Titus 1, 1-9 Wie funktioniert Gemeinde?

In diesem Abschnitt geht es um Älteste und Bischöfe. Auch hier wird nicht deutlich beschrieben, was diese Ämter eigentlich bedeuten (ähnlich wie in 1. Tim. 3,1-13). Älteste sind wahrscheinlich nach jüdischer Tradition die Gemeindeältesten. Bischof heißt übersetzt „Aufseher“, an dieses Amt werden hier höhere Anforderungen gestellt als an die Ältesten und der Bischof ist wohl in besonderer Weise für die Lehre zuständig (V.9).

Was ich mich bei dieser Liste der Anforderungen an Älteste und Bischöfe frage: Wer bestimmt eigentlich, ob diese Personen den Anforderungen genügen? Urteilt darüber Titus, der ja offensichtlich von Paulus die Autorität hat, die Personen in diese Ämter einzusetzen (V.5)? Gibt es in der Gemeinde eine demokratische Wahl? Gibt ein Prophet den Willen Gottes kund? Und was passiert wenn jemand im Amt ist und dann z.B. eines seiner Kinder vom Glauben abfällt (V.6) oder er einen Ausbruch von Jähzorn hat (V.7)? Oder ist diese Liste eine Hilfe für jeden einzelnen Amtsträger, um sich selbst zu überprüfen? Haben die Gemeinden bestimmte Regeln und Vorgehensweisen aufgestellt um die Amtsträger zu überprüfen? Gab es in allen Gemeinden die gleichen Ämter und Ordnungen oder gab es auch Unterschiede?

Würde mich schon interessieren, wie die Gemeinden damals mit solchen Fragen umgegangen sind. Das sind ja Fragen, die uns bis heute beschäftigen. Aber offensichtlich war es Gott nicht wichtig, uns genaue Gemeindeordnungen mitzugeben. Er hat uns im Neuen Testament einige Richtlinien mit auf den Weg gegeben und wir müssen immer wieder neu fragen, wie wir diese Richtlinien auf angemessene Weise konkret umsetzen.

| Bibeltext |

1. Timotheus 5, 17-25 Früchristliche Ämtervielfalt

Wenn man versucht, Gemeinde nach neutestamentlichem Vorbild zu organisieren, dann ist das gar nicht so leicht. In dem Brief an Timotheus werden verschiedene Ämter erwähnt, aber die Aufgaben und Zuordnungen sind nicht präzise zu ermitteln. Es werden Bischöfe erwähnt (3,1-7), Diakone (3,8-13) und nun auch noch Älteste (5,17-22). Wie ist die genaue Differenzierung zwischen Bischof und Ältester? Beide scheinen gemeindeleitende Funktion zu haben. Wenn man Apg. 20,17 mit Apg. 20,28 vergleicht, scheinen Älteste und Bischöfe dieselbe Personengruppe zu sein. Im Timotheusbrief und auch im Titusbrief (1,5-9) werden sie aber gesondert angesprochen. Und überhaupt: Welche Rolle spielt Timotheus selbst in der Gemeinde? Er ist ja offensichtlich derjenige, der Älteste durch Handauflegung in ihr Amt einsetzt (V.22). Welches Amt hat er, das ihn dazu berechtigt?

Wenn man dazu noch versucht, den sogenannten fünffältigen Dienst in Beziehung zu setzen, der in Eph. 4,11 (und nur dort) erwähnt wird, ist die Verwirrung komplett. Dort werden fünf Ämter aufgezählt (oder sind es nur vier, weil die letzten beiden auch im Griechischen auffällig mit „und“ verbunden sind?), welche sich an einzelnen Gaben orientieren: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. In welcher Beziehung stehen sie zu Ältesten, Bischöfen und Diakonen? Eine weitere Frage: Gab es damals schon Hauptamtliche, die für ihren Dienst bezahlt wurden? Die beiden Zitate in V.18 scheinen darauf hinzudeuten – oder ist hier mit Lohn die „doppelte Ehre“ aus V.17 gemeint?

Nach meinem Eindruck scheint da in den frühchristlichen Gemeinden noch vieles im Fluss zu sein. Die eine, allein richtige Gemeindeordnung und die eine allein richtige Ämter- und Diensteverteilung gab es zur neutestamentlichen Zeit nicht. Was aber als gemeinsame Strukturmerkmale erhoben werden kann: Gemeindeleitung geschah immer im Team, aber es gab auch damals schon einzelne Personen, welche bei der Gemeindegründung oder Gemeindeleitung eine herausgehobene Rolle spielten. Gemeindeleitung ist zum einen dadurch gekennzeichnet, dass verschiedene Personen sich gemäß ihren Gaben einbringen, aber auch dadurch, dass verschiedene Personen durch Handauflegung für ihre Ämter befähigt und eingesetzt (sozusagen „ordiniert“) wurden.

| Bibeltext |

1. Timotheus 3, 1-13 Frühchristliche Gemeindeämter

Es geht um zwei Ämter in der Gemeinde: um das Bischofsamt (griech.: episkopos) und das Diankonenamt (griech.: diakonos). Leider gibt es hier, wie auch an anderen Stellen, keine genaue Aufgabenbeschreibung. Wir wissen nicht so ganz genau, welche Tätigkeiten diese Personen ausgeübt haben. Episkopos kann man mit Aufseher übersetzen, es geht wohl um eine gemeindeleitende Funktion (kein Bischof in unserem Sinn mit übergemeindlichen Aufgaben). Zugleich scheinen sie auch Lehraufgaben wahrgenommen zu haben (vgl. V.2). Ein Diakon ist wörtlich ein „Diener“ und übernahm wohl verschiedene Dienste in der Gemeinde.

In dem Text geht es weniger um die Aufgaben, sondern um die Befähigungen, die man für solche Ämter mitbringen muss. Was mich erstaunt hat: Es geht vor allem um ethische Anforderungen an die Lebensführung und nicht um geistliche Voraussetzungen. Was hier aufgezählt wird entspricht im großen Ganzen den öffentlichen Moralvorstellungen. Offensichtlich gab es wohl in der angeschriebenen Gemeinde vor allem auf diesem Gebiet Probleme.

Was mir noch aufgefallen ist: Es werden unter anderem Dinge aufgezählt, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Wer kann sich schon ernsthaft einen Gemeindeleiter vorstellen, der ein Säufer ist, geldgierig ist und mit mehreren Frauen zusammen ist?! Aber anscheinend waren schon damals die selbstverständlichen Dinge nicht selbstverständlich! Sonst hätte man sie nicht extra anführen müssen.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie realistisch die Bibel uns Menschen einschätzt. Die Menschen damals in der Urgemeinde waren auch nicht anders als wir, sie hatten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und waren – wie wir – alles andere als perfekt. Das soll keine faule Ausrede für uns heute sein, sondern eher ein Ansporn: auch damals haben sie nur mit Wasser gekocht und es ist aus dem kleinen Jüngerkreis trotzdem eine weltumspannende Gemeinde geworden!

| Bibeltext |