Apostelgeschichte 15, 1-12 Von wegen „ein Herz und eine Seele“

Da hat es ganz gewaltigen Zoff gegeben in der Urchristenheit. Es haben sich zwei Lager gebildet, die nicht nur unterschiedliche Meinungen haben, sondern einen handfesten Streit. Selbst Lukas, der ja gerne davon berichtet, wie die Christen einmütig und ein Herz und eine Seele sind (Apg.4,32), berichtet erstaunlich offen darüber. An mehreren Stellen spricht er es deutlich an: Es entstand „Zwietracht“ (V.2) und sie hatten einen „nicht geringen Streit“ (V.2). Wenige Verse später führt er noch einmal aus, dass man sich auch im höchsten Leitungsgremium der jungen Urchristenheit „lange gestritten hatte“ (V.7). Lukas möchte mit seiner Apostelgeschichte ja eigentlich Werbung für das Christentum machen – wenn er in diesen Worten von einem Konflikt spricht, dann muss der ganz schön heftig gewesen sein.

Wenn ich mir so manche Konflikte in der heutigen Christenheit und in unseren Gemeinden ansehe, dann kann ich feststellen: Auch die ersten Christen haben nur mit Wasser gekocht. Auch sie hatten heftige Auseinandersetzungen. Immerhin ging es nicht um persönliche Konflikte oder um finanzielle Streitigkeiten, sondern um eine grundlegende theologische Frage: Muss man um selig zu werden, zunächst ein Teil des Volkes Israel werden (d.h. konkret: Beschneidung und Befolgung des mosaischen Gesetzes)? Paulus sagt klipp und klar: Nein! Andere sagen klipp und klar: Ja! Petrus verweist auf das Handeln Gottes: Er hat auch unbeschnittenen Heiden als sie gläubig wurden, den Heiligen Geist geschenkt. Trotzdem ist es schwierig einen klaren Kompromiss zwischen den beiden Positionen zu finden.

Mir wird immer wieder deutlich, dass wir so manches mal ein verklärtes Bild von den ersten Christen haben: „Ja, damals war noch alles in Ordnung!“ Nach dem Motto: Früher war alles besser. Wir sehen die Konflikte und Probleme in unserer Zeit und sehnen uns zurück nach einem perfekten Urbild von Gemeinde. Wir meinen manchmal, dass das Ursprüngliche auch das Beste war. Aber das ist nicht unbedingt ein biblischer Gedanke, sondern eher eine Vorstellung aus der Zeit der Aufklärung. Die Gemeinden damals hatten genau so mit Konflikten und Problemen zu kämpfen, wie wir heute. Es waren andere Themen, aber es gab trotzdem heftigen Streit. Und trotzdem hat Gott in und durch all unsere menschlichen Unzulänglichkeiten gewirkt und gehandelt. Ich bete darum, dass er das auch heute noch tut…

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Galater 6, 11-18 Sterben und Auferstehen

Am Schluss des Briefes greift Paulus selbst zum Stift (d.h. dass er vorher einem Schreiber diktiert hatte). Dadurch macht er deutlich, dass er in diesem Schlussabschnitt noch einmal betont das für ihn Wichtigste zusammenfasst. Er wendet sich gegen diejenigen, welche die Beschneidung fordern. Von seiner eigenen Botschaft hebt er zwei Dinge hervor: das Kreuz und die neue Kreatur (V.14f). Das ist für ihn das Zentrum des Evangeliums. Der Tod und die Auferstehung von Jesu Christi. Aber nicht als Ereignisse unabhängig von mir, sondern als Ereignisse, die jeden Christen unmittelbar angehen. Mit und in Christus sind wir der Welt gestorben und mit und in Christus sind wir eine neue Kreatur.

Das Entscheidende sind nicht irgendwelche äußere Riten (wie die Beschneidung), sondern das Sterben und Auferstehen mit Christus. Das bequeme bei allen äußerlichen Handlungen ist ja, dass sie sichtbar und überprüfbar sind. Man lässt sich beschneiden und damit ist für einen selbst und für andere klar, dass man die Forderung erfüllt hat. Aber wie sieht konkret das Sterben und Auferstehen mit Christus aus? Was heißt es konkret, dass ich der Welt gekreuzigt bin, obwohl ich doch jede Sekunde noch die Luft dieser Welt ein- und ausatme? Was heißt es, eine neue Kreatur zu sein, obwohl ich doch genauso aus Fleisch und Blut bestehe, wie die „alte Kreatur“?

