Römer 4, 1-12: Wer hat Recht – Paulus oder Jakobus?

Paulus begründet seine Sicht der Rechtfertigung aus Glauben mit dem Hinweis auf den Urvater des Glaubens: Abraham. Für Paulus folgt aus Gen. 15,6 eindeutig, dass Abraham aus Glauben und nicht wegen seiner Werke vor Gott gerecht wurde. Diese Aussage wird über Abraham schon vor seiner Beschneidung (Gen. 17,10-27) und auch vor seiner schweren Glaubensprüfung, als er Isaak opfern soll (Gen. 22), gemacht. D.h. schon vor allen Werken wurde Abraham durch Glauben gerecht.

Soweit so gut. Das ist logisch nachvollziehbar. Schwierig wird es jetzt nur, wenn wir diesen Text mit dem Jakobusbrief vergleichen. Dort spricht Jakobus auch über Abraham und schaut sich genau denselben Text an (Gen.15,6) – kommt aber genau zu der gegenteiligen Erkenntnis: „Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden?“ (Jak.2,21) Hier wird in der Bibel ein biblischer Text von zwei biblischen Autoren unterschiedlich ausgelegt. Wer hat nur Recht? Wie gehen wir damit um?

Man kann natürlich versuchen zu harmonisieren. Viele die sich bibeltreu nennen, meinen der Bibel gegenüber besonders treu zu sein, wenn sie solche Spannungen auf Biegen und Brechen harmonisieren. Das ist an dieser Stelle nicht einfach, aber kann man durchaus versuchen. Eine andere Möglichkeit ist, Luther zu folgen: Er hat sich hier ganz klar auf die Seite des Paulus positioniert. Für ihn war es ein klarer Widerspruch. Er sah die Meinung des Paulus sehr viel näher an Jesu Lehre als die Meinung des Jakobus (deswegen nannte er den Jakobusbrief auch eine „stroherne Epistel“ und setzte ihn ganz an das Ende des neutestamentlichen Kanons).

Ich tendiere zu einer dritten Möglichkeit: Es gibt für viele biblische Stellen nicht die eine allein richtige Auslegung, die unabhängig von Zusammenhang, Fragestellung, zeitgeschichtlichem Hintergrund, kulturellem Hintergrund und persönlicher Perspektive gültig ist. Man kann denselben Bibeltext durchaus unterschiedlich auslegen – so wie es hier Paulus und Jakobus getan haben. Damit meine ich nicht, dass man Bibeltexte beliebig auslegen kann. Es ist bei jedem Lesen wichtig zu fragen, was denn der Text ursprünglich sagen will. Aber im einzelnen kann man dann durchaus zu verschiedenen Ergebnissen kommen – das schmälert die Autorität der Bibel nicht, sondern bereichert sie.

An dieser Stelle finde ich die Auslegung des Paulus die grundsätzlichere und wichtigere. Hier kann man durchaus mit Luther argumentieren, dass hier besser deutlich wird, „was Christus treibet“, d.h. was im Sinne Christi ist. Jakobus hat Abraham von einem anderen Zusammenhang her betrachtet, aus einer speziellen Perspektive. Er hatte es wohl mit Christen zu tun, die es sich all zu bequem in ihrer Glaubensgerechtigkeit eingerichtet haben und denen Werke wohl völlig egal waren. Von diesem Hintergrund her betont er, dass bei Abraham neben dem Glauben auch die Werke wichtig waren. Aber wie gesagt: wir sollten die Spannung zwischen Paulus und Jakobus nicht all zu schnell glatt bügeln. Unterschiedliche (aber nicht beliebige!) Verstehensweisen desselben Textes gehören schon in der Bibel ganz selbstverständlich dazu.

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Apostelgeschichte 22, 22-30 Rom sei Dank?!

Das Werben und die Argumente des Paulus überzeugen seine Zuhörer nicht. Im Gegenteil, sie sind umso fester entschlossen, Paulus aus dem Weg zu räumen. In dieser brenzligen Situation rettet Paulus ausgerechnet sein römisches Bürgerrecht. Wie wir an dem römischen Oberste sehen, war das damals ein ziemliches Privileg und hat einem so manche Vorteile verschafft. Auf dem Hintergrund von solchen Erfahrungen ist es verständlich, wenn Paulus im Römerbrief (13,1-7) dazu auffordert, sich der stattlichen Obrigkeit unterzuordnen, weil sie von Gott eingesetzt sei.

