nicht mehr davon weg kommt. Selbst wenn man aufhören will, ist man doch ein Gefangener seiner Sucht. Das Böse ist wie eine Droge, von der man sich irgendwann nicht mehr alleine befreien kann.

Ich kenn mich nicht besonders aus beim Drogenentzug. Aber so viel ich weiß ist der erste wichtige Schritt um „clean“ zu werden, dass man seine eigene Lage erkennt, dass man erkennt dass man Hilfe braucht. Solange jemand meint, er komme schon irgendwie klar damit und er habe seinen Umgang mit Drogen selbst im Griff, solange hat er keine Chance frei zu werden. Vom Bösen frei werden wir nicht durch gute Vorsätze, sondern nur wenn wir erkennen, dass wir Hilfe brauchen…
Bibeltext