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Galater 5, 1-12 Billige Gnade?

Was wohl in den Köpfen der Galater vorgegangen ist? „Das ist doch zu schön, um wahr zu sein! Ich brauche nur Jesus zu vertrauen und allein dadurch bin ich mit Gott versöhnt? Das kann doch nicht alles sein! Ich muss doch auch was tun! So einfach kann es doch nicht sein! Wenn das wahr wäre, dann würde das doch die ganze moralische Funktion von Glaube zerstören! Wozu soll ich mich anstrengen und ein gutes Leben führen, wenn mir Gott sowieso alles vergibt? Das ist doch billige Gnade! Paulus macht die Gnade Gotte zu billig! Er verscherbelt sie ganz ohne Gegenleistung! Das kann doch nicht sein!“

Aber Paulus bleibt dabei: Wer durch eigene Leistung, durch Werke des Gesetzes gerecht werden möchte, der muss das ganze Gesetz halten. Es gibt keine Vermischung von eigener religiöser oder moralischer Leistung und Gnade. Es gibt nicht das aufrechnen: bis hier hin muss ich selbst gehen und den Rest schenkt mir Gott in seiner Gnade. Nein! Gott schenkt alles in seiner Gnade! Wer durch das Gesetz gerecht werden will (und seien es auch nur einzelne Bestimmungen wie die Beschneidung), der hat Christus verloren (V.4).

Das heißt für Paulus nicht, dass damit die Gnade billig wird oder dass moralische und religiöse Anstrengung überflüssig wird. Für ihn ist nur das Vorzeichen anders: Alles menschliche Bemühen dient nicht dazu das Heil zu verdienen. Aber wer Gottes Gnade geschenkt bekommt, der wird sich von selbst bemühen ein Leben in der Liebe zu führen: „In Christus Jesus gilt … der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (V.6) Das ist keine billige Gnade – das ist geschenkte Gnade, die sich in der Liebe zeigt.

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Galater 2, 3-10 Theologische Spannungen

An dieser Stelle wird deutlich, wie groß die theologischen Spannungen schon in der Urkirche waren. Da gab es auf der einen Seite Leute wie Paulus, die vor allem die Nichtjuden im Blick hatten und für Christus gewinnen wollten. Auf der anderen Seite gab es jüdische Christen, die davon ausgingen, dass man zuerst Jude werden müsste, bevor man ein vollwertiger Nachfolger Jesu werden konnte (Jesus und seine Jünger waren ja schließlich auch alle Juden). Paulus berichtet in diesem Abschnitt, dass man sich friedlich geeinigt hatte: Paulus soll das Evangelium den Heiden bringen und Petrus soll für die Juden zuständig sein (V.7). Mit Nachdruck betont Paulus, dass man ihm für die Heidenmission keine Auflagen gemacht habe (d.h. weder die Beschneidung noch die Befolgung anderer jüdischen Gesetze sei für nichtjüdische Christen notwendig).

Vergleicht man allerdings diese Stelle mit der Apostelgeschichte, dann wird deutlich, dass die Einigung doch nicht so klar und eindeutig war. Da wird auch von einem Treffen des Paulus und Barnabas ein Treffen mit den Aposteln und Ältesten in Jerusalem hatten. Dort werden dann allerdings einige Einschränkungen aufgezählt. Für die Heidenchristen werden keine weitere Lasten auferlegt, außer diesen: sie sollen kein Fleisch von Götzenopfern, kein Blut und kein nicht ausgeblutetes Fleisch essen und sich von Unzucht fernhalten (Apg. 15,28f). Entweder hat Paulus diese Zusatzbestimmungen in seinem Brief verschwiegen oder es gab danach noch mal ein Treffen, auf dem diese Ergänzungen gemacht wurden. Auch in 1. Kor. 8 wird deutlich, dass Paulus die Bestimmung zum Essen von Götzenopferfleisch theologisch anders beurteilt hat und nur aus Rücksicht auf die Schwachen im Glauben empfiehlt kein Götzenopferfleisch zu essen.