Andere biblische Schreiber haben nicht so positive Erfahrungen mit dem römischen Reich gemacht. Johannes, der Schreiber der Offenbarung z.B., lebt in einer Zeit, in welcher der römische Kaiser versucht, seine göttliche Verehrung durch zu setzen. Die Christen, die ihm das verweigerten, mussten mit Verfolgung rechnen. Für ihn ist Rom die große Hure Babylon (Offb.17), welche sich schwer gegen Gott versündigt und einmal gerichtet wird.

Wir sehen hier, wie schon in der Bibel Theologie auch von persönlicher Erfahrung geprägt ist. Das kann auch gar nicht anders sein. Wir nehmen Gottes Reden immer nur gefärbt durch unser persönliches Erleben war. So ist es auch schon in der Bibel. Es gibt keine neutrale und unpersönliche Offenbarung Gottes, sondern er redet zu bestimmten Personen in bestimmten Zeiten. Wir sehen auch, wie sich Gottes Urteil über eine Weltmacht wie Rom im Lauf der Zeit ändern kann. Offenbarung ist immer auch geschichtlich. Sie ist in eine bestimmte Situation hinein gesprochen. Von daher ist es beim Bibellesen immer wichtig zu überlegen, in welche Zeit und zu welchen Personen Gott damals gesprochen hat, wie unsere Zeit heute aussieht und was Gottes Reden dann für uns heute und für mich persönlich zu bedeuten hat.

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Lukas 24, 13-35 Anders und doch gut

Immer wieder neu faszinierend finde ich diese Geschichte von den zwei Emmausjünger. Aufgefallen ist mir dieses mal, dass diese zwei Jünger ja gar nicht zum engeren Jüngerkreis gehört haben. Es waren nicht zwei von den zwölf Jüngern, die von Jesus in besonderer Weise zur Nachfolge berufen wurden, sondern zwei aus dem erweiterten Jüngerkreis. Der auferstandene Jesus zeigt sich nicht zuerst und ausschließlich den zwölf Aposteln, sondern er zeigt sich gerade auch anderen Jüngerinnen und Jüngern. Das finde ich schön. Jeder hat die gleich Chance, dem Auferstandenen zu begegnen.

Beim Lesen kam es mir auch fast schon schelmisch vor, wie Jesus mit den zwei Jüngern umgeht. Er lässt nicht gleich die Katze aus dem Sack, sondern lässt sie erst ein wenig zappeln und treibt ein bisschen Bibelauslegung mit ihnen. Und als sie ihn endlich erkannt haben, verlässt er sie auch gleich wieder.  Er scheint mit einem Augenzwinkern deutlich zu machen: Nehmt eure Trauer und euren Schmerz doch nicht so ernst. Es musste doch alles so kommen. Es ist doch alles okay – auch wenn es anders kam, als ihr euch das gedacht habt. Ich bin da – auch wenn ihr mich nicht immer gleich erkennt und versteht…

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Lukas 9, 18-27 Jesu Kreuz und unser Kreuz

Über die Parallelstelle in Markus habe ich vor einigen Wochen gepredigt. Bei der Vorbereitung dazu ist mir vor allem die Verbindung von Jesu Kreuz und unserem Kreuz aufgefallen. Jesus kündigt seinen Leidensweg an, also seinen Weg ans Kreuz. Gleich darauf kündigt er an, dass auch seine Nachfolger ihr Kreuz auf sich nehmen müssen. Wie auch immer man das am Ende auslegt – es wird deutlich, dass unser Weg als Christen nicht immer nur einfach und bequem ist.

