Apostelgeschichte 3, 17- 26 Werbende Predigt

Petrus wirbt um seine Landsleute. Das ist in diesem Abschnitt deutlich zu spüren. Er gesteht ihnen zu, dass sie Jesus aus „Unwissenheit“ getötet haben (V.17) und er stellt Jesus, mit deutlichem Rückbezug auf die hebräische Bibel, vor allem als den von Gott ausersehenen Christus (= Messias) dar. Er zeigt die Bedeutung Jesu auf dem Hintergrund ihrer Tradition und ihrer Kultur. Trotz allem Entgegenkommen und Werben weißt er deutlich darauf hin, dass Umkehr nötig ist (V.19: „So tut nun Buße und bekehrt euch“; V.26: „… dass ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit“).

Er stellt sich also ganz auf seine Hörer ein und umwirbt sie. Und zugleich verwässert er die Botschaft nicht. Er predigt keine billige Gnade. Es ist gut, wenn wir auch heute diese Ausgewogenheit beibehalten. Wir sollen auf andere eingehen, ihre Kultur und ihr Lebensgefühl wahrnehmen, das Evangelium so übersetzen, dass sie es in ihrer Welt verstehen können. Das ist heute schwieriger als für Petrus damals in einer jüdischen Kultur – und gerade deswegen ist es um so wichtiger. Aber wir dürfen das Evangelium dabei nicht verwässern. Sündenerkenntnis und Umkehr bleibt in jeder Kultur und zu jeder Zeit nötig.

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Galater 5, 1-12 Billige Gnade?

Was wohl in den Köpfen der Galater vorgegangen ist? „Das ist doch zu schön, um wahr zu sein! Ich brauche nur Jesus zu vertrauen und allein dadurch bin ich mit Gott versöhnt? Das kann doch nicht alles sein! Ich muss doch auch was tun! So einfach kann es doch nicht sein! Wenn das wahr wäre, dann würde das doch die ganze moralische Funktion von Glaube zerstören! Wozu soll ich mich anstrengen und ein gutes Leben führen, wenn mir Gott sowieso alles vergibt? Das ist doch billige Gnade! Paulus macht die Gnade Gotte zu billig! Er verscherbelt sie ganz ohne Gegenleistung! Das kann doch nicht sein!“

Aber Paulus bleibt dabei: Wer durch eigene Leistung, durch Werke des Gesetzes gerecht werden möchte, der muss das ganze Gesetz halten. Es gibt keine Vermischung von eigener religiöser oder moralischer Leistung und Gnade. Es gibt nicht das aufrechnen: bis hier hin muss ich selbst gehen und den Rest schenkt mir Gott in seiner Gnade. Nein! Gott schenkt alles in seiner Gnade! Wer durch das Gesetz gerecht werden will (und seien es auch nur einzelne Bestimmungen wie die Beschneidung), der hat Christus verloren (V.4).

Das heißt für Paulus nicht, dass damit die Gnade billig wird oder dass moralische und religiöse Anstrengung überflüssig wird. Für ihn ist nur das Vorzeichen anders: Alles menschliche Bemühen dient nicht dazu das Heil zu verdienen. Aber wer Gottes Gnade geschenkt bekommt, der wird sich von selbst bemühen ein Leben in der Liebe zu führen: „In Christus Jesus gilt … der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (V.6) Das ist keine billige Gnade – das ist geschenkte Gnade, die sich in der Liebe zeigt.

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Bonhoeffer: Nachfolge (9) – Christi Gerechtigkeit

Nach Bonhoeffer räumt Jesus in Mt.5,17-20 mit zwei Missverständnissen des Gesetzes auf. Das eine Missverständnis betrifft die Pharisäer: sie setzten Gott und Gesetz gleich und so kommt es zu einer „Vergottung des Gesetzes und Vergesetzlichung Gottes“ (S.117f). Hier wird das Gesetz zum Ersatz für die Gemeinschaft mit Gott. Umgekehrt wäre es aber auch ein Missverständnis, wenn die Jünger Gott und Gesetz völlig trennen würden (so wie es z.B. Marcion getan hat, der ein Christentum ohne alle jüdischen Bindungen wollte). „Es gibt keine Erfüllung des Gesetzes ohne Gottesgemeinschaft, es gibt auch keine Gottesgemeinschaft ohne Erfüllung des Gesetzes. Das erste gilt den Juden, das zweite dem drohenden Mißverständnis der Jünger.“ (S.118) Geber und Gabe müssen unterschieden werden, aber dürfen auch nicht auseinander gerissen werden.