Wir sehen: schon früh gab es gewaltige theologische Unterschiede. Von Paulus wissen wir, dass er sich bei seiner Argumentation auf Jesus selbst, auf den Heiligen Geist und auf die Heilige Schrift bezogen hat. Bei seinen Gegnern wird das nicht anders gewesen sein… Erinnert mich fatal an so manche theologische Diskussion heute. Entscheidend damals war, dass man sich getroffen hat, diskutiert hat und dann einen groben Kompromiss gefunden hat, mit dem alle leben konnten (außer den Extremisten, die nach wie vor eine Beschneidung der Nichtjuden als Voraussetzung für echtes Christsein forderten). In Detailfragen gab es dann zwar weiterhin Unstimmigkeiten, aber von der Richtung her war klar: Paulus missioniert unter den Heiden und Petrus ist für die Judenchristen zuständig. Im Klartext heißt das doch: Die Einheit der Kirche wird festgehalten, aber jeder hat seinen eigenen Bereich für den er zuständig ist.

Galater 1, 6-10 Der liberale Paulus

Irgendwie traurig: schon damals haben sich Christen auf theologischer Ebene die Köpfe eingeschlagen. Paulus legt in seinem Brief gleich richtig los: statt der an dieser Stelle üblichen Danksagung, greift er sofort diejenigen an, die ein anderes Evangelium als er lehren. Ist das jetzt eingebildet oder konsequent? Fehlt da die Demut oder ist das ein notwendiger Kampf für das Evangelium?

Aus heutigem Abstand können wir das natürlich leichter beurteilen. Die Briefe des Paulus sind Teil des Neuen Testaments, Paulus hat sich mit seiner Ansicht durchgesetzt. Gott sei Dank und meiner Meinung nach zurecht. Theologisch gesehen stand er damals für eine Öffnung des Christentums gegenüber der heidnischen Welt. Um Christen zu werden, sollten die Heiden nicht erst Juden werden müssen (mit Beschneidung und Befolgung des alttestamentlichen Gesetzes). Andere legten die Botschaft Jesu konservativer aus: Für sie war klar, dass Jesus Jude war und das jeder echte Nachfolger zuerst auch einmal Jude werden musste.

Paulus wurde dementsprechend vorgeworfen, dass er seine Botschaft zu sehr den Menschen anpasse. Er verwässere das Evangelium. Dieser Vorwurf spiegelt sich in V.10 wieder, wo Paulus seine Gegner fragt: „Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein?“ Das war genau der Vorwurf: dass sein Evangelium von der Gnade zu billig ist und nur den Menschen gefällig ist. Seltsam, wenn man sich das so überlegt: in dieser Frage wurde Paulus damals als zu liberal beschimpft und verurteilt (wobei er in anderen Fragen, z.B. gegenüber der Gnosis, alles andere als liberal war).

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Galater 1, 1-5 Jesus allein

Der übliche Briefeingang mit Absender, Adressat und Gruß. Die Adressaten sind nicht die Christen einer einzelnen Gemeinde, sondern Christen in verschiedenen Gemeinden einer bestimmten Gegend. Diese Gegend Galatien liegt da, wo heute Ankara liegt.

Der Friedensgruß kann bei Paulus unterschiedlich aussehen, mal knapper (z.B. 1. und 2. Korintherbrief) mal ausführlicher (z.B. Römerbrief). Bei den Galatern deutet er schon in diesem Gruß ein wichtiges Thema an: Jesus hat sich für uns dahingegeben, um uns von der bösen Welt (vom griechischen her genauer: „Weltzeit“) zu erretten. Damit ist implizit schon gesagt: Nicht wir erretten uns selbst durch die Befolgung bestimmter Vorschriften, sondern Jesus rettet uns. Nicht weil wir selbst uns von dieser bösen Welt so gut abgrenzen sind wir errettet, sondern weil Jesus uns heraus reißt.

Der Galaterbrief ist ein sehr leidenschaftlicher Brief, in dem Paulus sehr deutlich für die Gerechtigkeit allein aus Glauben kämpft. Es gab wohl einige Irrlehrer in Galatien, die den Christen weismachen wollten, dass man bestimmte alttestamentliche Vorschriften (wie die Beschneidung) unbedingt befolgen muss, um errettet zu werden. Paulus sagt dagegen klar: Neben dem Glauben an Jesus Christus ist nichts nötig. Jesus hat dich errettet – niemand sonst!

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