Interessant im Vergleich zum Text bei Markus ist, dass schon Lukas versucht zu deuten, was Jesus mit dem Kreuz tragen gemeint hat. Bei Markus heißt es, dass die Nachfolger sich selbst verleugnen sollen und ihr Kreuz auf sich nehmen sollen. Lukas ergänzt das und schreibt, dass wir unser Kreuz „täglich“ auf uns nehmen sollen. Das Kreuz als Todesinstrument ist ja eigentlich ein einmaliges Geschehen. So z.B. wenn ein christlicher Märtyrer bereit ist, für seinen Glauben zu sterben. Das tägliche Kreuz muss aber mehr sein, sonst könnten wir es nicht täglich und immer wieder neu auf uns nehmen.

Ich find es spannend, wie schon in der Bibel selbst deutlich wird, dass Jesu Worte offen sind für verschiedene Deutungen. Es gibt nicht die eine immer klare und selbstverständlich richtige Auslegung der Worte Jesu. Schon Lukas legt sie ein klein wenig anders aus als Markus. So muss es auch bei uns sein: die entscheidende Frage ist nicht, was Jesus damals wortwörtlich gesagt hat, sondern was Jesus mir heute sagen will. Wobei ich gegen einen historischen Relativismus bin: die Evangelisten wollen auch erzählen, was damals geschehen ist und stimmen in ihren grundlegenden Überlieferung weitgehend miteinander überein. Die Deutung von Lukas ist nicht völlig gegensätzlich zum Bericht bei Markus. Er legt andere Schwerpunkte.

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Josua 4 Wichtiges und Unwichtiges

Im Studium war ich nie ein großer Fan der Literarkritik und der Untersuchung der Traditionsgeschichte von biblischen Texten. In diesen Schritten der Auslegung wird versucht, ein Text auf unterschiedliche schriftliche und mündliche Quellen zu untersuchen. Das war mir oft zu spekulativ und hat am Ende für die Aussage des Textes wenig ausgetragen. Es gibt aber auch Stellen, an denen ganz offensichtlich verschiedene Überlieferungen zusammen getragen wurden. Da kann es durchaus hilfreich sein, Spannungen im Text mit unterschiedlichen Quellen zu erklären, die vom Autor zusammengestellt wurden.

Im heutigen Text ist das auch deutlich: In V.9 wird berichtet, dass Josua zwölf Steine zur Erinnerung mitten im Jordan aufgestellt hatte und in V.20 heißt es, dass Josua die zwölf Steine aus dem Jordan in Gilgal als Erinnerungszeichen aufgestellt hatte. Auch in V.8 wird berichtet, dass die Israeliten zwölf Steine aus dem Jordan heraus holten und sie ins Lager am Ufer brachten. Ja was denn nun? Wurden die zwölf Steine im Jordan oder am Ufer aufgestellt? Darüber gab es wohl schon damals unterschiedliche Überlieferungen und der Schreiber hat sicherheitshalber beide in den Text aufgenommen.

Nun kann man sich fragen, was die historische Wahrheit ist. Wo waren die Steine tatsächlich? Da kann man nur sagen: wir wissen es nicht. Das ist aber nicht die Schuld einer kritischen Bibelauslegung, sondern der Text selbst legt sich hier ja nicht fest. Auch der Text selbst lässt es offen, bzw. lässt beide Aussagen nebeneinander stehen. Offensichtlich ist es nicht wichtig, wo die Steine waren. Das Entscheidende ist, dass Gott seinem Volk geholfen hat und dass die nachfolgenden Generationen sich an dieses Eingreifen Gottes erinnern sollen. Und so erinnern wir uns noch heute beim Lesen des Textes an dieses Erleben von Gottes Hilfe. Das ist auch die Absicht des Textes: er ist geschrieben, „damit alle Völker auf Erden die Hand des Herrn erkennen, wie mächtig sie ist, und den Herrn, euren Gott, fürchten allezeit.“ (V.24)

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Hesekiel 37, 15-28 Typisch Hesekiel

Wieder einmal eine Zeichenhandlung von Hesekiel: Er nimmt zwei Hölzer und hält sie jeweils am Ende in einer Hand fest, so dass sie aussehen wie ein Holz. Das steht dann als Symbol dafür, dass Gott sein Volk in seiner Hand wieder zusammen führen wird (vor allem die zwei ehemaligen Königreiche Juda und Israel). Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie Gott durch unterschiedliche Propheten auf ganz eigene Weise redet. Ich glaube kein anderer Prophet spricht so oft durch Zeichenhandlungen, wie Hesekiel.