Jesus setzt das Gesetz neu in Kraft (er bringt kein neues Gesetz, sondern bringt das alte neu zur Geltung), indem er zwischen das Gesetz und den Jünger tritt (S.119). Nicht um das Gesetz aufzulösen, sondern um es in der Bindung an ihn neu zu bekräftigen. Das Gesetz gilt auch für den Jünger Jesu. Und zwar geht es dabei nicht nur um die richtige Lehre über das Gesetz, sondern auch um das konkrete Tun des Gesetzes.

Allerdings erreicht der Jünger Jesu eine bessere Gerechtigkeit in diesem Tun als die Pharisäer. Denn kein Mensch kann das Gesetz völlig erfüllen. „Der Vorzug der Gerechtigkeit des Jüngers besteht darin, daß zwischen ihm und dem Gesetz derjenige steht, der das Gesetz vollkommen erfüllt hat…Ehe er anfängt dem Gesetz zu gehorchen, ist das Gesetz schon erfüllt.“ (S.120) Auch wenn der Nachfolger Jesu mit aller Kraft versucht das Gesetz zu erfüllen, so bleibt seine Gerechtigkeit doch „in strengem Sinne geschenkte Gerechtigkeit“ (S.121).

Was heißt das? In Jesus Christus ist das Gesetz erfüllt. Schon vor allem Tun der Jünger. Aber! Dies entbindet die Nachfolger nicht vom Tun des Gesetzes. Eine Gemeinschaft mit Gott ohne Tun der Gebote Gottes gibt es für Bonhoeffer nicht. Im Grunde wendet er sich hier wieder gegen eine „billige Gnade“, einer Gnade die uns von allem Tun und aller echten Nachfolge entbindet.

Bonhoeffer: Nachfolge (2) Die teure Gnade

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.“ (S.29) Zack! Das sitzt! In einem kurzen Satz sagt Bohoeffer pointiert das Wichtigste! In der damaligen Situation hätte man sich ja auch andere Sätze vorstellen können. Z.B.: „Der Nationalsozialismus ist der Todfeind unserer Kirche.“ Oder: „Wetterwenderische Kirchenführer sind der Todfeind unserer Kirche.“ Aber nein: die billige Gnade ist der Todfeind. Ich denke das ist bis heute so.

Schön finde ich, dass Bonhoeffer nicht gegen die billige Gnade kämpfen will, sondern dass sein Kampf um die teure Gnade geht. Gegen etwas zu kämpfen ist relativ leicht. Bis heute finden sich jede Menge Leute, die gegen etwas sind. Menschen, die für etwas kämpfen sind seltener. Etwas nieder zu machen und platt zu walzen ist einfacher und bequemer, als etwas besseres aufzubauen. Das beobachte ich an mir selbst und an anderen Christen leider viel zu oft: Das Kritisieren ist leicht und wird ausgiebig praktiziert, aber eine Situation durch eigenen positiven Einsatz zu verändern, das tun nicht viele.

In diesem Kapitel beschreibt Bonhoeffer den Unterschied zwischen billiger und teurer Gnade. „Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System“ (S.29) „teure Gnade ist das Evangelium“ (S.31), das in die gelebte Nachfolge ruft und diese Nachfolge ist teuer, „weil sie dem Menschen das Leben kostet“ (S.31). Der Unterschied ist der, dass billige Gnade als theologisches Prinzip, unabhängig vom Leben gilt, sie setzt von vornherein vor alles menschliche Handeln ein positives Vorzeichen: Gott ist ja gnädig, er vergibt alles. Teure Gnade ist dagegen das Ergebnis von ernsthafter Nachfolge. Jeder der ernsthaft nach Gottes Willen leben will, wird daran scheitern und dann als Resultat dieses Scheiterns die Gnade Gottes erleben.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.“ (S.30)

In einem kurzen Durchgang durch die Kirchengeschichte entfaltet Bonhoeffer diesen Unterschied. Petrus hat die teure Gnade empfangen, weil für ihn Gnade und Nachfolge unauflöslich zusammen gehören. Als die Kirche zur Staatskirche wurde, „ging die Erkenntnis der teuren Gnade allmählich verloren“ (S.32). Nur im Mönchtum versuchte man noch ernsthaft, den Gebote Jesu zu folgen, allerdings wurde dann gerade durch das Mönchtum die Nachfolge auch zu einer verdienstlichen Sonderleistung Einzelner und zu einer billigen Rechtfertigung der christlichen Massen, da ja offensichtlich nicht jeder solch ein radikales Leben wie die Mönche führen konnte.