Passt sich da Gott mit seinem Reden der Eigenart und dem Charakter des Boten an? Oder hört der Bote Gottes Wort schon durch seinen Charakter hindurch und drückt es dann dementsprechend aus? Keine Ahnung. Auf jeden Fall wird immer wieder deutlich, dass Gottes Wort nicht einfach abstrakt vom Himmel fällt, sondern dass Gott durch Menschen hindurch spricht.

Und das entsprechende geschieht ja dann auch beim Hören: es ist oft erstaunlich, wie unterschiedlich Bibeltexte verstanden und gedeutet werden. Selbst bei Christen mit denselben theologischen Standpunkten. Auch unser Hören ist durch unsere Person, unsere Eigenarten, unsere Erfahrungen hindurch geprägt.

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Hesekiel 30 Kein magisches Orakelbuch

In diesem Kapitel verkündigt Hesekiel die völlige Niederlage Ägyptens gegenüber Babylonien. Er schreibt dass Gott bereits einen Arm des Pharaos zerbrochen hat (V.21), dass er aber bald beide Arme völlig zerbrechen wird (V.22). Mit dem Zerbruch eines Armes (Arm steht als Bild für militärische Macht) nimmt er wahrscheinlich Bezug auf die Schlacht bei Karkemis, bei der die Babylonier den Ägyptern 605 v. Chr. eine entscheidende militärische Niederlage zugefügt haben. Aber für eine spätere völlige Eroberung und Zerstörung Ägyptens durch die Babylonier gibt es keine geschichtlichen Hinweise. Ägypten wurde erst 525 v. Chr. durch die Perser erobert.

Die Prophezeiung ist also so nicht eingetroffen. Für Bibelkritiker ein gefundenes Fressen. Für Bibelfanatiker, die gerne die Wahrheit der Bibel durch eingetroffene Prophezeiungen „beweisen“ wollen eine schwierige Stelle. Für mich wird hier wieder deutlich, dass biblische Prophetie kein Zukunftsorakel ist. Propheten wollen nicht in erster Linie ein genaues Bild der Zukunft geben, sondern sie sprechen in ihre Gegenwart hinein und wollen ihre Zuhörer warnen und zur Umkehr zu Gott veranlassen. Es geht Hesekiel mit seiner Prophezeiung in erster Linie darum, seine Landsleute davor zu warnen, sich auf die Macht Ägyptens zu verlassen. Sie sollen sich lieber Gott zuwenden, anstatt auf den Pharao zu vertrauen. Und tatsächlich konnte der Pharao den Bürgern von Jerusalem nicht helfen, als wenig später Jerusalem von den Babyloniern erobert und zerstört wurde… Für die Einwohner Jerusalems wurde die Macht Ägyptens also tatsächlich ganz zerbrochen.

Die Bibel ist kein magisches Orakelbuch, mit dem man sich die genaue Zukunft der Weltgeschichte ausrechnen kann. Sie spricht uns jetzt ins Herz, sie malt die Konsequenzen eines Lebens ohne Gott aus und sie fordert uns immer wieder zur Umkehr zum Gott des Lebens auf. Auf welche Weise und unter welchen Bedingungen sich Prophezeiungen dann genau erfüllen, das ist Gottes Sache.

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Hesekiel 25 Was geht mich das an?

Jetzt folgen einige weniger ergiebige Kapitel: In Hesekiel 25 bis 32 finden wir Gerichtsworte gegenüber anderen Völkern. Das mag ja in der damaligen Zeit wichtig gewesen sein, dass Gott nicht nur Israel für seine Schuld zur Rechenschaft zieht, sondern auch die anderen Völker, aber für meinen Glauben heute hat das keine so große Bedeutung.

Das muss jeder Bibelleser immer wieder feststellen: es gibt in der Bibel Texte von unterschiedlicher Wichtigkeit. Die Evangelien haben z.B. für unseren praktischen Glauben, aber auch für unsere Theologie, ein höheres Gewicht als diese Gerichtsworte über andere Völker. Jeder Theologe und auch jeder Christ setzt bei seiner Bibellektüre Schwerpunkttexte, von denen aus er andere Texte deutet, versteht und einordnet (auch wenn dies oft unbewusst geschieht).

Und doch ist die ganze Bibel Gottes Wort. Jesus sagt, dass kein Buchstabe und kein Tüpfelchen davon vergehen wird (Mt. 5,18). Aber auch er gewichtet die Worte der Bibel: das höchste Gebot ist für ihn das Doppelgebot der Liebe (Mt. 22,37-40). Er sagt dazu: „In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Das ist die zentrale und wichtige Botschaft. Das ist die Grundlage für das Verständnis von allem anderen. Von daher: auch diese Worte aus Hesekiel 25 haben den Anspruch Gottes Wort zu sein. Aber ich tue auch gut daran, sie nicht in den Mittelpunkt meines praktischen Glaubenslebens und meiner Theologie zu rücken.

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Exodus 24, 12-18 Die hohe Kunst der Theologie

Wenn man die Texte in Exodus genau liest, dann kann man verstehen, dass viele Forscher davon ausgehen, dass der uns vorliegende Text aus verschiedenen Quellen zusammengefügt wurde. Im vorigen Abschnitt ging Mose mit Aaron, seinen Söhnen und den Ältesten auf den Berg. Es wird nicht berichtet, dass sie wieder vom Berg herab kommen. Im Abschnitt ab V.12 macht sich jetzt plötzlich Mose mit seinem Diener Josua auf den Weg auf den Berg. Diese unerwarteten Übergänge lassen sich leichter erklären, wenn man von verschiedenen Quellen oder Traditionen ausgeht, die dem Text zu Grunde liegen und dann von einer Art Redakteur zusammengestellt wurden. Ein einzelner Erzähler hätte den Übergang sicher glatter gestaltet.

Ich empfinde diese Vermutungen nicht unbedingt als problematisch. Es bleibt Gottes Wort, auch wenn es aus unterschiedlichen Quellen zusammengefügt wurde. Problematisch finde ich allerdings in der theologischen Forschung, wenn sich die Auslegung eines Textes nur noch um solche formalen Fragen dreht. Es gibt genügend Kommentare, in denen die Texte in ihre Einzelteile zerlegt und formal auseinander genommen werden. Aber damit ist man dem Inhalt des Textes noch lange nicht näher gekommen. Oft werden Texte einfach zerlegt und dem eigentlichen Kern eines Textes, dem was der Text eigentlich uns sagen will, kommt man auch nicht annähernd auf die Spur. Und das ist doch eigentlich die hohe Kunst der theologischen Auslegung: nicht das Zerlegen in Einzelteile, sondern das Erfassen des Kerns!

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Epheser 6, 1-9 Imitieren oder übertragen

Auch in diesem Abschnitt besteht biblischer Gehorsam nicht darin, dass wir versuchen das Leben der Urchristen zu imitieren. Denn dann müssten wir uns wieder den damaligen kulturellen Gegebenheiten anpassen und uns wieder Sklaven anschaffen. Es geht um die Aussageabsicht, mit der Paulus in damalige kulturelle Gegebenheiten hinein spricht.

Und da fällt auf, dass er nicht nur das damals Selbstverständliche fordert (nämlich dass Kinder ihren Eltern gehorchen und dass Sklaven ihren Herren gehorchen), sondern dass er auch die Väter und die Herren dazu auffordert, ihre Kinder und Sklaven nicht ungerecht zu behandeln, sondern in der Verantwortung vor dem Herrn.

Auch wenn es nicht direkt ausgesprochen wird, so sprechen diese Aufforderungen doch tendenziell für eine Veränderung dieser hierarchischen Strukturen hin zu einem partnerschaftlichen Miteinander. Alle miteinander, Eltern und Kinder, Herren und Sklaven, stehen in der Verantwortung vor Gott.

Biblischer Gehorsam heißt nun zu überlegen, was diese Aufforderungen in unserer heutigen Kultur bedeuten könnten: Im Miteinander von Eltern und Kindern, oder z.B. auch im Miteinander von Chef und Angestellter.

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