Erst Martin Luther holte die Nachfolge aus dem Kloster zurück in den Alltag der Welt. Luther scheiterte als Mönch an dem Versuch, ein frommes Leben zu führen und erst dann ergriff er die Gnade. Erst nachdem er alles gegeben hatte merkte er, dass das nicht genug ist, dass er vor Gott nichts leisten kann. Und so hat er sein frommes Ich im Kloster zurück gelassen und sich allein von der Gnade Gottes abhängig gemacht. Diese völlige Abhängigkeit von der Gnade soll nicht in der Abgeschiedenheit des Klosters gelebt werden, sondern mitten in der Welt. „Der vollkommene Gehorsam gegen das Gebot Jesus mußte im täglichen Berufsleben geleistet werden.“ (S.35)

Doch schon die Schüler Luthers verdrehten seine Lehre wieder: „Aus der Rechtfertigung des Sünders in der Welt wurde die Rechtfertigung der Sünde in der Welt.“ (S.36) Für Luther war Gnade noch das Ergebnis, der Endpunkt der Nachfolge. In der lutherischen Orthodoxie wurde Gnade zur Voraussetzung und Anfangspunkt von allem, sie galt als Prinzip und zugespitzt ganz unabhängig von der konkreten Nachfolge. „Ist aber Gnade prinzipielle Voraussetzung meines christlichen Lebens, so habe ich damit im voraus die Rechtfertigung meiner Sünden, die ich im Leben in der Welt tue. Ich kann nun auf diese Gnade hin sündigen, die Welt ist ja im Prinzip durch Gnade gerechtfertigt. Ich bleibe daher in meiner bürgerlich-weltlichen Existenz wie bisher, es bleibt alles beim alten.“ (S.37)

Den Unterschied zwischen Gnade als Voraussetzung und Gnade als Resultat verdeutlicht Bonhoeffer auch durch folgenden Vergleich: „Wenn Faust am Ende seines Lebens sagt: Ich sehe, daß wir nichts wissen können, so ist das Resultat, und etwas durchaus anderes, als wenn dieser Satz von einem Studenten im ersten Semester übernommen wird, um damit seine Faulheit zu rechtfertigen.“ (S.38) Die Konsequenz für Bonhoeffer: Es „muß der Versuch gemacht werden, Gnade und Nachfolge wieder in ihrem rechten Verhältnis zueinander zu verstehen.“ (S.42)

Ich merke, dass ich sehr viel zitiere. Das liegt daran, dass Bonhoeffer schon so knapp und prägnant formuliert, dass man es eigentlich kaum sinnvoll zusammenfassen kann, ohne Wesentliches auszulassen. Von der billigen Gnade habe ich bis jetzt immer nur stichwortartig gehört oder gelesen. Es ist wirklich hilfreich, den Zusammenhang kennen zu lernen. Erstaunlich ist für mich auch, wie aktuell die Analysen Bonhoeffers sind. Wenn es um die zentralen Fragen des Glaubens geht, dann haben wir seit Jahrhunderten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Jeremia 4, 5-18 Im Nachhinein

Tja, im Nachhinein ist man immer schlauer. Da gab es wohl damals genügend andere Propheten, die eine sehr viel angenehmere Botschaft hatten als Jeremia. Sie sagten dem Volk und den Herrschern: „Es wird Friede bei euch sein.“ (V.10) Jeremia sagte dagegen, dass Gott Unheil und Jammer bringen wird (V.6). Mhhmm… wem soll ich da jetzt eher glauben? Den zwanzig Propheten die Friede verkündigen oder dem einen, der „Unheil“ schreit? Das erste ist auf jeden Fall sehr viel bequemer…

Aber nicht immer hat die Mehrheit recht. Und auch wenn Gott ein Gott des Friedens ist, heißt das nicht dass immer alles friedlich ausgeht. Im Nachhinein wissen wir, dass Jeremia derjenige war, der wirklich recht hatte. Ich denke aber, dass auch die Menschen damals schon hätten erkennen können, dass die bequeme Botschaft der vielen Propheten irgendwo einen Haken hat. Haben sie im Ernst gedacht, sie könnten anderen Göttern nachlaufen und zugleich darauf zählen dass der wahre Gott sie schon nicht fallen lassen wird?

Kommt mir irgendwie bekannt vor diese Einstellung: Du kannst tun und lassen was du willst. Es ist völlig egal wie du lebst und was du glaubst. Der liebe Gott wird schon ein Auge zudrücken und Gnade vor Recht ergehen lassen. Im Nachhinein wird man schlauer sein – aber ich selbst ziehe es vor schon im Vorhinein schlauer zu sein und vertraue jetzt schon diesem Gott der Bibel.
Bibeltext